Ts-227a,FCr
Philosophische Untersuchungen.
     


Motto: Sind diese schmerzenden Widersprüche entfernt, so ist zwar nicht die Frage nach dem Wesen beantwortet, aber der nicht mehr gequälte Geist hört auf, die für ihn unberechtigte Frage zu stellen. (Heinrich Hertz.) “Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, daß er viel größer ausschaut als er wirklich ist.” (Nestroy)
     


Vorwort.
     

      In dem Folgenden teile ich veröffentliche ich Gedanken mit, die die Ergebnisse den Niederschlag philosoph[|i]scher Untersuchungen der die mich in dem letzten 16 Jahre sind beschäftigt haben. Sie betreffen viele Gegenstände: Den Begriff der Bedeutung, des Verstehens, des Satzes, der Logik, die Grundlagen der Mathematik, die Bewußtseinzustände und Anderes. Ich habe alle diese Gedanken als Bemerkungen, kurze Absätze, niedergeschrieben. Manchmal in längeren Ketten, über den gleichen Gegenstand, manchmal in raschem Wechsel von einem Gebiet zum andern überspringend. – Meine Absicht war es von Anfang, alles dies einmal in einem Buche zusammenzufassen, von dessen Form ich mir zu verschiedenen Zeit en verschiedene Vorstellungen machte. Wesentlich aber schien es mir, daß darin die Gedanken von einem Gegenstand zum andern in einer natürlichen und lückenlosen
– 2 –
Folge fortschreiten sollten.
      Nach manchen misglückten Versuchen, meine Ergebnisse zu einem solchen Ganzen zusammenzuschweißen, sah ich ein, daß mir dies nie gelingen würde. Daß das [B|b]este, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden; daß Daß meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Neigung, in einer Richtung weiterzuzwingen. ‒ ‒ Und dies hing freilich auch mit der Natur der Untersuchung selbst Untersuchung selbst zusammen. Sie nämlich zwingt uns, ein weites Gedankengebiet, kreuz und quer, nach allen Richtungen hin zu durchreisen. – Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftskizzen, die auf diesen langen und verwickelten Fahrten entstanden sind.
      Die gleichen Punkte, oder beinahe die gleichen, wurden stets von neuem von verschiedenen Richtungen her berührt und immer neue Bilder entworfen. Eine Unzahl dieser war verzeichnet, oder uncharakteristisch, mit allen Mängeln eines schwachen Zeichners behaftet. Und wenn man diese ausschied, blieb eine Anzahl halbwegser übrig, die nun so angeordnet, oftmals beschnitten, werden mußten, daß sie dem Betrachter ein Bild der Landschaft geben konnten. – So ist also dieses Buch eigentlich nur ein Album.
      Ich hatte bis vor Kurzem den Gedanken an eine Veröffentlichung der meiner Arbeit bei meinen Lebzeiten eigentlich aufgegeben. Er wurde allerdings von Zeit zu Zeit rege gemacht, und zwar hauptsächlich dadurch, daß ich erfahren mußte, daß meine Er-
– 3 –
gebnisse, die ich in Vorlesungen, Skripten und Diskussionen weitergegeben hatte, vielfach misverstanden, mehr oder weniger verwässert, oder verstümmelt im Umlauf waren. Hierdurch wurde meine Eitelkeit gereizt aufgestachelt und ich hatte immer wieder Mühe, sie zu beruhigen.
      Vor zwei vier Jahren aber nun hatte ich Veranlassung, mein erstes Buch (die “Logisch-philosophische Abhandlung”) wieder zu lesen und seine Gedanken zu erklären. Da schien es mir plötzlich, daß ich jene alten Gedanken und die neuen zusammen veröffentlichen sollte: daß diese nur durch den Gegensatz und auf dem Hintergrund meiner ältern Denkweise ihre rechte Beleuchtung erhalten könnten.
      Seit ich nämlich vor 16 Jahren mich wei wieder mit Philosophie zu beschäftigen anfing, mußte ich schwere Irrtümer in dem erkennen, was ich in jenem ersten Buche niedergelegt hatte. Diese Irrtümer einzusehen, hat mir – in einem Maße, das ich kaum selbst zu beurteilen vermag – die Kritik geholfen, die meine Ideen durch Frank Ramsey erfahren haben,– mit welchem ich sie, während der zwei letzten Jahre seines Lebens in zahllosen Gesprächen erörtert habe. – Mehr noch als dieser – stets kraftvollen und sichern – Kritik verdanke ich derjenigen, die ein Lehrer dieser Universität, Herr P. Sraffa, durch viele Jahre, unablässig an meinen Gedanken geübt hat. Diesem Ansporn verdanke ich die folgereichsten der Ideen diese Schrift.
      Aus mehr als einem Grunde wird, was ich hier ver-
– 4 –
öffentliche, sich mit dem berühren, was Andere heute schreiben. – Tragen meine Bemˇerkungen keinen Stempel an sich, der sie als die meinen kennzeichnet, so will ich sie auch weiter nicht als mein Eigentum beanspruchen.
      Ich übergebe sie mit zweifelhaften Gefühlen der Öffentlichkeit. Daß es dieser Arbeit in ihrer Dürftigkeit und der Finsternis dieser Zeit beschieden sein sollte, Licht in ein oder das andere Gehirn zu werfen, ist nicht unmöglich,– aber auch freilich nicht wahrscheinlich.
      Ich möchte nicht mit meiner Schrift Andern das Denken ersparen. Sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.
       Daß dieses Buch nicht gut ist, weiß ich. Aber ich glaube, daß die Zeit, in der es von mir verbessert werden könnte, vorüber ist. Ich hätte gerne eine gutes Buch hervorgebracht, ja ein sehr gutes; aber es ist nicht so ausgefallen. Und die Zeit ist vorbei, ˇIch hätte gerne ein gutes Buch hervorgebracht. Es ist nicht so ausgefallen; aber die Zeit ist vorbei, …
                      
Cambridge, im Januar 1945.
     


1.
       Augustinus, in den Confessionen I/8: cum ipsi (majores homines) appellabant rem aliquam, et cum secundum eam vocem corpus ad aliquid movebant, videbam, et tenebam hoc ab eis vocari rem illam, quod sonabant, cum eam vellent ostendere. Hoc autem eos velle ex motu corporis aperiebatur: tamquam verbis naturalibus omnium gentium, quae fiunt vultu et nutu oculorum, ceterorumque membrorum actu, et sonitu vocis
– 5 –
indicante affectionem animi in petendis, habendis, rejiciendis, fugiendisve rebus. Ita verba in variis sententiis locis suis posita, et crebro audita, quarum rerum signa essent, paulatim colligebam, measque jam voluntates, edomito in eis signis ore, per haec enuntiabam. +
      In diesen Worten erhalten wir, so scheint es mir, ein bestimmtes Bild von dem Wesen der menschlichen Sprache. Nämlich dieses: Die Wörter der Sprache benennen Gegenstände – Sätze sind Verbindungen von solchen Benennungen.
       In diesem Bild ⌊⌊ // von solchen Benennungen. – In diesem Bild …⌋⌋ von der Sprache finden wir die Wurzeln der Idee: Jedes Wort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
     

+
      Nannten die Erwachsenen irgend einen Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich es das wahr und ich begriff, daß der Gegenstand durch die Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, da sie auf ihn hinweisen wollten. Dies aber entnahm ich aus ihren Gebärden, der natürlichen Sprache aller Völker, der Sprache, die durch Mienen- und Augenspiel, durch die Bewegungen der Glieder und den Klang der Stimme die Empfindungen der Seele anzeigt, wenn diese irgend etwas begehrt, oder festhält, oder zurückweist, oder flieht. So lernte ich nach und nach verstehen, welche Dinge die oft vernommenen Wörter in ihren verschiedenen Stellungen in den Sätzen bezeichneten.⌊⌊ˇ, die ich oft, häufig, wieder & wieder, an ihren bestimmten Stellen in den verschiedenen Sätzen, gehört hatte , auszusprechen hörte.⌋⌋ Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck.

– 6 –
     
      Von einem Unterschied der Wortarten spricht Augustinus nicht. Wer das Lernen der Sprache so beschreibt, denkt, so möchte ich glauben, zunächst an Hauptwörter, wie “Tisch”, “Stuhl”, “Brot” und die Namen von Personen, erst in zweiter Linie an die Namen gewisser Tätigkeiten und Eigenschaften, und an die übrigen Wortarten als an etwas, was sich finden wird.
      Denke nun an diese Verwendung der Sprache: Ich schicke jemand einkaufen. Ich gebe ihm einen Zettel, auf diesem stehen die Zeichen: “fünf rote Äpfel”. Er trägt den Zettel zum Kaufmann; der öffnet die Lade, auf welcher das Zeichen “Äpfel” steht; dann sucht er in einer Tabelle das Wort “rot” auf und findet ihm gegenüber ein Farbmuster; nun sagt er die Reihe der Grundzahlwörter – ich nehme an, er weiß sie auswendig – bis zum Worte “fünf” und bei jedem Zahlwort nimmt er einen Apfel aus der Lade, der die Farbe des Musters hat. ‒ ‒ So, und ähnlich, operiert man mit Worten. ‒ ‒ “Wie weiß er aber, wo und wie er das Wort ‘rot’ nachschlagen soll und was er mit dem Wort ‘fünf’ anzufangen hat?”‒ ‒ Nun, ich nehme an, er handelt, wie ich es beschrieben habe. Die Erklärungen haben irgendwo ein Ende. – Was ist aber die Bedeutung des Wortes “fünf”? – Von einer solchen war hier garnicht die Rede; nur davon, wie das Wort “fünf” gebraucht wird.
     
2.
      Jener philosophische Begriff der Bedeutung ist in einer primitiven Vorstellung, von der Art und Weise, wie die Sprache funktioniert, zu Hause. Man kann aber auch sagen, es sei die
– 7 –
Vorstellung einer primitiveren Sprache, als der unsern.
      Denken wir uns eine Sprache, für die die Beschreibung, wie Augustinus sie gegeben hat, stimmt: Die Sprache soll der Verständigung eine[n|s] Bauenden A mit einem Gehilfen B dienen. A führt einen Bau auf aus Bausteinen; es sind Würfel, Säulen, Platten und Balken vorhanden. B hat ihm die Bausteine zuzureichen, und zwar nach der Reihe, wie A sie braucht. Zu dem Zweck bedienen sie sich einer Sprache, bestehend aus den Wörtern: “Würfel”, “Säule”, “Platte”, “Balken”. A ruft sie aus;– B bringt den Stein, den er gelernt hat, auf diesen Ruf zu bringen. ‒ ‒ Fasse dies als vollständige primitive Sprache auf.
     
3.
      Augustinus beschreibt, könnten wir sagen, ein System der Verständigung; nur ist nicht alles, was wir Sprache nennen, dieses System. (Und das muß man in so manchen Fällen sagen, wo sich die Frage erhebt: “Ist diese Darstellung brauchbar, oder unbrauchbar?” Die Antwort ist dannch oft: “Ja, brauchbar; aber nur für dieses eng umschriebene Gebiet, nicht für das Ganze, das Du darzustellen vorgabst.” Denke z.B. an Theorien der Nationalökonomen.)
      Es ist, als erklärte jemand: “Spielen besteht darin, daß man Dinge, gewissen Regeln gemäß, auf einer Fläche verschiebt .. ...” – und wir ihm antworten: Du scheinst an die Brettspiele zu denken; aber das sind nicht alle Spiele. Du kannst deine Erklärung richtigstellen, indem du sie ausdrücklich auf diese Spiele einschränkst.
     
4.
      Denke [d|D]i[e|r] eine Schrift, in welcher Buchstaben zur Bezeich-
– 8 –
nung von Lauten benützt würden, aber auch zur Bezeichnung der Betonung und als Interpunktionszeichen. (Eine Schrift kann man auffassen als eine Sprache zur Beschreibung von Lautbildern.) Denke dir nun, daß Einer jene Schrift so verstünde, als entspräche einfach jedem Buchstaben ein Laut und als hätten die Buchstaben nicht auch ganz andere Funktionen. So einer, zu einfachen, Auffassung der Schrift gleicht Augustinus' Auffassung der Sprache.
     
5.
      Wenn man das Beispiel vom Einkaufen im §1 betrachtet, so ahnt man vielleicht, inwiefern der allgemeine Begriff der Bedeutung der Worte das Funktionieren der Sprache mit einem Dunst umgibt, der das klare Sehen unmöglich macht. – Es zerstreut den Nebel, wenn wir die Erscheinungen der Sprache an primitiven Arten ihrer Verwendung studieren, in denen man den Zweck und das Funktionieren der Wörter klar übersehen kann.
      Solche primitive Formen der Sprache verwendet das Kind, wenn es sprechen lernt. Das Lehren der Sprache ist hier kein Erklären, sondern ein Abrichten.
     
6.
      Wir könnten uns vorstellen, daß die Sprache im §2 die ganze Sprache des A und B ist; ja, die ganze Sprache eines Volksstamms. Die Kinder werden dazu erzogen diese Tätigkeiten zu verrichten, diese Wörter dabei zu gebrauchen, und so auf die Worte des Anderen zu reagieren.
      Ein wichtiger Teil der Abrichtung wird darin bestehen, daß der Lehrende auf die Gegenstände weist, die Aufmerksam-
– 9 –
keit des Kindes auf sie lenkt, und dabei ein Wort ausspricht; z.B. das Wort “Platte” beim Vorzeigen dieser Form. (Dies will ich nicht “hinweisende Erklärung”, oder “Definition”, nennen, weil ja das Kind noch nicht nach der Benennung fragen kann. Ich will es “hinweisendes Lehren der Wörter” nennen. – – Ich sage, es wird einen wichtigen Teil der Abrichtung bilden, weil es beim Menschen so der Fall ist; nicht, weil es sich nicht anders vorstellen ließe.) Dieses hinweisende Lehren der Wörter, kann man sagen, schlägt eine assoziative Verbindung zwischen dem Wort und dem Ding. Aber was heißt das? Nun, es kann Verschiedenes heißen; aber man denkt wohl zunächst daran, daß dem Kind das Bild des Dings vor die Seele tritt, wenn es das Wort hört. Aber wenn das nun geschieht,– ist das der Zweck des Worts? – Ja, es kann der Zweck sein. – Ich kann mir eine solche Verwendung von Wörtern (von Lautreihen) denken. (Ihr Das Aussprechen ˇeines Wortes ist gleichsam ein Anschlagen einer Taste auf dem Vorstellungsklavier.) Aber in der Sprache des im §2 ist es nicht der Zweck der Wörter, Vorstellungen zu erwecken. (Es kann freilich auch gefunden werden, daß dies dem eigentlichen Zweck förderlich ist.)
      Wenn aber das hinwei das hinweisende Lehren bewirkt, – soll ich sagen, es bewirkt das Verstehen des Worts? Versteht nicht der den Ruf “Platte!”, der so und so nach ihm handelt? – Aber dies half wohl das hinweisende Lehren herbeiˇzu?führen; aber doch nur zusammen mit einem bestimmten Unterricht. Mit einem anderen Unterricht hätte dasselbe hinsweisende Lehren die
– 10 –
dieser Wörter ein ganz anderes Verständnis bewirkt.
      “Indem ich die Stange mit dem Hebel verbinde, setze ich die Bremse instand.” – Ja, gegeben den ganzen übrigen Mechanismus. Nur mit diesem ist er der Bremshebel; und losgelöst von seiner Unterstützung ist er nicht einmal Hebel, sondern k kann alles mögliche sein, oder nichts.
     
7.
      In der Praxis des Gebrauchs der Spache im (§2) (2) ruft der eine Teil die Wörter, der andere handelt nach ihnen; im Unterricht der Sprache aber wird sich dieser Vorgang finden: der Lernende benennt die Gegenstände[;|.] dD.h. er spricht das Wort, wenn der Lehrer auf den Stein zeigt. – Ja, es wird sich hier die noch einfachere Übung finden: der Schüler spricht die Worte nach, die der Lehrer ihm vorsagt ‒ ‒ beides sprachähnliche Vorgänge.
      Wir können uns auch denken, daß der ganze Vorgang des Gebrauchs der Worte in (2) eines jener Spiele ist, mittels welcher Kinder unsere Sprachen ihre Muttersprache erlernen. Ich will diese “Sprac Spiele “Sprachspiele” nennen, und von einer primitiven Sprache manchmal als einem Sprachspiel reden.
      Und man könnte die Vorgänge des Benennens der Steine und des Nachsprechens des vorgesagten Wortes auch Sprachspiele nennen. Denke an manchen Gebrauch, der von Worten in Reigenspielen gemacht wird. ⌊⌊ˇ Ich werde auch das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, “das Sprachspiel” nennen. ⌋⌋
     
8.
      Sehen wir jetzt eine Erweiterung der Sprache (2) an. Außer den vier Wörtern “Würfel”, “Säule”, etc. enthalte sie eine Wörterreihe, die verwendet wird, wie der Kaufmann in (1)
– 11 –
die Zahlwörter verwendet (es kann die Reihe der Buchstaben des Alphabeths sein); ferner, zwei Wörter, sie mögen “dorthin” und “dieses” lauten, (weil dies schon ungefähr ihren Zweck andeutet); , sie werden in Verbindung mit einer zeigenden Handbewegung gebraucht; und endlich eine Anzahl von Farbmustern (Täfelchen von verschiedenen Farben). A gibt einen Befehl von der Art: “d-Platte - dorthin”. Dabei läßt er den Gehilfen ein Farbmuster sehen, und beimd Worte “dorthin” zeigt er an eine Stelle des Bauplatzes. B nimmt von dem Vorrat der Platten je eine von der Farbe des Musters für jeden Buchstaben des Alphabeths bis zum “d” und bringt sie an den Ort, den A bezeichnet. – Bei anderen Gelegenheiten gibt A den Befehl: “dieses- dorthin”. Bei “dieses” zeigt er auf einen Baustein. [u|U].s.w..
     
9.
      Wenn das Kind diese Sprache lernt, muß es die Reihe der ‘Zahlwörter’ “a, b, c, …” auswendiglernen. Und es muß ihren Gebrauch lernen. Wird in diesem Unterricht auch ein hinweisendes Lehren der Wörter vorkommen? – Nun, es wird z.B. auf Platten gewiesen und gezählt werden: “a, b, c, Platten”. – Mehr Ähnlichkeit mit dem hinweisenden Lehren in Beispiel (2) ˇder Wörter “Würfel”, “Säule” etc. hätte das hinweisende Lehren von Zahlwörtern, die nicht zum Zählen dienen, dienen, sondern zur Bezeichnung mit dem Auge erfaßbarer Gruppen von Dingen. So lernen ja die Kinder den Gebrauch der ersten fünf oder sechs Grundzahlwörter.
      Wird auch “dorthin” und “dieses” hinweisend gelehrt? – Stelle dir vor, wie man ihren Gebrauch etwa lehren könnte! Es wird dabei auf Örter und Dinge gezeigt werden,– aber hier
– 12 –
geschieht ja dieses Zeigen auch im Gebrauch der Wörter und nicht nur beim Lernen des Gebrauchs. –
     
10.
      Was bezeichnen nun die Wörter dieser Sprache? – Was sie bezeichnen, wie soll sich das zeigen, es sei denn in der Art ihres Gebrauchs? Und den haben wir ja beschrieben. Der Ausdruck “dieses Wort bezeichnet das” müßte also ein Teil dieser Beschreibung werden. Oder: die Beschreibung soll auf die Form gebracht werden: “Das Wort … bezeichnet ….”.
      Nun, man kann ja die Beschreibung des Gebrauchs des Wortes “Platte” dahin abkürzen, daß man sagt, dieses Wort bezeichne diesen Gegenstand. Das wird man tun, wenn es sich z.B. nurmehr darum handelt, das Misverständnis zu beseitigen, das Wort “Platte” beziehe sich auf die Bausteinform, die wir tatsächlich “Würfel” nennen,– die Art und Weise dieses ‘Bezugs’ aber, d.h. der Gebrauch dieser Worte im übrigen, bekannt ist.
      Und ebenso kann man sagen, die Zeichen “a”, “b”, etc. bezeichnen Zahlen; wenn dies etwa das Misverständnis behebt “a”, “b”, “c”, spielten in der Sprache die Rolle, die in Wirklichkeit “Würfel”, “Platte”, “Säule”, spielen. Und man kann auch sagen “c” bezeichne diese Zahl und nicht jene; wenn damit etwas erklärt wird, die Buchstaben seien in der Reihenfolge a, b, c, d, etc. zu verwenden und nicht in der: a, b, d, c.
      Aber dadurch, daß man so die Beschreibungen des Gebrauchs der Wörter einander anähnelt, kann doch dieser Gebrauch nicht
– 13 –
ähnlicher werden! Denn, wie wir sehen, ist er ganz und gar ungleichartig.
     
11.
      Denk an die Werkzeuge in einem Werkzeugkasten: Es ist da ein Hammer, eine Zange, eine Säge, ein Schraubenzieher, ein Maßstab, ein Leimtopf, Leim, Nägel, und Schrauben. – So verschieden die Funktionen dieser Gegenstände, so verschieden sind die Funktionen der Wörter. (Und es gibt Ähnlichkeiten hier und dort.)
      Freilich, was uns verwirrt ist die Gleichförmigkeit ihrer Erscheinung, wenn die Wörter unds gesprochen, oder in der Schrift und im Druck entgegentreten. Denn ihre Verwendung steht nicht so deutlich vor uns. Besonders nicht, wenn wir philosophieren!
     
12.
      Wie wenn wir in den Führerstand einer Lokomotive schauen: da sind Handgriffe, die alle mehr oder weniger gleich aussehen. (Das ist begreiflich, denn sie sollen alle mit der Hand angefaßt werden.) Aber einer ist der Handgriff einer Kurbel, die kontinuierlich verstellt werden kann (sie reguliert die Öffnung eines Ventils); ein andrer ist der Handgriff eines Schalters, der nur zweierlei wirksame Stellungen hat, er ist entweder umgelegt, oder aufgestellt; ein dritter ist der Griff eines Bremshebels, je stärker man zieht, desto stärker wird gebremst; ein vierter, der Handgriff einer Pumpe; er wirkt nur, solange er hin und her bewegt wird.
     
13.
      Wenn wir sagen: “jedes Wort der Sprache bezeichnet etwas”, so ist damit vorerst noch gar nichts gesagt; es sei
– 14 –
denn, daß wir genau erklärten, welche Unterscheidung wir zu machen wünschen. (Es könnte ja sein, daß wir die Wörter der Sprache (8) von Wörtern ‘ohne Bedeutung’ unterscheiden wollten, wie sie etwa in Gedichten Lewis Caroll's vorkommenˇ, oder von Worten wie “juwiwallera” in einem Lied.)
     
14.
Denke dir, jemand sagte: “Alle Werkzeuge dienen dazu, etwas zu modifizieren. So, der Hammer die Lage des Nagels, die Säge die Form des Bretts, etc.” – Und was modifiziert der Maßstab, der Leimtopf, deie Nägel? – “Unser Wissen um die Länge eines Dings, die Temperatur des Leims, und die Festigkeit der Kiste.”‒ ‒ Wäre mit dieser Assimilation des Ausdrucks etwas gewonnen? –
     
15.
      Am einfachsten direktesten ist das Wort “bezeichnen” wohl vielleicht da angewandt, wo das Zeichen auf dem Gegenstand steht, den es bezeichnet. Nimm an, daß die Werkzeuge, die A beim Bauen benützt, ˇtragen gewisse Zeichen tragen. Zeigt A dem Gehilfen ein solches Zeichen, so bringt dieser das Werkzeug, das mit dem Zeichen versehen ist.
      Auf diese und mehr oder weniger ähnliche Weise So, und auf mehr oder weniger ähnliche Weise, bezeichnet ein Name ein Ding, und wird ein Name einem Ding gegeben. – Es wird sich oft nützlich erweisen, wenn wir uns beim Philosophieren sagen: Etwas benennen, das ist etwas Ähnliches, wie einem Ding ein Namentäfelchen umhängen anheften.
     
16.
      Wie ist es mit den Farbmustern, die A dem B zeigt,– gehören sie zur Sprache? Nun, wie man will. Zur Wortsprache gehören sie nicht; aber wenn ich jemandem sage: “Sprich das Wort ‘das’ aus”, so wirst du doch dieses zweite “‘das’” auch noch zum Satz rechnen. Und doch spielt es eine ganz ähnli-ch
– 15 –
che Rolle, wie ein Farbmuster im Sprachspiel (8); es ist nämlich ein Muster dessen, was der Andere sagen soll.
      Es ist das Natürlichste und richtet am wenigsten Verwirrung an, wenn wir die Muster zu den Werkzeugen der Sprache rechnen. [Bemerkung über das reflexive Fürwort “dieser Satz”]
     
17.
      Wir werden sagen können: in der Sprache (8) haben wir verschiedene Wortarten. Denn die Funktionˇen des Wortes von “Platte” und ˇdes Wortes “Würfel” sind ˇeinander ähnlicher, als die von “Platte” und ˇvon “d”. Wie wir aber die Worte nach Arten zusammenfassen, wird vom Zweck der Einteilung abhängen,– und von unserer Neigung.
      Denke an die verschiedenen Gesichtspunkte, nach denen man Werkzeuge in Werkzeugarten einteilen kann. Oder Schachfiguren in Figurenarten.
     
18.
      Daß die Sprachen (2) und (8) nur aus Befehlen bestehen, laß Dich ˇdich nicht stören. Willst du sagen, sie seien darum nicht vollständig, so frage dich, ob unsere Sprache vollständig ist;– ob sie es war, ehe ihr der chemische Symbolismus und die Infinitesimalnotation einverleibt wurden; denn dies sind, sozusagen, Vorstädte unserer Sprache. (Und mit wieviel Häusern, oder Straßen, fängt eine Stadt an, Stadt zu sein?) Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: Ein Gewinkel von Gäßchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern.
     
19.
      Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen, die nur
– 16 –
aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht. – Oder eine Sprache, die nur aus Fragen besteht und einem Ausdruck der Bejahung und der Verneinung. Und unzähliges Andere. ‒ ‒ Und sich eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen.
      Wie ist es aber: Ist der Ruf “Platte!” im Beispiel (2) ein Satz oder ein Wort? – Wenn ein Wort, so hat es doch nicht dieselbe Bedeutung, wie das gleichlautende unserer gewöhnlichen Sprache, denn im P § 2 ist es ja ein Ruf;, [w|W]enn aber ein Satz, so ist es doch nicht der elliptische Satz “Platte!” unserer Sprache. ‒ ‒ Was die erste Frage anbelangt, so kannst du “Platte!” ein Wort, und auch einen Satz nennen; vielleicht treffend einen “degenerierten Satz” (wie man von einer degenerierten Hyperbel spricht), und zwar ist es eben unser ‘elliptischer’ Satz. – Aber der ist do[|c]h nur eine verkürzte Form des Satzes “Bring mir eine Platte!” und diesen Satz gibt es doch im Beispiel (2) nicht. – Aber warum sollte ich nicht, umgekehrt, den Satz “Bring mir eine Platte!” eine Verlängerung des Satzes “Platte!” nennen? – Weil der, der “Platte!” ruft, eigentlich meint: “Bring mir eine Platte!”. – Aber wie machst du das, dies meinen, während du “Platte” sagst sagst? Sprichst du dir inwendig den unverkürzten Satz vor? Und warum soll ich, um zu sagen, was Einer mit dem Ruf “Platte!” meint, diesen Ausdruck in einen andern übersetzen? Und wenn sie das Gleiche bedeuten,– warum soll ich nicht sagen: “wenn er ‘Platte!’ sagt, meint er ‘Platte!’”? Oder: warum sollst du nicht “Platte!” meinen können, wenn du “Bring mir die Platte!” meinen kannst? ‒ ‒
– 17 –
Aber wenn ich “Platte!” rufe, so will ich doch, er soll mir eine Platte bringen! ‒ ‒ Gewiß, aber besteht ‘dies wollen’ darin, daß du in irgend einer Form einen andern Satz denkst, als den, den du sagst? –
     
20.
      Aber wenn nun Einer sagt “Bring mir eine Platte!”, so scheint es ja jetzt, als könnte er diesen Ausdruck als ein langes Wort meinen: entsprechend nämlich dem einen Worte “Platte!”. ‒ ‒ Kann man ihn also einmal als ein Wort, einmal als vier Wörter meinen? Und wie meint man ihn gewöhnlich? ‒ ‒ Ich glaube, wir werden geneigt sein, zu sagen: wir meinen den Satz als einen von vier Wörtern, wenn wir ihn im Gegensatz zu andern Sätzen gebrauchen, wie “Reich mir eine Platte zu”, “Bring ihm eine Platte”, “Bring zwei Platten”, etc.; also im Gegensatz zu Sätzen, welche die Wörter unseres Befehls in andern Verbindungen entfhalten. ‒ ‒ Aber worin besteht es, einen Satz im Gegensatz zu andern Sätzen gebrauchen? Schweben einem dabei etwa diese Sätze vor? Und alle alle? Und während man den einen Satz sagt, oder vor-, oder nachher? – Nein! Wenn auch so eine Erklärung einige Versuchung für uns hat, so brauchen wir doch nur einen Augenblick zu bedenken, was wirklich geschieht, um zu sehen, daß wir hier auf falschem Weg sind. Wir sagen, wir gebrauchen den Befehl im Gegensatz zu andern Sätzen, weil| unsere Sprache die Möglichkeit dieser andern Sätze enthält. Wer unsere Sprache nicht versteht, ein Ausländer, der öfter gehört hätte,
– 18 –
wie jemand den Befehl gibt “Bring mir eine Platte!”, könnte der Meinung sein, diese ganze Lautreihe sei ein Wort und entspräche etwa dem Wort für “Baustein” in seiner Sprache. Wenn er selbst dann diesen Befehl gegeben hätte, würde er ihn vielleicht anders aussprechen, und wir würden sagen: Er spricht ihn so sonderbar aus, weil er ihn für ein Wort hält. ‒ ‒ Aber geht also nicht, wenn er ihn ausspricht, eben auch etwas anderes in ihm vor,– dem entsprechend, daß er den Satz als ein Wort auffaßt? ‒ ‒ Es kann das Gleiche in ihm vorgehen, oder auch anderes. Was geht denn in dir vor, wenn du so einen Befehl gibst; bist du dir bewußt, daß er aus aus vier Wörtern besteht, während du ihn aussprichst? Freilich, du beherrscht diese Sprache – in der es auch jene andern Sätze gibt– aber ist dieses Beherrschen etwas, was geschieht, während du den Sˇatz aussprichst? – Und ich habe ja zugegeben: der Fremde wird den Satz, den er anders auffaßt, wahrscheinlich anders aussprechen; aber, was wir die falsche Auffassung nennen, muß nicht in irgend etwas liegen, was das Aussprechen des Satzes ˇBefehls begleitet.
      ‘Elliptisch’ ist der Satz nicht, weil er etwas ausläßt, was wir meinen, wenn wir ihn aussprechen, sondern weil er gekürzt ist im Vergleich mit einem bestimmten Vorbild unserer Gramˇmatik. – Man könnte hier freilich den Einwand machen: “Du gibst zu, daß der verkürzte und der unverkürzte Satz den gleichen Sinn haben. – Welchen Sinn haben sie also? Gibt es denn für diesen Sinn nicht einen Wortausdruck?”‒ ‒ Aber besteht
– 19 –
der gleiche Sinn der Sätze nicht in ihrer gleichen Verwendung? – (Im Russischen heißt es “Stein rot” statt “der Stein ist rot”; geht ihnen di[|e] Kopula im Sinn ab, oder denken sie sich die Kopula dazu?)
     
21.
      Denk dir ein Sprachspiel, in welchem B dem A auf dessen Frage die Anzahl der Platten oder Würfel in einem Stoß meldet, oder die Farben und Formen der Bausteine, ˇdie dort und dort liegen. – So eine Meldung könnte also lauten: “Fünf Platten”. Was ist nun der Unterschied zwischen der Meldung, oder Behauptung, “Fünf Platten” und dem Befehl “Fünf Platten!”? – Nun, die Rolle, die das Aussprechen dieser Worte im Sprachspiel spielt. Aber es wird wohl auch der Ton, in dem sie ausgesprochen werden, ein anderer sein, und die Miene, und noch manches andere. Aber wir können uns auch denken, daß der Ton der gleiche ist; – denn ein Befehl und eine Meldung können in mancherlei| Ton ausgesprochen werden und mit mancherlei Miene.–– und daß der Unterschied allein in der Verwendung liegt. (Freilich könnten wir auch die Worte “Behauptung” und “Befehl” zur Bezeichnung einer gramˇmatischen A Satzform und eines Tonfalls gebrauchen; wie man wir ja den Satz “Ist das Wetter heute nicht herrlich?” eine Frage nennen wird, obwohl er wie eine sie als Behauptung verwendet wird.) Wir könnten uns eine Sprache denken, in der alle Behauptungen die Form und den Ton rhetorischer Fragen hätten; oder jeder Befehl die Form: der Frage: “Möchtest du das tun?”. Man wird dann vielleicht sagen: “Was er sagt, hat die Form der Frage, ist aber wirklich ein Befehl”– d.h., hat
– 20 – –2
die Funktion des Befehls in der Praxis der Sprache. (Ähnlich sagt man “Du wirst das tun”, nicht als Prophezeihung, sondern als Befehl. Was macht es zu dem einen, was zu dem andern?)
     

22.
      Freges Ansicht, daß in einer Behauptung eine Annahme steckt, die dasjenige ist, was behauptet wird, basiert eigentlich auf der Möglichkeit, die es in unserer Sprache gibt, jeden Behauptungssatz in der Form zu schreiben “Es wird behauptet, daß das und das der Fall ist.” – Aber “Daß das und das der Fall ist” ist eben in unsrer Sprache kein Satz– es ist noch kein Zug Zug im Sprachspiel. Und schreibe ich statt “Es wird behauptet, daß …” “Es wird behauptet: das und das ist der Fall Fall”, dann sind hier die Worte “Es wird behauptet” eben überflüssig.
      Wir könnten sehr gut auch jede Behauptung in der Form e einer Frage mit nachgesetzter Bejahung schreiben; etwa: “Regnet es? Ja!”. Würde das zeigen, daß in jeder Behauptung eine Frage steckt? Man hat wohl
      Man hat wohl das Recht eine Behauptungszeichen zu verwenden im Gegensatz z.B. zu einem Fragezeichen[:|;] ¤ Irrig ist es nur, wenn man meint, daß die Behauptung nun aus zwei Akten besteht, dem Erwägen und dem Behaupten (Beilegen des Wahrheitswerts, oder dergl.) und daß wir diese Akte nach den Zeichen des Satzes vollziehen, ungefähr wie wir nach Noten singen. Mit dem Singen nach Noten ist allerdings das laute, oder leise Lesen des geschriebenen Satzes zu vergleichen, aber nicht
¤
Insertion at end of § 22

   Denken wir uns ein Bild, einen Boxer in bestimmter Kampfstellung darstellend. Dieses Bild kann nun dazu gebraucht werden, um jemand mitzuteilen, wie er stehen, sich halten soll; oder, wie er sich nicht halten soll; oder, wie ein bestimmter Mann dort und dort gestanden hat; oder etc. etc. Man könnte dieses Bild (chemisch gesprochen) ein Satzradikal nennen. Ähnlich dachte sich wohl Frege die “Annahme”.
– 21 –
das ‘Meinen’ (Denken) des gelesenen Satzes. ¤⋎ /; oder wenn man eine Behauptung unterscheiden will von einer Fiction, oder einer Annahme./
      Das Fregesche Behauptungszeichens betont den Satzanfang. Es hat also eine ähnliche Funktion, wie der Schlußpunkt. Es unterscheidet die ganze Periode , ob sie aus Behauptung vom Satz in der Periode. Und es erinnert uns an die eigentümlichen besonderen Verwendungen des vollständigen Satzes im Sprachspiel, die nicht auch die der Teilsätze sind. Wenn ich einen sagen höre “es regnet”, aber nicht weiß, ob ich den Anfang und Schluß der Periode gehört habe, so ist dieser Satz für mich noch kein Mittel der Verständigung.
     
     

23.
      Wieviele Arten der Sätze gibt es aber? Etwa Behauptung, Frage und Befehl? – Es gibt unzählige solcher Arten: unzähliege verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir “Zeichen”, “Worte”, “Sätze”, nennen. Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andre veralten und werden vergessen. (Ein ungefähres Bild davon können uns die Wandlungen der Mathematik geben.)
      Das Wort “Sprachspiel” soll hier hervorheben, daß das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform.
      Führe dir die Mannigfaltigkeit der Sprachspiele an diesen Beispielen, und andern, vor Augen:
Befehlen, und nach Befehlen handeln –
Beschreiben eines Gegenstands nach dem Ansehen, oder
           nach Messungen –
Her
– 22 –

Herstellen eines Gegenstands nach einer Beschreibung
          (Zeichnung) –
Berichten eines Hergangs –
Über den Hergang Vermutungen anstellen –
Eine Hypothese aufstellen und prüfen–
Darstellungen der Ergebnisse eines Experiments durch Tabellen und Diagramme Tabellen und Diagramme –
Eine Geschichte erfinden; und lesen –
Theater spielen –
Reigen singen–
Rätsel raten –
Einen Witz machen; erzählen –
Ein angewandtes Rechnung Rechenexempel lösen –
Aus einer Sprache in die andere übersetzen –
Bitten, Danken, Fluchen, Grüßen, Beten.
– Es ist interessant, die Mannigfaltigkeit der Werkzeuge der Sprache und ihrer Verwendungsweisen, die Mannigfaltigkeit der Wort- und Satzarten, mit dem zu vergleichen, was Logiker Logiker über den Bau der Sprache gesagt haben. (Und auch der Verfasser der Logisch-philosophischen Abhandlung.)
     

24.
      Wem die Mannigfaltigkeit der Sprachspiele nicht vor Augen ist, der wird etwa zu Fragen geneigt sein, wie dieser, : “Was ist eine Frage?” – Ist es die Feststellung, daß ich das und das nicht weiß, oder die Feststellung, daß ich wünsche, der Andre möchte mir sagen …? Oder ist es die Beschreibung
– 23 –
meines seelischen Zustandes der Ungewißheit? – Und ist der Ruf “Hilfe!” so eine Beschreibung?
      Denke daran, wieviel verschiedenartiges “Beschreibung” genannt wird: Beschreibung der Lage eine Körpers durch seine Koordinaten; Beschreibung eines Gesichtsausdrucks; Beschreibung einer Tastempfindung; einer Stimmung.
      Man kann freilich statt der gewöhnlichen Form der Frage die der Feststellung oder Beschreibung setzen: “Ich will wissen, ob …”, oder “Ich bin im Zweifel, ob …” – aber damit hat man die verschiedenen Sprachspiele einander nicht näher gebracht.
      Die Bedeutsamkeit solcher Umformungsmöglichkeiten, z.B. aller Behauptungssätze in Sätze, die mit der Klausel “Ich denke”, oder “Ich glaube” anfangen (also sozusagen in Beschreibungen meines Innenlebens) wird sich an anderer Stelle deutlicher zeigen. (Solipsismus.)
     
25.
      Man sagt manchmal: die Tiere sprechen nicht, weil ihnen die geistigen Fähigkeiten fehlen. Und das heißt: “sie denken nicht, darum sprechen sie nicht”. Aber: sie sprechen eben nicht. Oder besser: sie verwenden die Sprache nicht – wenn wir von den primitivsten Sprachformen absehen. – Befehlen, fragen, erzählen, plauschen, trinken, spielen gehören zu unserer Naturgeschichte so, wie Gehen, Essen, Trinken, Spielen. gehen, essen, trinken, spielen.
     
26.
      Man meint, das Lernen der Sprache bestehe darin, daß man Gegenstände benennt;. Und zwar: Menschen, Formen, Farben,
– 24 –
Schmerzen, Stimmungen, Zahlen, etc.. Wie gesagt – das Benennen ist etwas Ähnliches, wie, einem Ding ein Namentäfelchen anheften. Man kann das eine Vorbereitung zum Gebrauch eines Wortes nennen. Aber worauf ist es eine Vorbereitung?
     
27.
      “Wir benennen die Dinge und können nun über sie reden. Uns in der Rede auf sie beziehen.” – Als ob mit dem Akt des Benennens schon das, was wir weiter tun, gegeben wäre. Als ob es nur Eines gäbe, was heißt: “von Dingen reden”. Während wir doch das [V|v]erschiedenartigste mit unsern Sätzen tun. Denken wir allein an die Ausrufe. Mit ihren ganz verschiedenen Funktionen.
                    Wasser!
                    Fort!
                    Au!
                    Hilfe!
                    Schön!
                    Nicht!
Bist du nun noch geneigt, diese Wörter “Benennungen von Gegenständen” zu nennen?
      In den Sprachen (2) und (8) gab es ein Fragen nach der Benennung nicht. Dies und sein Korrelat, die hinweisende Erklärung, ist, wie wir sagen könnten, ein eigenes Sprachspiel. Das heißt eigentlich: wir weˇrden erzogen, abgerichtet, dazu, zu fragen: “Wie heißt das?” – worauf dann das Benennen erfolgt. Und es gibt auch ein Sprachspiel: Für etwas einen Namen erfinden. Also, zu sagen: “Das heißt …”, und nun den neuen
¤
Insertion at end of § 28

   Könnte man zur Erklärung des Wortes “rot” auf etwas weisen, was nicht rot ist? Das wäre ähnlich, wie wenn man Einem, der der deutschen Sprache nicht mächtig ist, das Wort “bescheiden” erklären sollte, und man zeigte zur Erklärung auf einen arroganten Menschen und sagt “Dieser ist nicht bescheiden”. Es ist kein Argument gegen eine solche Erklärungsweise, daß sie vieldeutig ist. Jede Erklärung kann mißverstanden werden.
   Wohl aber könnte man fragen: Sollen wir das noch eine “Erklärung” nennen? – Denn sie spielt im Kalkül natürlich eine andere Rolle, als das was wir “hinweisende Erklärung” des Wortes “rot” nennen; auch wenn sie dieselben praktischen Folgen, dieselbe Wirkung auf den Lernenden hätte.
– 25 –
Namen zu verwenden. (So benennen Kinder z.B. ihre Puppen und reden dann von ihnen, und zu ihnen. Dabei bedenke gleich, wie eigenartig der Gebrauch des Personennamens ist, mit welchem wir den Benannten rufen!)
     

28.
Man kann nun einen Personennamen, ein Farbwort, einen Stoffnamen, ein Zahlwort, den Namen einer Himmelsrichtung, etc. hinweisend definieren. Die Definition der Zahl Zwei “Das heißt ‘zwei’” – wobei man auf zwei Nüsse zeigt, ist vollkommen exakt. – Aber wie kann man denn die Zwei so definieren? Der, dem man die Definition gibt, weiß ja dann nicht, was man mit “Z zwei” benennen will; er wird annehmen, daß du dies[|e] Gruppe von Nüssen “zwei” nennst! ‒ ‒ Er kann dies annehmen; vielleicht nimmt er es aber nicht an. Er könnte ja auch, umgekehrt, wenn ich dieser Gruppe von Nüssen einen Namen beilegen will, ihn als Zahlnamen misverstehen. Und ebensogut, wenn ich einen Personennamen hinweisend erkläre, diesen als Farbnamen, als Bezeichnung der Rasse, ja als Namen einer Himmelsrichtung auffassen. Das heißt, die hinweisende Definition kann in jedem Fall so und anders gedeutet werden.
     
     

29.
      Vielleicht sagt man: die Zwei kann nur so hinweisend definiert werden: “Diese Zahl heißt ‘zwei’”. Denn das Wort “Zahl” zeigt hier an, an welchen Platz der Sprache, der Grammatik, wir das Wort setzen. Das heißt aber, es muß das Wort “Zahl” erklärt sein, ehe jene hinweisende Definition verstanden werden kann. – Das Wort “Zahl” in der Definition zeigt allerdings diesen Platz an; den Posten, an den wir das
– 26 –
Wort stellen. Und wir können so Misverständnissen vorbeugen, indem wir sagen: “Diese Farbe heißt so und so”, “Diese Länge heißt so und so”, u.s.w.. Das heißt: Misˇßverständnisse werden manchmal so vermieden. Aber läßt sich denn das Wort “Farbe”, oder “Länge” nur so auffassen? – Nun, wir müssen sie eben erklären. – Also erklären durch andere Wörter! Und wie ist es mit der letzten Erklärung in dieser Kette? (Sag nicht “Es gibt keine ‘letzte’ Erklärung”. Das ist gerade so, als wolltest du sagen: “Es gibt kein letztes Haus in dieser Straße; man kann immer noch eines dazubauen.”)
      Ob das Wort “Zahl” in der hinweisenden Definition der Zwei möglich nötig ist, das hängt davon ab, ob er sie ohne dieses Wort anders auffaßt, als ich es wünsche. Und das wird wohl von den Umständen abhängen, unter welchen sie gegeben wird, und von dem Menschen, dem ich sie gebe.
      Und wie er die Erklärung ‘auffaßt’, zeigt sich darin, wie er von dem erklärten Wort Gebrauch macht.
     
30.
      Man könnte also sagen: Die hinweisende Definition erklärt den Gebrauch – die Bedeutung – des Wortes, wenn es schon klar ist, welche Rolle das Wort in der Sprache überhaupt spielen soll. Wenn ich also weiß, daß Einer mir ein Farbwort erklären will, so wird mir die hinweisende Erklärung “Das heißt ‘Sepia’” zum Verständnis des Wortes verhelfen. – Und dies kann man sagen, wenn man nicht vergißt, daß sich nun allerlei Fragen an des Wort “wissen”, oder “klar sein” anknüpfen!
      Man muß schon etwas wissen, (oder können), um nach der
– 27 –
Benennung fragen zu können. Aber was muß man wissen?
     
31.
      Wenn man jemandem die Königsfigur im Schachspiel zeigt und sagt: “Das ist der Schachkönig”, so erklärt man ihm dadurch nicht den Gebrauch dieser Figur,– es sei denn, daß er die Regeln des Spiels schon kennt, bis auf diese letzte Bestimmung: die Form einer Königsfigur. Man kann sich denken, er habe die Regeln des Spiels gelernt, ohne das ihm je eine wirkliche Spielfigur gezeigt wurde. Die Form der Spielfigur e entspricht hier dem Klang oder der Gestalt, eines Wortes.
      Man kann sich aber auch denken, Einer habe das Spiel gelernt ohne je Regeln zu lernen, oder zu formulieren. Er hat etwa zuerst durch Zusehen ganz einfache Brettspiele gelernt und ist zu immer komplizierteren fortgeschritten. Auch diesem könnte man die Erklärung geben: : “Das ist der König” – wenn man ihm z.B. Schachfiguren von einer ihm ungewohnten Form zeigt. Auch diese Erklärung lehrt ihn, den Gebrauch der Figur nur darum, weil, wie wir sagen könnten, der Platz schon vorbereitet war an an den sie gestellt wurde. Oder auch: Wir werden nur dann sagen, sie lehre ihn den Gebrauch, wenn der Platz schon vorbereitet ist. Und er ist es hier nicht dadurch, daß der, dem wir die Erklärung geben, schon Regeln weiß, sondern dadurch, daß er in anderm Sinne schon ein Spiel beherrscht.
      Betrachte noch diesen Fall: Ich erkläre jemandem das Schachspiel; und fange damit an, indem ich auf eine Figur zeige und sage: “Das ist der König. Er kann so und so ziehen,
– 28 –
etc. etc.”. – In diesem Fall werden wir sagen: die Worte “Das ist der König” (oder “Das heißt ‘König’”) sind nur dann eine Worterklärung, wenn der Lernende schon ‘weiß, was eine Spielfigur ist’. Wenn er also etwa schon andere Spiele gespielt hat, oder dem Spielen Anderer ‘mit Verständnis’ zugesehen hat,und dergleichen. Auch nur dann wird er beim Lernen des Spiels relevant fragen können: “Wie heißt das?” – nämlich, diese Spielfigur.
      Wir können sagen: Nach der Benennung fragt nur der sinnvoll, der schon etwas mit ihr anzufangen weiß.
      Wir können uns ja auch denken, daß der Gefragte antwortet: “Bestimm die Benennung selber”– und nun müßte, der gefragt hat, für alles selber aufkommen.
     
32.
      Wer in ein fremdes Land kommt, wird manchmal die Sprache der Einheimischen durch hinweisende Erklärungen lernen, die sie ihm geben; und er wird die Deutung dieser Erklärungen oft raten müssen und manchmal richtig, manchmal falsch raten.
      Und nun können wir, glaube ich, sagen: Augustinus beschreibe das Lernen der menschlichen Sprache so, als käme das Kind in ein fremdes Land und verstehe die Sprache des Landes nicht; das heißt, habe bereits : so als habe es eine Sprache, nur nicht diese. Oder auch: als könne das Kind schon denken, nur noch nicht sprechen. Und “denken” hieße hier etwas, wie: zu sich selber reden.
     
33.
      Wie aber, wenn man einwendete: “Es ist nicht wahr, daß Einer schon ein Sprachspiel beherrschen muß, um eine hin-
– 29 –
weisende Definition zu verstehen, sondern er muß nur – selbstverständlich – wissen (oder erraten) worauf der Erklärende zeigt! Ob also z.B. auf die Form des Gegenstandes, oder auf seine Farbe, oder auf die Anzahl, etc. etc..”‒ ‒ Und worin besteht es denn: – ‘auf die Form zeigen’, ‘auf die Farbe zeigen’? Zeige auf ein Stück Papier! – Und nun zeige auf seine Form,– nun auf seine Farbe,– nun auf seine Anzahl (das klingt seltsam)! – Nun, wie hast du es gemacht? – Du wirst sagen, du habest jedesmal an etwas anderes beim Zeigen ‘gemeint’. Und wenn ich frage, wie das vor sich geht, wirst du sagen, du habest deine Aufmerksamkeit auf die Farbe, Form, etc. konzentriert. Nun aber frage ich noch einmal, wie das vor sich geht.
      Denke, jemand zeigt auf eine Vase und sagt: “Schau das herrliche Blau an! – auf die Form kommt es nicht an. –” Oder: “Schau die herrliche Form an! – die Farbe ist gleichgültig.” Es ist zweifellos, du wirst Verschiedenes tun, wenn du diesen beiden Aufforderungen nachkommst. Aber tust du immer das Gleiche, wenn du deine Aufmerksamkeit auf die Farbe richtest? Stell dir doch verschiedene Fälle vor! Ich will einige andeuten:
          “Ist dieses Blau das gleiche, wie das dort?
             Siehst du einen Unterschied? –”
          Du mischst Farben und sagst: “Dieses Blau des
             Himmels ist schwer zu treffen.”
          “Es wird schön, man sieht schon wieder blauen
– 30 –

            Himmel!”
          “Schau, wie verschieden diese beiden Blau wirken!”
          “Siehst du dort das blaue Buch? Bring es her.”
          “Dieses blaue Lichtsignal bedeutet ….”
          “Wie heißt nur dieses Blau? – ist es ‘Indigo’?”
Die Aufmerksamkeit auf die Farbe richten, das heißt manchmal, sich die Umrisse der Form mit der Hand weghalten; oder den Blick nicht auf die Kontur des Dinges richten, manchmal, auf den Gegenstand starren und sich zu erinnern trachten, wo man diese Farbe schon gesehen hat. habe // Die Aufmerksamkeit auf die Farbe richten, das tut man manchmal, indem man sich die Umrisse der Form mit der Hand weghält; oder den Blick nicht auf die Kontur des Dinges richtet; oder auf den Gegenstand starrt und sich zu erinnern trachtet, wo man diese Farbe schon gesehen hat. //
      Man richtet seine Aufmerksamkeit auf die Form, manchmal, indem man sie nachzeichnet, manchmal, indem man blinzelt, um die Farbe nicht deutlich zu sehen, etc. etc.. Ich will sagen: dies und Ähnliches geschieht, während man ‘die Aufmerksamkeit auf das und das richtet’. Aber das ist es nicht allein, was uns sagen läßt, Einer richte seine Aufmerksamkeit auf die Form, auf die Farbe, etc.. Wie ein Schachzug nicht allein darin besteht, daß ein Stein so und so auf dem Brett verschoben wird,– aber auch nicht in den Gedanken und Gefühlen! des Ziehenden, die den Zug begleiten; sondern in den Umständen, die wir nennen: “eine Schachpartie spielen”, “ein Schachproblem lösen”, und dergl.
Ts-227a,30a
¤

      
223.
Kann ich mit dem Wort “bububu” meinen “Wenn es nicht regnet, werde ich spazieren gehen”? – Nur in einer Sprache kann ich etwas mit etwas meinen. Das zeigt klar, daß die Grammatik von “meinen” nicht ähnlich der ist des Ausdrucks “sich etwas vorstellen” und dergl..
Ts-227a,30b
¤
      
36.
Wie geht es vor sich: die Worte “Das ist blau” einmal als Aussage über den Gegenstand, auf den man zeigt – einmal als Erklärung des Wortes “blau” meinen? Im zweiten Falle meint man also eigentlich “Das heißt ‘blau’”. – Kann man also das Wort “ist” einmal als “heißt” meinen, und das Wort “blau” als “‘blau’”? und ein andermal das “ist” wirklich als “ist”?
      Es kann auch geschehen, daß jemand aus dem, was als Mitteilung gemeint war, eine Worterklärung zieht.
Against page 31
Hier liegt ein folgenschwerer Aberglaube verborgen.
– 31 –
     
34.
      Aber nimm an, Einer sagte: “Ich tue immer das Gleiche, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf die Form richte: ich folge der Kontur mit den Augen und fühle dabei …”. Und nimm an, dieser gibt einem Andern die hinweisende Erklärung “Das heißt ‘Kreis’”, indem er, mit all allen diesen Erlebnissen, auf einen kreisförmigen Gegenstand zeigt ‒ ‒ kann der Andere die Erklärung nicht dennoch anders deuten, auch wenn er sieht, daß der Erklärende der Form mit den Augen folgt, und auch wenn er fühlt, was der Erklärende fühlt? Das heißt: diese ‘Deutung’ kann auch darin bestehen, wie er nun von dem erklärten Wort Gebrauch macht, z.B., worauf er zeigt, wenn er den Befehl erhält “Zeige auf einen Kreis!”. – Denn weder der Ausdruck “die Erklärung so und so meinen”, noch der, “die Erklärung so und so deuten”, bezeichnen einen Vorgang, der das Geben, und Hören der Erklärung begleitet.
     
35.
      Es gibt freilich, was man “charakteristische Erlebnisse Vorgänge” für das Zeigen auf die Form etwa, nennen kann. Zum Beispiel, das Nachfahren der Kontur mit dem Finger, oder mit dem Blick, beim Zeigen. – Aber so wenig, wie dies in allen Fällen geschieht, in denen ich ‘die Form meine’, so wenig geschieht irgend ein anderer charakteristischer Vorgang in allen diesen Fällen. – Aber auch, wenn ein solcher sich in ihnen allen wiederholte, so käme es doch auf die Umstände an – d.h., auf das, das was vor und nach dem Zeigen geschieht – ob wir sagen würden “Er hat auf die Form und nicht auf die Farbe gezeigt”.
      Denn es werden die Worte “auf die Form zeigen”, “die
– 32 –
Form meinen”, etc. nicht so gebraucht, wie die die: “auf dies Buch zeigen” (nicht auf jenes), “auf den Stuhl zeigen, nicht auf den Tisch”, etc..– Denn denke nur, wie anders wir den Gebrauch der Worte lernen: “auf dieses Ding zeigen”, “auf jenes Ding zeigen”, und anderseits: “auf die Farbe, nicht auf die Form, zeigen”, “die Farbe meinen”, etc. etc..
      Wie gesagt, in gewissen Fällen, besonders beim Zeigen ‘auf die Form’, oder ‘auf die Anzahl’ gibt es charakteristische Erlebnisse und Arten des Zeigens – ‘charakteristisch’, weil sie sich oft (nicht immer) wiederholen, wo From Form, oder Anzahl ‘gemeint’ werden. Aber kennst du auch ein charakteristisches Erlebnis für das Zeigen auf die Spielfigur als Spielfigur? Und doch kann man sagen: “Ich meine diese Spielfigur heißt ‘König’, nicht dieses bestimmte Stück Holz, worauf ich zeige”. (Wiedererkennen, [W|w]ünschen, sich erinnern, etc..)
¤ ¤
     

36.
      Und wir tun hier, was wir in tausend ähnlichen Fällen tun: Weil wir nicht eine körperliche Handlung angeben können, die wir das Zeigen auf die Form (im Gegensatz z.B. zur Farbe) nennen, so sagen wir, es entspreche diesen Worten eine geistige Tätigkeit.
      Wo unsere Sprache uns einen Körper vermuten läßt, und kein Körper ist, dort, möchten wir sagen, sei ein Geist.
     
37.
      Was ist die Bez[e|i]ehung zwischen Namen und Benanntem? – Nun, was ist sie? Schau auf das Sprachspiel (2), oder ein
– 33 –
anderes! Dort dort ist zu sehen, wo[|r]in diese Bez[e|i]ehung etwa besteht. Diese Beziehung kann, unter vielem andern, auch darin bestehen, daß das Hören des Namens uns das Bild des Benannten vor die Seele ruft, und sie besteht unter anderem auch darin, daß der Name auf das Benannte geschrieben ist, oder daß er beim Zeigen auf das Benannte ausgesprochen wird.
     

38.
      Was benennt aber z.B. das Wort “dieses” im Sprachspiel (8), oder das Wort “das” in der hinweisenden Erklärung “Das heißt …”? – Wenn man keine Verwirrung anrichten will, so ist es am besten, man sagt garnicht, daß diese Wörter etwas benennen. – Und merkwürdigerweise wurde von dem Worte “dieses” einmal gesagt, es sei der eigentliche Name. Alles, was wir sonst “Name” nennen, sei dies also nur in einem ungenauen, angenäherten Sinn.
      Diese seltsame Auffassung rührt von einer Tendenz her, die Logik unserer Sprache zu sublimieren – wie man es nennen könnte. Die eigentliche Antwort darauf ist: “Name” nennen wir sehr Verschiedenes; das Wort “Name” charakterisiert viele verschiedene, mit|einander mit einander auf viele verschiedene Weisen verwandte, Arten des Gebrauchs eines Worts;– aber unter diesen Arten des Gebrauchs ist nicht die des Wortes “dieses”.
      Es ist wohl wahr, daß wir oft, z.B. in der hinweisenden Definition, auf das Benannte zeigen und dabei den Namen aussprechen. Und ebenso sprechen wir, z.B. in der hinweisenden Definition, das Wort “dieses” aus, indem wir auf ein Ding zei-
– 34 –
gen. Und das Wort “dieses” und ein Name stehen auch oft ˇan der gleichen Stelle im gleichen Satzzusammenhang. Aber charakteristisch für den Namen ist es gerade, daß er durch das hinweisende “Das ist N” (oder “Das heißt ‘N’”) erklärt wird. Erklären wir aber auch: “Das heißt ‘dieses’”, oder “Dieses heißt ‘dieses’”?
      Dies hängt mit der Auffassung des Benennens als eines, sozusagen, okˇkulten Vorgangs zusammen. Das Benennen erscheint als eine seltsame Verbindung eines Wortes mit einem Gegenstand. – Und so eine seltsame Verbindung hat wirklich statt, wenn nämlich der Philosoph, um herauszubringen, was die Beziehung zwischen Namen und Benanntem ist, auf einen Gegenstand vor sich starrt und dabei unzähliche Male einen Namen wiederholt, oder auch das Wort “dieses”. Denn die philodˇsophischen Probleme entstehen, wenn die Sprache feiert. Und da können wir uns allerdings einbilden, das Benennen sei irgend ein merkwürdiger seelischer Akt, quasi eine Taufe eines Gegenstandes. Und wir können so auch das Wort “dieses” gleichsam zu dem Gegenstand sagen, ihn damit ansprechen – ein seltsamer Gebrauch dieses Wortes, der wohl nur beim Philosophieren vorkommt.
     

39.
      Aber warum kommt man auf die Idee, gerade dieses Wort zum Namen machen zu wollen, wo es offenbar kein Name ist? – Gerade darum. Denn man ist versucht, gegen das, was gewöhnlich “Name” heißt, einen Einwand zu machen; und den kann man so ausdrücken: daß der Name eigentlich Einfaches bezeichnen soll.
– 35 –
Und man könnte dies etwa so begründen: Ein Eigenname im gewöhnlichen Sinn ist etwa das Wort “Notung Nothung”. Das Schwert Nothung besteht aus Teilen in einer bestimmten Zusammensetzung. Sind sie anders zusammengesetzt, so existiert Notˇhung nicht. Nun hat aber offenbar der Satz “Nothung hat eine scharfe Schneide” Sinn, ob Nothung noch ganz ist, oder schon zerschlagen. Ist aber “Nothung” der Name eines Gegenstandes, so gibt es diesen Gegenstand nicht mehr, wenn Nothung zerschlagen ist; und da dem Namen dann kein Gegenstand entspräche, so hätte er keine Bedeutung. Dann aber stünde in dem Satz “Nothung hat eine scharfe Schneide” ein Wort, das keine Bedeutung hat, und daher wäre der Satz Unsinn. Nun hat er aber Sinn; also muß den Wörtern, aus denen er besteht, immer etwas entsprechen. Also muß das Wort “Nothung” bei der Analyse des Sinnes verschwinden und statt seiner müssen Wörter eintreten, die Einfaches benennen. Diese Wörter werden wir billigerweise die eigentlichen Namen nennen.
     
40.
      Laß uns zuerst über den Punkt dieses Gedankengangs reden: : – daß das Wort keine Bedeutung hat, wenn ihm nichts entspricht. – Es ist wichtig, festzustellen, daß das Wort “Bedeutung” sprachwidrig gebraucht wird, wenn man damit das Ding bezeichnet, das dem Wort ‘entspricht’. Dies heißt, die Bedeutung eines Namens verwechseln mit dem Träger des Namens. Wenn Herr Herr N.N. stirbt, so sagt man, es sterbe der Träger des Namens, nicht, es sterbe die Bedeutung des Namens. Und es wäre unsinnig, so zu reden, denn hörte der
– 36 –
Name auf Bedeutung zu haben, so hätte es eben keinen Sinn, zu sagen, “Herr N.N. ist gestorben”.
     
41.
      Im §15 habeˇn wir in die Sprache (8) Eigennamen eingeführt. Nimm nun an, das Werkzeug mit dem Namen “N” sei zerbrochen. A weiß es nicht und gibt dem B das Zeichen “N”. Hat dieses Zeichen nun Bedeutung, oder hat es keine? – Was soll B tun, wenn er dieses Zeichen erhält? – Wir haben darüber nichts vereinbart. Man könnte fragen: was wird er tun? Nun, er wird vielleicht ratlos dastehen, oder A die Stücke zeigen. Man könnte hier sagen: “N” sei bedeutungslos geworden; und dieser Ausdruck würde besagen, daß für das Zeichen “N” in unserem Sprachspiel nun keine Verwendung mehr ist (es sei denn, wir gäben ihm eine neue). “N” könnte auch dadurch bedeutungslos werden, daß man, aus welchem Grund immer, dem Werkzeug eine andere Bezeichnung gibt und das Zeichen “N” im Sprachspiel nicht weiter verwendet. – Wir ˇkönnen uns aber auch eine Abmachung denken, nach der B, wenn ein Werkzeug zerbrochen ist und A das Zeichen dieses Werkzeugs gibt, als Antwort darauf den Kopf zu schütteln hat. – Damit, könnte man sagen, ist der Befehl “N”, auch wenn dieses Werkzeug nicht mehr existiert, in das Sprachspiel aufgenommen worden, und das Zeichen “N” habe Bedeutung, auch wenn sein Träger zu existieren aufhört.
     
¤       
43. 42.
Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes “Bedeutung” – wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung – dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.
– 37 –

      Und die Bedeutung eines Namens erklärt man manchmal dadurch, daß man auf seinen Träger zeigt.
Vielleicht wäre es richtiger zu sagen: EinBgines ˇEine Bedeutung eines Wortes ist eine Art seines Gebrauchs in der Sprache. Hier ist die Frage offen gelassen, was wir einen einheitlichen Gebrauch, und was etwa zwei Arten verschiedene Arten des Gebrauchs einen doppelten nennen werden. Ich glaube es wird sich zeigen, daß sich dafür keine scharf geschnittenen Regeln angeben lassen.
     
      
42. 43.
Aber haben etwa auch Namen in jenem Spiel Bedeutung, die nie für ein Werkzeug verwendet worden sind? ‒ ‒ Nehmen wir also an, “X” sei so ein Zeichen, und A gäbe dieses Zeichen dem B – nun, es könnten auch solche Zeichen in das Sprachspiel aufgenommen werden, und B hätte etwa auch sie mit einem Kopfschütteln zu beantworten (Man könnte sich dies als eine Art Belustigung der Beiden denken.)
     
     
44.
      Wir sagten: der Satz, “Nothung hat eine scharfe Schneide” habe Sinn, w auch wenn Nothung schon zerschlagen ist. Nun, das ist so, weil in diesem Sprachspiel ein Name auch in der Abwesenheit seines Trägers gebraucht wird. Aber wir können uns ein Sprachspiel mit Namen denken (d.h. mit Zeichen, die wir gewiß auch “Namen” nennen werden) in welchem diese nur in der Anwesenheit des Trägers gebraucht werden; also immer ersetzt werden können durch das hinweisende Fürwort mit der hinweisenden Gebärde.
ϑ Nimm etwa an, wir beobachteten eine Fläche, auf welcher Farbflecke langsam ihre Gestalt und Lage veränderten. Ich
– 38 –
hätte sie durch hinweisende Erklärung “P”, “Q“, u.s.w. benannt. Unsere Sprache diente dazu, ihre Veränderungen diese Vorgänge mit eine[r|m] Beschreibung Kommentar zu begleiten. Ich sage: “Schau, wie sich nun P zusammenzieht und sich R nähert.” Dagegen gibt es keinen S Einen Satz ˇvon der Art “Q existiert nicht mehr“ gibt es in der Sprache nicht. , wie wir auch nicht sagen würden “Dieses existiert nicht mehr“. – Der Name verliert seine Bedeutung Verwendung, wenn der Träger di zu existieren aufhört. “P”,“Q”, etc. entspricht immer etwas, solange sie überhaupt Bedeutung haben. Sie können nicht trägerlos werden; nur ist dies kein Vorzug des Sprachspiels, denn ein Name kann eben auch ohne Zweck, Verwendung, d.h. Bedeutung haben. (Und so hat, z.B. der Name “Odysseus” Bedeutung.)
     
45.
      Unser Sprachspiel kann uns aber, glaube ich, einen Grund zeigen, warum man das hinweisende Fürwort kann zum Namen machen wollen:. Denn [d|D]as hinweisende “dieses” kann nie T trägerlos werden. Man könnte sagen: “Solange es ein Dieses gibt, solange hat das Wort ‘dieses’ auch Bedeutung, ob dieses nun einfach oder zusammengesetzt ist.”‒ ‒ Aber das macht das Wort eben nicht zu einem Namen. Im Gegenteil; denn ein Name wird nicht mit der hinweisenden Geste verwendet, sondern nur durch sie erklärt.
     
46.
      Was hat es nun für eine Bewandtnis damit, daß Namen eigentlich das [e|E]infache bezeichnen? –
      Sokrates (im Theätetus): “Täusche ich mich nämlich nicht, so habe ich von Etlichen gehört: für die Urelemente – um mich so auszudrücken – aus denen wir und alles übrige zusammen-
– 39 –
gesetzt sind, gebe es keine Erklärung; denn alles, was an und für sich ist, könne man nur mit Namen bezeichnen; eine andere Bestimmung sei nicht möglich, weder die, es sei sei, noch die, es sei nicht. … Was aber an und für sich ist, müsse man … ohne alle anderen Bestimmungen benennen. Somit aber sei es unmöglich, von irgend einem Urelement erklärungsweise zu reden; denn für dieses gebe es nichts, als die bloße Benennung; es habe ja nur seinen Namen. Wie aber das, was aus diesen Urelementen sich zusammensetzt, selbst ein verflochtenes Gebilde sei, so seien auch seine Benennungen in dieser Verflechtung zur erklärenden Rede geworden; denn deren Wesen sei die Verflechtung von Namen.”
      Diese Urelemente waren auch Russell's ‘individuals’, und auch meine ‘Gegenstände’ (Log. Phil. Abh.).
     
47.
      Aber welches sind die einfachen Bestandteile, aus denen sich die Realität zusammensetzt? – Was sind die einfachen Bestandteile eines Sessels? – Die Stücke Holz, aus denen er zusammengefügt ist? Oder die Moleküle, oder die Elektronen? – “Einfach” heißt: nicht zusammengesetzt. Und da kommt es darauf an: in welchem Sinne ‘zusammengesetzt’? Es hat gar keinen Sinn von den ‘einfachen Bestandteilen des Sessels’, schlechtweg, zu reden.
      Oder: Besteht mein Gesichtsbild dieses Baumes, dieses Sessels, aus Teilen? und welches sind seine einfachen Bestandteile? Mehrfarbigkeit ist eine Art der Zusammengesetztheit; eine andere ist, z.B., die, einer gebrochenen Kontur aus
– 40 –
geraden Stücken. Und ein Kurvenstück kann man zusammengesetzt nennen aus einem aufsteigenden und einem absteigenden Ast.
      Wenn ich jemandem ohne weitere Erklärung sage “Was ich jetzt vor mir sehe, ist zusammengesetzt”, so wird er mit Recht fragen: “Was meinst du mit ‘zusammengesetzt’? Das kann ja alles Mögliche heißen!” – Die Frage “Ist, was du siehst, zusammengesetzt?” hat wohl Sinn, wenn bereits feststeht, um welche Art des Zusammengesetztseins – d.h., um welchen besonderen Gebrauch des dieses Wortes – es sich handeln soll. Wäre also z.B. festgelegt worden, das Gesichtsbild eines Baumes solle “zusammengesetzt” heißen, wenn man nicht nur einen Stamm, sondern auch Äste sieht, so hätte nun die Frage “Ist das Gesichtsbild dieses Baumes einfach oder zusammengesetzt?” und die Frage “Welches sind seine einfachen Bestandteile?” einen klaren Sinn – eine klare Verwendung. Und auf die zweite Frage ist die Antwort natürlich nicht “Die Äste”. ([D|d]ies wäre eine Antwort auf die grammatische Frage: “Was nennt man hier die ‘einfachen Bestandteile’?”) sondern etwa eine Beschreibung der einzelnen Äste.
      Aber ist z.B. nicht ein Schachbrett offenbar, und schlechtweg, zusammengesetzt? – Du denkst wohl an die Zusammensetzung aus 32 weißen und 32 schwarzen Quadraten. Aber könntest n du wir z.B. nicht auch sagen, es sei aus den Farben Weiß, Schwarz und dem Schema des Quadratnetzes zusammengesetzt? Und wenn es hier ganz verschiedene Betrachtungsweisen gibt, willst du dann noch
– 41 –
sagen, das Schachbrett sei ‘zusammengesetzt’ schlechtweg? – Außerhalb eines bestimmten Spiels zu fragen “Ist dieser Gegenstand zusammengesetzt?” ˇdas ist ähnlich dem, was einmal ein kleiner Junge tat, der angeben sollte ob das Zeitwort Zeitwörter in gewissen Satzbeispielen in der aktiven, oder in der passiven Form gebraucht sei seien, und der sich ˇnun darüber den Kopf zerbrach, ob z.B. das Zeitwort “schlafen” etwas Aktives, oder etwas Passives bedeute.
      Das Wort “zusammengesetzt” (und also das Wort “einfach”) wird von uns in einer Unzahl verschiedener, in verschiedenen Weisen mit einander verwandten, Arten benützt. (Ist die Farbe eines Schachfeldes einfach, oder besteht sie aus reinem Weiß und reinem Gelb? Und ist das Weiß einfach, oder besteht es aus den Farben des Regenbogens? – Ist diese Strecke von 2 cm einfach, oder besteht sie aus zwei Teilstrecken von je 1 cm? Aber warum nicht aus einem Stück von 3 cm Länge und einem, in negativem Sinn angesetzten, Stück von 1 cm.?)
      Auf die philosophische Frage: “Ist das Gesichtsbild dieses Baumes zusammengesetzt, und welches sind seine Bestandteile?” ist die richtige Antwort: “Das kommt drauf an, was du unter ‘zusammengesetzt’ verstehst.” (Und das ist natürlich keine Beantwortung, sondern eine Zurückweisung der Frage.)
     
48.
      Laß uns die Methode des §2 auf die Darstellung im Theätetus anwenden. Betrachten wir ein Sprachspiel, für das wofür diese Darstellung wirklich gilt. Die Sprache diene dazu, Kom-
– 42. –
binationen farbiger Flecke Quadrate auf einer Fläche darzustellen Die Quadrate bilden einen schachbrettförmigen Komplex. Es gibt rote, grüne, weiße und schwarze Quadrate. Die Wörter der Sprache seien (entsprechend): “R”, “G“, “W”, “S”, und ein Satz ist eine Reihe dieser Wörter. Sie beschreiben eine Zusammenstellung von Farbquadraten in der Reihenfolge

1 2 3
4 5 6
7 8 9


Der Satz “RRSGGGRWW” beschreibt also z.B. eine Zusammensetzung dieser Art:

R R S
G G G
R W W


Hier ist der Satz ein Komplex von Namen, dem ein Komplex von Elementen entspricht. Die Urelemente sind die f[ä|a]rbigen Quadrate. “Aber sind diese einfach?” – Ich wüßte nicht, was ich in diesem Sprachspiel natürlicher das “Einfache” nennen sollte. Unter anderen Umständen aber würde ich ein einfärbiges Quadrat “zusammengesetzt” nennen, etwa aus zwei Rechtecken, oder aus den Elementen Farbe und Form. Aber der Begriff der Zusammensetzung könnte auch so gedehnt werden, daß die kleinere Fläche ‘zusammengesetzt’ genannt wird aus einer größeren und einer von ihr subtrahierten. Vergleiche ‘Zusammensetzung’ der Kräfte, ‘Teilung’ einer Strecke durch einen Punkt außerhalb; diese Aus-
– 43 –
drücke zeigen, daß wir unter Umständen auch geneigt sind, das Kleinere als Resultat der Zusammensetzung von Größerem aufzufassen, und das Größere als ein Resultat der Teilung des Kleineren.
      Aber ich weiß nicht, ob ich nun sagen soll, die Figur, die unser Satz beschreibt, bestehe aus vier Elementen oder aus neun! Nun, besteht jener Satz aus vier Buchstaben oder aus neun? – Und welches sind seine Elemente: die Buchstabentypen, oder die Buchstaben? Ist es nicht gleichgültig, welches wir sagen? wenn wir nur im besonderen Fall Misverständnisse vermeiden!
     
49.
      Was heißt es aber, daß wir diese Elemente nicht erklären (d.h. beschreiben), sondern nur benennen können? Das könnte etwa sagen, daß die Beschreibung eines Komplexes, wenn er, in einem Grenzfall, nur aus einem Quadrat besteht, einfach der Name des Farbquadrates ist.
      Man könnte hier sagen – obwohl dies leicht zu allerlei philosophischem Aberglauben führt – ein Zeichen “R”, oder “S”, etc., könne einmal Wort und einmal Satz sein. Ob es aber ‘Wort oder Satz ist’, hängt von der Situation ab, in der es ausgesprochen oder geschrieben wird. Soll z.B. A dem B Komplexe von Farbquadraten beschreiben und gebraucht er hier das Wort “R” allein, so werden wir sagen können, das Wort sei eine Beschreibung – ein Satz. Memoriert er aber etwa die Wörter und ihre Bedeutungen, oder lehrt er einen Andern den Gebrauch der Wörter und spricht sie beim hinweisenden Lehren aus, so werden
– 44 –
wir nicht sagen, sie seien hier Sätze. In dieser Situation ist das Wort “R”, z.B. keine Beschreibung; man benennt damit ein Element ‒ ‒ aber darum wäre es hier seltsam zu sagen, das Element könne man nur benennen! Benennen und Beschreiben stehen ja nicht auf einer Ebene: Das Benennen ist eine Vorbereitung zur Beschreibung. Das Benennen ist noch gar kein Zug im Sprachspiel,– so wenig, wie das Aufstellen einer Schachfigur ein Zug im Schachspiel. Man kann sagen: Mit dem Benennen eines Dings ist noch nichts getan. Es hat auch keinen Namen, außer im Spiel. Das war es auch, was Frege damit meinte: ein Wort habe nur im Satzzusammenhang Bedeutung.
     
50.
      Was heißt es nun, von den Elementen zu sagen, daß wir ihnen weder Sein noch Nichtsein beilegen können? – Man könnte sagen: Wenn alles, was wir “Sein” und “Nichtsein” nennen, im Bestehen und Nichtbestehen von Verbindungen zwischen den Elementen liegt, dann hat es keinen Sinn vom Sein (Nichtsein) eines Elements zu sprechen; sowie, wenn alles, was wir “zerstören” nennen, in der Trennung von Elementen liegt, es keinen Sinn hat, vom Zerstören eines Elements zu reden.
      Aber man möchte sagen: man kann dem Element nicht Sein beilegen, denn wäre es nicht, so könnte man es auch nicht einaml nennen und also garnichts von ihm aussagen. – Betrachten wir doch einen analogen Fall! Man kann von einem Ding nicht aussagen, es sei ein sei 1 m lang, noch, es sei nicht 1 m lang, und das ist das Urmeter in Paris. – Damit haben wir aber diesem natürlich nicht irgend eine merkwürdige Eigenschaft
– 45 –
zugeschrieben, sondern nur seine enˇigenartige Rolle im Spiel des Messens mit dem Metermaß gekennzeichnet. – Denken wir uns auf ähnliche Weise wie das Urmeter auch die Muster von Farben in Paris aufbewahrt. So erklären wir: “Sepia” heiße die Farbe des dort unter Luftabschluß aufbewahrtem Ur-Sepia. Dann wird es keinen Sinn haben, von diesem Muster auszusagen, es habe diese Farbe, noch, es habe sie nicht.
      Wir können das so ausdrücken: Dieses Muster ist ein Instrument der Sprache, mit der wir Farbaussagen machen. Es ist in diesem Spiel nicht Dargestelltes, sondern so Mittel der Darstellung. – Und eben das gilt von einem Element im Sprachspiel (48), wenn wir, es benennend, das Wort “R” aussprechen: wir haben damit diesem Ding eine Rolle in unserm Sprachspiel gegeben; es ist nun Mittel der Darstellung. Und zu sagen ““wäre Wäre es nicht, so könnte es keinen Namen haben” sagt nun soviel so viel, und so wenig, wie: gäbe es dieses Ding nicht, so könnten wir es in unserem Spiel nicht verwenden. – Was es, scheinbar, geben muß, gehört zur Sprache. Es ist in unserm Spiel ein Paradigma; etwas, womit verglichen wird. Und dies feststellen, kann heißen, eine wichtige Feststellung machen; aber es ist dennoch eine Feststellung unser Sprachspiel– unsere Darstellungsweise ˇ betreffend.
     
51.
      In der Beschreibung des Sprachspiels (48) sagte ich, den Farben der Quadrate entsprächen die Wörter “R”, “S“, etc.. Worin aber besteht diese Entsprechung; inwiefern kann man sagen, diesen Zeichen entsprächen gewisse Farben der Quadrate?
– 46 –
Die Erklärung in (48) stellte ja nur einen Zusammenhang zwischen diesen Zeichen und gewissen Wörtern unserer Sprache her (den Farbnamen). – Nun, es war vorausgesetzt, daß der Gebrauch der Zeichen im Spiel anders, und zwar durch Hinweisen auf Paradigmen, gelehrt würde. Wohl; aber was heißt es nun, zu sagen, in der Praxis der Sprache entsprächen den Zeichen gewisse Elemente? – Liegt es darin, daß der, welcher die Komplexe von Farbquadraten beschreibt, hierbei immer “R” sagt, wo ein rotes Quadrat steht; “S”, wo ein schwarzes steht, etc.? Aber wie, wenn er sich bei der Beschreibung irrt und, fälschlich, “R” sagt, wo er ein schwarzes Quadrat sieht ‒ ‒ was ist hier das Kriterium dafür, daß dies ein Fehler war? – Oder besteht, daß “R” ein rotes Quadrat bezeichnet, darin, daß den Menschen, die die Sprache gebrauchen, immer ein rotes Quadrat im Geist vorschwebt, wenn sie das Zeichen “R” gebrauchen?
      Um klarer zu sehen, müssen wir hier, wie in unzähligen ähnlichen Fällen, die Einzelheiten der Vorgänge ins Auge fassen; was vorgeht aus der Nähe betrachten.
     
52.
      Wenn ich dazu neige, anzunehmen, daß eine Maus durch Urzeugung aus grauen Fetzen und Staub entsteht, so wird es gut sein, diese Fetzen genau daraufhin zu untersuchen, wie eine Maus sich in ihnen verstecken konnte, wie sie dort hin kommen konnte, etc.. Bin ich aber überzeugt, daß eine Maus aus diesen Dingen nicht entstehen kann, dann wird diese Untersuchung vielleicht überflüssig sein.
– 47 –
Was es aber ist, das sich in der Philosophie einer solchen Betrachtung der Einzelheiten entgegensetzt, müssen wir erst verstehen lernen.
     
53.
      Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten für unser Sprachspiel (48), verschiedene Fälle, in denen wir sagen würden, ein Zeichen benenne in dem Spiel ein Quadrat von der und der Farbe. Wir würden dies z.B. sagen, wenn wir wüßten, daß den Menschen, die diese Sprache gebrauchen, der Gebrauch der Zeichen auf die und die Art beigebracht werde wurde. Oder, wenn es schriftlich, etwa in Form einer Tabelle, niedergelegt wäre, daß diesem Zeichen dieses Element entspricht, und wenn diese Tabelle beim Lehren der Sprache benütht und in gewissen Streitfällen zur Entscheidung herangezogen würde.
Wir können uns aber auch denken, daß eine solche Tabelle ein Werkzeug im Gebrauch der Sprache ist. Die Beschreibung eines Komplexes geht dann so vor sich: Der den Komplex bescschreibt, führt eine Tabelle mit sich und sucht in ihr jedes Element des Komplexes auf und geht von ihm in der Tabelle zum Zeichen über (und es kann auch der, dem die Beschreibung gegeben wird, die Worte derselben durch eine Tabelle in die Anschauung von färbigen Quadraten übersetzen). Man könnte sagen, diese Tabelle übernehme hier die Rolle, die in anderen Fällen Gedächtnis und Assoziation spielen. (Wir werden den Befehl, “Bring mir eine rote Blume!” für gewöhnlich nicht so ausführen, daß wir die Farbe Rot in einer Farbentabelle nach aufsuchen und dann eine Blume bringen von der Farbe, die wir in der
– 48 –
Tabelle finden; aber wenn es sich darum handelt, einen bestimmten Ton von Rot zu wählen, oder zu mischen, dann geschieht es, daß wir uns eines Musters oder einer Tabelle bedienen.)
      Nennen wir eine solche Tabelle den Ausdruck einer Regel des Sprachspiels, so kann man sagen, daß dem, was wir Regel eines Sprachspiels nennen, sehr verschiedene Rollen im Spiel zukommen können.
     
54.
      Denken wir doch daran, in was für Fällen wir sagen, ein Spiel werde nach einer bestimmten Regel gespielt!
      Die Regel kann ein Behelf des Unterrichts im Spiel sein. Sie wird dem Lernenden mitgeteilt und ihre Anwendung eingeübt. – Oder sie ist ein Werkzeug des Spieles selbst. – Oder: Eine Regel findet weder im Unterricht noch im Spiel selbst Verwendung; noch ist sie in einem Regelverzeichnis niedergelegt. Man lernt das Spiel, indem man zusieht, wie Andere es spielen. Aber wir sagen, es werde nach den und den Regeln gespielt, weil ein Beobachter diese Regeln aus der Praxis des Spiels ablesen kann,– wie ein Naturgesetz, dem die Spielhandlungen folgen. ‒ ‒ Wie aber unterscheidet der Beobachter in diesem Fall zwischen einem Fehler der Spielenden und einer richtigen Spielhandlung? – Es gibt dafür Merkmale im Benehmen der Spieler. Denke an das charakteristische Benehmen dessen, der ein Versprechen korrigiert. Es wäre möglich, zu erkennen, daß Einer dies tut, auch wenn wir seine Sprache nicht verstehen.
     
55.
      “Was die Namen der Sprache bezeichnen, muß unzerstörbar sein: denn man muß den Zustand beschreiben können, in dem alles,
– 49 –
was zerstörbar ist, zerstört ist. Und in dieser Beschreibung wird es Wörter geben; und was ihnen entspricht, darf dann nicht zerstört sein, denn sonst hätten die Wörter keine Bedeutung.” Ich darf mir nicht den Ast absägen, auf welchem ich sitze.
      Man könnte nun freilich gleich einwenden, daß ja die Beschreibung selbst sich von der Zerstörung ausnehmen müsse. – Aber das, was den Wörtern der Beschreibung entspricht und also nicht zerstört sein darf, wenn sie wahr ist, ist, was den Wörtern ihre Bedeutung gibt,– ohne welches sie keine Bedeutung hätten. ‒ ‒ Aber dieser Mensch ist ja doch in einem Sinne das, was seinem Namen entspricht. Er aber ist zerstörbar; und sein Name verliert seine Bedeutung nicht, wenn der Träger zerstört wird. – Das, was dem Namen entspricht, und ohne den er keine Bedeutung hätte, ist, z.B., ein Paradigma, das im Sprachspiel in Verbindung mit dem Namen gebraucht wird.
     
56.
      Aber wie, wenn kein solches Muster zur Sprache gehört, wenn wir uns, z.B., die Farbe, die ein Wort bezeichnet, merken? ‒ ‒ “Und wenn wir sie uns merken, so tritt sie also vor unser geistiges Auge, wenn wir etwa das Wort aussprechen. Sie muß also an sich unzerstörbar sein, wenn die Möglichkeit bestehen soll, daß wir uns jederzeit an sie erinnern.” – – Aber was sehen wir denn als das Kriterium dafür an, daß wir uns richtig an sie erinnern? – Wenn wir mit einem Muster statt mit unserm Gedächtnis arbeiten, so sagen wir unter Umständen, das Muster habe seine Farbe verändert und beurteilen
– 50 –
dies mit dem Gedächtnis. Aber wir können wir nicht unter Umständen auch von einem Nachdunkeln (z.B.) unseres Erinnerungsbildes reden? Sind wir dem Gedächtnis nicht ebenso ausgeliefert, wie einem Muster?) (Denn es könnte Einer sagen wollen: “Wenn wir kein Gedächtnis hätten, wären wir einem Muster ausgeliefert.”) – Oder etwa einer chemischen Reaktion. Denke, du solltest eine bestimmte Farbe ˇ“F” malen, die Farbe sie heiße “F”, und es ist die Farbe, welche man sieht, wenn sich die chˇemischen Substanzen …X und …Y miteinander verbinden. – Nimm an, die Farbe käme dir an einem Tag heller vor als an einem andern; würdest du da nicht unter Umständen sagen: “Ich muß mich irren, die Farbe ist gewiß die gleiche, wie gestern”? Das zeigt, daß wir uns dessen, was das Gedächtnis sagt, nicht immer als des obersten, inappellabeln, Schiedsspruchs bedienen.
     
57.
      “Etwas Rotes kann zerstört werden, aber Rot kann nicht zerstört werden, und darum ist die Bedeutung des Wortes ‘rot’ von der Existenz eines roten Dinges unabhängig.” – Gewiß, es hat keinen Sinn, zu sagen, die Farbe Rot (color, nicht pigmentum) werde zerrissen, oder zerstampft. Aber sagen wir nicht, “Die Röte verschwindet”? Und klammre dich nicht daran, daß wir sie uns vors geistige Auge rufen können, auch wenn es nichts Rotes mehr gibt! Dies ist nicht anders, als wolltest du sagen, daß es dann immer noch eine chemische Reaktion gäbe, die eine rote Flamme erzeugt. – Denn wie, wenn du dich nicht mehr an die Farbe erinnern kannst? – Wenn wir vergessen, welche Farbe es ist, die diesen Namen hat, so verliert er seine Bedeutung für
– 51 –
uns; d.h., wir können ein bestimmtes Sprachspiel nicht mehr mit ihm spielen. Und die Situation ist dann der zu vergleichen, daß das Paradigma, welches ein Mittel unserer Sprache war, verloren gegangen ist.
     
58.
      “Ich will ‘Name’ nur das nennen, was nicht in der Verbindung ‘X existiert’ stehen kann. – Und so kann man nicht sagen ‘Rot existiert’, weil, wenn es Rot nicht gäbe, von ihm überhaupt nicht geredet werden könnte.[2|] – Richtiger: Wenn “X existiert” soviel besagen soll, wie: “X” habe Bedeutung,– dann ist es kein Satz, der von X handelt, sondern ein Satz über unsern Sprachgebrauch, nämlich den Gebrauch des Wortes “X”.
      Es erscheint uns, als sagten wir damit etwas über die Natur von Rot: daß die Worte “Rot existiert” keinen Sinn ergeben. Es existiere eben ‘an und für sich’. Die gleiche Idee,– daß dies eine metaphysische Aussage über Rot ist,– drückt sich auch darin aus, daß wir etwa sagen, Rot sei zeitlos, und vielleicht noch stärker im Wort “unzerstörbar”.
      Aber eigentlich wollen wir eben nur “Rot existiert” auffassen, als Aussage: das Wort “Rot” hat Bedeutung. Oder vielleicht richtiger: “Rot existiert nicht”, als “‘Rot’ hat keine Bedeutung”. Nur wollen wir nicht sagen, daß jener Ausdruck das sagt, sondern daß er das sagen müßte, wenn er einen Sinn hätte. Daß er sich aber beim Versuch, das zu sagen, selbst widerspricht – da eben Rot ‘an und für sich’ sei. Während ein Widerspruch nur etwa darin liegt, daß der
– 52 –
Satz aussieht, als rede er von der Farbe, während er etwas über den Gebrauch des Wortes “rot” sagen soll. – In Wirklichkeit aber sagen wir sehr wohl, eine bestimmte Farbe existiere; und das heißt soviel wie: es existiere etwas, was diese Farbe hat. Und der erste Ausdruck ist nicht weniger exakt, als der zweite; besonders dort nicht, wo ‘das, was die Farbe hat’, kein physikalischer Gegenstand ist.
     
59.
      “Namen bezeichnen nur das, was Element der Wirklichkeit ist. Was sich nicht zerstören läßt; was in allem Wandel gleichbleibt.” – Aber was ist das? – Während wir den Satz sagten, schwebte es uns ja schon vor! Wir sprachen schon eine ganz bestimmte Vorstellung aus. Ein bestimmtes Bild, das wir verwenden wollen. Denn die Erfahrung zeigt uns diese Elemente ja nicht. Wir sehen Bestandteile von etwas Zusammengesetztem (eines Sessels z.B.). Wir sagen, die Lehne ist ein Teil des Sessels, aber selbst wiˇeder zusammengesetzt aus verschiedenen Hölzern; während ein Fuß ein einfacher Bestandteil ist. Wir sehen auch ein Ganzes, was sich ändert (zerstört wird) während seine Bestandteile unverändert bleiben. Dies sind die Materialien, aus denen wir jenes Bild der Wirklichkeit anfertigen.
     
60.
      Wenn ich nun sage: “Mein Besen steht in der Ecke”,– ist dies eigentlich eine Aussage über den Besenstiel und die Bürste des Besens? Jedenfalls könnte man doch die Aussage ersetzen durch eine, die die Lage des Stiels und die Lage der Bürste angibt. Und diese Aussage ist doch nun eine weiter an
– 53 –
analysierte Form der ersten. – Warum aber nenne ich sie “weiter analysiert”? – Nun, wenn der Besen sich dort befindet, so heißt das doch, es müssen Stiel und Bürste dort sein und in bestimmter Lage zueinander; und dies war früher gleichsam im Sinn des Satzes verborgen, und im analysierten Satz ist es ausgesprochen. Also meint der, der das sagt, der Besen stehe in der Ecke, eigentlich: der Stiel sei dort und die Bürste, und der Stiel stecke in der Bürste? – Wenn wir jemand fragten, ob er das meint, wurde er wohl sagen, daß er garnicht an den Besenstiel besonders, oder an die Bürste besonders, gedacht habe. Und das wäre die richtige Antwort, denn er wollte weder vom Besenstiel, noch von der Bürste besonders reden. Denke, du sagtest jemandem statt “Bring mir den Besen„? Besen“– Besen!”– “Bring mir den Besenstiel und die Bürste, die an ihm steckt!” – Ist die Antwort darauf nicht: “Willst du den Besen haben? Und warum drückst du das so sonderbar aus?”‒ ‒ Wird denn er den weiter analysierten Satz also besser verstehen? – Dieser Satz, könnte man sagen, leistet dasselbe, wie der gewöhnliche, aber auf einem umständlicheren Wege. – Denk Dir ein Sprachspiel, in dem jemandem Befehle gegeben werden, gewisse, aus mehreren Teilen zusammengesetzte, Dinge zu bringen, zu bewegen, oder dergleichen. Und zwei Arten es zu spielen: in der einen a) haben die zusammengesetzten Dinge (Besen, Stühle, Tische, etc.) Namen, die wie in (15); in der anderen b) erhalten nur die Teile Namen und das Ganze wird mit ihrer Hilfe beschrieben. – In wiefern ist denn ein
– 54 –
Befehl des zweiten Spiels eine analysierte Form eines Befehls des ersten? Steckt denn jener in diesem und wird nun durch Analyse herausgeholt? – Ja, der Besen wird zerlegt, wenn man Stiel und Bürste trennt; aber besteht darum auch der Befehl, den Besen zu bringen, aus entsprechenden Teilen?
     
61.
      “Aber du wirst doch nicht leugnen, daß ein bestimmter Befehl in (a) das Gleiche sagt, wie einer in (b); und wie willst du denn den zweiten nennen, wenn nicht eine analysierte Form des ersten.” – Freilich, ich würde auch sagen, ein Befehl in (a) habe den gleichen Sinn, wie einer in (b); oder, wie ich es früher ausgedrückt habe: sie leisten dasselbe. Und das heißt: Wenn mir etwa ein Befehl in (a) gezeigt und die Frage gestellt würde, “Welchem Befehl in (b) ist dieser gleichsinnig gleichbedeutend?”, oder auch, “Welche[m|n] Befehlen in (b) widerspricht er?”, so werde ich die Frage so und so beantworten. Aber damit ist nicht gesagt, daß wir uns über die Verwendung des Ausdrucks “den gleichen Sinn haben”, oder “dasselbe leisten” im Allgemeinen verständigt haben. Man kann nämlich fragen: In welchem Fall sagen wir: “Das sind nur zwei verschiedene Formen desselben Spiels”?
     
62.
      Denke etwa, der, dem du die Befehle in (a) und (b) gegeben werden, habe in einer Tabelle, welche Namen und Bilder ˇeinander zuordnet, nachzusehen, ehe er das Verlangte bringt. Tut er nun dasselbe, wenn er einen Befehl in (a) und den entsprechenden in (b) ausführt? – Ja und nein. Du kannst sagen: “Der Witz der beiden Befehle ist der gleiche”. Ich würde
– 55 –
hier dasselbe sagen. – Aber es ist nicht überall klar, was man den ‘Witz’ des Befehls nennen soll. (Ebenso kann man von gewissen Dingen sagen: ihr Zweck ist der und d der. Das Wesentliche ist, daß das eine Lampe ist, zur Beleuchtung dient ‒ ‒ daß sie das Zimmer schmückt, einen leeren Raum füllt, etc., ist nicht wesentlich. Aber nicht immer sind wesentlich und unwesentlich klar getrennt.) (Zusammenhang mit dem letzten Absatz im § in (43)).)
     
63.
      Der Ausdruck aber, ein Satz in (b) sei eine ‘analysierte’ Form eines in (a), verführt uns leicht dazu, zu meinen, jene Form sei die fundamentalere; sie zeige erst, was mit der andern, gemeint sei, etc.. Wir denken etwa: Wer nur die analysierte Form unanalysierte Form besitzt, dem geht die Analyse ab; wer aber die analysierte Form kennt, der besitze damit alles. – Aber kann ich n[ii|ic]ht sagen, daß diesem diesem ein Aspekt der Sache verloren geht, so wie jenem?
     
64.
      Denken wir uns das Spiel (48) dahin abgeändert, daß in ihm Namen nicht einfärbige Quadrate bezeichnen, sondern Rechtecke, die aus je zwei solchen Quadraten bestehen. Ein solches Rechteck, halb rot, halb grün, heiße “[u|U]”; ein Rechteck, halb grün, halb weiß, heiße “V”, etc.. Könnten wir uns nicht Menschen denken, die für solche Farbenkombinationen Namen hätten, aber nicht für die einzelnen Farben? Denk an die Fälle, in denen wir sagen: “Diese Farbenzusammenstellung (die französische Tricolore etwa) hat einen ganz besonderen Charakter.”
– 56 –
In wiefern sind die Zeichen dieses Sprachspiels einer Analyse bedürftig? Ja, in wieweit kann kann das Spiel durch (48) ersetzt werden? – Es ist eben ein anderes Sprachspiel; wenn auch mit (48) verwandt.
     
65.
      Hier stoßen wir auf die große Frage, die hinter allen diesen Betrachtungen steht. – Denn man könnte mir nun einwenden: “Du machst dir's leicht! Du redest von allen möglichen Sprachspielen, hast aber nirgends gesagt, was denn das Wesentliche des Sprachspiels, und der also der Sprache, ist. Was allen diesen Vorgängen gemeinsam ist und sie zur Sprache, oder zu Teilen der Sprache macht. Du schenkst dir also gerade den Teil der Untersuchung, der dir selbst seinerzeit das meiste Kopfzerbrechen gemacht hat, nämlich den, die allgemeine Form des Satzes und der Sprache betreffend.”
      Und das ist wahr. – Statt etwas anzugeben, was allem, was wir Sprache nennen, gemeinsam ist, sage ich, es ist diesen Erscheinungen garnicht Eines gemeinsam, weswegen wir für alle das gleiche Wort verwenden,– sondern sie sind mit einander in vielen verschiedenen Weisen verwandt. Und dieser Verwandtschaft, oder diesen Verwandtschaften wegen nennen wir sie alle “Sprachen”. Ich will versuchen, dies zu erklären.
     
66.
      Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir “Spiele” nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele u.s.w.. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag
– 57 –
nicht: “Es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ‘Spiele’” – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn, wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: denk nicht, sondern schau! – Schau z.B. die Brettspiele an, mit ihren mannigfachen Verwandtschaften. Nun geh zu den Kartenspielen über: hier findest du viele Entsprechungen zu mit jener ersten Klasse, aber viele gemeinsame Züge verschwinden, andere treten auf. Wenn du wir nun zu den Ballspielen übergehen, so bleibt manches Gemeinsame erhalten, aber vieles geht verloren. – Sind sie alle ‘unterhaltend’? Vergleiche Schach mit dem Mühlfahren. Oder gibt es überall ein Gewinnen und Verlieren, oder eine Konkurrenz der Spielenden? Denke an die Patiencen. In den Ballspielen gibt es Gewinnen und Verlieren; aber wenn ein Kind den Ball an die Wand wirft und wieder auffängt, so ist dieser Zug verschwunden. Schau, welche Rolle Geschick und Glück spielen. Und wie verschieden ist Geschick im Schachspiel und Geschick im Tennisspiel. Denk nun an die Reigenspiele: Hier ist das Element der Unterhaltung, aber wie viele der anderen Charakterzüge sind verschwunden! Und so können wir bloß durch die vielen, vielen anderen Gruppen von Spielen gehen. Ähnlichkeiten auftauchen und verschwinden sehen.
      Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander
– 58 –
übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen.
     
67.
      Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren, als durch das Wort “Familienähnlichkeiten”; denn so übergreifen und überkreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen den Gliedern einer Familie bestehen: Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. etc..– Und ich werde sagen: die ‘Spiele’ bilden eine Familie.
      Und ebenso bilden z.B. die Zk Zahlenarten eine Familie. Warum benennen wir etwas “Zahl”? Nun etwa, weil es eine – direkte – Verwandtschaft mit manchem hat, was man bisher Zahl genannt hat; und dadurch, kann man sagen, erhält es eine indirekte Verwandtschaft zu anderem, was wir auch so so nennen. Und wir dehnen unseren Begriff der Zahl aus, wie wir beim Spinnen eines Fadens Faser an Faser drehen. Und die Stärke des Fadens liegt nicht darin, daß ˇirgend eine Faser durch seine ganze Länge läuft, sondern darin, daß viele Fasern einander übergreifen.
      Wenn aber Einer sagen wollte: “Also ist allen diesen Gebilden etwas gemeinsam,– nämlich die Disjunktion aller dieser Gemeinsamkeiten”– so würde ich antworten: Hier spielst du nur mit einem Wort. Ebenso könnte man sagen: es läuft ein Etwas durch den ganzen Faden,– nämlich das lückenlose Übergreifen dieser Fasern.
     
68. .
      “Gut; so ist also der Begriff der Zahl für dich erklärt als die logische Summe jener einzelnen mit einander verwandten Begriffe: Kardinalzahl, Rationalzahl, reelle Zahl, etc.; und gleicherweise
– 59 –
gleicherweise der Begriff des Spiels als logische Summe entsprechen Teilbegriffe.”‒ ‒ Dies muß nicht sein. Denn ich kann so dem Begriff ‘Zahl’ feste Grenzen geben, d.h. das Wort “Zahl” zur Bezeichnung eines fest begrenzten Begriffes gebrauchen, aber ich kann es auch so so gebrauchen, daß der Um[g|f]ang des Begriffes nicht durch eine Grenze abgeschlossen ist. Und so verwenden wir ja das Wort “Spiel”. Wie ist denn der Begriff des Spiels abgeschlossen? Was ist noch ein Spiel und was ist keines mehr? Kannst du die Grenzen angeben? Nein. Du kannst welche ziehen: denn es sind noch keine gezogen. (Aber das hat dich noch nie gestört, wenn du das Wort “Spiel” angewendet hast.)
      “Aber dann ist ja die Anwendung des Wortes nicht geregelt; das ‘Spiel’, welches wir mit ihm spielen, ist nicht geregelt.”‒ ‒ Es ist nicht überall von Regeln begrenzt; [|a]ber es gibt ja auch keine Regel dafür, wie hoch man z.B., wie hoch man im Tennis den Ball werfen darf, oder wie stark, aber Tennis ist doch ein Spiel und es hat auch Regeln.
     
69.
      Wie würden wir denn jemandem erklären, was ein Spiel ist? Ich glaube, wir werden ihm Spiele beschreiben, und wir können könnten der Beschreibung hinzufäˇügen: “das, und Ähnliches, nennt man und Ähnliches, nennt man ‘Spiele’”. Und wissen wir selbst denn mehr? Können wir etwa nur dem Andern nicht genau sagen, was ein Spiel ist? – Aber das ist nicht Unwissenheit. Wir kennen die Grenzen nicht, weil keine gezogen sind. Wie gesagt, wir können – für einen besondern
¤
On page 60
   Jemand sagt mir: “Zeige den Kindern ein Spiel!” Ich lehre sie, um Geld würfel[|n], und der Andere sagt mir “Ich habe nicht so ein Spiel gemeint.” Mußte ihm da, als er mir den Befehl gab, der Ausschluß de[|s] Würfelspiels vorschweben?
– 60 –
Zweck – eine Grenze ziehen. Machen wir dadurch den Begriff erst brauchbar? Durchaus nicht! Es sei denn, für den diesen besondern Zweck. So wenig, wie der das Längenmaß ‘1 Schritt’ brauchbar machte, der die Definition gab: 1 Schritt = 75 cm. Und wenn du sagen willst “Aber vorher war es doch kein exaktes Längenmaß”, so antworte ich: gut, dann war es ein unexaktes. – Obgleich du mir noch die Definition der Exaktheit schuldig bist.
     

70.
      “Aber wenn der Begriff ‘Spiel’ auf diese Weise unbegrenz[s|t] ist, so weißt du ja eigentlich nicht, was du mit ‘Spiel’ meinst.”‒ ‒ Wenn ich die Beschreibung gebe: “Der Boden war ganz mit Pflanzen bedeckt”,– willst du sagen, ich weiß nicht, wovon ich rede, ehe ich nicht eine Definition der Pflanze geben kann?
      Eine Erklärung dessen, was ich meine, wäre etwa eine Zeichnung und die Worte “So ungefähr hat der Boden ausgesehen”. Ich sage vielleicht auch: “genau so hat er ausgesehen”. – Also waren genau diese Gräser und Blätter, in diesen Lagen, dort? Nein, das heißt es nicht. Und kein Bild würde ich, in diesem Sinne, als das genaue anerkennen.
     
     

71.
      Man kann sagen, der Begriff ‘Spiel’ ist ein Begriff mit verschwommenen Rändern. – “Aber ist ein verschwommener Begriff überhaupt ein Begriff?” – Ist eine unscharfe Photographie überhaupt ein Bild eines Menschen? Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe nicht oft gerade das, was wir brauchen?
– 61 –

      Frege vergleicht den Begriff mit einem Bezirk und sagt: einen unklar begrenzten Begriff Bezirk könne man überhaupt keinen Bezirk nennen. Das heißt wohl, wir können mit ihm nichts anfangen. – Aber ist es sinnlos zu sagen: “Halte dich ungefähr hier auf!”? Denk Dir, ich stünde mit einem Andern auf einem Platz und sagte dies. Dabei werde ich nicht einmal irgend eine Grenze ziehen, sondern etwa mit der Hand eine zeigende Bewegung machen – als zeigte ich ihm einen bestimmten Punkt. Und gerade so erklärt man etwa, was ein Spiel ist. Man gibt Beispiele und will, daß sie in einem gewissen Sinne verstanden werden. – Aber mit diesem Ausdruck meine ich nicht: er solle nun in diesen Beispielen das Gemeinsame sehen, welches ich – aus irgend einem Grunde – nicht aussprechen konnte. Sondern: er solle diese Beispiele nun in bestimmter Weise verwenden. Das Exemplifizieren ist hier nicht ein indirektes Mittel der Erklärung,– in Ermanglung eines Bessern. – Denn, mi[s|ß]verstanden kann auch jede allgemeine Erklärung werden. So spielen wir eben das Spiel. (Ich meine das Sprachspiel mit dem Worte “Spiel”.)
     
72.
      Das Gemeinsame sehen. Nimm an, ich zeige jemand verschiedene bunte Bilder, und sage: “Die Farbe, die du in allen siehst, heißt ‘Ocker’.” – Das ist eine Erklärung, die verstanden wird, indem der Andere aufsucht und sieht, was jenen Bildern gemeinsam ist. Er kann dann auf das Gemeiname blicken, darauf zeigen.
      Vergleiche damit: Ich zeige ihm Figuren verschiedener
– 62 –
Form, alle in der gleichen Farbe gemalt und sage: “Was diese mit einander gemein haben, heißt ‘Ocker’”.
      Und vergleiche damit: Ich zeige ihm Muster verschiedener Schatˇtierungen von Blau und sage: “Die Farbe, die allen gemeinsam ist, nenne ich ‘Blau’”.
     
73.
      Wenn Einer mir die Namen der Farben erklärt, indem er auf Muster zeigt und sagt: “Diese Farbe heißt ‘Blau’, diese ‘Grün’, … ”, so kann dieser Fall in vieler Hinsicht dem verglichen werden, daß er mir eine Tabelle an die Hand gibt, in der unter den Mustern von Farben die Wörter stehen dem Muster einer Farbe ein Wort steht. – Wenn auch dieser Vergleich in mancher Weise irreführen kann. – Man ist nun geneigt, den Vergleich auszudehnen: Die Erklärung verstanden haben, heißt, einen Begriff des Erklärten im Geiste besitzen, und d.i. ein Muster, oder Bild. Zeigt man mir nun verschiedene Blätter und sagt “Das nennt man ‘Blatt’”, so erhalte ich einen Begriff der Blattform, ein Bild von ihr im Geiste. – Aber wie schaut, denn das Bild eines Blattes aus, das keine bestimmte Form zeigt, sondern ‘das, was allen Blattformen gemeinsam ist’? Welchen Farbton hat das ‘Muster in meinem Geiste’ der Farbe Grün – dessen, was allen Tönen von Grün gemeinsam ist?
      “Aber könnte es nicht solche ‘allgemeine’ Muster geben? Etwa ein Blattschema, oder ein Muster von reinem Grün.” – Gewiß! Aber, daß dieses Schema als Schema verstanden wird, und nicht als die Form eines bestimmten Blattes, und daß ein Täfelchen von reinem Grün als Muster alles dessen ver-
– 63 –
standen wird, was grünlich ist und nicht als Muster für reines Grün – das liegt wieder in der Art der Anwendung dieser Muster.
      Frage dich: Welche Gestalt muß das Muster der Farbe Grün haben. Soll es viereckig sein? Oder würde es dann das Muster für grüne Vierecke sein? – Soll es also ‘unregelmäßig’ geformt sein? Und was verhindert uns, es dann nur als Muster der unregelmäßigen Form anzusehen – d.h. zu verwenden?
     
74.
      Hierher gehört auch der Gedanke, daß der, welcher dieses Blatt als Muster ‘der Blattform im allgemeinen’ sieht ansieht, es anders sieht, als der, welcher es etwa als Muster für diese bestimmte Form betrachtet. Nun, das könnte ja so sein – obwohl es nicht so ist –, denn es würde nur besagen, daß erfahrungsgemäß der, welcher das Blatt in bestimmter Weise sieht, es dann so und so, oder den und den Regeln gemäß, verwendet. Es gibt natürlich wohl ein so und anders Sehen; und es gibt auch Fälle, in denen der, der ein Muster so sieht, es im allgemeinen in dieser Weise verwenden wird, und wer es anders sieht, in anderer Weise. Wer, z.B., die schematische Zeichnung eines Würfels als ebene Figur sieht, bestehend aus einem Quadrat und zwei Rhomben, der wird den Befehl “Bringe mir so etwas!” vielleicht anders ausführen, als der, welcher das Bild räumlich sieht.
     
75.
      Was heißt es: wissen, was ein Spiel ist? Was heißt es, es wissen und es nicht sagen können? Ist dieses Wissen irgendein Aequivalent einer nicht ausgesprochenen Definition? So daß,
– 64 –
wenn sie ausgesprochen würde, ich sie als den Ausdruck meines Wissens anerkennen könnte? Ist nicht mein Wissen, mein Begriff vom Spiel, ganz in den Erklärungen ausgedrückt, die ich ˇgeben könnte? Nämlich darin, daß ich Beispiele von Spielen verschiedener Art beschreibe; zeige, wie man nach Analogie dieser auf alle möglichen Arten andere Spiaele konstruieren kann; sage, daß ich das und das wohl kaum mehr ein Spiel nennen würde; und dergleichen mehr.
     
76.
      Wenn Einer eine scharfe Grenze zöge, so könnte ich sie nicht als die anerkennen, die ich auch schon immer ziehen wollte, oder im Geist gezogen habe. Denn ich wollte gar keine ziehen. Man kann dann sagen: sein Begriff ist nicht der gleiche wie der meine, aber ihm verwandt. Und die Verwandtschaft ist die, zweier Bilder, deren eines aus unscharf begrenzten Farbflecken, das andere aus ähnlich geformten und verteilten, aber scharf begrenzten, besteht. Die Verwandtschaft ist dann ebenso unleugbar, wie die Verschiedenheit.
     
77.
      Und wenn wir diesen Vergleich noch etwas weiter führen, so ist es klar, daß der Grad, bis zu welchem das scharfe Bild dem verschwommenen ähnlich sein kann, vom Grade der Unschärfe dieses des zweiten abhängt. Denn denk dir, du solltest zu einem verschwommenen Bild ein ihm ‘entsprechendes’ scharfes entwerfen. In jenem ist ein unscharfes rotes Rechteck; du setzt dafür ein scharfes. Freilich – es ließen sich ja mehrere solche scharfe Rechtecke ziehen, die dem unscharfen entsprächen. – Wenn aber im Original die Farben ohne die Spur einer Grenze
– 65 –
ineinanderfließen,– wird es dann nicht eine hoffnungslose Aufgabe werden, ein dem verschwommenen entsprechendes scharfes Bild zu zeichnen? Wirst du dann nicht sagen müssen: “Hier könnte ich ebenso gut einen Kreis, wie ein Rechteck, oder eine Herzform zeichnen; es fließen ja alle Farben durcheinander. Es stimmt alles – und nichts.”‒ ‒ Und in dieser Lage befindet sich z.B. der, der in der Aesthetik, oder Ethik nach Definitionen sucht, die unsern unseren Begriffen entsprechen.
      Frage dich in dieser Schwierigkeit immer: Wie haben wir denn die Bedeutung dieses Wortes (“gut” z.B.) gelernt? An was für Beispielen; in welchen Sprachspielen? Du wirst dann leichter sehen, daß das Wort eine Familie von Bedeutungen haben muß.
     
78.
      Vergleiche: wissen und sagen:
               [W|w]ieviele m hoch der Mont-Blanc ist –
               wie das Wort “Spiel” gebraucht wird –
               wie eine Klarinette klingt.
Wer sich wundert, daß man etwas wissen könne, und nicht sagen, denkt vielleicht an einen Fall wie den ersten. Gewiß nicht an einen, wie den dritten.
     
79.
      Betrachte dieses Beispiel: Wenn man sagt, “Moses hat nicht existiert”, so kann das Verschiedenerlei bedeuten. Es kann heißen: die Israeliten haben nicht einen Führer gehabt, als sie aus Ägypten ausgezogen sind auszogen ‒ ‒ oder: ihr Führer hat nicht Moses geheißen ‒ ‒ oder: es kann hat keinen Menschen gegeben, der alles das vollbracht hat, was die Bibel
– 66 –
von Moses berichtet ‒ ‒ etc. etc..– Nach Russell können wir sagen: der Name “Moses” kann durch verschiedene Beschreibungen definiert werden. Z.B. als: “der Mann, welcher die Isrraeliten durch die Wüste geführt hat”, “der Mann, welcher zu dieser Zeit und an diesem Ort gelebt hat und damals ‘Moses’ genannt wurde”, “der Mann, welcher als Kind von der Tochter Pharaos aus dem Nil gezogen wurde”, etc.. Und je nachdem wir die eine, oder die andere Definition anˇnehmen, bekommt der Satz “Moses hat existiert” einen andern Sinn, und ebenso jeder andere Satz, der von Moses handelt. – Und wenn man uns sagt, “N hat nicht existiert”, fragen wir auch: “Was meinst du? Willst du sagen, daß … , oder daß … , etc.?”
      Aber wenn ich nun eine Aussage über Moses mache; bin, – bin ich immer bereit, irgend eine dieser Beschreibungen für “Moses” zu setzen? Ich werde etwa sagen: Unter “Moses” verstehe ich den Mann, der getan hat, was die Bibel von Moses berichtet, oder doch vieles davon. Aber wievieles? Habe ich mich entschieden, wieviel sich als falsch erweisen muß, damit ich meinen Satz als falsch aufgebe? Hat also der Name “Moses” für mich einen festen und eindeutig bestimmten Gebrauch in allen möglichen Fällen? – Ist es nicht so, daß ich sozusagen eine ganze Reihe von Stützen in Bereitschaft habe, und bereit bin, mich auf eine zu stützen, wenn mir die andere entzogen werden sollte, und umgekehrt? ‒ ‒ Betrachte noch einen andern Fall. Wenn ich sage “N ist gestorben”, so kann es mit der Bedeutung des Namens “N”etwa diese Bewandtnis haben: Ich glaube,
– 67 –
daß ein Mensch gelebt hat, den ich (1) dort und dort gesehen habe, der (2) so und so ausgeschaut hat (Bilder), (3) das und das getan hat und (4) in der bürgerlichen Welt diesen Namen “N” führt. – Gefragt, was ich unter “N” verstehe, würde ich alles das, oder einiges davon, und bei verschiedenen Gelegenheiten Verschiedenes, aufzählen. Meine Definition von “N” wäre also etwas: “der Mann, von dem alles das das alles stimmt”. – Aber wenn sich nun etwas davon als falsch erwiese! – Werde ich berreit sein, den Satz “N ist gestorben” für falsch zu erklären, – auch wenn nur etwas mir nebensächlich scheinendes sich als falsch herausstellt? Wo aber ist die Grenze des Nebensächlichen? – Hätte ich in so einem Fall eine Erklärung des Namens gegeben, so wäre ich nun bereit, sie abzuändern.
      Und das kann man so ausdrücken: Ich gebrauche den Namen “N” ohne feste Bedeutung. (Aber das tut seine[|m] Gebrauch so wenig Eintrag, wie dem eines Tisches, daß er auf vier Beinen ruht, statt auf dreien und daher unter Umständen wackelt.) Soll man sagen
      Soll man sagen, ich gebrauche ein Wort, dessen Bedeutung ich nicht kenne, rede also Unsinn? – Sage, was du willst, solange dich das nicht hindert verhindert, zu sehen, wie es sich verhält. (Und wenn du das siehst, wirst du manches nicht sagen.)
      (Das Schwanken wissenschaftlicher Definitionen: [w|W]as heute als erfahrungsmäßige Begleichterscheinung des Sachverhaltes // Phänomens // A gilt, wird morgen zur Definition
– 68 –
von “A” benützt.)
     
80.
      Ich sage: “Dort steht ein Sessel”. Wie, wenn ich hingehe und ihn holen will und er entschwindet plötzlich meinem Blick? ‒ ‒ “Also war es kein Sessel, sondern irgend eine Täuschung.”‒ ‒ Aber in ein paar Sekunden sehen wir ihn wieder und können ihn angreifen, etc..‒ ‒ “Also war der Sessel doch da und sein Verschwinden war irgend eine Täuschung.”‒ ‒ Aber nimm an, nach einer Zeit verschwindet er wieder,– oder scheint zu verschwinden. Was sollen wir nun sagen? Hast du für solche Fälle Regeln bereit,– die sagen, ob man so etwas noch “Sessel” nennen darf? Aber gehen sie uns beim Gebrauch des Wortes “Sessel” ab; und sollen wir sagen, daß wir mit diesem Wort eigentlich keine Bedeutung verbinden, da wir nicht für alle Möglichkeiten seiner Anwendung mit Regeln versehen ausgerüstet sind?
     
81.
      F. P. Ramsey hat einmal im Gespräch mit mir betont, die Logik sei eine “normative Wissenschaft”. Genau welche Idee ihm dabei vorgeschwebt hat vorgeschwebte, weiß ich nicht; sie war aber zweifellos eng verwandt mit der, die mir erst später aufgegangen ist: daß wir nämlich in der Philosophie den Gebrauch der Wörter oft mit Spielen, Kalkülen nach festen Regeln, vergleichen, aber nicht sagen können, wer die Sprache gebraucht, müsse ein solches Spiel spielen. ‒ ‒ Sagt man nun aber, daß unser sprachlicher Ausdruck sich solchen Kalkülen nur nähert, so steht man damit unmittelbar am Rande eines Misverständnisses. Denn so kann es scheinen, als redeten wir in der Logik von einer idealen
– 69 –
Sprache. Als wäre unsre Logik eine Logik, gleichsam, für den luftleeren Raum. Während die Logik doch nicht von der Sprache – bezw. vom Denken – handelt in dem Sinne, wie eine Naturwissenschaft von einer Naturerscheinung, und man höchstens sagen kann, wir konstruierten ideale Sprachen. Aber hier wäre das Wort “ideal” irreführend, denn es schiene also, das klingt als wären diese Sprachen besser, vollkommener, als unsere Umgangssprache; und als brauchte es den Logiker, damit er den Menschen endlich zeigt, wie ein richtiger Satz ausschaut.
      All das kann aber erst dann im rechten Licht erscheinen, wenn manch wir ˇman über die Begriffe Ideen des Verstehens, Meinens und Denkens ˇgrößere Klarheit gewonnen haben. Denn dann wird auch klar werden, was ˇuns dazu verleiten kann (ˇund mich verleitet hat) zu denken, daß, wer einen Satz ausspricht und ihn meint, oder versteht, damit einen Kalkül betreibt, nach bestimmten Regeln.1
     
82.
      Was nenne ich die ‘Regel, nach der er vorgeht’? – Die Hypothese, die seinen Gebrauch der Worte, den wir beobachten, zufriedenstellend beschreibt; oder die Regel, die er beim Gebrauch der Zeichen nachschlägt; oder, die er uns zur Antwort gibt, wenn wir ihn ihn nach seiner Regel fragen? – Wie aber, wenn die Beobachtung keine Regel klar erkennen läßt, und die Frage keine zu Tage fördert? – Denn er gab mir zwar auf meine Frage, was er unter “N” verstehe, eine Erklärung, war aber bereit, diese Erklärung zu widerrufen und abzuändern. – Wie soll ich also die Regel bestimmen, nach der er spielt? Er
– 70 –
weiß sie selbst nicht. Oder richtiger: Was soll der Ausdruck “Regel, nach welcher er vorgeht” hier noch besagen?
     
83.
      Steckt uns da nicht die Analogie der Sprache mit dem Spiel ein Licht auf? Wir können uns doch sehr wohl denken, daß sich Menschen auf einer Wiese damit unterhielten, mit einem Ball zu spielen, so zwar, daß sie verschiedene bestehende Spiele anfingen, manche nicht zu Ende spielten, dazwischen den Ball planlos in die Höhe würfen, einander ˇim Scherz mit dem Ball nachjagen und bewerfen, etc.. Und nun sagte Einer: Die ganze Zeit hindurch spielen die Leute ein Ballspiel, und richten sich daher bei jedem Wurf nach bestimmten Regeln.
      Und gibt es nicht auch den Fall, wo wir spielen und – ‘make up the rules as we go along’? Ja auch den, in welchem wir sie abändern – as we go along.
     
84.
      Ich sagte von der Anwendung eines Wortes: sie sei nicht überall von Regeln begrenzt. Aber wie schaut denn ein Spiel aus, das überall von Regeln begrenzt ist? dessen Regeln keinen Zweifel eindringen lassen; ihm alle Löcher verstopfen? – Können wir uns nicht eine Regel denken, die die Anwendung der Regel regelt? Und einen Zweifel, den jene Regel behebt,– und so fort?
      Aber das sagt nicht, daß wir zweifeln, weil wir uns einen Zweifel denken können. Ich ˇkann mir sehr wohl denken, daß jemand jedesmal vor dem Öffnen seiner Haustüre zweifelt, ob sich hinter ihr nicht ein Abgrun[g|d] aufgetan hat; und daß er sich darüber vergewissert, eh er durch die Tüt tritt (und
– 71 –
es kann sich einamal erweisen, daß er recht hatte) – aber deswegen zweifle ich im gleichen Falle doch nicht.
     
85.
      Eine Regel steht da, wie ein Wegweiser. – Läßt er keinen Zweifel offen über den Weg, den ich zu gehen habe? Zeigt er, in welcheˇr Richtung ich gehen soll, wenn ich an ihm vorbei bin; ob der Straße nach, oder dem Feldweg, oder querfeldein? Aber wo steht, in welchem Sinne ich ihm zu folgen habe; ob in der Richtung der Hand, oder z.B. (z.B.) in der entgegengesetzten? – Und wenn statt eines Wegweisers eine geschlossene Kette von Wegweisern stünden, oder Kreidestriche auf dem Boden liefen,– gibt es für sie nur eine Deutung? – Also kann ich sagen, der Wegweiser läßt doch keinen Zweifel offen. Oder vielmehr: Er läßt manchmal einen Zweifel offen, manchmal nicht. Und dies ist nun keine philosophischer Satz mehr, sondern ein Erfahrungssatz.
     
86.
      Ein Sprachspiel wie ((2), werde mit Hilfe einer Tabelle gespielt. Die Zeichen, die A dem B gibt, seien nun Schriftzeichen. B hat eine Tabelle; in der ersten Spalte stehen die Schriftzeichen, die im Spiel gebraucht werden, in der zweiten, Bilder von Bausteinformen. A zeigt dem B ein solches Schriftzeichen; B sucht es in der Tabelle auf, blickt auf das gegenüberliegende Bild, etc.. Die Tabelle ist also eine Regel, nach der er sich beim Ausführen der Befehle richtet. – Das Aufsuchen des Bildes in der Tabelle lernt man durch Abrichtung, und ein Teil dieser Abrichtung besteht etwa darin, daß der Schüler lernt, in der Tabelle mit dem Finger horizontal von links nach
– 72 –
rechts zu fahren; also lernt, sozusagen, eine Reihe horizontaler Striche zu ziehen.
      Denk Dir, es würden nun verschiedene Arten eingeführt, eine Tabelle zu lesen; nämlich einmal, wie oben, nach dem Schema:
ein andermal nach diesem Schema:
oder einem andern. – So ein Schema werde der Tabelle beigefügt als Regel, wie sie zu gebrauchen sei.
      Können wir uns nun nicht weitere Regeln zur Erklärung dieser vorstellen? und war anderseits jene erste Tabelle unvollständig ohne das Schema der Pfeile? Und sind es die anderen ohne ihr Schema?
     
87.
      Nimm an, ich erkläre: “Unter ‘Moses’ verstehe ich den Mann, wenn es einen solchen gegeben hat, der die Israeliten aus Ägypten geführt hat, wie immer er damals geheißen hat und was immer er sonst getan, oder nicht getan haben mag”. – Aber über die Wörter dieser Erklärung sind ähnliche Zweifel möglich, wie die über den Namen “Moses” (was nennst du “Ägypten”, wen “die Israeliten”, etc.?). Ja, diese Fragen kommen auch nicht zu einem Ende, wenn wir bei Wörtern wie “rot”, ”dunkel”, “süß”, angelangt wären. ‒ ‒ “Aber wie hilft mir dann eine Erklärung zum Verständnis, wenn sie doch nicht die letzte
– 73 –
ist? Die Erklärung ist dann ja nie beendet; ich verstehe also noch immer nicht, und nie, was er meint!” – Als hinge eine Erklärung, gleichsam, in der Luft, wenn nicht eine andere sie stützte. Während eine Erklärung zwar auf einer andern, die man gegeben hat, ruhen kann, aber keine einer anderen bedarf – es sei denn, daß wir sie benötigen, um ein Mi[s|ß]verständnis zu vermeiden. Man könnte sagen: Eine Erklärung dient dazu, ein Mi[s|ß]verständnis zu beseitigen, oder zu verhüten ‒ ‒ also eines, das ohne die Erklärung eintreten würde; aber nicht: jedes, welches ich mir vorstellen kann.
      Es kann leicht so scheinen, als zeigte jeder Zweifel nur eine vorhandene Lücke im Fundament; so daß ein sicheres Verständnis nur dann möglich ist, wenn wir zuerst an allem zweifeln, woran gezweifelt werden kann, und dann alle diese Zweifel beheben.
88.

      Der Wegweiser ist in Ordnung,– wenn er, unter normalen Verhältnissen, seinen Zweck erfüllt.
     
88.
Wenn ich Einem sage “Halte dich ungefähr hier auf!” – kann denn diese Erklärung nicht vollkommen funktionieren? Und kann jede andere nicht auch versagen?
      “Aber ist die Erklärung nicht doch unexakt?” – Doch; warum soll man sie nicht “unexakt” nennen? Verstehen wir aber nur, was “unexakt” bedeutet! Denn es bedeutet nun nicht “unbrauchbar”., sonst müßte es heißen Und überlegen wir uns doch, was wir, im Gegensatz zu dieser Erklärung, eine “exakte” Erklärung nennen! Etwa die, in welcher das Abgrenzen eines Be-
– 74 –
zirks durch einen Kreidestrich? Da fällt uns gleich ein, daß der Strich eine Breite hat. Exakter wäre also eine Farbgrenze. Aber hat denn diese Exaktheit hier noch eine Funktion; läuft sie nicht leer? Und wir haben ja auch noch nicht bestimmt, was als Überschreiten dieser scharfen Grenze gelten soll; wie, mit welchen Instrummenten, es festzustellen ist. U.s.w..
      Wir verstehen, was es heißt: eine Taschenuhr auf die genaue Stunde stellen, oder, sie richten, daß sie genau geht. Wie aber, wenn man fragte: Ist diese Genauigkeit eine ideale Genauigkeit, oder wie weit nähert sie sich ihr? – wir können freilich von Zeitmessungen reden, bei welchen es eine andere und, wie wir sagen würden, größere Genauigkeit gibt, als bei der Zeitmessung mit der Taschenuhr. Wo die Wortte “die Uhr auf die genaue Stunde stellen” eine andere, wenn auch verwandte, Bedeutung haben, und ‘die Uhr ablesen’ ein anderer Vorgang ist, etc..– Wenn ich nun jemandem sage: “Du solltest pünktlicher zum Essen kommen; du weißt, daß es genau um ein Uhr anfängt”– ist hier von Genauigkeit eigentlich nicht die Rede? weil man sagen kann: “Denk an die Zeitbestimmung im Laboratorium, oder auf der Sternwarte; da da | da da s[|i]ehst du, was ‘Genauigkeit’ bedeutet.”
      “Unexakt”, das ist eigentlich ein Tadel, und “exakt” ein Lob. Und das heißt doch: das Unexakte erreicht sein Ziel nicht so vollkommen, wie das Exaktere. Da kommt es also auf das an, was wir “das Ziel” nennen. Ist es unexakt, wenn ich
– 75 –
den Abstand der Sonne von uns nicht auf 1 m genau angebe; und wenn ich dem Tischler die Breite des Tisches nicht auf 0,001 mm?
      Ein Ideal der Genauigkeit ist nicht vorgesehen; wir wissen nicht, was wir uns darunter vorstellen sollen – es sei denn, du selbst setzt fest, was so genannt werden soll. Aber es wird dir schwer werden, so eine Festsetzung zu treffen; eine, die dich befriedigt.
     
89.
      Wir stehen mit diesen Überlegungen an dem Ort, wo das Problem steht: In wiefern ist die Logik etwas Sublimes?
      Denn es schien, daß ihr eine besondere Tiefe – allgemeine Bedeutung – zukomme. Sie liege, so schien es, am Grunde aller Wissenschaften. – Denn die logische Betrachtung erforscht das Wesen aller Dinge. Sie will den Dingen auf den Grund sehen, und soll sich nicht um das So oder So des tatsächlichen Geschehens kümmern. ‒ ‒ Sie entspringt nicht einem Interesse für Tatsachen des Naturgeschehens, noch dem Bedürfnisse, kausale Zusammenhänge zu erfassen. Sondern einem Streben, das Fundament, oder Wesen, alles Erfahrungsmäßigen zu verstehen. Nicht aber, als sollten wir dazu neue Tatsachen aufspüren: es ist vielmehr für unsere Untersuchung wesentlich, daß wir nichts Neues mit ihr lernen wollen. Wir wollen etwas verstehen, was schon offen vor unsern Augen liegt. Denn das scheinen wir, in irgend einem Sinne, nicht zu verstehen.
      Augustinus (Conf. XI/14): “quid est ergo tempus? si
– 76 –
nemo ex me quaerat scio; si quaerenti explicare velim, nescio.” – Dies könnte man nicht von einer Frage der Naturwissenschaft sagen (z.B.: wie groß ist das etwa der nach dem Gewicht spezifischeˇn Gewicht des Wasserstoffs?). Das, was man weiß, wenn uns niemand fragt, aber nicht mehr weiß, wenn wir es erklären sollen, ist etwas, worauf man sich besinnen muß. (Und offenbar etwas, worauf man sich aus irgendeinem Grunde schwer besinnt.)
     
90.
      Es ist uns, als müßten wir die Erscheinungen durchschauen: unsere Untersuchung aber richtet sich nicht auf die Erscheinungen, sondern, wie man sagen könnte, auf die ‘Möglichkeiten’ der Erscheinungen. Wir besinnen uns, heißt das, auf die Art der Aussagen, die wir über die Erscheinungen machen. Daher besinnt sich auch Augustinus auf die verschiedenen Aussagen, die man über die Dauer von Ereignissen, über ihre Vergangenheit, Gegenwart, oder Zukunft macht. (Dies sind natürlich nicht philosophische Aussagen über die Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.)
      Unsere Betrachtung ist daher eine grammatische. Und diese Betrachtung bringt nLicht in unser Problem, indem sie Mi[s|ß]verständnisse wegräumt. Mi[s|ß]verständnisse nämlich, welche die den Gebrauch der Wörter unserer Sprache betreffen von Worten und , hervorgerufen sind ˇunter anderem durch ˇgewisse Analogien, welche zwischen unseren den Ausdrucksformen ˇin verschiedenen Gebieten der Sprache // in verschiedenen Gebiebten unserer Sprache // bestehen. – Und diese Mißverständnisse kannn man dadurch beseitigen, indem daß eine man gewisse Ausdrucksformen durch
– 77 –
eine andere ersetzt; dies kann man ein “Analysieren” unsrer Ausdrucksformen nennen, denn der Vorgang hat manchmal Ähnlichkeit mit dem eine[r|m] Zerlegungen.
     
91.
      Nun aber kann es den Anschein gewinnen, als gäbe es so etwas, wie eine letzte Analyse unserer Sprachformen, also eine vollkommen zerlegte Form des Ausdrucks. D.h.: als seien unsere gebräuchlichen Ausdrucksformen, wesentlich, noch unanalysiert; als sei in ihnen etwas verborgen, was ans Licht zu befördern, ist. Ist dies geschehen, so sei der Ausdruck damit vollkommen geklärt und unsre Aufgabe gelöst.
      Man kann das auch so sagen: Wir beseitigen Misverständnisse, indem wir unsern Ausdruck exakter machen: aber es kann nun so scheinen, als ob wir einem bestimmten Zustand, der vollkommenen Exaktheit, zustreben; und als wäre das das eigentliche Ziel unserer Untersuchung.
     
92.
      Dies drückt sich aus in der Frage nach dem Wesen der Sprache, des Satzes, des Denekn Denkens. – Denn wenn wir auch in unsern Untersuchungen das Wesen der Sprache – ihre Funktion, ihren Bau – zu verstehen trachten, so ist es doch nicht das, was diese Frage im Auge hat. Denn sie sieht in dem Wesen nicht etwas, was schon offen zutage liegt und was durch Ordnen übersichtlich wird. Sondern etwas, was unter der Oberfläche liegt. Etwas, was im Innern liegt, was wir sehen, wenn wir die Sache durchschauen, und was eine Analyse hervorgraben soll.
      ‘Das Wesen ist uns verborgen’:
– 78 –
das ist die Form, die unser Problem nun annimmt. Wir fragen: “Was ist die Sprache?”, “Was ist der Satz?”. Und die Antwort auf diese Fragen ist ein für allemal zu geben; und unabhängig von jeder künftigen Erfahrung.
     
93.
      Einer könnte sagen: “Ein Satz, das ist das Alltäglichste von der Welt:”, und der Andre: “Ein Satz – das ist etwas sehr merkwürdiges!”‒ ‒ Und dieser kann nicht: einfach nachschaun, wie Sätze funktionieren. Weil die Formen unserer Ausdrucksweise, die Sätze und das Denken betreffend, ihm im Wege stehen.
      Warum sagen wir, der Satz sei etwas Merkwürdiges? Einerseits, wegen der ungeheuren Bedeutung, die ihm zukommt. (Und das ist richtig.) Anderseits verführt uns diese Bedeutung und Mi[s|ß]verständnisse ein Mi[s|ß]verstehen der Sprachlogik dazu, daß wir meinen, der Satz müsse etwas Außerordentliches, ja Einzigartiges, leisten. – Durch ein Misverständnis erscheint es uns, als tue der Satz etwas Seltsames.
     
94.
      ‘Der Satz, ein merkwürdiges Ding!’: darin liegt schon die Sublimierung der ganzen Darstellung. Die Tendenz, ein reines Mittelwesen anzunehmen zwischen dem Satzzeichen und den Tatsachen. Oder auch das Satzzeichen selber reinigen, sublimieren, zu wollen. – Denn, dass es mit gewöhnlichen Dingen zugeht, das zu sehen, verhindern uns auf mannigfache Weise unsere Ausdrucksformen, indem sie uns auf die Jagd nach Chimären schicken.
     
95.
      Oder: “Denck “Denken muß etwas Einzigartiges sein.” Wenn wir sagen, meinen, daß es sich so und so verhält,-
– 79 8–
hält, so hal[z|t]en wir mit dem, was wir meinen, nicht irgendwo vor der Tatsache; : sondern meinen, daß das und das – so und so – ist ist. – Man kann aber dieses Paradox (welches ja die Form einer Selbstverständlichkeit hat) auch so ausdrücken: Man kann denken, was nicht der Fall ist.
     
96.
      Der besondern Täuschung, die hier gemeint ist, schließen sich, von verschiedenen Seiten, andere an. Das Denken, die Sprache, erscheint uns nun als das einzigartige Korrelat, Bild, der Welt. Die Begriffe: Satz, Sprache, Denken, Welt stehen in einer Reihe hintereinander, jeder dem andern äquivalent. (Wozu aber sind diese Wörter nun zu brauchen? Es fehlt das Sprachspiel, das mit ihnen zu spielen ist worin sie anzuwenden sind.)
     
97.
      Das Denken ist mit einem Nimbus umgeben. – Sein Wesen, die Logik, stellt eine Ordnung dar, und zwar die Ordnung a priori der Welt, d.i. die Ordnung der Möglichkeiten, die Welt und Denken gemeinsam sein muß. Diese Ordnung aber, scheint es, muß höchst einfach sein. Sie ist vor aller Erfahrung; muß sich durch die ganze Erfahrung hindurchziehen; ihr selbst darf keine erfahrungsmäßige Trübe oder Unsicherheit anhaften. ‒ ‒ Sie muß vielmehr vom reinsten Kristall sein. Dieser Kristall aber erscheint nicht als eine Abstraktion, sondern als etwas Konkretes, ja als das Konkreteste, gleichsam Härteste. (Log. Phil. Abh. 5.5563.
      Wir sind in der Täuschung, das Besondere, Tiefe, das uns Wesentliche unserer Untersuchung liege darin, daß sie das
– 80 –
unvergleichliche Wesen der Sprache zu begreifen trachtet. D.i., die Ordnung, die zwischen den Begriffen des Satzes, Wortes, Schließens, der Wahrheit, der Erfahrung, u.s.w. besteht. Diese Ordnung ist eine Über-Ordnung zwischen – sozusagen – Über-Begriffen. Während ja doch die Worte “Sprache”, “Erfahrung”, “Welt”, wenn sie eine Verwendung haben, eine so niedrige haben müssen, wie die Worte “Tisch”, “Lampe”, “Tür”.
     
98.
      Einerseits ist klar, daß jeder Satz unsrer Sprache ‘in Ordnung ist, wie er ist’. D.[H|h]., daß wir nicht ein Ideal anstreben: Als hätten unsere gewöhnlichen, vagen Sätze noch keinen ganz untadelhaften reinen Sinn und eine vollkommene Sprache wäre von uns erst zu konstruieren. – Anderseits scheint es klar: Wo Sinn ist muß vollkommene Ordnung sein. ‒ ‒ Also muß die vollkommene Ordnung auch im vagsten Satze stecken.
     
99.
      Der Sinn des Satzes – möchte man sagen – kann freilich dies oder das offen lassen, aber der Satz muß doch einen bestimmten Sinn haben.– – Oder: Ein unbestimmter Sinn,– das wäre eigentlich gar kein Sinn. – Das ist, als sagte man: wie Eine unscharfe Begrenzung, das ist eigentlich gar keine Begrenzung. Man denkt da etwa so: Wenn ich sage: “ich habe den Mann fest im Zimmer eingeschlossen – nur eine Tür ist offen geblieben”, so habe ich ihn eben gar nicht eingeschlossen[; e|. E]r ist nur zum Schein eingeschlossen. Man wäre geneigt, hier zu sagen: “also hast du damit garnichts getan”. Eine Umgrenzung, die ein Loch hat – möchte man sagen – ist so gut, wie gar keine. Aber ist das denn wahr?
– 81 –

Betrachte auch diesen Satz: “Die Regeln eines Spiels können uns wohl eine gewissen Freiheit lassen, aber sie müssen doch ganz bestimmte Regeln sein.” Das ist, als sagte man “Du kannst zwar einem Menschen durch vier Wände eine gewisse Bewegungsfreiheit lassen, aber die Wände müssen vollkommen starr sein” . Und sage ich: das ist nicht wahr , so ist die Antwort “Nun die Wände können wohl elastisch sein, aber dann haben sie eine ganz bestimmte Elastizität.” –
     
100.
      “Es ist doch ein kein Spiel, wenn es eine Vagheit in den Regeln gibt.” – Aber ist es dann kann kein Spiel? – “Ja, vielleicht wirst du es Spiel nennen, aber es ist doch jedenfalls kein vollkommenes Spiel.” D.h.: es ist doch dann verunreinigt, und ich interessiere mich ˇnun für dasjenige, was verunreinigt wurde. – Aber ich will sagen: wir misverstehen die Rolle, die das Ideal in unsrer Ausdrucksweise spielt. D.h.: auch wir würden es ein Spiel nennen, nur sind wir vom Ideal geblendet und sehen daher nicht deutlich die wirkliche Anwendung des Wortes “Spiel”.
     
101.
      Eine Vagheit in der Logik – wollen wir sagen – kann es nicht geben. Wir leben nun in der Idee: das Ideal ‘müsse’ sich in der Realität finden. Während man noch nicht sieht, wie es sich darin findet, und nicht das Wesen dieses “muß” versteht. Wir glauben: es muß in ihr stecken; denn wir glauben es schon in ihr zu sehen.
     
¤
102 3.
      Das Ideal, in unsern Gedanken, sitzt unverrückbar fest. Du kannst nicht aus ihm heraustreten. Du mußt immer wieder
– 82 –
zurück. Es gibt gar kein Draußen; draußen fehlt die Lebensluft. – Woher dies? Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unsrer Nase, und, was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie abzunehmen.
     
      
103 2.
Die strengen und klaren Regeln des logischen Satzbaues erscheinen uns als etwas im Hintergrund,– im Medium des Verstehens versteckt. Ich sehe sie schon jetzt (wenn auch durch ein Medium hindurch), da ich ja das Zeichen verstehe, etwas mit ihm meine. Der ideal strenge Bau erscheint mir als etwas Konkretes. Ich hatte ein Gleichnis gebraucht; aber durch die Täuschung, dem Begriffswort entspräche Eines, das Gemeinsame aller seiner Gegenstände, erschien es nicht als Gleichnis. // aber durch die Täuschung, dem Begriffswort müsse Eines entsprechen, das Gemeinsame aller seiner Gegenstände, erscheint es nicht als Gleichnis. //
     
     
104 to be inserted from p 86. ¤
     
104 5.
      Wenn wir glauben, jene Ordnung, das Ideal, in der wirklichen Sprache finden zu müssen, werden wir nun mit dem unzufrieden, was man im gewöhnlichen Leben “Satz”, “Wort”, “Zeichen”, nennt.
      Der Satz, das Wort, von dem die Logik handelt, soll etwas Reines und Scharfgeschnittenes sein. Und wir zerbrechen uns nun über das Wesen des eigentlichen Zeichens den Kopf. – Ist es etwa eine die Vorstellung vom Zeichen? oder gar die Vorstellung im gegenwärtigen Augenblick?
     
105 6.
      Hier ist es schwer, gleichsam den Kopf oben zu behalten,–
¤
    Die Philosophie der Logik redet in keinem anderen Sinn von Sätzen und Wörtern, als wir es im gewöhnlichen Leben tun wenn wir etwa sagen “Hier steht ein chinesischer Satz aufgeschrieben”, oder “Nein, das sieht nur aus wie ein Schriftzeichen, ist aber ein Ornament”, etc..
   Nur kann man sich in verschiedener Weise für ein Phänomen interessieren
   Wir reden von dem räumlichen und zeitlichen Phänomen der Sprache; nicht von einem unräumlichen und unzeitlichen Unding. Aber wir reden von ihr so, wie von den Figuren des Schachspiels, indem wir Spielregeln für sie angeben, nicht ihre physikalischen Eigenschaften beschreiben.
      Die Frage “Was ist eigentlich ein Wort?” ist analog der “Was ist eine Schachfigur?”
– 83 –
zu sehen, daß wir bei den Dingen des alltäglichen Denkens bleiben müssen, und nicht auf den Abweg zu geraten, wo es scheint, als müßten wir die letzten Feinheiten beschreiben, die wir doch wieder mit unsern Mitteln gar nicht beschreiben könnten. Es ist uns, als sollten wir ein zerstörtes Spinnennetz mit unsern Fingern in Ordnung bringen.
     
106 7.
      Je genauer wir die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird der Widerstreit zwischen ihr und unsrer Forderung. (Die Kristallreinheit der Logik hatte sich mir ja nicht ergeben; sondern sie war (ja) eine Forderung.) Der Widerstreit wird unerträglich; die Forderung droht nun zu etwas Leerem zu werden. – Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt, also die Bedingungen in gewissem Sinne ideal sind, aber wir eben deshalb auch nicht gehen können. Wir wollen gehen; dann brauchen wir die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden!
     
107 8.
      Hier Wir erkennen wir, daß, was wir “Satz”, “Sprache”, nennen, nicht die formelle Einheit ist, die ich mir vorstellte, sondern die Familie mehr oder weniger mit einander verwandter Gebilde. ‒ ‒ Was aber wird nun aus der Logik? Ihre Strenge scheint hier aus dem Leim zu gehen. – Verschwindet sie damit aber nicht ganz? – Denn wie kann die Logik ihre Strenge verlieren?! Natürlich nicht dadurch, daß man ihr etwas von ihrer Strenge abhandelt. – Das Vorurteil der Kristallreinheit kann nur so beseitigt werden, daß wir unsere ganze Betrachtung drehen. Und dadurch jedne Reinheit eine an-
– 84 –
dere Stelle erhält. (Man könnte sagen: die Betrachtung muß gedreht werden, aber um unser eigentliches Bedürfnis als Angelpunkt.)
     
     
108 9.
      Richtig war, daß unsere Betrachtungen nicht wissenschaftliche Betrachtungen sein durften. Die Erfahrung, ‘daß sich das oder das denken lasse, entgegen unserm Vorurteil’– was immer das heißen mag – konnte uns nicht interessieren. (Die pneumatische Auffassung des Denkens.) Und wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten. Und diese Beschreibung empfängt ihr Licht, d.i. ihren Zweck, von den philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache gelöst, und zwar so, daß dieses erkannt wird: entgegen einem Trieb, es misßzuverstehen. Die Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten. Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.
     
109 10.
      “Die Sprache (oder das Denken) ist etwas Einzigartiges”– das erweist sich als ein Aberglaube (nicht Irrtum!) hervorgerufen selbst durch grammatische Täuschungen.
      Und auf diese Täuschungen, auf die Probleme, fällt nun das Pathos zurück.
     
110 11.
      Die Probleme, die durch ein Mi[s|ß]deuten unserer Sprachfor-
– 85 –
men entstehen, haben den Charakter der Tiefe. Es sind tiefe Beunruhigungen; sie wurzeln so tief in uns, wie die Formen unserer Sprache, und ihre Bedeutung ist so groß, wie die Wichtigkeit unserer Sprache. ‒ ‒ Fragen wir uns: Warum empfinden wir einen grammatischen Witz als tief? (Und das ist ja die philosophische Tiefe.)
      
111 2.
Worin liegt z.B. die Tiefe des Witzes: “We callˇed him Tortoise because he taught us”? Wir werden plötzlich aufmerksam darauf, daß eine solche diese Abgleitung des eines Substantivs unmöglich ist. – Warum aber unmöglich? Sie ließe sich doch sehr wohl denken. – Nun aber Und nun scheint der Witz seine Tiefe verloren zu haben. Das kommt aber daher, daß wir unsere Aufmerksamkeit verschoben haben Darum nämlich aber weil . – Sieh ein andres Beispiel an: Nimm [e|E]in anderes Beispiel: Bei Lichtenberg (Brife in den Briefen von Mägden über Literatur”) schreibt eine Dienstmagd Magd der andern: “ … denn ich habe neulich in einer erhabenen trockenen Filosophie gelesen, daß es 001 witsige gibt um einen der tiefen Schwulst besitzt.” Sagt man sich: “nun, hundert könnte ja auch in der der Richtung geschrieben werden”, dann fühlt man die Tiefe des Witzes nicht. Sie erscheint erst, für den, der ˇwenn man, nur dem, der sozusagen, die mathematischen Konsequenzen aus diesem Schreibfehler ziehen kann.

      Die Tiefe der Absurdität dieser Witze liegt in Verhältnissen, die eine längere Erklärung zulassen; weil sie den besonderen ˇeigentümlichen Bau unserer Sprache betreffen. – Wenn wir dies ganze System betrachten, uns plötzlich … gezeigt wird, dann ⌊⌊Wenn, wir uns plötzlich an einem diesem Beispiel des ganzen Systems, bewußt werden,– dann⌋⌋ haben wir das Gefühl der Tiefe.
     
112.
      Das philosophische Problem. Ein Gleichnis, das in die
– 86 –
Formen unserer Sprache aufgenommen ist, bewirkt einen falschen Schein; der beunruhigt uns: “Es ist doch nicht so!”– sagen wir. “Aber es muß doch so sein!”
     
¤       
113 4.
In der Log. Phil. Abh. (4.5) sagte ich hieß es: “Die allgemeine Form des Satzes ist: Es verhält sich so und so..‒ ‒ Das ist die Art von Sätzen ein Satz von jener Art, die man sich unzählige male wiederholt. Man glaubt wieder und wieder der Natur nachzufahren, und fährt nur der Form entlang, durch die wir sie betrachten.
     
      
114 3.
Ob ich über das Wesen des Satzes, des Verstehens, des privaten, nur mir selbst bewußten Erlebens nachdenke: “Es ist doch so – – –” sage ich ˇ& führe mir wieder und wieder die gleichen Sätze vor wieder und wieder vor mich hin. Es ist mir als müßte ich das Wesen der Sache erfassen, wenn ˇich meinen Blick nur ganz scharf auf dies Faktum einstellen, es in den Brennpunkt rücken könnte.
     
     
104 Insert after 103 (p.82) ¤
115. 114. 104

      Der Ausdruck dieser Täuschung ist die metaphysische Verwendung unsrer Wörter. Man prädiziert von der Sache, was in der Darstellungsweise liegt. Die Möglichkeit des Vergleichs, die uns beeindruckt, nehmen wir für die Wahrnehmung einer höchst allgemeinen Sachlage.
     
116 5.
      Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen.
     
117 6.
      Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen – ˇsei es “Wissen”, “Sein”, “Gegenstand”, “Ich”, “Satz”, “Name” – und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muß man sich immer fragen: Wird denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine
¤ ¤
p. 87-8 insert
a.)     Wenn ich über Sprache (Wort, Satz, etc.) rede, muß ich die Sprache des Allt[g|a]gs reden. Ist diese Sprache etwa zu grob, materiell, für das, was wir sagen wollen? Und wie wird denn eine andere gebildet? – Und wie merkwürdig, daß wir dann mit der unsern überhaupt etwas anfangen können!
Daß ich in den philos

b)    Man sagt: Es kommt nicht aufs Wort an, sondern auf seine Bedeutung; und denkt dabei an die Bedeutung, wie an eine Sache von der Art des Worts, wenn auch vom Wort verschieden. Hier das Wort, hier die Bedeutung. Das Geld und die Kuh, die man dafür kaufen kann. (Anderseits aber: das Geld, und sein Nutzen.)
– 87 –
Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? –
      Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück.
     
118 7.
      Man sagt mir: “Du verstehst doch diesen Ausdruck? Nun also,– in der Bedeutung, die du kennst, gebrauche auch ich ihn ihn.” – Als wäre die Bedeutung ein Dunstkreis, den das Wort mitbringt und in jede jederlei Verwendung hinübernimmt.
      (Wenn Einer z.B. sagt, der Satz “Dies ist hier” wobei er vor sich hin auf einen Gegenstand zeigt habe für ihn Sinn, so möge er sich fragen, unter welchen besonderen Umständen man diesen Satz tatsächlich verwendet. In diesen hat er dann Sinn.)
     
119 8.
      Woher nimmt die Betrachtung ihre Wichtigkeit, da sie doch nur alles Interessante, d.h. alles Große und Wichtige, zu zerstören scheint? (Gleichsam alle Bauwerke; indem sie nur Steinbrocken und Schutt überig läßt.) Aber es sind nur Luftgebäude, die wir zerstören, und wir legen den Grund der Sprache frei, auf dem sie standen.
     
120 19.
      Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgend eines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.
     
¤
      Daß ich bei meinen Erklärungen, die Sprache betreffend, schon die volle Sprache (nicht etwa eine vorbereitende, vorläufige) anwenden muß, zeigt schon, daß ich nur Äußerliches
– 88 –
über die Sprache vorbringen kann.
      Ja, aber wie können uns diese Ausführungen dann befriedigen? – Nun, deine Fragen waren ja auch schon in dieser Frage Sprache abgefaßt; muß denn mußten in dieser Sprache ausgedrückt werden, wenn etwas zu fragen war!
      Und Deine Skrupel sind Misßverständnisse.
      Deine Fragen beziehen sich auf Wörter; so muß ich von Wörtern reden. Insert b at → end of par. 120 ¤
     

122 1.
      Man könnte meinen: wenn die Philosophie vom Gebrauch des Wortes “Philosophie” redet, so muß müsse es eine Philosophie zweiter Ordnung geben. Aber es ist eben nicht so; sondern der Fall entspricht dem der Rechtschreibelehre, die es auch mit dem Wort “Rechtschreibelehre” zu tun hat, aber dann nicht eine solche zweiter Ordnung ist.
     
123 2.
      Es ist eine Hauptquelle unseres Unverständnisses, daß wir den Gebrauch unserer Wörter nicht übersehen. – Unserer Grammatik fehlt es an Übersichtlichkeit. – Die übersichtliche Darstellung vermittelt das Verständnis, welches eben darin besteht, daß wir die ‘Zusammenhänge sehen’. Daher die Wichtigkeit des Findens und des Erfindens von Zwischengliedern.
      Der Begriff der übersichtlichen Darstellung ist für uns von grundlegender Bedeutung. Er bezeichnet unsere Darstellungsform, die Art, wie wir die Dinge sehen. (Ist dies eine ‘Weltanschauung’?)
     
124 3.
      Ein philosophisches Problem hat die Form: “Ich kenne
¤
Slips inserted at p. 89.
a)      Es ist nicht Sache der Philosophie, den Widerspruch durch eine mathematische, logisch-mathematische, Entdeckung zu beseitigen lösen. Sondern den Zustand der Mathematik, der uns beunruhigt, den Zustand vor der Lösung Vermeidung des Widerspruchs, übersehbar zu machen. (Und damit geht man nicht etwa einer Schwierigkeit aus dem Wege.)

b)      Die fundamentale Tatsache ist hier ist: daß wir Regeln, eine Technik, für ein Spiel festlegen, und daß es dann, wenn wir den Regeln folgen, nicht so geht, wie wir angenommen hatten. Daß wir uns also gleichsam in unsern eigenen Regeln verfangen.
    Dieses Verfangen in unseren Regeln ist, was wir verstehen, d.h. übersehen wollen.
     Es wirft ein Licht auf unserm Begriff des Meinens. Denn es kommt also in jenen Fällen anders, als wir es gemeint, vorausgesehen, beabsichtigt, hatten. Wir sagen eben, wenn, z.B., der Widerspruch auftritt: “So hab' ich's nicht gemeint.“

c)      Die bürgerliche Stellung des Widerspruchs, oder seine Stellung in der bürgerlichen Welt: das ist das philosophische Problem.
– 89 –
mich nicht aus.”
     
125 4.
      Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben.
      Denn sie kann ihn auch nicht begründen.
      Sie läßt alles wie es ist.
      Sie läßt auch die Mathematik wie sie ist, und keine mathematische Entdeckung kann sie weiterbringen. Ein “führendes Problem der matˇhemathischen Logik” ist für uns ein Problem der Mathematik, wie jedes andere.
     
Insert slips as par. 125
     
     
126 125 126.
      Die Philosophie stellt eben alles bloß hin, und erklärt und folgert nichts. – Da alles offen daliegt, ist auch nichts zu erklären. Denn, was etwa versteckt verborgen ist, interessiert uns nicht.
      “Philosophie” könnte man auch das nennen, was vor allen neuen Entdeckungen und Erfindungen möglich ist.
     
127.
      Die Arbeit des Philosophen ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck.
     
128.
      Wollte man The Thesen in der Philosophie aufstellen, es könnte nie über sie zur Diskussion kommen, weil Alle mit ihnen einverstanden wären.
     
129.
      Die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen. (Man kann es nicht bemerken,– weil man es immer offen vor Augen hat.) Die eigentlichen Grundlagen seiner Forschung fallen dem Menschen gar nicht auf. Es sei denn, daß ihm dies einmal aufgefallen ist. – Und
– 90 –
das heißt: ˇdas, was, einmal gesehen, das Auffallendste , und Stärkste ist, fällt ihm uns nicht auf.
     

130.
      Unsere klaren und einfachen Sprachspiele sind nicht Vorstudien zu einer künftigen Reglementierung unserer tatsächlichen der Sprache,– gleichsam erste Annäherungen, ohne Berückcichtigung der Reibung und des Luftwiderstands. Vielmehr stehen die Sprachspiele da als Vergleichsobjekte, die durch Ähnlichkeit und Unähnlichkeit ein Licht in die Verhältnisse unsrer Sprache werfen sollen.
     
131.
      Nur so nämlich können wir der Ungerechtigkeit, oder Leere unserer Behauptungen entgehen, indem wir das Vorbild als das, was es ist, als Vergleichsobjekt – sozusagen als Maßstab – hinstellen; und nicht als das Vorurteil, dem die Wirklichkeit entsprechen müsse. (Der Dogmatismus, in den wir beim Philosophieren so leicht verfallen.)
     
132.
      Wir wollen in unserm Wissen vom Gebrauch der Sprache eine Ordnung herstellen: eine Ordnung zu einem bestimmten Zweck; eine von vielen möglichen Ordnungen; nicht die Ordnung. Wir werden zu diesem Zweck immer wieder Unterscheidungen hervorheben, die unsre gewöhnlichen Sprachformen leicht übersehen lassen. Dadurch kann es den Anschein gewinnen, als sähen wir es als unsre Aufgabe an, die Sprache zu reformieren.
      So eine Reform für bestimmte praktische Zwecke, die Verbesserung unsrer Terminologie zur Vermeidung von Misßverständnissen im praktischen Gebrauch, ist wohl möglich.
¤
                p 91 Footnote



Es gibt nicht eine Methode der Philosophie, wohl aber gibt es Methoden, gleichsam verschiedene Therapien.
– 91 –
Aber das sind nicht die Fälle, mit denen wir es zu tun haben. Die Verwirrungen, die uns beschäftigen, entstehen gleichsam, wenn die Sprache leerläuft, nicht wenn sie arbeitet.
     

133.
      Wir wollen nicht das Regelsystem für die Verwendung unserer Worte in unerhörter Weise verfeinern oder vervollständigen.
      Denn die Klarheit, die wir anstreben, ist allerdings eine vollkommene. Aber das heißt nur, daß die philosophischen Probleme vollkommen verschwinden sollen.
      
133.1.
Die eigentliche wertvollste Entdeckung ist die, die mich fähig macht, mit das dem Philosophieren aufzuhören abzubrechen, wann ich will. – Die die Philosophie zur Ruhe bringt, sodaß sie nicht mehr von Fragen gepeitscht wird, die sie selbst in Frage stellen. – Sondern es wird nun an Beispielen eine Methode gezeigt, und die Reihe dieser Beispiele kann man abbrechen. ‒ ‒ Es werden Probleme gelöst (Schwierigkeiten beseitigt), nicht ein Problem. Footnote, slip. ¤
     
134.
      Betrachten wir den Satz: “Es verhält sich so und so.” – in wiefern ist denn dies die Form ˇwie kann ich sagen, dies sei die allgemeine Form jedes Satzes? – Es ist vor allem selbst ein Satz, ein deutscher Satz, denn er es hat Subjekt und Prädikat. Wie aber wird dieser Satz angewendet – in unsrer alltäglichen Sprache angewendet nämlich? Denn nur daher habe ich ihn ja genommen.
      Wir sagen z.B.: Er erklärte mir seine Lage, sagte, es verhält verhalte sich so und so und ich er brauche daher einen Vor-
– 92 –
schuß.” Man kann also insofern sagen, jener Satz stünde für irgendwelche Aussagen. Er wird als Satzschema verwendet; aber das nur, weil er den Bau eines deutschen Satzes hat. Man könnte statt seiner ohneweiters auch sagen: “das und das ist der Fall,”, oder “so und so liegen die Sachen”, etc. Wir könnten uns aber auch leicht vorstellen, daß Leute für diesen Zweck einen ‘sinnvollen’ Satz verwenden – etwa einen sehr abgedroschenen,– wie, “Der Himmel ist blau”. Und wer in der neuern Logik aufgewachsen ist, wird vielleicht geneigt sein, hier ˇMan könnte auch, wie in der symbolischen Logic bloß einen Buchstaben eine Variable zu gebrauchen. Aber den Buchstaben ‘p’ wird doch niemand die allgemeine Form eines Satzes nennen. Wie gesagt: “Es verhält sich so und so” war dies nur dadurch, daß es selbst das ist, was man einen deutschen Satz nennt. Aber obschon es ein Satz ist, so hat es doch nur als Satzvariable Verwendung. Zu sagen, dieser Satz stimme mit der Wirklichkeit überein (oder nicht überein) wäre offenbarer Unsinn und er illustriert also dies, daß ein Merkmal unseres Satzbegriffes Begriffs vom Satz der Satzklang ist. wie wir es nennen könnten.
      Es wäre mir, z.B., nicht eingefallen, statt jenes Satzschemas die Form “Es so” zu setzen; und doch könnte in einer Sprache, die keine Kopula verwendet, dies sehr wohl als Satzvariable gebraucht werden.
     
135.
      Aber haben wir denn nicht einen Begriff davon, was ein Satz ist, was wir unter “Satz” verstehen? – Doch; sofern wir auch einen Begriff davon haben, was wir unter “Spiel” verstehen.
– 93 –
Gefragt, was ein Satz ist – ob wir nun einem Andern antworten sollen, oder uns selbst – werden wir Beispiele angeben und unter diesen auch, was man induktive Reihen von Sätzen nennen kann; nun, auf diese Weise haben wir einen Begriff vom Satz. (Vergleiche den Begriff des Satzes mit dem Begriff der Zahl!)
     
136.
      Im Grunde ist die Angabe von “Es verhält sich so und so” als allgemeine Form des Satzes das gleiche, wie die Erklärung: ein Satz sei alles, was wahr oder falsch sein könne. Denn, statt “Es verhält sich …” hätte ich auch sagen können: “Das und das ist whr wahr”. (Aber auch: “Das und das ist falsch”.) Nun ist aber
                                   ‘p’ ist wahr = p
                                    ‘p’ ist falsch = nicht-p.
Und zu sagen, ein Satz sei alles, was wahr oder falsch sein könne, kommt darauf hinaus: Einen Satz nenen nennen wir das, worauf wir in unserer Sprache den Kalkül der Wahrheitsfunktionen anwenden.
      Es scheint nun, als bestimmte die Erklärung – Satz sei dasjeneiige, was wahr oder falsch sein könne – was ein Satz ist, indem sie sage: Was zum Begriff ‘wahr’ paßt, oder, worauf der Begriff ‘wahr’ paßt, das ist ein Satz. Es ist also so, als hätten wir einen Begriff von wahr und falsch, mit dessen Hilfe wir nun bestimmen können, was ein Satz ist und was keiner. Was in den Begriff der Wahrheit eingreift, (wie in ein Zahnrad), das ist ein Satz.
– 94 –

      Aber das ist ein irreführendes falsches schlechtes Bild. Es ist, als sagte man: “Schachkönig ist die Figur, der man man Schach ansagen kann”. Aber das kann doch nur heißen, daß wir in unserm Schachspiel nur dem König Schach geben. So wie der Satz, daß nur ein Satz wahr sein könne, nur sagen kann, daß wir “wahr” und “falsch” nur von dem prädizieren, was wir einen Satz nennen. Und was ein Satz ist, ist in einem Sinne bestimmt durch die Regeln des Satzbaus (der deutschen Sprache z.B.), in einem andern Sinne durch den Gebrauch des Zeichens im Sprachspiel. Und der Gebrauch der Wörter “wahr” und “falsch” kann auch ein Bestandteil dieses Spiels sein; und dann gehört er für uns zum Satz, aber er ‘paßt’ nicht zu ihm. Wie wir auch sagen können, daß Schachgeben gehöre zu unserm Begriff vom Schachkönig (gleichsam als ein Bestandteil desselben). Zu sagen, das Schachgeben passe nicht auf unsern Begriff von den Bauern, würde heißen, daß ein Spiel, in welchem den Bauern Schach gegeben wird, in iwelchem etwa der verliert, der seine Bauern verliert,– daß ein solches Spiel uninteressant wäre, oder dumm, oder zu kompliziert, oder dergleichen.
     
137.
      Wie ist es denn, wenn wir das Subjekt im Satz bestimmen lernen durch die Frage “Wer oder was …?” – Hier gibt es doch ein ‘Passen’ des Subjekts zu dieser Frage; denn wie erführen wir sonst durch die Frage, was das Subjekt ist? Nun, w Wir erfahren es in ähnlicher Weise, wie wir erfahren, welcher Buchstabe im Alphabeth nach dem ‘K’ kommt, indem wir
¤ p. 95 (1)
67.
a)
       Wenn gesagt wird, ein Satz sei sinnlos, so ist nicht, quasi, sein Sinn sinnlos. Sondern der Satz // Sondern dieser Wortausdruck // wird aus der Sprache ausgeschaltet ausgeschlossen. Als paßten die Bedeutungen der Wörter nicht zueinander
Tractatus Socrates …
¤

p.95 (2)
82.
b)        Muß ich wissen, ob ich ein Wort verstehe? Geschieht es nicht auch, daß ich mir einbilde, ein Wort zu verstehen (nicht anders, als eine Rechnungsart zu verstehen) und nun daraufkomme, daß ich es nicht verstanden habe? (“Ich habe geglaubt, ich weiß, was ‘relative’ und ‘absolute’ Bewegung heißt, aber ich sehe, ich weiß es nicht.”)



¤ ⌊⌊p.95 (3)⌋⌋
92. 92
c)        “Daß drei Verneinungen wieder eine Verneinung ergeben, muß doch schon in der einen Verneinung, die ich jetzt gebrauche, liegen.” (Die Versuchung, einen Mythos des ‘Bedeutens’ zu erfinden.)

93.
      Es hat den Anschein, als würde aus der Natur der Negˇation folgen, daß eine doppelte Verneinung eine Bejahung ist. (Und etwas Richtiges ist daran. Was? Unsre Natur hängt mit beiden zusammen.)



¤ p.95 (4)
533.
⌊⌊d)⌋⌋        Es kann keine Diskussion darüber geben, ob diese Regeln, oder andere die richtigen für das Wort “nicht” sind (d.h. ich meine, ob sie seiner Bedeutung gemäß sind). Denn das Wort hat ohne diese Regeln noch keine Bedeutung; und wenn wir die Regeln ändern, so hat es nun eine andere Bedeutung (oder keine) und wir können dann ebensogut auch das Wort ändern.
– 95 –
uns das Alphabeth bis zum ‘K’ hersagen. In wiefern paßt nun das ‘L’ zu jener Buchstabenreihe? – Und insofern könnte man auch sagen, “wahr” und “falsch” passe zum Satz; und man könnte ein Kind lehren, Sätze von andern Ausdrücken zu unterscheiden, indem man ihm sagt: “Frag dich, ob du danach sagen kannst ‘ist wahr’. – Wenn diese Worte passen, so ist es ein Satz.” (Und ebenso hätte man sagen können: Frage dich, ob du davor die Worte “Es verhält sich so:” setzen kannst.)
     

138.
      Kann denn aber nicht die Bedeutung eines Worts, die ich verstehe,1. ⌊⌊ Footnote: slip a to e.⌋⌋ zum Sinn des Satzes, den ich verstehe, passen? Oder die Bedeutung eines Worts zur Bedeutung eines andern? – – Worts?‒ ‒ Freilich, wenn die Bedeutung der Gebrauch des Wortes ist // [f|F]reilich, wenn die Bedeutung der Gebrauch ist, den wir vom Wort Worte machen, // dann hat es keinen Sinn, von so einem Passen zu reden. Nun verstehen wir aber die Bedeutung eines Wortes, wenn wir es hören, oder aussprechen; wir erfassen s sie mit einem Schlage; und was wir so erfassen, ist doch etwas Andres, als der in der Zeit ausgedehnte ‘Gebrauch’!
     
     
     
     
     

139.
      Wenn mir jemand z.B. das Wort “Würfel” sagt, so weiß ich, was es bedeutet. Aber kann mir denn die ganze Verwenung des Wortes vorschweben, wenn ich es so verstehe?
      Ja, wird aber anderseits die Bedeutung des Worts nicht auch durch diese Verwenung bestimmt? Und können sich diese Bestimmungen nun widersprechen? Kann, was wir so mit einem Schlage erfassen, mit einer Verwendung über-
¤
p. 96
a) b)      Ich sehe ein Bild: E es stellt einen alten Mann dar, der auf einen Stock gestützt einen steilen Weg aufwärts geht. – Und wie das? Konnte es nicht auch so aussehen, wenn er in dieser Stellung die Straße hinunterrutschte? Ein Marsbewohner würde das Bild vielleicht so beschreiben. Ich brauche nicht zu erklären, warum wir es nicht so beschreiben.
a) b)      “Ich glaube, das richtige Wort in diesem Fall ist …” Zeigt das nicht, daß die Bedeutung des Worts ein Etwas ist, das uns vorschwebt, und das gleichsam das genaue Bild ist, das // welches // wir hier brauchen wollen? Denke, ich wählte zwischen den Wörtern “stattlich”, “würdevoll”, “stolz”, “Achtung gebietend”; ist es nicht, als ob ich zwischen den Bildern // Zeichnungen // in einer Mappe wählte? – Nein; daß man vom treffenden Wort redet, zeigt nicht die Ext Existenz eines Etwas, welches etc.. Vielmehr ist man geneigt, von jenem Bildartigen bildartigen Wesen // Etwas // zu sprechen, weil man ein Wort als treffend empfinden kann; zwischen Worten oft, wie zwischen ähnlichen, aber doch nicht gleichen Bildern, wählt; weil man Bilder oft statt Wörtern, oder zur Illustration von Wörtern gebraucht; etc..
– 96 –
einstimmen, zu ihr passen, oder nicht zu ihr passen? Und wie kann das, was uns in einem Augenblicke gegenwärtig ist, was uns in einem Augenblicke vorschwebt, zu einer Verwendung passen?
      Was ist es denn eigentlich, was uns vorschwebt, wenn wir ein Wort verstehen? – Ist es nicht etwas, wie ein Bild? Kann es nicht ein Bild sein?
      Nun nimm an, beim beim Hören des Wortes “Würfel” schwebt dir ein Bild vor. Etwa die Zeichnung eines Würfels. In wiefern kann dies Bild zu einer Verwendung des Wortes “Würfel” passen, oder nicht zu ihr passen? – Vielleicht sagst du: “das ist einfach;– wenn mir dieses Bild vorschwebt und ich zeige z.B. auf ein dreieckiges Prisma und sage, dies sei ein Würfel, so paßt diese Verwendung nicht zum Bild.” – Aber paßt sie nicht? Ich habe das Beispiel absichtlich so gewählt, daß es ganz leicht ist, sich eine Projektionsmethode vorzustellen, nach welcher das Bild nun doch paßt.
      Das Bild des Würfels legte uns allerdings eine gewisse Verwndung Verwendung nahe, aber ich konnte es auch anders verwenden.
     
     

140.
      Welcher Art war dann aber mein Irrtum; der, welchen man so ausdrücken möchte: ich hätte geglaubt, das Bild zwinge mich nun zu einer bestimmten Verwendung? Wie konnte ich denn das glauben? Was habe ich da geglaubt? Gibt es denn ein Bild, oder etwas einem Bild Ähnliches, das uns zu einer bestimmten Anwendung zwingt, und war mein Irrtum also eine Ver-
– 97 –
wechslung? – Denn wir könnten geneigt sein, uns auch so auszudrücken: wir seien höchstens unter einem psychologischen Zwang, aber unter keinem logischen. Und da scheint es ja völlig, als kennten wir zweierlei Fälle.
      Was tat denn mein Argument? Es machte darauf aufmerksam (erinnerte uns daran) daß wir unter Umständen bereit wären, auch einen andern Vorgang “Anwendung des Würfelbildes” zu nennen, als nur den, an welchen wir ursprünglich gedacht hatten dachten. Unser ‘Glaube, das Bild zwinge uns zu einer bestimmten Anwendung’, bestand also darin, daß uns nur der eine Fall und kein andrer einfiel. “Es gibt auch eine andere Lösung heißt: es gibt auch etwas Anderes, was ich bereit bin “Lösung” zu nennen; worauf ich bereit bin, das und das Bild, die und die Analogie anzuwenden, etc..
      Und das Wesentliche ist nun, daß wir sehen, daß uns das Gleiche beim Hören des Wortes vorschweben, und seine Anwendung doch eine andere sein kann. Und hat es dann beide Male die gleiche Bedeutung? Ich glaube, das werden wir verneinen.
     
141.
      Aber wie, wenn uns nicht einfach das Bild des Würfels, sondern dazu auch die Projektionsmethode vorschwebt? ‒ ‒ Wie soll ich mir das denken? – Etwa so, daß ich ein Schema der Projektionsart vor mir sehe. Ein Bild etwa, das zwei Würfel zeigt durch Projektionsstrahlen miteinander verbunden. – Aber bringt mich denn das wesentlich weiter? Kann ich mir nun nicht auch verschiedene Anwendungen dieses Schemas denken?! ‒ ‒ Ja aber
– 98 –
kann mir denn also nicht eine Anwendung vorschweben?– Doch; nur müssen wir uns über unsre Anwendung dieses Ausdrucks klarer werden. Nimm an, ich setze jemandem verschiedene Projektionsmethoden auseinander, damit er sie dann anwende; und fragen wir uns, in welchem Falle wir sagen werden, es schwebe ihm die Projektionsmethode vor, welche ich meine.
      Wir erkennen dafür nun offenbar zweierlei Kriterien an: Einerseits das Bild (welcher Art immer es sei) welches ihm zu irgendeiner Zeit vorschwebt; anderseits die Anwendung, die er – im Laufe der Zeit – von dieser Vorstellung macht. (Und ist es hier nicht klar, daß es durchaus unwesentlich ist, daß dieses Bild ihm in der Phantasie vorschwebt, und nicht vielmehr als eine Zeichnung vor ihm liegt, oder als Modell; oder auch von ihm als Modell hergestellt wird?)
      Können nun Bild und Anwendung kollidieren? Nun, sie können insofern kollidieren, als uns das Bild eine andere Verwendung erwarten läßt; weil die Menschen im allgemeinen von diesem Bild diese Anwendung machen.
      Ich will sagen: Es gibt hier einen normalen Fall und abnormale Fälle.
     
142.
      Nur in normalen Fällen ist der Gebrauch der Worte uns klar vorgezeichnet; wir wissen, haben keinen Zweifel, was wir in diesem oder jenem Fall zu sagen haben. Je abnormaler der Fall, desto zweifelhafter wird es, was wir nun hier sagen sollen. Und verhielten sich die Dinge ganz anders, als sie sich
¤
p. 99
   Was wir zur Erklärung der Bedeutung, ich meine der Wichtigkeit, eins Begriffs sagen müssen, sind oft außerordentlich allgemeine Naturtatsachen. Solche, die wegen ihrer großen Allgemeinheit, kaum je erwähnt werden.
– 99 –
tatsächlich verhalten– –gäbe es z.B. keinen charakteristischen Ausdruck des Schmerzes, der Freude Furcht, der Freude; würde, was Regel ist, Ausnahme und was Ausnahme, zur Regel; oder würden beide zu Erscheinungen von ungefähr gleicher Häufigkeit ‒ ‒ so verlören unsere normalen Sprachspiele damit ihren Witz. – Die Prozedur, ein Stück Käse auf die Wage zu legen und nach dem Ausschlag der Wage den Preis zu bestimmen, verlöre ihren Witz, wenn es häufiger vorkäme, daß solche Stücke ohne offenbare Ursache plötzlich anwüchsen, oder einschrumpften 1. Footnote: (Slip attached).. ¤ Diese Bemerkung wird viel klarer werden, wenn wir über Dinge, wie das Verhältnis des Ausdrucks zum Gefühl und Ähnliches reden werden.
     

143.
      Betrachten wir nun diese Art von Sprachspiel: B soll auf den Befehl des A Reihen von Zeichen niederschreiben nach einem bestimmten Bildungsgesetz.
      Die erste dieser Reihen soll die sein der natürlichen Zahlen im Dezimalsystem. – Wie lernt er dieses System verstehen? – Zunächst werden ihm Zahlenreihen vorgeschrieben und er wird angehalten, sie nachzuschreiben. (Stoße dich nicht an dem Wort “Zahlenreihen”, es ist hier nicht unrichtig verwendet!) Und schon hier gibt es eine normale und eine abnormale Reaktion des Lernenden. – Wir führen ihm etwa zuerst beim Nachschreiben der Reihe 0 bis 9 die Hand; dann aber wird die Möglichkeit der Verständigung daran hängen, daß er nun selbständig weiterschreibt. – Und hier können wir uns, z.B., denken, daß er nun zwar selbständig Ziffern kopiert,
– 100 –
aber nicht nach der Reihe, sondern regellos einmal die, einmal die. Und dann hört da die Verständigung auf. – Oder aber er macht ‘Fehler’ in der Reihenfolge. – Der Unterschied zwischen diesem und dem ersten Fall ist natürlich einer der Häufigkeit. – Oder: er macht einen ‘systematischen Fehler’, er schreibt z.B. immer nur jede zweite Zahl nach; oder er kopiert die Reihe 0, 1, 2, 3, 4, 5, … so: 1, 0, 3, 2, 5, 4, … Hier werden wir beinahe versucht sein, zu sagen, er habe uns falsch verstanden.
      Aber merke: Es gibt keine scharfe Grenze zwischen einem regellosen und einem systematischen Fehler. D.h., zwischen dem, was du einen “regellosen”,, und dem, was du einen “systematischen Fehler” zu nennen geneigt bist.
      Man kann ihm nun vielleicht den systematischen Fehler abgewöhnen (wie eine Unart). Oder, man läßt seine Art des Kopierens gelten und trachtet, ihm die normale Art als eine Abart, Variation, der seinigen beizubringen. – Und auch hier kann die Lernfähigkeit unseres Schülers abbrechen.
     

144.
      Was meine ich denn, wenn ich sage “hier kann die Lernfähigkeit des Schülers abbrechen”? Teile ich das aus meiner Erfahrung mit? Natürlich nicht! (Auch wenn ich so eine Erfahrung gemacht hätte.) Und was tue ich denn mit jenem Satz? Ich möchte doch, daß du sagst: “Ja, es ist wahr, das könnte man sich auch denken, das könnte auch geschehen!” Aber wollte ich Einen darauf aufmerksam machen, daß er imstande ist, sich dies vorzustellen? ‒ ‒ Ich wollte dies Bild vor seine Augen
– 101 –
stellen, und seine Anerkennung dieses Bildes besteht darin, daß er nun geneigt ist, einen gegebenen Fall anders zu betrachten: nämlich ihn mit dieser Bilderreihe zu vergleichen. Ich habe seine Anschauungsweise geändert. [/|[]Indische Mathematiker: “sieh dies an!”[/|]]
     
145.
      Der Schüler schreibe nun die Reihe 0 bis 9 zu unsrer Zufriedenheit. – Und dies wird nur der Fall sein, wenn ihm dies oft gelingt, nicht, wenn er es einmal unter hundert Versuchen richtig macht. Ich führe ihn nun weiter in der Reihe und lenke seine Aufmerksamkeit auf die Wiederkehr der ersten Reihe in den Einern; dann auf diese Wiederkehr in den Zehnern. (Was nur heißt, daß ich gewisse Betonungen anwende, Zeichen unterstreiche, in der und der Weise untereinander schreibe, und dergleichen). – Und nun setzt er einmal die Reihe selbständig fort,– oder er tut es nicht. – Aber warum sagst du das; das ist selbstverständlich! – Freilich; ich wollte nur sagen: die Wirkung k jeder weiteren ErklErklärung hänge von seiner Reaktion ab.
      Aber nehmen wir nun an, er setzt, nach einigen Bemühungen des Lehrers, die Reihe richtig fort, d.h. so, wie wir es tun. Nun können wir also sagen: er beherrscht das System. – Aber wie weit muß er die Reihe richtig fortsetzen, damit wir das mit Recht sagen können? Es ist klar: du kannst hier keine Begrenzung angeben.
     
146.
      Wenn ich nun frage: “Hat er das System verstanden, wenn er die Reihe hundert Stellen weit fortsetzt?” Oder – wenn
– 102 –
ich in unserm primitiven Sprachspiel nicht von ‘verstehen’ reden soll: Hat er das System inne, wenn er die Reihe bis dorthin richtig fortsetzt? – Da wirst du vielleicht sagen: Das System innehaben (oder auch, verstehen) kann nicht darin bestehen, daß man die Reihe bis zu dieser, oder bis zu jener Zahl fortsetzt; das ist nur die Anwendung des Verstehens. Das Verstehen selbst ist ein Zustand, woraus die richtige Verwendung entspringt.
      Und an was denkt man da eigentlich? Denkt man nicht an das Ableiten einer Reihe aus ihrem algebraischen Ausdruck? Oder doch an etwas dem Analoges? – Aber da waren wir ja schon einmal. Wir können uns ja eben mehr als eine Anwendung eines algebraischen Ausdrucks denken; und jede Anwendungsart kann zwar wieder algebraisch niedergelegt werden, aber dies führt uns, selbstverständlich nicht weiter. – Die Anwendung bleibt ein Kriterium des Verständnisses.
     
147.
      “Aber wie kann sie das sein? Wenn ich sage, ich verstehe das Gesetz einer Reihe, so sage ich es doch nicht auf Grund der Erfahrung Erfahrung, daß ich bis jetzt den algebraischen Ausdruck so und so angewandt habe! Ich weiß doch von mir selbst jedenfalls, daß ich die und die Reihe meine; gleichgültig, wie weit ich sie tatsächlich entwickelt habe.” –
      Du meinst also: du weißt die Anwendung des Gesetzes der Reihe, auch ganz abgesehen von einer Erinnerung an die tatsächlichen Anwendungen auf bestimmte Zahlen. Und du wirst
Ts-227a,102a
¤
79.
a)       Ist[e|E]in Wort verstehen’ ˇein Zustand Aber ein ein seelischer Zustand? –
103(1)
Betrübnis, Aufregung, Schmerzen, nennen wir seelische Zustände. Mache diese grammatische Betrachtung: Wir sagen
“Er war den ganzen Tag betrübt”
“Er war den ganzen Tag in großer Aufregung”
“Er hatte seit gestern ununterbrochen Schmerzen”. – Wir sagen auch “Ich verstehe dieses Wort seit gestern”. Aber “ununterbrochen”? – Ja, man kann von einer Unterbrechung des Verstehens reden. Aber in welchen Fällen? Vergleiche: “Wann haben deine Schmerzen nachgelassen?” und”Wann hast du aufgehört, das Wort zu verstehen?”.
Ts-227a,102b
¤

86.
b)       Wie, wenn man fragte: Wann kannst du Schach spielen? Immer? oder während du einen Zug machst? Und
103(2)
während jedes Zuges das ganze Schach? – Und wie seltsam, daß Schachspielenkönnen so kurze Zeit braucht und eine Partie soviel [L|l]änger.
– 103 –
vielleicht sagen: “Selbstverständlich! denn die Reihe ist ja unendlich und das Reihenstück, das ich entwickeln konnte, endlich.”
     
148.
      Worin aber besteht dies Wissen? Laß mich fragen: Wann weißt du diese Anwendung? Immer? Tag und Nacht? oder nur während du gerade an das Gesetz der Reihe denkst? D.h.: Weißt du sie, wie du auch das ABC und das Einmaleins weißt; Oder nennst du ist das Wissen, wovon du redest, einen Bewußtheitszustand oder Vorgang – etwa ein An-etwas-Ddenken, oder dergleichen?
     
149.
      Wenn man sagt, das Wissen des ABC sei ein Zustand der Seele, so denkt man an den Zustand eines Seelenapparates, (etwa unsres Gehirns[,|)], mittels welches wir die Äußerungen dieses Wissens erklären. Einen solchen Zustand nennt man eine Disposition,. Es ist aber irreführend, nicht einwandfrei, hier von einem Zustand der Seele zu reden, insofern als es für diesen den Zustand zwei Kriterien geben sollte; nämlich ein Erkennen der Konstruktion des Apparates, abgesehen von seinen Wirkungen. (Nichts wäre hier verwirrender, als der Gebrauch der Wörter “bewußt” und “unbewußt” für den Gegensatz von Bewußtseinszustand und Disposition. Denn jenes Wortpaar verhüllt einen grammatischen Unterschied.)
     
     
     

150.
      Die Grammatik des Wortes “wissen” ist offenbar eng verwandt der Grammatik der Worte “können”, “imstande sein”. Aber auch eng verwandt der, des Wortes “verstehen”. (Eine Technik ‘beherrschen’.)
     
151.
      Nun gibt es aber auch diese Verwendung des Wortes
– 104 –
“wissen”: Wir sagen “Jetzt weiß ich's!” – und ebenso “Jetzt kann ich's!” und “Jetzt versteh ich's!”.
      Stellen wir uns dieses Beispiel vor: A schreibt Reihen von Zahlen an; B sieht ihm zu und trachtet, in der Zahlenfolge ein Gesetz zu finden. Ist es ihm gelungen, so ruft er: “Jetzt kann ich fortsetzen!”‒ ‒ Diese Fähigkeit, dieses Verstehen ist also etwas, was in einem Augenblick eintritt. Schauen wir also nach: Was ist es, was hier eintritt? – A habe die Zahlen 1, 5, 11, 19, 29 hingeschrieben; da sagt B, jetzt wisse er weiter. Was geschah da? Es konnte verschiedenerlei geschehen sein; z.B.: Während A langsam eine Zahl nach der andern hinsetzte, ist B damit beschäftigt, verschiedene allgebraische Formeln an den angeschriebenen Zahlen zu versuchen. Als A die Zahl 19 geschrieben hatte, versuchte B die Formel an = n² + n ‒ 1; und die nächste Zahl bestätigte seine Annahme.
      Oder aber: B denkt nicht an Formeln. Er sieht mit einem gewissen Gefühl der Spannung zu, wie A seine Zahlen hinschreibt; dabei schwimmen ihm allerlei unklare Gedanken im Kopf. Endlich sagt fragt er sich: “Was ist die Reihe der Differenzen?” Er findet: 4, 6, 8, 10 und sagt: Jetzt kann ich weiter.
      Oder er sieht hin und sagt: “Ja die die Reihe kenn ich”,– und setzt sie fort; wie er's etwa auch getan hätte, wenn A die Reihe 1, 3, 5, 7, 9 hingeschrieben hätte. – Oder er sagt garnichts und schreibt bloß in der Reihe weiter. Vielleicht hatte er eine Empfindung, die man “das ist leicht!” nennen kann. (Eine solche Empfindung ist z.B. die, eines leichten, schnel-
– 105 –
len Einziehens des Atems, ähnlich wie bei einem gelinden Schreck.)
     

152.
      Aber sind denn diese Vorgänge, die ich da beschrieben habe, das Verstehen?
      “B versteht das System der Reihe” heißt doch nicht einfach: B fällt die Formel “an = …” ein! Denn es ist sehr wohl denkbar, daß ihm die Formel einfällt und er doch nicht versteht. “Er versteht” muß mehr beinhalten als: ihm fällt die Formel ein. Und ebenso auch mehr, als irgendeiner jener, mehr oder weniger charakteristischen, Begleitvorgänge, (oder Äußerungen) des Verstehens.
     
153.
      Wir versuchen nun, den seelischen Vorgang des Verstehens, der sich, scheint es, hinter h jenen gröbern, und uns daher in die Augen fallenden Begleiterscheinungen versteckt, zu erfassen. Aber das gelingt nicht. Oder, richtiger gesagt: es kommt garnicht zu einem wirklichen Versuch. Denn auch angenommen, ich hätte etwas gefunden, was in allen jenen Fällen des Verstehens geschähe,– warum sollte das nun das Verstehen sein? Ja, wie konnte denn der Vorgang des Verstehens versteckt sein, wenn ich doch sagte, “Jetzt verstehe ich”, weil ich verstand?! Und wenn ich sage, er ist versteckt,– wie weiß ich denn, wonach ich zu suchen habe? – Ich bin in einem Wirrwarr.
     
154.
      Aber halt! – wenn “jetzt jetzt verstehe ich das System.” nicht das Gleiche sagt, wie “mir fällt die Formel … ein” (oder “ich spreche die Formel aus”, “ich schreibe sie auf”, etc.) – folgt daraus, daß ich den Satz, “jetzt verstehe ich …”,
– 106 –
oder “jetzt kann ich fortsetzen”, als Beschreibung eines Vorgangs verwende, der hinter, oder neben, dem des Aussprechens der Formel besteht?
      Wenn etwas ‘hinter dem Aussprechen der Formel’ stehen muß, so sind es gewisse Umstände, die mich berechtigen, zu sagen, ich könne fortsetzen,– wenn mir die Formal einfällt.
      Denk doch einmal garnicht an das Verstehen als ‘seelischen Vorgang’! – Denn das ist die Redeweise, die dich verwirrt. Sondern frage dich: in was für einem Fall, unter was für Umständen sagen wir denn “Jetzt weiß ich weiter”? ich meine, wenn mir die Formel eingefallen ist. –
      In dem Sinne, in welchem es für das Verstehen charakteristische Vorgänge (auch seelische Vorgänge) gibt, ist das Verstehen kein seelischer Vorgang.
155.

      (Das Ab- und Zunehmen einer Schmerzempfindung, das Hören einer Melodie, eines Satzes: seelische Vorgänge.)
     
155.
      Ich wollte also sagen: Wenn er plötzlich weiter wußte, das System verstand, so hatte er etwa vielleicht // möglicherweise // ein besonderes Erlebnis – welches er etwa beschrei beschreiben wird, wenn man ihn fragt: “Wie war das, was ging da vor, als du das System plötzlich begriffst?”, ähnlich, wie wir es oben beschrieben haben ‒ ‒ das aber, was ihn für uns berechtigt, in so einem Fall zu sagen, er verstehe, er wisse weiter, sind die die Umstände, unter denen er ein solches Erlebnis hatte.
     
156.
      Dies wird klarer werden, wenn wir die Betrachtung eines
– 107 –
andern Wortes einschalten, nämlich des Wortes “lesen”. Zuerst muß ich bemerken, daß ich zum “Lesen”, in dieser Betrachtung, nicht das Verstehen des Sinns des Gelesenen rechne; sondern Lesen ist hier die Tätigkeit, Geschriebenes oder Gedrucktes in Laute umzusetzen; auch aber, nach Diktat zu schreiben, Gedrucktes abzuschreiben, nach Noten zu spielen und dergleichen.
      Der Gebrauch dieses Wortes unter den Umständen unsres gewöhnlichen Lebens ist uns natürlich ungemein wohl bekannt. Die Rolle aber, die das Wort in unserm Leben spielt, und damit das Sprachspiel, in dem wir es verwenden, wäre schwer auch nur in groben Zügen darzustellen. Ein Mensch, sagen wir ein Deutscher, ist in der Schule, oder zu Hause, durch eine der bei uns üblichen Unterrichtsarten gegangen, er hat in diesem Unterricht seine Muttersprache lesen gelernt. Später liest er Bücher, Briefe, die Zeitung, u.a..
      Was geht nun vor sich, wenn er, z.B., die Zeitung liest? ‒ ‒ Seine Augen gleiten – wie wir sagen – den gedruckten Wörtern entlang, er spricht sie laut aus,– oder sagt sie nur zu sich selbst; und zwar gewisse Wörter, indem er ihre Druckform als Ganzes erfaßt, andere, nachdem sein Aug die ersten Silben erfaßt hat, einige andere wieder liest er Silbe für Silbe, und das e eine oder andre vielleicht Buchstabe für Buchstabe. – Wir würden auch sagen, er habe einen Satz gelesen, wenn er während des Lesens weder laut noch zu sich selbst spricht, aber danach imstande ist, den Satz wörtlich oder annähernd wiederzugeben. –
– 108 –
Er kann auf das achten, was er liest, oder auch – wie wir sagen könnten – als bloße Lesemaschine funktionieren, ich meine, laut und richtig lesen, ohne auf das, was er liest, zu achten; vielleicht während seine Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes gerichtet ist (sodaß er nicht imstande ist, zu sagen, was er gelesen hat, wenn man ihn gleich darauf fr[ä|a]gt). Vergleiche nun mit diesem Leser einen Anfänger. Er liest die Wörter, indem er sie mühsam buchstabiert. – Einige Wörter aber errät er aus dem Zusammenhang; oder er weiß das Lesestück vielleicht zum Teil schon auswendig. Der Lehrer sagt dann, daß er die Wörter nicht wirklich liest (und in gewissen Fällen, daß er nur vorgibt, sie zu lesen).
      Wenn wir an dieses Lesen, an das Lesen des Anfängers, denken und uns fragen, worin Lesen besteht, werden wir geneigt sein, zu sagen: es sei eine besondere bewußte geistige Tätigkeit.
      Wir sagen von dem Schüler auch: “Nur er weiß natürlich, ob er wirklich liest, oder die Worte bloß auswendig sagt”. (Über diese Sätze “Nur er weiß, …” muß noch geredet werden.)
      Ich will aber sagen: Wir müssen zugeben, daß – was das Aussprechen irgend eines der gedruckten Wörter betrifft– im Bewußtsein des Schülers, der ‘vorgibt’ zu lesen, es zu lesen, das Gleiche stattfinden kann, wie im Bewußtsein des geübten Lesers, der es ‘liest’. Das Wort “lesen” wird anders angewandt, wenn wir vom Anfänger, und wenn wir vom geübten Leser sprechen. ‒ ‒
– 109 –
Wir möchten nun freilich sagen: Was im geübten Lser und Leser und was im Anfänger vor sich geht, wenn sie das Wort aussprechen, kann nicht das Gleiche sein. Und wenn kein Unterschied in dem wäre, was ihnen gerade bewußt ist, so im unbewußten Arbeiten ihres Geistes; oder auch im Gehirn. – Wir möchten also sagen: Hier sind jedenfalls zwei verschiedene Mechanismen! Und was in ihnen vorgeht, muß Lesen von Nichtlesen unterscheiden. – Aber diese Mechanismen sind doch nur Hypothesen; Modelle zur Erklärung, zur Zusammenfassung dessen, was du wahrnimmst.
     
157.
      Überlege dir folgenden Fall: Menschen, oder andere Wesen, würden von uns als Lesemaschinen benützt. Sie werden zu diesem Zweck abgerichtet. Der, welcher sie abrichtet, sagt von Einigen, sie können schon lesen, von Andern, sie könnten es noch nicht. Nimˇm den Fall eines Schülers, der bisher nicht mitgetan hat: zeigt man ihm ein geschriebenes Wort, so wird er manchmal irgendwelche Laute hervorbringen, und hie und da geschieht es dann ‘zufällig’, daß sie ungefähr stimmen. Ein Dritter hört diesen Schüler in so einem Fall und sagt: “Er liest”. Aber der Lehrer sagt: “Nein, er liest nicht; es war nur ein Zufall.” – Näh Nehmen wir aber an, dieser Schüler, wenn ihm nun weitere Wörter vorgelegt werden, reagiert auf sie fortgesetzt richtig. Nach einiger Zeit sagt der Lehrer: “Jetzt kann er lesen!” – Aber wie war es mit jenem ersten Wort? Soll der Lehrer sagen: “Ich hatte mich geirrt, er hat es doch gelesen” – oder: “Er hat erst später angefangen, wirklich zu lesen”? – Wann hat er angefangen, zu lesen? Welches ist das erste Wort, das er
– 110 –
gelesen hat? Diese Frage ist hier sinnlos. Es sei denn, wir erklärten: “Das erste Wort, das Einer ‘liest’, ist das erste Wort der ersten Reihe von 50 Wörtern, die er richtig liest” (oder dergl.).
      Verwenden wir dagegen “Lesen” für ein gewisses Erlebnis des Übergangs vom Zeichen zum gesprochenen Laut, dann hat es wohl Sinn, von einem ersten Wort zu sprechen, das er wirklich gelesen hat. Er kann dann etwa sagen: “Bei diesem Worte hatte ich zum ersten Male das Gefühl: ‘jetzt lese ich’.”
      Oder aber in dem hievon verschiedenen Fall einer Lse- Lesemaschine, die, etwa nach Art eines Pianolas, Zeichen in Laute übersetzt, könnte man sagen: “Erst nachdem dies und dies an der Maschine geschehen war – die und die Teile durch Drähte verbunden worden waren – hat die Maschine gelesen; das erste Zeichen, welches sie gelesen hat, war ….”
      Im Falle aber der lebenden Lesemaschine hieß “lesen”: so und so auf Schriftzeichen reagieren. Dieser Begriff war also ganz unabhängig von dem eines seelischen, oder andern Mechanismus. – Der Lehrer kann hier auch vom Abgerichteten nicht sagen: “Vielleicht hat er dieses Wort schon gelesen”. Denn es ist ja kein Zweifel über das, was er getan hat. – Die Veränderung, als der Schüler zu lesen anfing, war eine Veränderung seines Verhaltens; und von einem ‘ersten Wort im neuen Zustand’ zu reden, hat hier keinen
– 111 –
Sinn.
     
158.
      Aber liegt dies nicht nur an unserer zu geringen Kenntnis der Vorgänge im Gehirn und im Nervensystem? Wenn wir diese genauer kennten, würden wir sehen, welche Verbindungen durch das Abrichten hergestellt worden waren, und wir könnten dann, wenn wir ihm ins Gehirn sähen, sagen: ‘Dieses Wort hat er jetzt gelesen, jetzt war die Leseverbindung hergestellt’.”‒ ‒ Und das muß wohl so sein – denn wie könnten wir sonst so sicher sein, daß es eine solche Verbindung gibt? Das ist wohl a priori so – oder ist es nur wahrscheinlich? – Und wie wahrscheinlich ist es? Frage dich doch: was weißt du denn von diesen Sachen? ‒ ‒ Ist es aber a priori, dann heißt das, daß es eine uns sehr einleuchtende Darstellungsform ist.
     
159.
      Aber wir sind, wenn wir darüber nachdenken, versucht zu sagen: das einzig wirkliche Kriterium dafür, das Einer liest, ist der bewußte Akt des Lesens, des Ablesens der Laute von den Buchstaben. “Ein Mensch weiß doch, ob er liest, oder nur vorgibt, zu lesen!” – Angenommen, A will den B glauben machen, er könne cyrillische Schrift lesen. Er lernt einen russischen Satz auswendig und sagt ihn dann, indem er die gedruckten Wörter ansieht, als läse er sie. Wir werden hier gewiß sagen, A wisse, daß er nicht liest, und er empfinde, während er zu lesen vorgibt, eben dies. Denn es gibt natürlich eine Menge für das Lesen eines Satzes im Druck mehr oder weniger charakteristischer Empfindungen; es
– 112 –
ist nicht schwer, sich solche ins Gedächtnis zu rufen: denke an Empfindungen des Stockens, des genaueren Hinsehens, Verlesens, der größeren und geringeren Geläufigkeit der Wortfolgen, u.a.. Und ebenso gibt es charakteristische Empfindungen für das Aufsagen von etwas Auswendiggelerntem. Und A wird in unserm Fall keine von den Empfindungen haben, die für das Lesen charakteristisch sind, und er wird etwa eine Reihe von Empfindungen haben, die für das Schwindeln charakteristisch sind.
     
160.
      Denke dir aber diesen Fall: Wir geben Einem, der fließend lesen kann, einen Text zu lesen, den er nie zuvor gesehen hat. Er liest ihn uns vor; – aber mit der Empfindung, als sage er etwas Auswendiggelerntes (dies könnte die Wirkung irgendeines Giftes sein). Würden wir in einem solchen Falle sagen, er [ läse ] lese das Stück nicht wirklich? Würden wir hier also seine Empfindungen als Kriterium dafür gelten lassen, ob er liest oder nicht?
      Oder aber: Wenn man einem Menschen, der unter dem Einfluß eines bestimmten Giftes steht, eine Reihe von Schriftzeichen vorlegt, die keinem E existierenden Alphabeth anzugehören brauchen, so spreche spricht er nach der Anzahl der Zeichen Wörter aus, so als wären die Zeichen Buchstaben, und zwar mit allen äußeren Merkmalen und mit Empfindungen des Lesens. (Ähnliche Erfahrungen haben wir in Träumen; nach dem Aufwachen sagt man dann etwa: “Es kam mir vor, als läse ich die Zeichen, obwohl es gar keine Zeichen waren.”) In so einem Fall würden
– 113 –
Manche geneigt sein, zu sagen, der Mensch lese diese Zeichen; Andere, er lese sie nicht. – Angenommen, er habe auf diese Weise eine Gruppe von vier Zeichen als OBEN gelesen (oder gedeutet) – nun zeigen wir ihm die gleichen Zeichen in umgekehrter Reihenfolge und er liest NEBO, und so behält er [ bei ] in weiteren Versuchen immer die gleiche Deutung der Zeichen bei: hier wären wir wohl geneigt, zu sagen, er lege sich ad hoc ein Alphabeth zurecht und lese dann danach.
     
161.
      Bedenke nun auch, daß es eine kontinuierliche Reihe von Übergängen gibt zwischen dem Falle, in welchem jemand das auswendig hersagt, was er lesen soll, und dem, in welchem er jedes Wort, Buchstabe für Buchstaben liest, ohne jede Hilfe des Erratens aus dem Zusammenhang, oder des Auswendigwissens.
      Mache diesen Versuch: sage die Zahlenreihe von 1 bis 12. Nun schau auf das Zifferblatt deiner Uhr und lies diese Reihe. – Was hast du in diesem Falle “lesen” genannt? Das heißt: was hast du getan, um es zum Lesen zu machen? //
     
162.
      Versuchen wir diese Erklärung: Jemand liest, wenn er die Reproduktion von der Vorlage ableitet. Und ‘Vorlage’ nenne ich den Text, welchen er liest, oder abschreibt; das Diktat, nach welchem er schreibt; die Partitur, die er spielt; etc. etc..– Wenn wir nun z.B. jemand das cyrillische Alphabeth gelehrt hätten und wie jeder Buchstabe auszusprechen sei,– wenn wir ihm dann ein Lesestück vorlegen und er liest
– 114 –
es, indem er jeden Buchstaben so ausspricht, wie wir es ihn gelehrt haben,– dann werden wir wohl sagen, er leite den Klang eines Wortes vom Schriftbild mit Hilfe der Regel, die wir ihm gegeben haben, ab. Und dies ist auch ein klarer Fall des Lesens. (Wir könnten sagen, wir haben ihn die ‘Regel des Alphabeths’ gelehrt.)
      Aber warum sagen wir, er habe die gesprochenen Worte von den gedruckten abgeleitet? Wissen wir mehr, als daß wir ihn gelehrt haben, wie jeder Buchstabe auszusprechen sei, und daß er dann die Worte laut gelesen habe? Wir werden vielleicht antworten: der Schüler zeige, daß er den Übergang vom Gedruckten zum Gesprochenen mit Hilfe der Regel macht, die wir ihm gegeben haben. – Wie man dies zeigen könne, wird klarer, wenn wir unser Beispiel dahin abändern, daß der Schüler, statt den Text vorzulesen, ihn abzuschreiben hat, die Druckschrift in Schreibschrift zu übertragen hat. Denn in diesem Fall können wir ihm die Regel in Form einer Tabelle geben; in einer Spalte stehen die Druckbuchstaben, in der andern die Kursivbuchstaben. Und daß er die Schrift vom Gedruckten ableitet, zeigt sich darin, daß er in der Tabelle nachsieht.
     
163.
      Aber wie, wenn er dies täte, und dabei ein A immer in ein b, ein B in ein c, ein C in ein d umschriebe, u.s.f., und ein Z in ein a? – Auch das würden wir doch ein Ableiten nach der Tabelle nennen. – Er gebraucht sie nun, könnten wir sagen, nach dem zweiten Schema im §86, statt nach dem ersten.
– 115 –
Auch das wäre wohl noch ein Ableiten nach der Tabelle, wenn der Gebrauch, den er von ihr macht, das durch ein Pfeilschema, ohne alle einfache Regelmäßigkeit wiedergegeben würde.
      Aber nimm an, er bleibe nicht bei einer Art des Transkribierens; sondern ändere sie nach einer einfachen Regel: Hat er einmal ein A in ein n umgeschrieben, so schreibt er das nächste A in ein o, das nächste in ein p um, u.s.w..– Aber wo ist die Grenze zwischen diesem Vorgehen und einem regellosen?
      Aber heißt das nun, das Wort “ableiten” habe eigentlich keine Bedeutung, da es ja scheint, daß diese, wenn wir ihr nachgehen, in nichts zerfließt?
     
164.
      Im Falle des §162 ] Im Falle (162) [ stand die Bedeutung des Wortes “ableiten” klar vor uns. Aber wir sagten uns, dies sei nur ein ganz spezieller Fall des Ableitens; , eine ganz spezielle Einkleidung; diese mußte ihm abgestreift werden, wenn wir das Wesen des Ableitens erkennen wollten. Nun streiften wir ihm die besonderen Hüllen ab; aber da verschwand das Ableiten selbst. – Um die eigentliche Artischocke zu finden, hatten wir sie ihrer Blätter entkleidet. Denn es war freilich (162) ein spezieller Fall des Ableitens, aber das Wesentliche des Ableitens war nicht unter dem Äußeren dieses Falls versteckt, sondern dieses ‘Äußere’ war ein Fall aus der Familie der Fälle des Ableitens.
      Und so verwenden wir auch das Wort “Lesen” für eine Familie von Fällen. Und wir wenden unter verschiedenen Um-
¤ Die Grammatik des Ausdrucks: “ein ganz bestimmtes” (Atmosphäre)
395.
Man sagt “Dieses Gesicht hat einen ganz bestimmten Ausdruck”, und sucht etwa nach Worten, die ihn charakterisieren.
– 116 –
ständen verschiedene Kriterien an dafür, daß Einer d liest.
     

165.
      Aber lesen – möchten wir sagen – ist doch ein ganz bestimmter Vorgang! Lies eine Druckseite, dann kannst du's sehen; es geht da etwas Besonderes vor und etwas höchst Charakteristisches. ‒ ‒ Nun, was geht denn vor, wenn ich den Druck lese? Ich sehe gedruckte Wörter und spreche Wörter aus. Aber das ˇist natürlich nicht alles; denn ich könnte gedruckte Wörter sehen und Wörter aussprechen und es wäre doch nicht Lesen. Auch dann nicht, wenn die Wörter, die ich spreche, die sind, die man, zufolge einem bestehenden Alphabeth, von jenen gedruckten ablesen soll. – Und wenn du sagst, das Lesen sei ein bestimmtes Erlebnis, so spielt es ja gar keine Rolle, ob du nach einer von Menschen allgemein anerkannten Regel des Alphabeths liest, oder nicht. – Worin besteht also das Charakteristische am Erlebnis des Lesens? – Da möchte ich sagen: “Die Worte, die ich ausspreche, kommen in besonderer Weise.” Nämlich sie kommen nicht so, wie sie kämen, wenn ich sie z.B. ersänne. – Sie kommen von selbst. – Aber auch das ist nicht genug; Denn es können mir ja Wortklänge einfallen, während ich auf die gedruckten Worte schaue, und ich habe damit diese doch nicht gelesen. – Da könnte ich noch sagen, daß mir die gesprochenen Wörter auch nicht so einfallen, als erinnerte ich mich, z.B., etwas an sie. Ich möchte z.B. nicht sagen: das Druckwort “nichts” erinnert mich immer an den Laut “nichts”. – Sondern die gesprochenen Wörter [ Laute ] schlüpfen beim Lesen gleichsam herein. Ja, ich kann ein deutsches gedrucktes
– 117 –
Wort gar nicht ansehen, ohne einen eigentümlichen Vorgang des innern Hörens des Wortklangs.
     
     

165 6.
      Ich sagte, die gesprochenen Worte, beim Lesen, kämen ‘in besonderer Weise’; aber in welcher Weise? Ist dies nicht eine Fiktion? Sehen wir uns einzelne Buchstaben an und geben Acht, in welcher Weise der Laut des Buchstabens kommt. Lies den Buchstaben A. – Nun, wie kam der Laut? – Wir wissen gar nichts darüber zu sagen. ‒ ‒ Nun schreib ein kleines lateinisches a! – Wie kam die Handbewegung beim Schreiben? Anders als der Laut im vorigen Versuch? Ich habe auf den Druckbuchstaben gesehen und schrieb den Kursivbuchstaben; mehr weiß ich nicht. ‒ ‒ Nun schau auf das Zeichen und laß dir db dabei einen Laut einfallen; sprich ihn aus. Mir fiel der Laut ‘U’ ein; aber ich könnte nicht sagen, es war ein wesentlicher Unterschied in der Art und Weise, wie dieser Laut kam. Der Unterschied lag in der etwas andern der andern Situation: Ich hatte mir vorher gesagt, ich solle mir einen Laut einfallen lassen; es war eine gewisse Spannung da, ehe der Laut kam. Und ich sagte mir nicht sprach nicht automatisch den Laut ‘U’, wie beim Anblick des Buchstabens U. Auch war mir k jenes Zeichen nicht vertraut, wie die Buchstaben. Ich sah es gleichsam gespannt, mit einem gewissen Interesse für seine Form, an; ich dachte dabei an ein umgekehrtes Sigma. ‒ ‒ Stell dir vor, du müßtest nun dieses Zeichen regelmäßig als Lautzeichen be Buchstaben benützen; du gewöhnst dich also daran, bei seinem Anblick einen bestimmten Laut auszusprechen, etwa den Laut
– 118 –
‘sch’. Können wir mehr sagen, als daß nach einiger Zeit dieser Laut automatisch kommt, wenn wir das Zeichen ansehen? D.h.: ich frage mich bei seinem Anblick nicht mehr “Was ist das für ein Buchstabe?” – auch sage ich mir natürlich nicht “Ich will bei diesem Zeichen den Laut ‘S‘sch’ aussprechen” – noch auch: “[d|D]ieses Zeichen erinnert mich irgendwie an den Laut ‘sch’.”
      (Vergleiche damit die Idee: das Gedächtnisbild unterscheide sich von andern Vorstellungsbildern durch ein besonderes Merkmal.)
     
166 7.
      Was ist nun an dem Satz, das Lesen sei doch ‘ein ganz bestimmter Voˇrgang’? Das heißt doch wohl, beim Lesen finde immer ein bestimmter Vorgang statt, den wir wiedererkennen. – Aber wenn ich nun einmal einen Satz im Druck lese und einandermal nach Morsezeichen schreibe,– findet hier wirklich der gleiche seelische Vorgang statt⌊⌊ˇ?⌋⌋ ‒ ‒ [d|D]ahingegen ist aber freilich eine Gleichförmigkeit in dem Erlebnis des Lesens einer Druckseite. Denn der Vorgang ist ja ein gleichförmiger. Und es ist ja leicht verständlich, daß sich dieser Vorgang unterscheidet von dem etwa, sich Wörter beim Anblick beliebiger Striche einfallen zu lassen. – Denn schon der bloße Anblick einer gedruckten Zeile ist ja ungemein charakteristisch, d.h., ein ganz spezielles Bild: Die Buchstaben alle von ungefähr der gleichen Größe, auch der Gestalt nach verwandt, immer wiederkehrend; die Wörter, die zum großen Teil sich ständig wiederholen und uns unendlich wohlvertraut sind, ganz wie
– 119 –
wohlvertraute Gesichter. – Denke an das Unbehagen, das wir empfinden, wenn die Rechtschreibung eines Wortes geändert wird. (Und an die noch tieferen Gefühle, die Fragen der Schreibung von Wörtern aufgeregt haben.) Freilich, nicht jede Zeichenform hat sich uns tief eingeprägt. Ein Zeichen, z.B. in der Algebra der Logik kann durch ein beliebiges anderes ersetzt werden, ohne daß tiefe Gefühle in uns aufgeregt würden. –
      Bedenke, daß das gesehene Wortbild uns in ähnlichem Grade [ ähnlicher Weise ] vertraut ist, wie das gehörte.
     
167 8.
      Auch gleitet der Blick anders über die gedruckte Zeile, als über eine Reihe beliebiger Haken und Schnörkel. (Ich rede hier aber nicht von dem, was durch Beobachtung der Augenbewegung des Lesenden festgestellt werden kann.) Der Blick gleitet, möchte man sagen, besonders widerstandslos, ohne hängen zu bleiben; und doch rutscht er nicht. Und dabei geht ein unwillkürliches Sprechen in der Vorstellung vor sich. Und so verhält es sich, wenn ich Deutsch und andere Sprachen lese; gedruckt, oder geschrieben, und in verschiedenen Schriftformen. – Was aber von dem allen ist für das Lesen als solches wesentlich? Nicht ein Zug, der in allen Fällen des Lesens vorkäme! (Vergleiche mit dem Vorgang beim Lesen der gewöhnlichen Druckschrift das Lesen von Worten, die ganz in Großbuchstaben gedruckt sind, wie manchmal die Auflösungen von Rätseln. Welch anderer Vorgang! – Oder das Lesen unserer Schrift von rechts nach links.)
     
168 9.
      Aber empfinden wir nicht, wenn wir k lesen, eine Art
– 120 –
Verursachung unseres Sprechens durch die Wortbilder? ‒ ‒ Lies einen Satz! – und nun schau der Reihe
&8§ ≠ § ≠ ?ß +S 8!§X3
entlang und sprich dabei einen Satz. Ist es nicht fühlbar, daß im ersten Fall das Sprechen mit dem Anblick der Zeichen verbunden war und im zweiten ohne Verbindung neben dem Sehen der Zeichen herläuft?
      Aber warum sagst du, wir fühlten eine Verursachung? Verursachung ist doch das, was wir durch Experimente feststellen; indem wir, z.B., das regelmäßige Zusammentreffen von Vorgängen beobachten. Wie könnte ich denn sagen, daß ich das, was so durch Versuche festgestellt wird, fühle? (Es ist wohl wahr, daß wir Verursachung nicht nur durch die Beobachtung eines regelmäßigen Zusammentreffens feststellen.) Hievon wird noch zu reden sein.) Eher noch könnte man sagen, ich fühle, daß die Buchstaben der Gr Grund sind, warum ich so und so lese. Denn, wenn mich jemand fragt: “Warum liest du so?”– so begründe ich es durch die Buchstaben, welche da stehen.
      Aber was soll es heißen, diese Begründung, die ich ausgesprochen, gedacht, habe, zu fühlen? Ich möchte sagen: Ich fühle beim Lesen einen gewissen Einfluß der Buchstaben auf mich ‒ ‒ aber nicht einen Einfluß jener Reihe beliebiger Schnörkel auf das, was ich rede. – Vergleichen wir wieder einen einzelnen Buchstaben mit einem
– 121 –
solchen Schnörkel! Würde ich auch sagen, ich fühle den Einfluß von “i”, wenn ich diesen Buchstaben lese? Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich beim Anblicken von “i” den Laut i i-Laut sage, oder beim Anblick von ‘§’. Der Unterschied [ ist, daß ] ist etwa, daß beim Anblick des Buchstabens das innere Hören des i-Lauts automatisch, ja gegen meinen Willen, vor sich geht; und wenn ich den Buchstaben laut lese, sein Aussprechen anstrengungsloser ist, als beim Anblick von ‘§’. Das heißt– es verhält sich so, wenn ich den Versuch [ einen bestimmten Versuch ] mache; aber natürlich nicht, wenn ich, zufällig auf das Zeichen ‘§’ blickend, etwa ein Wort ausspreche, in welchem der i-Laut vorkommt.
     
169 70.
      Wir wären ja nie auf den Gedanken gekommen, wir fühlten den Einfluß der Buchstaben auf uns beim Lesen, wenn wir nicht den Fall der Buchstaben mit dem beliebiger Striche verglci[e|c]hen hätten. Und hier merken wir allerdings einen Unterschied. Und diesen Unterschied deuten wir als Einfluß, und Fehlen des Einflusses.
      Und zwar sind wir zu dieser Deutung dann besonders geneigt, wenn wir absichtlich langsam lesen,– etwa um zu sehen, was denn beim Lesen geschieht. Wenn wir uns sozusagen recht absichtlich von den Buchstaben führen lassen. Aber dieses ‘mich führen lassen’ besteht wieder nur darin, daß ich mir die Buchstaben gut anschaue,– etwa, gewisse
– 122 –
andere Gedanken ausschalte.
      Wir bilden uns ein, wir nähmen durch ein Gefühl, quasi, einen verbindenden Mechanismus wahr zwischen dem Wortbild und dem Laut, den wir sprechen. Denn wenn ich vom Erlebnis des Einflusses, der Verursachung, des Geführtwerdens rede, so soll das ja heißen, daß ich sozusagen die Bewegung der Hebel fühle, die den Anblick der Buchstaben mit dem Sprechen verbinden.
     
170 1.
      Ich hätte mein Erlebnis beim Lesen eines Wortes auf verschiedene Weise treffend durch Worte ausdrücken können. So könnte ich sagen, daß das Geschriebene mir die Laute eingebe. – Aber auch dies, daß Buchstabe und Laut beim Lesen eine Einheit bilden – gleichsam eine Legierung. (Eine ähnliche Verschmelzung gibt es z.B. zwischen den Gesichtern berühmter Männer und dem Klang ihrer Namen. Es kommt uns vor, dieser Name sei der einzig richtige Ausdruck für dieses Gesicht.) Wenn ich diese Einheit fühle, könnte ich sagen: ich sehe, oder höre den Laut in dem geschriebenen Wort. –
      Aber jetzt lies einmal ein paar Sätze im Druck, so wie du's gewöhnlich tust, wenn du nicht an den Begriff des Lesens denkst. Und ; und frage dich, ob du beim Lesen solche Erlebnisse der Einheit, des Einflusses, etc. gehabt hast. – Sag nicht, du habest sie unbewußt gehabt! Auch lassen wir uns nicht durch das Bild verleiten, ‘beim nähern Hinsehen’
– 123 –
zeigen sich diese Erscheinungen! Wenn ich beschreiben soll, wie ein Gegenstand aus der Ferne ausschaut, so wird diese Beschreibung nicht genauer, dadurch, daß ich sage, was beim näher[e|n]m Hinsehen an ihm zu bemerken ist.
     
171 2.
      Denken wir an das Erlebnis des Geführtwerdens! Fragen wir uns: Worin besteht dieses Erlebnis, wenn wir z.B. einen Weg geführt werden? – Stelle Dir diese Fälle vor:
Du bist auf einem Spielplatz etwa mit verbundenen Augen, und wirst von jemand an der Hand geleitet, bald links, bald rechts, du mußt immer des Zuges seiner Hand gewärtig sein, auch Acht geben, daß du bei einem unerwarteten Zug nicht stolperst.
      Oder aber: du wirst von jemandem an der Hand mit Gewalt geführt, wohin du nicht willst.
      Oder: du wirst im Tanz von einem Partner geführt; du machst dich so rezeptiv wie möglich, um seine Absicht zu erraten und dem leisesten Drucke zu folgen.
      Oder: jemand füht führt dich einen Spazierweg; ihr geht im Gespräch; wo immer er geht, gehst du auch.
      Oder: du gehst einen Feldweg entlang, läßt dich von ihm führen.
      Alle diese Situationen sind einander ähnlich; aber was ist akk allen den Erlebn[e|i]ssen gemeinsam?
     
172 3.
      “Aber Geführtwerden ist doch ein bestimmtes Erlebnis!” – Die Antwort darauf ist: Du denkst jetzt an ein
– 124 –
bestimmtes Erlebnis des Geführtwerdens.
      Wenn ich mir das Erlebnis Ddesjenigen vergegenwärtigen will, der in einem der früheren Beispiele durch den gedruckten Text und die Tabelle beim Schreiben geführt wird, so stelle ich mir das ‘gewissenhafte’ Nachsehen, etc., vor. Ich nehme dabei sogar einen bestimmten Gesichtsausdruck an (den z.B. eines gewissenhaften Buchhalters). An diesem Bild ist z.B. die Sorgfalt sehr wesentlich; an einem andern wieder das Ausschalten jedes eigenen Willens. (Denke Dir aber, daß jemand Dinge, die der gewöhnliche Mensch mit den Zeichen der Unachtsamkeit tut, mit dem Ausdruck – und warum nicht mit den Empfindungen? – der Sorgfalt begleitet. – Ist er nun sorgfältig? Stell dir etwa vor, : der Diener lasse das Teebrett mit allem was darauf ist, mit den ˇäußeren Zeichen der Sorgfalt, auf den zu Boden fallen.) Vergegenwärtige ich mir so ein bestimmtes Erlebnis, so erscheint es mir als das Erlebnis des Geführtwerdens (oder Lesens). Nun aber frage ich mich: Was tust du? – Du schaust auf jedes Zeichen, du machst dieses Gesicht dazu, du schreibst die Buchstaben mit Bedacht (u. dergl.) – Das ist also das Erlebnis des Geführtwerdens? ‒ ‒ Da möchte ich sagen. “Nein, das ist es nicht; es ist etwas Innerlicheres, Wesentlicheres.” – Es ist, als ob zuerst all diese mehr oder weniger unwesentlichen Vorgänge in eine bestimmte Atmosphäre gekleidet wären, die sich nun verflüchtigt, wenn ich genau hinschaue.
     
173 4.
      Frage dich, wie du ‘mit Bedacht’ eine
– 125 –
Strecke parallel zu einer gegebenen Strecke ziehst,– ein andermal mit Bedacht in einem Winkel zu ihr. Was ist das Erlebnis des Bedachts? Da fällt dir gleich eine bestimmte Miene, eine Gebärde ein,– und dann möchtest du sagen: “und es ist eben ein bestimmtes inneres Erlebnis”. (Womit du natürlich gar nichts mehr gesagt hast.)
      (Es ist da ein Zusammenhang mit der Frage nach dem Wesen der Absicht, des Willens.)
     
174 5.
      Mach d einen beliebigen Fahrer auf dem Papier. – – Und nun zeichne ihn daneben nach, laß dich von ihm führen. ‒ ‒ Ich möchte sagen: “Gewiß! Ich habe mich jetzt führen lassen. Aber was dabei Charakteristisches geschehen ist? – Wenn ich sage, was geschehen ist, so kommt es mir nicht mehr charakteristisch vor.”
      Aber nun merke dies: Während ich mich führen lasse, ist alles ganz einfach, ich merke nichts besonderes; aber danach, wenn ich mich frage, was damals da geschehen ist, so scheint es etwas Unbeschreibbares gewesen zu sein. Danach genügt mir keine Beschreibung. Ich kann, sozusagen, nicht glauben, daß ich bloß hingeschaut, dieses Gesicht gemacht, den Strich gezogen habe. – Aber erinnere ich mich denn an etwas anderes? Nein; und doch kommt mir vor, als müsse etwas anderes gewesen sein; und zwar dann, wenn ich mir dabei das Wort [ “führen”, “Einfluß”, und anderes, vorsage. ] // “führen”, “Ein-
– 126 –
fluß”, und derlei, vorsage. // ‘Denn ich bin doch geführt worden”, sage ich mir. – Dann erst tritt die Idee jenes ätherischen, ungreifbaren, Einflusses auf.
     
175 6.
      Ich habe, wenn ich nachträglich über an das Erlebnis nachdenke denke, das Gefühl, daß das Wesentliche an ihm das ein ‘Erlebnis eines Einflusses’, einer Verbindung, ist – im Gegensatz zu irgendeiner bloßen Gleichzeitigkeit von Phänomenen: Zugleich aber möchte ich kein erlebtes Phänomen “[e|E]rlebnis des Einflusses” nennen. (Hier liegt die Idee: der Wille ist keine Erscheinung.) Ich möchte sagen, ich hätte das ‘Weil’ erlebt; und doch will ich keine Erscheinung “Erlebnis des Weil” nennen.
     
176 7.
      Ich möchte sagen: “Ich erlebe das Weil”. Aber nicht, weil ich mich an dieses Erlebnis erinnere; sondern, weil ich beim Nachdenken darüber, was ich in so einem Falle erlebe, dies durch das Medium des Begriffes ‘weil’ (oder ‘Einfluß’, oder ‘Ursache’, oder ‘Verbindung’) anschaue. – Denn es ist freilich [w|r]ichtig, zu sagen, ich habe diese Linie unter dem Einfluß der Vorlage gezogen: dies liegt aber nicht einfach in dem, was ich beim Ziehen der Linie empfinde – sondern, unter Umständen, z.B. darin, daß ich sie der andern parallel ziehe; obwohl auch das wieder für das Geführtwerden nicht allgemein wesentlich ist. –
     
177 8.
      Wir sagen auch: “Du siehst ja, daß ich mich von ihr führen lasse” – und was sieht der, der das sieht?
– 127 –

      Wenn ich zu mir selbst sage: “Ich werde doch geführt” – so mache ich etwa eine Handbewegung dazu, die das Führen ausdrückt. – Mache eine solche Handbewegung, gleichsam als leitest leitetest du jemand entlang, und frage dich dann, worin das Führende dieser Bewegung besteht. Denn du hast hier ja niemand geführt. Und doch möchtest du die Bewegung eine ‘führende’ nennen. Also war in dieser Bewegung, und Empfindung, nicht das Wesen des Führens enthalten und doch drängte es dich [ uns ] , diese Bezeichnung zu gebrauchen. Es ist eben eine Erscheinungsform des Führens, die uns diesen Ausdruck aufdrängt.
     
178 9.
      Kehren wir zu unserm Fall (151) zurück. Es ist klar: wir würden nicht sagen, B habe ein Recht, die Worte “Jetzt weiß ich weiter” zu [ gebrauchen ] sagen, weil ihm die Formel eingefallen ist,– wenn nicht erfahrungsmäßig ein Zusammenhang bestünde zwischen dem Einfallen – Aussprechen, Anschreiben – der Formel und dem tatsächlichen Fortsetzen der Reihe. Und so ein Zusammenhang besteht ja offenbar. – Und nun könnte man meinen, der Satz “Ich kann fortsetzen” sage soviel wie: “Ich habe ein Erlebnis, welches erfahrungsgemäß zum Fortsetzen der Reihe führt”. Aber meint das B, wenn er sagt, er könne fortsetzen? Schwebt ihm jener Satz dabei im Geiste vor, oder ist er bereit, ihn als Erklärung dessen, was er meint, zu geben?
      Nein. Die Worte “Jetzt weiß ich weiter” waren richtig
– 128 –
angewandt, wenn ihm die Formel eingefallen war: nämlich unter gewissen Umständen. Z.B., wenn er Algebra gelernt, solche Formeln schon früher benützt hatte. – Das heißt aber nicht, jene Aussage sei nur eine Abkürzung für die Beschreibung sämtlicher Umstände, die den Schauplatz unseres Sprachspiels bilden. – Denke daran, wie wir jene Ausdrücke, “jetzt weiß ich weiter”, “jetzt ˇkann ich fortsetzen”, u.a., gebrauchen lernen; in welcher Familie von Sprachspielen wir ihren Gebrauch lernen.
      Wir können uns auch den Fall vorstellen, daß im Geist des B garnichts anderes vorfiel, als daß er plötzlich sagte “Jetzt weiß ich weiter” – etwa mit einem Gefühl der Erleichteterung; und daß er nun die Reihe tatsächlich fortrechnet, ohne die Formel zu benützen. Und auch in diesem Falle würden wir – unter gewissen Umständen – sagen, er habe weiter gewußt.
     
179 80.
      So werden diese Worte gebraucht. Es wäre, in diesem letzteren Fall z.B., ganz irreleitend, sie die Worte eine “Beschreibung eines seelischen Zustandes” zu nennen. – Eher könnte man sie hier ein ‘Signal’ nennen; und ob es richtig angewendet war, beurteilen wir nach dem, was er weiter tut.
     
180 1.
      Um dies zu verstehen, müssen wir uns auch folgendes überlegen: Angenommen, B sagt, er wisse weiter – wenn er aber nun fortsetzen will, stockt er und kann es nicht:
– 129 –
Sollen wir dann sagen, er habe mit Unrecht gesagt, er könne fortsetzen, oder aber: er hätte damals fortsetzen können, nur jetzt könne er es nicht? – Es ist klar, daß wir in verschiedenen Fällen Verschiedenes sagen werden. (Überlege dir beide Arten von Fällen.)
     
181 2.
      Die Grammatik von “passen”, “können” und “verstehen”. Aufgaben: 1) Wann sagt man, ein Zylinder Z passe in einen Hohlzylinder H? Nur solange Z in H steckt? 2) Man sagt manchmal: Z hat um die und die Zeit aufgehört, in H zu passen. Welche Kriterien verwendet man in so einem Fall dafür, daß dies es um diese Zeit geschah? 3) Was betrachtet man als Kriterium dafür, daß ein Körper sein Gewicht um eine bestimmte Zeit geändert hat, wenn er damals nicht auf der Wage lag? 4) Gestern wußte ich das Gewdicht auswendig; heute weiß ich's nicht mehr. In was für Fällen hat die Frage Sinn: # “Wann habe ich aufgehört, es auswendig zu wissen”? 5) Jemand fragt mich: “Kannst du dieses Gewicht heben?” Ich antworte “Ja”. Nun sagt er “Tu's!” – da kann ich es nicht. Unter was für Umständen würde man die Rechtfertigung gelten lassen: “Als ich antwortete ‘Ja’, da konnte ich's, nur jetzt kann ich's nicht”?
182.

      Die Kriterien, die wir für das ‘Passen’, “Können”, “Verstehen” gelten lassen, sind viel kompliziertere, als es auf den ersten Blick scheinen möchte. D.h., das Spiel mit diesen Worten, ihre Verwendung im sprachlichen Verkehr,
– 130 –
dessen Mittel sie sind, ist verwickelter – die Rolle dieser Wörter in unserer Sprache eine andere, als wir versucht sind, zu glauben.
      (Diese Rolle ist es, die wir verstehen müssen, ˇum philosophische Paradoxe aufzulösen. Und darum genügt dazu gewöhnlich nicht eine Definition; und scheon erst recht nicht die Feststellung, ein Wort sei ‘undefinierbar’.)
     
182 3.
      Wie aber,– hat nun der Satz “Jetzt kann ich fortsetzenzen” im Fall (151) das Gleiche geheißen, wie “Jetzt ist mir die Formel eingefallen”, oder etwas anderes? Wir können sage sagen, daß dieser Satz, unter diesench Umständen, den die gleichen Sinnch eFunktionch habe, ˇ(das Gleiche leiste) wie jener. Aber auch, daß, allgemein, diese beiden Sätze nicht den gleichen Sinn haben. Wir sagen auch: “Jetzt kann ich fortsetzen, ich meine, ich weiß die Formel”; wie wir sagen: “Ich kann gehen, d.h., ich habe Zeit”; aber auch: “Ich kann gehen, d–h– d.h., ich bin schon stark genug”; oder: “Ich kann gehen, was den Zustand meines Beines anbelangt”, wenn wir nämlich diese Bedingung des Gehens, andern Bedingungen entgegensetzen. Hier müssen wir uns aber hüten, zu glauben, es gebe, entsprechend der Natur des Falles, eine Gesamtheit aller Bedingungen (z.B. dafür, daß Einer geht) so daß er, sozusagen, nicht anders als gehen könnte, wenn sie alle erfüllt sind.
     
183 4.
      Ich will mich an eine Melodie erinnern und sie fällt
– 131 –
mir nicht ein; plötzlich sage ich, “Jetzt weiß ich's!”, und singe sie. Wie war es, als ich sie plötzlich wußte? Sie konnte mir doch nicht in diesem Moment ganz eingefallen sein! – Du sagst vielleicht: “Es ist ein bestimmtes Gefühl, als wäre sie jetzt da” – aber ist sie jetzt da? Wie, wenn ich nun anfange, sie zu singen und stecken bleibe? ‒ ‒ Ja aber konnte ich nicht doch in diesem Moment sicher sein, daß ich sie [ wußte ] wüßte? Sie war also eben doch in irgendeinem Sinne da!‒ ‒ Aber in welchem Sinne? Du sagst doch wohl, die Melodie sei da, wenn er sie etwa durchsingt, oder vom von Anfang zum Ende vor dem innern Ohr hört. Ich leugne natürlich nicht, daß der Aussage, die Melodie sei da, auch ein ganz anderer Sinn gegeben werden kann – z.B. der, ich hätte einen Zettel, auf dem sie aufgeschrieben steht. – Und worin besteht es denn, daß er ‘sicher’ ist, er wisse sie? – Man kann natürlich sagen: Wenn jemand mit Überzeugung sagt, jetzt wisse er die Melodie, so steht sie in diesem Augenblick (irgendwie) ganz vor seinem Geist ‒ ‒ und dies ist eine Erklärung der Worte: “die Melodie steht ganz vor seinem Geist”.
     
184 5.
      Gehen wir nun zu unserm Beispiel (143) zurück. Der Schüler beherrscht jetzt – nach den gewöhnlichen Kriterien beurteilt – die Grundzahlenreihe. Wir lehren ihn nun auch andere Reihen von Kardinalzahlen anschreiben und bringen ihn dahin, daß er z.B. auf Befehle von der Form
– 132 –
“+ n” Reihen der Form
         0, n, 2n, 3n, etc. anschreibt; auf den Befehl “+1” also die Grundzahlenreihe. – Wir hätten unsre Übungen und Stichproben seines Verständnisses im Zahlenraum bis 1000 gemacht.
      Wir lassen nun den Schüler einmal eine Reihe (etwa “+2”) über 1000 hinaus fortsetzen,– da schreibt er: 1000, 1004, 1008, 102 1012. //
      Wir sagen ihm: “Schau, was du machst!” – Er versteht uns nicht. Wir sagen: “Du solltest doch zwei addieren; schau, wie du die Reihe begonnen hast!” – Er antwortet: “Ja! Ist es denn nicht richtig? Ich dachte, so soll ich's machen.”‒ ‒ Oder nimm an, er sagte, auf die Reihe weisend: “Ich bin doch auf die gleiche Weise fortgefahren!” – Es würde uns nun nichts nützen, zu sagen, “Aber siehst du denn nicht …?”– und ihm die alten Erklärungen und Beispiele zu wiederholen. – Wir könnten in so einem Falle etwa sagen: Dieser Mensch versteht von Natur aus jenen Befehl, auf unsre Erklärungen hin, so, wie wir den Befehl: “Addiere bis 1000 immer 2, bis 2000 4, bis 3000 6, etc.”
      Dieser Fall hätte Ähnlichkeit mit dem, als reagierte ein Mensch von Natur auf eine zeigende Gebärde der Hand von Natur damit, daß er in der Richtung von der Fingerspitze zur Handwurzel blickt, statt in der Richtung zur
– 133 –
Fingerspitze.
     
185 6.
      “Was du sagst, läuft also darauf hinaus, es sei zum richtigen Befolgen des Befehls ‘ + n’ auf jeder Stufe eine neue Einsicht – Intuition – nötig.” – Zur richtigen Befolgung! Wie wird denn entschieden, welches an einem bestimmten Punkt der richtige Schritt ist? – “Der richtige Schritt ist der, welcher mit dem Befehl – wie er gemmeint war – übereinstimmt.” – Du hast also zur Zeit, als du den Befehl “ + 2” gabst, gemeint, er solle auf 1000 1002 schreiben – und hast du damals auch gemeint, er solle auf 1866 1868 schreiben, und auf 100034 100036, u.s.f.?– eine unendliche Anzahl solcher Sätze? – “Nein; ich habe gemeint, er solle nach jeder Zahl, die er schreibt, die zweitnächste schreiben; und daraus folgen ihres Orts alle jene Sätze.” – Aber es ist ja gerade die Frage, was, an irgendeinem Ort, aus jenem Satz folgt. Oder auch – was wir an irgend einem Ort “Übereinstimmung” mit n jenem Satz nennen sollen (und auch mit der Meinung, die du damals dem Satz gegeben hast,– worin immer diese bestanden haben mag). Richtiger, als zu sagen, es sei an jedem Punkt eine neue Intuition nötig, wäre beinah, zu sagen: es sei an jedem Punkt eine neue Entscheidung nötig.
     
186 7.
      “Ich habe aber doch auch damals, als ich den Befehl gab, schon gewußt, daß er auf 1000 1002 schreiben soll!” – Gewiß; und du kannst sogar sagen, du habest es damals
– 134 –
gemeint; nur sollst du dich nicht von der Grammatik der Wörter “wissen” und “meinen” irreführen lassen. Denn du meinst ja nicht, // Denn das willst du ja nicht sagen, // daß du damals an den Übergang von 1000 auf 1002 gedacht hast – und wenn auch an diesen Übergang, so doch an andre nicht. Dein “Ich habe damals schon gewußt …” heißt etwa: “Hätte man mich damals gefragt, welche Zahl er nach 1000 schreiben soll, so hätte ich geantwortet ‘1002’.” Und daran zweifle ich nicht. Es ist das eine Annahme etwa von der Art dieser: “Wenn er damals ins Wasser gefallen wäre, so wäre ich ihm nachgesprungen.” – Worin lag nun das Irrige deiner Idee?
     
187 8.
      Da möchte ich zuerst sagen: Deine Idee sei die gewesen, jenes Meinen des Befehls habe auf seine Weise alle jene [ die ] Übergänge doch schon gemacht [ . Deine ] : deine Seele fliege fliegt beim Meinen, gleichsam, voraus und mache macht alle Übergänge, ehe du körperlich bei dem oder jenem angelangt bist.
      Du warst also zu Ausdrücken geneigt, wie: “Die Übergänge sind eigentlich schon gemacht; auch ehe ich sie schriftlich, mündlich, oder in Gedanken, mache”. Und es schien, als wären sie in einer einzigartigen Weise vorausbestimmt, antizipiert – wie nur das Meinen die Wirklichkeit antizipieren könne.
     
188 9.
      “Aber sind die Übergänge also durch die algebraische Formel nicht bestimmt?” – In der Frage liegt
– 135 –
ein Fehler.
      Wir verwenden den Ausdruck: “die Übergänge sind durch die Formel … bestimmt”. Wie wird er verwendet? – Wir können etwa davon reden, daß Menschen durch Erziehung (Abrichtung) dahin gebracht werden, die Formel y = x² so zu verwenden, daß Alle, wenn sie die gleiche Zahl für x einsetzen, immer die gleiche Zahl durch y herausrechnen. Oder wir können sagen: “Diese Menschen sind so abgerichtet, daß sie alle auf den Befehl ⌊⌊Single quotes⌋⌋ | “+3” auf der gleichen Stufe den gleichen Übergang machen. Wir könnten dies so ausdrücken: Der Befehl “ = 3” ⌊⌊Single quotes⌋⌋ +3” bestimmt für diese Menschen jeden Übergang von einer Zahl zur nächsten völlig. (Im Gegensatz zu andern Menschen, die auf diesen Befehl nicht wissen, was sie zu tun haben; oder die zwar mit ˇvölliger Sicherheit, aber ein jeder in anderer Weise, auf ihn reagieren.)
      Wir können anderseits verschiedene Arten von Formeln, und zu ihnen gehörige verschiedene Arten der Verwendung (verschiedene Arten der Abrichtung) einander entgegensetzen. Wir nennen dann Formeln einer bestimmten Art (und der dazugehörigen Verwendungsweise) “Formeln, welche die eine Zahl y für ein gegebenes x bestimmen”, und Formeln anderer Art solche, “die die Zahl y für ein gegebenes x nicht bestimmen”. (y = x² wäre von der ersten Art, y ≠ x² von der zweiten.) Der Satz “Die Formel …
– 136. –
bestimmt eine Zahl y” ist dann eine Aussage über die Form der Formel; und es ist nun zu unterscheiden zu unterscheiden ein Satz zu unterscheiden wie der: wie dieser:[d|D]ie Formel, die ich hingeschrieben habe, bestimmt y” oder “Hier steht eine Formel, die y | bestimmt⌊⌊⌋⌋ – von einem Satz wie: der Art: “Die Formel y = x² bestimmt die Zahl y für ein gegebenes x”. Die Frage “Steht dort eine Formel, die y bestimmt?” heißt danˇn dasselbe wie: “Steht dort eine Formel dieser Art, oder jener Art?” – was wir aber mit der Frage anfangen sollen “Ist y ü [x|y] = x² eine Formel, die y für ein gegebenes x bestimmt?” ist nicht ohne Weiteres klar. Diese Frage könnte man etwa an eine[m|n] Schüler richten, um zu prüfen, ob er die Verwendung des Wortes “bestimmen” versteht; oder es könnte eine mathematische Aufgabe sein, in einem bestimmten System zu beweisen, daß x nur ein Quadrat besitzt.
     
1890.
      Man kann nun sagen: “Wie die Formel gemeint wird, das bestimmt, welche Übergänge zu machen sind.” Was ist das Kriterium dafür, wie die Formel gemeint ist? Etwa die Art und Weise, wie wir sie ständig gebrauchen, wie uns gelehrt wurde, sie zu gebrauchen.
      Wir sagen z.B. Einem, der ein uns unbekanntes Zeichen gebraucht: “Wenn du mit ⌊⌊Single quotes⌋⌋ | “x!2” meinst x², so erhälˇtst du diesen Wert für y, wenn du “ 2x” damit meinst, jenen.” – Frage dich nun: Wie macht man es, mit “x!2” das eine, oder das andere meinen?
– 137 –

      So kann also das Meinen die Übergänge zum Voraus bestimmen.
     
190 1.
      “Es ist, als könnten wir die ganze Verwendung des Wortes mit einem Schlage erfassen.” – Wie was z.B.? – Kann man sie nicht – in gewissem Sinne – mit einem Schlag erfassen? Und in welchem Sinne kannst du dies nicht? – Es ist eben, als könnten wir sie in einem noch viel direkteren Sinne ‘mit einem Schlag erfassen’. – Aber hast du dafür ein Vorbild? Nein. Es bietet sich uns nur diese Ausdrucksweise an. Als das Resultat sich kreuzender Bilder. [ // einander kreuzender Bilder // ]
     
191 2.
      Du hast kein Vorbild dieser übermäßigen Tatsache, aber du wirst dazu verführt, einen Über-Ausdruck zu gebrauchen. (Man könnte das einen philosophischen Superlativ nennen.)
     
192 3.
      Die Maschine als Symbol [ für ihre ] ihrer Wirkungsweise: Die Maschine – könnte ich zuerst sagen – scheint ihre Wirkungsweise schon in sich zu haben. Was heißt das? – Indem wir die Maschine kennen, scheint alles Übrige, nämlich die Bewegungen, welche sie ma[v|c]hen wird, schon ganz bestimmtch zu sein.
      Wir reden so, als könnten sich diese Teile nur so bewegen, als könnten sie nichts anderes tun. Wie ist es – vergessen wir also die Möglichkeit, daß sie sich biegen, abbrechen, schmelzen, etc.? Ja; wir denken in vielen Fällen
– 138 –
garnicht daran. Wir gebrauchen eine Maschine, oder das Bild einer Maschine, als Symbol für eine bestimmte Wirkungsweise. Wir teilen z.B. Einem dieses Bild mit und setzen voraus, daß er die Erscheinungen der Bewegung der Teile aus ihm ableitet. (So wie wir jemand eine Zahl mitteilen können, indem wir sagen, sie sei die fünfundzwanzigste der Reihe 1, 4, 9, 16, …)
      “Die Maschine scheint ihre Wirkungsweise schon in sich zu haben” heißt: wir sind geneigt, die künftigen Bewegungen der Maschine in ihrer Bestimmtheit mit Gegenständen zu vergleichen, die schon in einer Lade liegen und nun von uns herausgeholt werden. ‒ ‒ [s|S]o aber reden wir nicht, wenn es sich darum handelt, das wirkliche Verhalten einer Maschine vorauszusagen. Da vergessen wir, im allgemeinen, nicht die Möglichkeit der Deformation der Teile, etc..‒ ‒ Wohl aber, wenn wir uns darüber wundern, wie wir denn die Maschine als Symbol einer Bewegungsweise verwenden können,– da sie sich doch auch ganz anders bewegen kann.
      Wir [ Nun, wir ] könnten sagen, die Maschine, oder ihr Bild, sei der Anfang einer Reihe von Bildern, die wir aus diesem Bild abzuleiten gelernt haben.
      Wenn wir aber bedenken, daß sich die Maschine auch anders hätte bewegen können, so kann es nun scheinen, als müßte in der Maschine, als Symbol, ihre Bewegungsart
– 139 –
noch viel bestimmter enthalten sein, als in der wirklichen Maschine. Es genüge da nicht, daß dies die Er erfahrungsmäßig vorausbestimmten Bewegungen seien // sind // , sondern sie müßten eigentlich – in einem mysteriösen Sinne – bereits gegenwärtig sein. Und es ist ja wahr: die Bewegung des Maschinensymbols ist in anderer Weise [c|v]orausbestimmt, als die einer gegebenen wirklichen Maschine.
     
193 4.
      Wann denkt man denn: die Maschine habe ihre möglichen Bewegungen schon in iregendeiner mysteriösen Weise in sich? – Nun, wenn man philosophiert. Und was verleitet uns, das zu denken? Die Art und Weise, wie wir von der Maschine reden. Wir sagen z.B., die Maschine habe (besäße) diese Bewegungsmöglichkeiten; wir sprechen von der ideal starren Maschine, die sich nur so und so bewegen könne. ‒ ‒ Die Bewegungsmöglichkeit, was ist sie? Sie ist nicht die Bewegung; aber sie scheint auch nicht die bloße physikalische Bedingung der Bewegung zu sein – etwa, daß zwischen zwischen Lager und Zapfen ein Spielraum ist, der Zapfen nicht zu streng ins Lager paßt. Denn dies ist zwar erfahrungsmäßig die Bedingung der Bewegung, aber man könnte sich die Sache auch anders vorstellen. Die Bewegungsmöglichkeit soll mehr eher wie ein Schatten der Bewegung selber sein. Aber kennst du so einen Schatten? Und unter Schatten verstehe ich nicht irgend ein Bild der
– 140 –
Bewegung,– denn dies Bild müßte ja nicht das Bild gerade dieser Bewegung sein. Aber die Möglichkeit dieser Bewegung muß die Möglichkeit gerade dieser Bewegung sein. (Sieh, wie hoch die Wellen der Sprache hier gehen!)
      Die Wellen legen sich, [d|s]owie wir uns fragen: Wie gebrauchen wir denn, wenn wir von einer Maschine reden, das Wort “ [ // den Ausdruck // ] “Möglichkeit der Bewegung”? ‒ ‒ Woher kamen aber dann die seltsamen Ideen? Nun, ich zeige dir die Möglichkeit der Bewegung, etwa durch ein Bild der Bewegung: ‘[A|a]lso ist die Möglichkeit etwas der Wirklichkeit Ähnliches’. Wir sagen: “es bewegt sich noch nicht, aber es hat schon die Möglichkeit, sich zu bewegen”‒ ‒ ‘also ist die Möglichkeit etwas der Wirklichkeit sehr Nahes’. Wir mögen zwar bezweifeln, ob die und die physikalische Bedingung diese Bewegung möglich mach[,|t], aber wir diskutieren nie, ob dies die Möglichˇkeit dies[r|e]r, oder jener Bewegung sei: ‘also steht die Möglichkeit der Bewegung zur Bewegung selbst in einer einzigartigen Relation; enger, als die des Bildes zu seinem Gegenstand’; denn es kann bezweifelt werden, ob dies das Bild diese[r|s], oder jenes Gegenstandes ist. Wir sagen:[d|D]ie Erfahrung wird lehren, ob dies dem Zapfen diese Bewegungsmöglichkeit gibt”, aber wir sagen nicht: “Die Erfahrung wird lehren, ob dies die Möglichkeit dieser Bewegung ist”: ‘also ist es nicht Erfahrungstatsache, daß diese Möglichkeit die
– 141 –
Möglichkeit gerade dieser Bewegung ist!’.
      Wir achten auf unsere eigene Ausdrucksweise, diese Dinge betreffend, verstehen sie aber nicht, sondern misdeuten sie. Wir sind, wenn wir philosophieren, wie Wilde, wie primitive Menschen, die die Ausdrucksweise zivilisierter Menschen hören, sie mi[s|ß]deuten, und nun die seltsamsten Schlüsse aus [ dieser ] ihrer Deutung ziehen.
     
194 5.
      “Aber ich meine nicht, daß, was ich jetzt (beim Erfassen) tue, die künftige Verwendung kausal und erfahrungsmäßig bestimmt, sondern daß, in einer seltsamen Weise, diese Verwendung selbst in irgend einem Sinne, gegenwärtig ist.” – Aber ‘in irgend einem Sinne’ ist sie es ja! Eigentlich ist an dem, was du sagst, falsch nur der Ausdruck “in seltsamer Weise”. Das Übrige ist richtig; und seltsam erscheint der Satz nur, wenn man sich zu ihm ein anderes [A|S]prachspiel vorstellt, als das, worin wir ihn tatsächlich verwenden. (Jemand sagte mir, er habe sich als Kind darüber gewundert, wie denn daß der Schneider ein Kleid nähen könne – er dachte, dies heißt, heiße es werde würde durch (bloßes) Nähen ein Kleid erzeugt; etwa indem man etwa Faden an Faden legt und aneinander näh[e|t].)
     
195 6.
      [|D]ie unverstandene Verwendung des Wortes wird als Ausdruck eines seltsamen Vorgangs gedeutet. (Wie man sich die Zeit als seltsames Medium, oder die Seele als seltsames Wesen denkt.)
– 142 –
     
196 7.
      “Es ist, als könnten wir G die ganze Verwendung des Wortes mit einem Schlag erfassen.” – Wir sagen ja, daß wir es tun. D.h., wir beschreiben ja manchmal, was geschieht // was wir tun // , mit diesen Worten. Aber es ist an dem, was geschieht, nichts Erstaunliches, nichts Seltsames. Seltsam wird es, wenn wir dazu geführt werden, zu denken, daß die künftige Entwicklung auf irgend eine Weise schon im Akt des Erfassens gegenwärtig sein muß und doch nicht gegenwärtig ist. – Denn wir sagen, es [ bestehe ] sei kein Zweifel, daß wir dies Wort verstehen, und anderseits liegt seine Bedeutung in seiner Verwendung. Es ist kein Zweifel, daß ich jetzt Schach spielen will; aber das Schachsspiel ist dies Spiel durch alle seine Regeln (u.s.f.). Weiß ich also nicht, was ich spielen wollte, ehe ich gespielt habe? oder aber, sind alle Regeln in meinem Akt der Intention enthalten? Ist es nun Erfahrung, die mich lehrt, daß auf diesen Akt der Intention für gewöhnlich diese Art des Spielens folgt? kann ich also doch nicht sicher sein, was zu tun ich beabsichtigte? Und wenn dies Unsinn ist,– welcherlei über-starre Verbinfdung besteht zwischen dem Akt der Absicht und dem Beabsichtigten? ‒ ‒ Wo ist die Verbindung gemacht zwischen dem Sinn der Worte “Spielen wir eine Partie Schach!” und allen Regeln des Spiels? – Nun, im Antwort: Im Regelverzeichnis des Spiels, im Schachunterricht, in der täglichen Praxis des Spie-
– 143 –
lens.
     
197 8.
      “Aber wie kann [i|m]ich eine Regel lehren, was ich an dieser Stelle zu tun habe? Was immer ich tue, ist doch durch irgend eine Deutung mit der Regel zu vereinbaren.” – Nein, so sollte es nicht heißen. Sondern so: Jede Deutung hängt, mitsamt dem Gedeuteten, in der Luft; sie kann ihm nicht als Stütze dienen. Die Deutungen allein bestimmen die Bedeutung nicht.
      “Also ist, was immer ich tue, mit der Regel vereinbar?” – Laß mich so fragen: Was hat der Ausdruck der Regel – sagen wir, der Wegweiser – mit meinen Handlungen zu tun? Was für eine Verbindung besteht da? – Nun, etwa diese: ich bin zu einem bestimmten Reagieren auf dieses Zeichen abgerichtet worden, und so reagiere ich nun.
      Aber damit hast du nur einen kausalen Zusammenhang angegeben, nur erklärt, wie es dazu kam, daß wir uns jetzt nach dem Wegweiser richten; nicht, worin dieses Dem-Zeichen-Folgen eigentlich besteht. Nein; ich habe auch noch angedeutet, daß sich Einer nur insofern nach einem Wegweiser richtet, als es einen (solchen) ständigen Gebrauch, eine Gepflogenheit, gibt.
     
19[8|9].
      Ist, was wir “einer Regel folgen” nennen, etwas, was nur ein Mensch, nur einmal im Leben, tun könnte? – ˇUnd [D|d]as ist natürlich eine Anmerkung zur Grammatik des Ausdrucks “der Regel folgen”.
– 144 –

      Es kann nicht, ein einziges Mal nur, ein Mensch einer Regel gefolgt sein. Es kann nicht, ein einziges Mal nur, eine Mitteilung gemacht, ein Befehl gegeben, oder verstanden worden sein, etc..– Einer Regel folgen, eine Mitteilung machen, einen Befehl geben, eine Schachpartie spielen, sind Gepflogenheiten (Gebräuche, Institutionen).
      Einen Satz verstehen, heißt, eine Sprache verstehen. Eine Sprache verstehen, heißt eine Technik beherrschen.
     
199 ⌊⌊200⌋⌋.
      Es ist natürlich denkbar, daß in einem Volke, das Spiele nicht kennt, zwei Leute si[s|c]h an ein Schachbrett setzen und die Züge einer Schachpartie ausführen; ja auch mit allen seelischen Begleiterscheinungen. Und sähen wir dies, so würden wir sagen, sie spielten Schach. Aber nun denk dir eine Schachpartie nach gewissen Regeln in eine Reihe von Handlungen übersetzt, die wir nich gewöhnt sind, mit einem Spiel Spiel zu assoziieren,– etwa [ das ] ein Ausstoßen von Schreien und Stampfen mit den Füßen. Und jene Beiden sollen nun, statt diese unds geläufige Form des Schach zu spielen, schreien und stampfen; und zwar so, daß dies diese Vorgänge sich nach geeigneten Regeln in eine Schachpartie übersetzen ließen. Wären wir nun noch geneigt, zu sagen, sie spielten ein Spiel; und mit welchem Recht könnte man das sagen?

200 ⌊⌊201⌋⌋.
Ich kann etwa, wie die Sachen stehen, ein Spiel er
– 145 –
     
200 1.
      Unser Paradox war dies: eine Regel könnte keine Handlungsweise bestimmen, da jede Handlungsweise mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei. Die Antwort war: Ist jede mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen, dann auch zum Widerspruch. Daher gäbe es hier weder Übereinstimmung noch Widerspruch.
      Daß da ein Misverständnis ist, zeigt sich schon darin, daß wir in diesem Gedankengang Deutung hinter Deutung setzen; als beruhige uns eine jede wenigstens für einen Augenblick, bis wir an eine Deutung denken, die wieder hinter dieser liegt. Dadurch zeigen wir nämlich, daß es eine Auffassung einer Regel gibt, die nicht eine Deutung ist; sondern sich, von Fall zu Fall der Anwendung, darin [ in dem ] äußert, was wir “der Regel folgen”, und was wir “ihr entgegenhandeln” nennen.
      Darum besteht eine Neigung, zu sagen: jedes Handeln nach der Regel sei ein Deuten. “Deuten” aber sollte man nur nennen: einen Ausdruck der Regel durch einen anderen ersetzen.
     
201 2.
      Darum ist ‘der Regel folgen’ eine Praxis. Und der Regel zu folgen glauben, ist nicht: der Regl Regel folgen. Und darum kann man nicht der Reg[l|e]l ‘privatim’ folgen, weil sonst der Regel zu folgen glauben dasselbe wäre, wie der Regel folgen.
     
202 3.
      Die Sprache ist ein Labyrinth von Wegen. Du kommst von ei einer Seite und kennst dich aus; du kommst
– 146 –
von einer andern zur selben Stelle, und kennst dich nicht mehr aus.
     

203 4.
      Ich kann etwa, wie die Sachen stehen, ein Spiel erfinden, das nie von jemandem gespielt wird. –











































– 1457 –
finden, das nie von jemandem gespielt wird. – Wäre aber4 auch dies möglich: Die Menschheit habe nie Spiele gespielt; einmal aber hat Einer ein Spiel erfunden,– das dann allerdings nie gespielt wurde?
     
201 4 5.
      “Das ist ja das Merkwürdige an der Intentition, am seelischen Vorgang, daß für ihn das Bestehen der Gepflogenheit, der Technik, nicht nötig ist. Daß es z.B. denkbar ist, zwei Menschen Leute spielten in einer Welt, in der sonst nicht gespielt wird, eine Schachpartie; ja auch nur den Anfang einer Schachpartie, [ worauf sie etwa gestört werden.” ] und würden dann gestört.”
      Ist aber das Schachspiel nicht durch seine Regeln defiiert definiert? Und wie sind diese Regeln im Geist dessen [ vorhanden ] gegenwärtig, der beabsichtigt, Schach zu spielen?
     
202 5 6.
      Einer Regel folgen [ ist ] ˇ, das ist analog dem: einen Befehl befolgen. Man wird dazu abgerichtet und man reagiert auf ihn in bestimmter Weise. Aber wie, wenn nun der Eine so, der Andere anders auf Befehl und Abrichtung reagiert? Wer hat denn Recht?
      Denke, du kämst als Forscher in ein unbekanntes Land mit einer dir gänzlich fremden Sprache. Unter welchen Umständen würdest du sagen, daß die Leute dort Befehle geben, Befehle verstehen, befolgen, sich gegen Befehle auflehnen, u.s.w.?
      Die gemeinsame menschliche Handlungsweise ist das
– 1468 –
Bezugssystem, mittels welches wir uns eine fremde Sprache deuten.
     
203 6 7.
      Denken wir uns, die Leute in jenem Land verrichteten gewöhnliche menschliche Tätigkeiten und bedienten sich dabei, wie es scheint, einer artikulierten Sprache. Sieht man ihrem Treiben zu, so ist es verständlich, erscheint uns ‘logisch’. Versuchen wir aber, ihre Sprache zu erlernen, so finden wir, daß es unmöglich ist. Es besteht nämlich bei ihnen [ keine regelmäßige Zuordnung ] kein regelmäßiger Zusammenhang des Gesprochenen, der Laute, mit [und] den Handlungen; dennoch aber ist ihr Sprechen sind diese Laute nicht überflüssig; denn wenn knebeln wir z.B. einen von diese[n|r] Leuten knebeln, so hat dies ähnliche die gleichen Folgen, wie bei uns: ohne jene Laute geraten ihre Handlungen in Verwirrung – wie ich mich ausdrücken will.
      Sollen wir sagen, diese Leute hätten [besäßen] eine Sprache; Befehle, Mitteilungen, u.s.w.?
      Zu dem, was wir “Sprache” nennen, fehlt die Regelmäßigkeit.
     
204 7 8.
      So erkläre ich also, was “Befehl” und was “Regel” heißt, durch “Regelmäßigkeit”? – Wie erkläre ich jem[e|a]ndem die Bedeutung von “Rregelmäßig?”, “gleichförmig”, “gleich”? –Einem der, sagen wir, nur Französisch spricht, werde ich diese Wörter durch die entsprechenden französischen erklären. Wer aber diese Begriffe noch nicht besitzt,
– 1479 –
sitzt, den werde ich die Worte durch Beispiele und durch Übung gebrauchen lehren. – Und dabei teile ich ihm nicht weniger mit, als ich selber weiß.
      Ich werde ihm also in diesem Unterricht gleiche Farben[m|,] gleiche Längen, gleiche Figuren zeigen, ihn sie finden und herstellen lassen, u.s.w.. Ich werde ihn etwa dazu anleiten, Reihenornamente auf einen Befehl hin ‘gleichmäßig’ f[i|o]rtzusetzen. – Und auch dazu, Progressionen fortzusetzen. Also etwa auf . .. ... so fortzufahren:
.... ..... ......
      Ich mach's ihm vor, er macht es mir nach; und ich beeinflusse ihn durch Äußerungen der Zustimmung, der Ablehnung, der Erwartung, der Aufmunterung. Ich lasse ihn gewähren, oder halte ihn zurück; u.s.w..
      Denke, du wärest Zeuge eines solchen Unterrichts. Es würde darin kein Wort durch sich selbst erklärt, kein logischer Zirkel [f|g]emacht.
      Auch die Ausdrücke “und so weiter” und “und so weiter ad infinitum” werden in diesem Unterricht erklärt werden. (Es kann dazu unter anderem auch eine Gebärde dienen.)
>2◇.

“Aber erklärst du ihm wirklich, was du selber verstehst? Läßt du ihn das Wesentliche nicht erraten? Du gibst ihm Beispiele,– er aber muß ihre Tendenz erraten. Also deine Absicht.” – Jede Erklärung, die ich mir selbst
– 148150 –
nen. Die Gebärde, die bedeutet “fahr so fort!”, oder “und so weiter” hat eine Funktion, vergleichbar der des Zeigens [ // Hinweisens // ] auf einen Gegenstand, oder auf einen Ort.
      Es ist zu unterscheiden: das “u.s.w.”, das eine Abkürzung der Schreibweise ist, von demjenigen, welches dies nich nicht ist. Das “u.s.w. ad inf.” ist keine ˇkeine Abkürzung der Schreibweise. Daß wir nicht alle Stellen von π anschreiben können, ist nicht eine menschliche Unzulänglichkeit, wie Mathematiker manchmal glauben.
      Ein Unterricht, der bei den vorgeführten Beispielen stehen bleiben will, unterscheidet sich von einem, der über sie ‘hinausweist’.
     
206 8 9.
      “Aber reicht denn nicht das Verständnis weiter, als alle Beispiele?” – Ein sehr merkwürdiger Ausdruck, und ganz natürlich! –
      Aber ist das alles? Gibt es nicht eine noch tiefere Erklärung; oder muß nicht doch das Verständnis der Erklärung tiefer sein? – Ja, habe ich denn selbst ein tieferes Verständnis? Habe ich mehr, als ich in der Erklärung gebe? – Woher aber dann das Gefühl, ich hätte mehr?
      Ist es, wie wenn ich das nicht Begrenzte als Länge deute, die über jede Länge hinausreicht?
     
207 9 10 ⌊⌊210⌋⌋.
      “Aber erklärst du ihm wirklich, was du selber ver-
– 14951 –
stehst? Läßt du ihn das Wesentliche nicht erraten? Du gibst ihm Beispiele,– er aber muß ihre Tendenz erraten, also deine Absicht.” – Jede Erklärung, die ich mir selbst geben kann, gebe ich auch ihm. – “Er errät, was ich meine” würde heißen: ihm schweben verschiedene Deutungen meiner Erklärung vor, und er rät auf eine von ihnen. Er könnte also in diesem Falle fragen; und ich könnte, und würde, ihm antworten.
     
208 101.
      “Wie immer du ihn im Fortführen des Reihenornaments unterrichtest,– wie kann er wissen, wie er selbständig fortzusetzen hat?” – Nun, wie weiß ich's? ‒ ‒ Wenn das heißt “Habe ich Gründe?”, so ist die Antwort: die Gründe werden mir bald ausgehen. Und ich werde dann, ohne Gründe, handeln.
     
209 112.
      Wenn jemand, den ich fürchte, mir den Befehl gibt, die Reihe fortzusetzen, so werde ich schleunig, mit völliger Sicherheit, handeln, und das Fehlen der Gründe stört mich nicht.
     
210 123.
      “Aber dieser Reihenanfang konnte offenbar verschieden gedeutet werden (z.B. durch algebraische Ausdrücke) und du mußtest also erst eine solche Deutung wählen.” – Durchaus nicht! Es war, unter Umständen, ein Zweifel möglich. Aber das sagt nicht, daß ich gezweifelt habe, oder auch nur zweifeln konnte. (Damit steht im Zusammenhang, was über die psychologische ‘Atmosphäre’ eines Vorgangs
– 152 –
zu sagen ist.)
      Nur Intuition konnte diesen Zweifel heben? – Wenn sie eine innere Stimme ist,– wie weiß ich, wie ich ihr folgen soll? Und wie weiß ich, daß sie mich nich[z|t] irreleitet? Denn, kann sie mich richtig leiten, dann kann sie mich auch irreleiten.
      ((Die Intuition eine unnötige Ausrede.))
     
213 4.
      Ist eine Intuition zum Entwickeln der Reihe 1 2 3 4 … nötig, dann auch zum Entwickeln der Reihe 2 2 2 2 ….
     
214 5.
       [ Aber ist nicht gleich: gleich? ] // Aber ist nicht wenigstens gleich: gleich? //
      Für die Gleichheit scheinen wir ein unfehlbares Paradigma zu haben in der Gleichheit eines Dinges mit sich selbst. Ich will sagen: “Hier kann es doch nicht verschiedene Deutungen geben. Wenn er ein Ding vor sich sieht, so sieht er auch Gleichheit.”
      Also sind zwei Dinge gleich, wenn sie so sind, wie ein Ding? Und wie so[o|l]l ich nun das, was wir mir das eine Ding zeigt, auf den Fall der zwei anwenden?
     
215 6.
      “Ein Ding ist mit sich selbst identisch.” – Es gibt kein schöneres Beispiel eines nutzlosen Satzes, der aber doch mit einem Spiel der Vorstellung verbunden ist. Es ist, als legten wir das Ding, in der Vorstellung, in seine eigene Form hinein, und sähen, daß es paßt.
– 153 –

      Wir könnten auch sagen: “Jedes Ding paßt in sich selbst.” –Oder anders: “Jedes Ding paßt in seine eigene Form hinein.” Man schaut dabei ein Ding an und stellt sich vor, daß der Raum dafür ausgespart war und es nun genau hineinpaßt.
      ‘Paßt’ dieser Fleck in seine weiße Umgebung? – Aber genau so würde es aussehen, wenn statt seiner erst ein Loch gewesen wäre, und er nun hineinpaßte. Mit dem Ausdruck “er paßt” wird eben nicht einfach diese Bild beschrieben. Nicht einfach diese Situation.
      “Jeder Farbfleck paßt genau in seine Umgebung” ist ein etwas spezialisierter Satz der Identität.
     
216 7.
      “Wie kann ich einer Regel folgen?”– wenn das nicht eine Frage nach den Ursachen ist, so ist es eine nach der Rechtfertigung dafür, daß ich so nach ihr handle.
      Habe ich die Begründung Begründungen erschöpft, so bin ich nun auf dem harten Felsen angelangt, und mein Spaten biegt sich zurück. Ich bin dann geneigt, zu sagen: “So handle ich eben.”
      (Erinnere dich, daß wir manchmal [e|E]rklärungen fordern nicht ihres Inhalts wegen, sondern der Form der Erklärung wegen. Unsere Forderung ist eine architektonische; die Erklärung eine Art Scheingesims, das nichts trägt.)
     
217 8.
      Woher die Idee, es wäre die angefangene Reihe ein sichtbares Stück unsichtbar bis ins Unendliche gelegter Geleise? Nun, statt der Regel könnten wir uns Geleise denken.
– 154 –
Und der nicht begrenzten Anwendung der Regel entsprechen unendlich lange Geleise.
     
218 9.
      “Die Übergänge sind eigentlich alle schon gemacht” heißt, : ich habe keine Wahl mehr. Die Regel, einmal mit einer bestimmten Bedeutung gestempelt, zieht die Linien ihrer Befolgung durch den ganzen Raum. ‒ ‒ Aber wenn so etwas wirklich der Fall wäre, was hülfe es mir?
      Nein; meine Beschreibung hatte nur Sinn, wenn sie symbolisch zu verstehen war. – So kommt es mir vor – sollte ich sagen.
      Wenn ich der Regel folge, wähle ich nicht.

219 20.

      Ich folge der Regel blind . , könnte ich auch sagen.