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Bemerkungen
I.


   
   
   
   
   
5.
     Ein Satz sei mir in einer Chiffre gegeben und auch ihr Schlüssel; dann ist mir natürlich in einer Beziehung alles zum Verständnis des Satzes gegeben. Und doch würde ich auf die Frage “Verstehst du diesen Satz?” antworten: Nein, noch nicht; ich muß ihn erst entziffern. Und erst, wenn ich ihn, z.B., ins Deutsche übertragen hätte, würde ich sagen “Jetzt verstehe ich ihn”.
     Wenn man nun die Frage stellt: || stellt “In welchem Moment der Übertragung verstehe ich nun den Satz?”, würde man einen Einblick in das Wesen dessen erhalten was wir “verstehen” nennen.
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12.
     “Ich sage das nicht nur, ich meine etwas damit.” – Soll man darauf fragen “Was?” ‒ ‒ ‒ dann kommt wieder ein Satz zur Antwort. – Oder kann man nicht so fragen, da der Satz etwa sagte “Ich sage das nicht nur, sondern es bewegt mich auch.”

   
   
14.
     Ich verstehe dieses Bild genau, ich könnte es plastisch darstellen || in Ton modellieren. – Ich verstehe diese Beschreibung genau, ich könnte eine Zeichnung nach ihr machen || anfertigen.
     Man könnte in vielen Fällen als Kriterium des Verstehens festsetzen, daß man den Sinn des Satzes muß zeichnerisch
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darstellen können. (Ich denke etwa an einen offiziell festgelegten Test des Verstehens.) Wie wird man || jemand im Kartenlesen geprüft, im Verstehen einer Landkarte?

   
15.
     Daraus folgt nicht, daß Verstehen die Tätigkeit ist, durch die wir unser Verständnis zeigen || erweisen. Die Frage, ob es diese Tätigkeit ist, ist irreführend || irreleitend. Sie darf || soll nicht so aufgefaßt werden: “Ist also das Verstehen diese Tätigkeit – ist es nicht doch eine andere?” – Sondern so: “Wird ‘Verstehen’ zur Bezeichnung dieser Tätigkeit gebraucht – wird es nicht anders gebraucht?”

   
   
   
   
   
   
   
22.
     Eine Deutung ist doch etwas, was im Zeichen gegeben wird. Es ist diese Deutung, im Gegensatz zu einer anderen (die anders lautet). – Wenn man also sagen wollte “Jeder Satz bedarf noch einer Deutung”, so hieße das: kein Satz kann ohne einen Zusatz verstanden werden.

   
   
24.
     Was heißt es: verstehen, daß etwas ein Befehl ist, wenn man auch den Befehl selber noch nicht versteht? (“Er meint: ich soll etwas tun – aber was er wünscht, weiß ich nicht.”)

   
   
   
   
28.
     Der Satz: “Es dürfte jetzt 3 Uhr sein”. Seelische Begleiterscheinungen.
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32.
     Angenommen, ich wollte auf einmal alle Wörter meiner Sprache durch andere ersetzen; wie könnte ich wissen, an welcher Stelle eines der neuen Wörter steht? Sind es die Vorstellungen, die die Plätze der Wörter halten?

   
   
   
35.
     “Die Bedeutung des Wortes ist das, was die Erklärung der Bedeutung erklärt.” D.h.: willst du den Gebrauch des Worts “Bedeutung” verstehen, so sieh vor allem, was man “Erklärung der Bedeutung” nennt.

   
   
   
   
   
40.
     “Warum verlangst du Erklärungen? Wenn diese gegeben sein werden, wirst du ja doch wieder vor einem Ende stehen. Sie können dich nicht weiterführen, als du jetzt bist”.

   
41.
163
     Man kann einen roten Gegenstand als Muster für das Malen eines rötlichen Weiß, oder eines rötlichen Gelb (etc.) verwenden – aber kann man es auch als Muster für das Malen eines blaugrünen Farbtones, z.B.,
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verwenden? – Wie, wenn ich jemand, mit allen äußern Zeichen des genauen Kopierens, einen roten Fleck blaugrün ‘wiedergeben’ sähe? – Ich würde sagen “Ich weiß nicht, wie er es macht!” Oder auch “Ich weiß nicht, was er macht”. – Aber angenommen, er ‘kopierte’ nun diesen Ton von Rot bei verschiedenen Gelegenheiten in Blaugrün, und etwa andere Töne von Rot regelmäßig in andern blaugrünen Tönen – soll ich nun sagen, er kopiere, oder er kopiere nicht?
     Was heißt es aber, daß ich nicht weiß, ‘was er macht’? Sehe ich denn nicht, was er macht? – Aber ich sehe nicht in ihn hinein. – Nur dieses Gleichnis nicht! Wenn ich ihn Rot in Rot kopieren sehe, – was weiß ich denn da? Weiß ich, wie ich es mache? Freilich, man sagt: ich male eben die gleiche Farbe. – Aber wie, wenn er sagt “Und ich male die Quint zu dieser Farbe”? Sehe ich einen besonderen Vorgang der Vermittlung, wenn ich die ‘gleiche’ Farbe male?
     Nimm an, ich kenne diesen Menschen || ihn als einen ehrlichen Menschen; er gibt, wie ich es beschrieben habe, ein Rot durch ein Blaugrün wieder – aber nun nicht den gleichen Ton immer durch den gleichen, sondern einmal durch einen, einmal durch einen andern Ton. – Soll ich sagen “Ich weiß nicht was er macht”? – Er macht, was ich sehe – aber ich würde es nie tun; ich weiß nicht, warum er es tut; seine Handlungsweise ‘ist mir unverständlich’.

   
   
   
44.
     “Du hast einen falschen Begriff. – Aber aufklären läßt sich die Sache nicht dadurch, daß ich gegen deine Worte wettere; sondern nur dadurch, daß ich versuche, deine Aufmerksamkeit von gewissen Ausdrücken, Illustrationen, Vorstellungen, weg, und auf die Verwendung der Wörter hin zu lenken.”

   
45. 42
363
     Hardy: “That ‘the finite cannot understand the infinite’ should surely be a theological and not a mathematical war cry.” Es ist wahr, dieser Ausdruck ist ungeschickt. Aber was Leute || man damit sagen wollen || will ist: “Es muß hier doch mit rechten Dingen zugehen! Woher dieser Sprung vom Endlichen zum Unendlichen?” Und so ganz unsinnig ist die Ausdrucksweise auch nicht – nur ist das
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‘Endliche’, was das Unendliche nicht soll denken können, nicht ‘der Mensch’ oder ‘unser Verstand’, sondern der Kalkül. Und was dieser das ‘Unendliche’ denkt, dies ist wohl einer Untersuchung wert. Und die ist zu vergleichen der genauen Untersuchung und Klärung der Geschäftsgebarung eines Unternehmens durch einen chartered Accountant. Das Ziel ist eine übersichtliche vergleichende Darstellung aller Anwendungen, Illustrationen, Auffassungen, des Kalküls. Die vollkommene Übersicht über alles, was Unklarheit schaffen kann. Und diese Übersicht muß sich auf ein weites Gebiet erstrecken, denn die Wurzeln unserer Ideen reichen weit. – “Das Endliche kann nicht das Unendliche verstehen” heißt hier: So kann es nicht zugehen, wie ihr es, in charakteristischer Oberflächlichkeit, darstellt.
     Der Gedanke kann gleichsam fliegen, er braucht nicht zu gehen. Du verstehst, d.h. übersiehst, deine Transaktionen nicht, und projizierst, quasi, dein Unverständnis in die Idee eines Mediums, in dem das Erstaunlichste möglich ist.

   
   
   
48.
     Wie mach ich's denn, um ein Wort immer richtig, d.h., sinnvoll anzuwenden; schau ich immer in der Grammatik nach? Nein: daß ich etwas meine – was ich meine, hindert mich, Unsinn zu sagen.” – “Ich meine etwas mit den Worten” heißt hier: Ich weiß, daß ich sie anwenden kann.
     Ich kann aber glauben, sie anwenden zu können, und es zeigt sich, daß ich im Irrtum war.

   
49.
     Was heißt es denn: “entdecken, daß ein Satz keinen Sinn hat”?
     Und was heißt das: “wenn ich etwas damit meine, muß es doch Sinn haben”?
     Das erste heißt doch: sich durch die Erscheinung eines Satzes nicht irren lassen und seine Anwendung im Sprachspiel untersuchen.
     Und “wenn ich etwas damit meine” – heißt das etwas Ähnliches wie: “wenn ich mir etwas dabei vorstellen kann”? – Von der Vorstellung führt oft ein Weg zur weiteren Verwendung.

   
   
   
   
   
54.
     Wenn man es für selbstverständlich hält, daß der Mensch sich an seiner Phantasie vergnügt, so bedenke man, daß die Phantasie nicht einem gemalten Bild, einer Plastik, oder einem Film entspricht, sondern einem komplexen Gebilde aus heterogenen Bestandteilen – Zeichen und Bildern.

   
   
   
   
   
   
   
61.
     Wenn der Befehl nicht befolgt wird –wo ist dann der Schatten seiner Befolgung, den du zu sehen meintest; weil dir die Form vorschwebte: Er befiehlt das und das.

   
62.
     “Er hat das getan, was ich ihm befohlen habe.” – Warum soll man hier nicht sagen: es sei eine Identität der Handlung und der Worte?! Wozu soll ich einen Schatten zwischen die beiden stellen? Wir haben ja eine Projektionsmethode. – Nur ist es eine andere Identität: “Ich habe das getan, was er getan hat” und anderseits “Ich habe das getan, was er befohlen hat”.

   
63. 16
161
     Was bedeutet es, wenn man sagt || wir sagen: “Ich kann mir das Gegenteil davon nicht vorstellen”, oder: “Wie wäre es denn, wenn's anders wäre?” – z.B., wenn jemand gesagt hat, daß meine Vorstellungen privat seien, oder, daß nur ich selbst wissen kann, ob ich Schmerzen empfinde, und dergleichen.
     “Ich kann mir nicht vorstellen …” heißt hier natürlich nicht: meine Vorstellungskraft reicht nicht hin. Wir gebrauchen diese Entgegnung zur Abwehr gegen eine Aussage, die in Wirklichkeit eine grammatische ist, uns aber eine Feststellung vortäuscht, das Faktische (der Schmerzen etwa) betreffend.
     Aber warum sage ich “Ich kann mir das Gegenteil nicht vorstellen”, warum nicht “Ich kann mir, was du sagst, nicht vorstellen”?
     Ein Beispiel: “Jeder Stab hat eine Länge” – daß heißt
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etwa: Wir nennen etwas (oder, dies) ‘die Länge eines Stabes’ (aber nichts ‘die Länge einer Kugel’). Kann ich mir nun nicht vorstellen, das ‘jeder Stab eine Länge hat’? Nun, ich stelle mir eben einen Stab vor – und das ist alles. Nur spielt dieses Bild in Verbindung mit diesem Satz eine ganz andere Rolle, als ein Bild in Verbindung mit dem Satz: “Dieser Tisch hat die gleiche Länge, wie der dort”. Denn hier versteh ich, was es heißt, sich ein Bild vom Gegenteil zu machen (und es muß kein Vorstellungsbild sein). ƪ
     Das Bild aber zum grammatischen Satz || grammatikalischen Satz konnte nur etwa dazu dienen, an ihm zu zeigen, was man “Länge eines Stabes” nennt. Und was sollte davon das entgegengesetzte Bild sein? (Vgl. Bemerkungen über die Verneinung eines Satzes a priori.)

   
   
   
66.
     “Ich habe tatsächlich nie gesehen, daß ein schwarzer Fleck allmählich heller wird, bis er weiß ist, dann das Weiß immer rötlicher, bis er rot ist. Aber ich weiß, daß es möglich ist, weil ich es mir vorstellen kann.”
     “Ich weiß, daß es möglich ist, dieses Schloß mit dem Sperrhaken aufzuschließen, weil ich solche
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Schlösser schon so aufgesperrt habe.” – Sind diese beiden Fälle analog?

   
   
68.
     Ich versuche etwas, kann es aber nicht. – Was heißt es aber: “etwas nicht versuchen können”? ‒ ‒ ‒ “Wir können auch nicht einmal versuchen, uns ein rundes Viereck vorzustellen.”

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
80.
     Vergleiche:
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“Ich habe seit gestern Schmerzen”
     “Ich habe ihn seit gestern erwartet”
     “Ich wußte seit gestern, daß er kommen wird”
     “Ich kann seit gestern integrieren”
     “Ich verstehe das Wort seit gestern”.
Unterscheide die Fälle, in denen es Sinn hat, das Wort “ununterbrochen” in den Satz einzufügen, von denen in welchen dies keinen Sinn hat. Du machst damit eine grammatische Unterscheidung.


   
   
   
83.
     Denk dir dieses Spiel: Eine Liste von Wörtern verschiedener Sprachen und von sinnlosen Lautreihen wird mir vorgelesen. Ich soll nach jedem sagen, ob ich es verstehe, oder nicht; Auch, was beim Verstehen oder Nichtverstehen in mir vorging. – Auf das Wort “Baum” werde ich, ohne mich zu bedenken, mit “ja” antworten (ein Bild mag mir dabei vorschweben); auf eine Lautzusammenstellung, die ich noch nie gehört habe, antworte ich ebenso unbedenklich mit “Nein”. Bei Wörtern, die einen speziellen Farbton bezeichnen wird häufig ein Vorstellen der Antwort vorhergehen; bei seltenen Wörtern (“Kontinuum” etwa) ein Überlegen; bei Wörtern wie der Artikel “das” etwa ein Achselzucken; Wörter einer fremden Sprache werde ich manchmal ins Deutsche übersetzen;
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schweben mir Bilder vor, so sind es manchmal die der Gegenstände, die von den Worten bezeichnet werden (wieder tausenderlei Fälle), manchmal andere Bilder.
     Dies Spiel könnte man durch eines ergänzen, in welchem Einer die Namen von Tätigkeiten nennt und bei jeder fragt: “Kannst du das?” – Das Subjekt soll angeben, welche Gründe es hatte, die Frage mit “ja” oder “nein” zu beantworten.

   
84.
     “Wenn ich gefragt werde ‘Siehst du dort eine Kugel?’, ein andermal ‘Siehst du dort die Halbkugel?’, so kann, was ich sehe, beide Male das gleiche sein, und wenn ich antworte ‘Ja’, so unterscheide ich doch zwischen den beiden Hypothesen. Wie ich im Schachspiel zwischen einem Bauer und dem König unterscheide, auch wenn der gegenwärtige Zug einer ist, den beide machen könnten, und wenn selbst eine Königsfigur als Bauer fungierte.” – Man ist in der Philosophie immer in Gefahr, einen Mythus des Symbolismus zu geben || zu erzeugen || produzieren, oder einen der seelischen Vorgänge. Statt || : statt einfach zu sagen, was Jeder weiß und zugeben muß.

   
85.
     “Solange die Temperatur des Stabes nicht unter … herabsinkt, kann man ihn schmieden”. Es hat also Sinn zu sagen: “ich kann von 5 bis 6 Uhr schmieden”. Oder: “Ich kann von 5 bis 6 Schach spielen”, d.h. ich habe von 5 bis 6 Zeit. – “Solange mein Duld nicht unter … herabsinkt, kann ich die Rechnung ausführen.” Diese Rechnung braucht 1 1/2 Minuten; wie lange braucht es aber: sie ausführen können? Und wenn du sie eine Stunde lang rechnen kannst, fängst du da immer wieder von Frischem an?
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87.
     Wie seltsam: Es scheint, als ob zwar eine physische (mechanische) Führung versagen, Unvorhergesehenes zulassen könnte, aber eine Regel nicht! Sie wäre sozusagen die einzig verläßliche Führung. aber || Aber worin besteht es, daß eine Führung eine Bewegung nicht zuläßt, und worin, daß eine Regel sie nicht zuläßt? – Wie weiß man das eine, und wie das andere?

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
98.
     Die Bedeutung eines Wortes vergessen – sich wieder an sie erinnern. Was für Vorgänge gibt es da? An was erinnert man sich, was fällt einem da ein, wenn man sich wieder daran erinnert, was das englische Wort “perhaps” bedeutet? ‒ ‒ ‒ Wie geht so etwas vor sich: ich sage “jetzt weiß ich zum ersten Mal, was die Worte ‘der blaue Äther’ bedeuten”?

   
   
100.
      Ist also die Gebärdensprache keiner Erklärung fähig? – Gewiß z.B. durch die Wortsprache.

   
101.
     “Wie alles Metaphysische, ist die ‘Harmonie zwischen Denken und Wirklichkeit’ in der Grammatik der Sprache aufzusuchen.”

   
   
   
   
   
106.
     Kann ich denn nicht mit Worten meinen, was ich will? – Schau auf die Tür deines Zimmers, sage dabei eine Reihe beliebiger Laute, und meine damit eine Beschreibung dieser Tür! –

   
   
   
   
   
111.
     Der Begriff des Lebewesens hat die gleiche Unbestimmtheit, wie der der Sprache.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
120.
362
     Wir möchten doch immer sagen: “Erinnerungsbild ist Erinnerungsbild! ob er es hat, oder ich es habe; und wie immer ich erfahre, ob er eines hat, oder nicht.” – Damit könnte ich mich einverstanden erklären. – Und wenn du mich fragst “Weißt du denn nicht, was ich meine, wenn ich sage, er habe ein Erinnerungsbild?” – so kann ich antworten: “Ich stelle mir bei diesen Worten wohl etwas vor ‒ ‒ ‒ aber weiter geht der Nutzen dieser Worte in diesem Falle nicht. Und ich kann mir auch etwas bei den Worten vorstellen “Es war gerade fünf Uhr Nachmittag auf der Sonne” – nämlich etwa eine Pendeluhr, die auf fünf zeigt. – Noch besser wäre vielleicht das Beispiel der Anwendung von “oben” und “unten” auf die Erdkugel. Hier haben wir alle eine ganz deutliche Vorstellung davon, was “oben” und “unten” bedeutet. Ich sehe doch, daß ich oben bin; die Erde ist doch unter mir! (Lächle ja nicht über dieses Beispiel. Es wird uns zwar schon in der Volksschule beigebracht, daß es dumm sei, so etwas zu sagen. Aber es ist eben viel leichter, ein Problem zuzuschütten, als es zu lösen.) Und erst eine Überlegung zeigt uns, daß wir das gewöhnliche Spiel mit “oben” und “unten” hier nicht spielen können, daß wir es hier umändern müssen, wenn wir diese Worte anwenden wollen. (Daß wir also z.B. von den Antipoden als
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den Menschen ‘unter’ unserem Erdteil können, es aber nun auch für richtig anerkennen, wenn sie auf uns den gleichen Ausdruck anwenden.)

   
121.
360
     Hier geschieht es nun, daß uns unser Denken einen seltsamen Streich spielt. Wir wollen nämlich das Gesetz des ausgeschlossen Dritten zitieren und sagen: “Entweder es hat ihm ein solches Bild vorgeschwebt, oder nicht – ein Drittes gibt es nicht!” – Dieses seltsame Argument treffen wir auch in andern Gebieten der Philosophie. “In der unendlichen Entwicklung dieser Irrationalzahl kommt einmal die Gruppe “77777” vor, oder nicht – ein Drittes gibt es nicht”. (Siehe Weyl). D.h. Gott sieht es – aber wir wissen es nicht. Was bedeutet denn das? – Wir gebrauchen ein Bild; das Bild einer sichtbaren Reihe, die der Eine übersieht, der Andre nicht. Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten sagt hier: Es muß entweder so ausschaun, oder so. Er sagt also eigentlich – und das ist ja selbstverständlich – garnichts, sondern gibt uns ein Bild. Und das Problem soll nun sein, ob die Wirklichkeit mit dem Bild übereinstimme, oder nicht. Und dies Bild scheint nun, was wir zu tun, wie und wonach wir zu suchen haben, zu bestimmen, – tut es aber nicht, weil wir eben nicht wissen, wie es zu applizieren ist. || anzuwenden ist. Wenn wir hier sagen “es gibt kein Drittes”, oder “es gibt doch kein Drittes” so drückt sich darin aus, daß wir den Blick von diesem Bild nicht wenden können, das ausschaut, als müßte in ihm schon das Problem und seine Lösung liegen, während wir doch fühlen, daß es nicht der Fall ist.
     Ebenso, wenn man sagt “Entweder hat er diese Empfindung, oder er hat sie nicht!” – so schwebt uns dabei vor allem ein Bild vor, das schon den Sinn der Aussagen unmißverständlich
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zu bestimmen scheint. “Du weißt jetzt, worum es sich handelt” – möchte man sagen. Und gerade das weiß er damit noch nicht. (Überhaupt wäre der Satz vom ausgeschlossenen Dritten am ehesten so zu verwenden: Wir geben z.B. Einem eine Zeichnung und sagen “Geh dorthin und schau nach, ob es so ausschaut, oder nicht”. Der Zusatz “Ein Drittes gibt es nicht” könnte dann heißen: ich wünsche nur die Antwort “ja” oder “nein”, und keine andere.)

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
134.
     Das “ich habe” in “ich habe Schmerzen” ist das Charakteristikum des Empfindungssignals || der Empfindungsäußerung. Das heißt eben: es bedeutet hier etwas anderes, als in den Behauptungen “Ich habe … ”: wo nämlich eine Beziehung einer Sache zu meinem Körper festgestellt wird. – Das Empfindungssignal nennt mich nicht; weil es auch nichts von mir, d.h. von meinem Körper, aussagt.

   
   
136.
     Wozu dient etwa die Aussage: “Ich habe doch etwas, wenn ich Schmerzen habe”?

   
137.
     Statt “man kann nicht”, sage: “es gibt in diesem Spiel nicht”. Statt “man kann im Damespiel nicht rochieren” – “es gibt im Damespiel kein Rochieren”; statt “ich kann meine Empfindung nicht vorzeigen” – “es gibt in der Verwendung des Worts ‘Empfindung’ kein Vorzeigen dessen, was man hat”; statt “man kann nicht alle Kardinalzahlen aufzählen” – “es gibt hier kein Aufzählen aller Glieder”.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
156.
377
     “Aber wenn ich mir etwas vorstelle, oder auch wirkliche Gegenstände sähe, so habe ich doch etwas, was mein Nachbar nicht hat.” – Ich verstehe dich. Du willst um dich schauen und sagen: “Nur ich habe doch dieses.” – Aber wozu diese Worte? sie taugen zu nichts. Ja, kannst du nicht auch sagen: “Es ist hier von einem ‘Sehen’ – und daher auch von einem ‘Haben’ – und von einem Subjekt, also auch vom Ich, nicht die Rede”? Könnte ich dich nicht fragen: Das, wovon du redest und sagst, nur du habest es – in wiefern hast du es denn? Besitzt du es? Du siehst es nicht einmal. Ja, müßtest du nicht davon sagen: niemand habe es? Es ist ja auch klar: wenn du logisch ausschließt, daß ein Andrer etwas hat, so verliert es auch seinen Sinn, zu sagen, du habest es.
     Aber was ist dann das, wovon du redest? Ich sagte ja: ich wisse in meinem Innern, wovon du redest. Aber das hieß nicht, ich könne den Gegenstand zeigen, von dem du gesprochen hast. Aber ich weiß, wie du diesen Gegenstand aufzufassen, zu sehen, wie du ihn sozusagen durch Blick und Gesten zu bezeichnen meintest. Ich weiß, in welcher Weise man in diesem Fall vor sich und um sich schaut, und anderes. – Ich glaube, man kann sagen: Du redest (wenn du z.B. im Zimmer sitzt) von dem ‘visuellen Zimmer’. Das, was keinen Besitzer hat, ist das ‘visuelle Zimmer’. Ich kann es so wenig besitzen, als ich darin umhergehen, oder es anschaun, oder darauf zeigen kann. Es gehört in sofern nicht mir an, als es niemand andern angehören kann; oder: es gehört insofern nicht mir an, als ich ja
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darauf die gleiche Ausdrucksform verwenden will, wie auf das materielle Zimmer selbst, in dem ich sitze. Die Beschreibung des letztern braucht keinen Besitzer zu erwähnen, ja es muß auch keinen Besitzer haben. Dann aber kann das visuelle Zimmer keinen Besitzer haben. “Denn es hat keinen Herrn außer sich und keinen in sich” – könnte man sagen. Denk dir ein Landschaftsbild, eine Phantasielandschaft, und in ihr ein Haus – und jemand fragte “Wem gehört das Haus?” (Es könnte übrigens die Antwort darauf sein: “Dem Bauer, der auf der Bank davor sitzt”. Aber dieser kann sein Haus dann, z.B. nicht betreten.)

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
167.
     Mann || Man kann doch einen Spiegel besitzen; besitzt man dann auch das Spiegelbild, das sich in ihm zeigt?

   
   
169.
     Vergleiche: Eine Schachpartie im Kopf spielen – Ein Fußballmatch im Kopf spielen. – Sich selbst zum Geburtstag etwas schenken – Sich selbst ein Haus abkaufen.

   
170.
     “Die Annahme, daß dieser Mensch – der sich ganz normal benimmt – dennoch blind ist, hat doch Sinn!” – D.h.: ‘es ist doch eine Annahme’, ‘ich kann doch so etwas wirklich annehmen’. Und das heißt: ich mache mir doch ein Bild von dem, was ich annehme. Wohl; aber geht es weiter? Wenn ich die Annahme, daß Einer blind ist, unter andern Umständen mache, bestätige ich mir doch nie, daß diese Annahme wirklich Sinn hat. Und daß ich mir dabei wirklich etwas denke, ein Bild habe, spielt dann gar keine Rolle. Dieses Bild wird erst hier wichtig, wo es sozusagen der einzige Anhaltspunkt dafür ist, daß ich wirklich eine Annahme gemacht habe. Ja es ist alles, was von einer Annahme hier noch übrig ist.

   
   
172.
381
     “Im visuellen Raum gehen keine Lichtstrahlen von einem Objekt zu einem Auge.” – Wenn ich das sage, so habe ich doch förmlich ein Bild von dieser Tatsache. Und ich
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habe ein Bild vom visuellen Raum, ein anderes vom physikalischen Raum. Die Bilder aber sind die, zweier verschiedener Räumlichkeiten. Im einen ist der leere Raum gleichsam von Konstruktionslinien durchzogen; im andern ist er im strengen Sinne leer – gleichsam dunkel. (Und diese Worte selbst beschreiben nicht sowohl die beiden Bilder, sondern gehören selbst zu diesen Bildern.)
     Erinnere dich nun daran, daß wir in unserm Satz etwas über die ‘Natur’ des visuellen Raumes ausgesagt, – aber dadurch von dem Ausdruck “der visuelle Raum” noch keinen praktischen Gebrauch gemacht haben. Wie wollen wir den Ausdruck nun anwenden? Wohl bei der Mitteilung des subjektiven Gesichtseindrucks: z.B. in einem psychologischen Experiment. Wir sagen etwa: “In meinem visuellen Raum stehen Gegenstände in folgender Anordnung: …”
     Und statt “in meinem visuellen Raum” kann man einfach “im visuellen Raum” sagen, und das besitzanzeigende Fürwort durch die Praxis der Anwendung des Ausdrucks ausscheiden. Es ist leicht, sich die Regeln einer solchen Anwendung auszudenken. – Und wem sich diese Darstellungsart (aus irgend welchen Gründen) aufdrängt, der wird geneigt sein, zu sagen: es gibt nicht ‘meinen’ und ‘seinen’ Gesichtsraum; es gibt nur den Gesichtsraum.
     Denken wir an Beschreibung eines Bildes. Es sei ein Landschaftsbild; zwei Formen der Beschreibung sind möglich. In der einen heißt es: Die Abendsonne beleuchtet die Gipfel der Berge … die Bäume werfen lange Schatten … im See spiegeln sich die Wolken, etc. In der andern: Die Sonne ist knapp über dem Horizont … die Gipfel der Berge sind hell … die Bäume haben lange
– –
Schlagschatten … im See sieht man blauen Himmel und Wolken, etc.
     (Vielleicht wird man sagen, die erste Art der Beschreibung sei nur dort anzuwenden, wo die Lichter und Schatten, etc. wirklich im Bild motiviert seien. So ist es aber nicht. Wäre z.B. an einer Stelle des Bildes eine unmotivierte Helligkeit, so könnten wir einfach sagen “Von einer unsichtbaren Quelle fällt Licht auf …”)
     Wenn nun Einer sagte: “In dem Raum eines Bildes fällt kein Licht von einem Gegenstand auf einen andern” – was könnte er mit dieser Aussage wollen? Ist es nicht eine besondere Betrachtungsweise, die er uns vorhält? Der Satz ist zeitlos; ich will nicht sagen “Im Bildraum fällt nie Licht … ”, noch “Die Erfahrung lehrt … ”, sondern: es ist im Wesen des Bildraumes.
     Man könnte den Satz aber auch so verwenden: “Es nützt nichts, daß du die Sonne auf diesem Bild noch heller malst, die Berge werden dadurch nicht heller.”
     Die Betrachtungsweise, die uns vorgehalten wurde, ist etwa die: Auch im Bilde gibt es ein Rechts und Links, ein Vorn und Hinten, und räumliche Gegenstände; sie sind hier hell, hier dunkel; aber es gibt nicht die (uns wohlbekannten) kausalen Zusammenhänge zwischen den Helligkeiten und Dunkelheiten. – Eine Analogie wird also hervorgehoben, eine andere unterdrückt. Der Ausdruck “im Bildraum fällt kein Licht etc.” zieht uns aber in anderer Richtung, (setzt uns auf ein anderes Denkgeleise). Wir stellen uns eine physikalische Räumlichkeit vor, in der die Gegenstände eine magische Helligkeit besitzen, und nicht auf einander durch ihre Helligkeit wirken.
     Wenn Einer sagt “Im Gesichtsraum gehen keine Lichtstrahlen … ” – so weiß ich zunächst noch nicht sicher,
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wie er diese Aussage verwenden will. Er könnte ja z.B. fortfahren: “ich will damit sagen, daß nicht in allen Fällen, in denen gesehen wird, mit dem Auge gesehen wird.”
     Aber ich kann den Satz wohl am besten so erklären: “Im Gesichtsraum gehen Strahlen von da dorthin” heiße, es ziehen leuchtende Linien durch den Raum; wo solche nicht zu sehen sind, wo (wie man auch sagen kann) solche im Gesichtsraum nicht vorhanden sind, spreche man nicht von ‘Strahlen im Gesichtsraum’.
     Ich will zeigen, wie leicht es ist, durch natürliche Übergänge || durch natürlich sich uns darbietende Übergänge von einer Darstellungsweise zur andern zu einem Satz zu gelangen, der ganz den Charakter einer Aussage über eine fremdartige Welt trägt; und der uns doch nur ein fremdartiges Bild vorhält zur Darstellung wohlvertrauter Dinge.

   
173.
386
     Wo sehe ich das Haus: hier in meinem Auge, oder dort, wo es steht? Angenommen, ich entschiede mich für eine der beiden Antworten, – welche Konsequenz hätte die Entscheidung?
     Aufgabe: Man sagt “ich sehe dort ein Haus”; wie wird dieser Satz angewendet? Und wie könnte man den anwenden: “Ich sehe das Haus hier” (wobei auf ein Auge, oder auf beide Augen zeigt)? – Vergleiche damit: “Wenn ich mit einem Stock diesen Gegenstand abtaste, habe ich die Tastempfindung in der Spitze des Stockes, nicht in der Hand, die ihn hält.” Wenn Einer sagt “Ich habe nicht hier in der Hand, sondern im Handgelenk Schmerzen”, so ist die Konsequenz, daß der Arzt das Handgelenk untersucht. Welchen Unterschied macht es aber, ob ich sage, ich fühle die Härte des Gegenstands in der Stockspitze; oder in der Hand? Heißt, was ich sage: “Es ist, als hätte
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ich Nervenenden in der Stockspitze”? Inwiefern ist es so? – Nun, ich bin jedenfalls geneigt, zu sagen “Ich fühle die Härte, etc. in der Stockspitze”; und damit geht zusammen, daß ich beim Abtasten nicht auf meine Hand, sondern auf die Stockspitze sehe, daß ich, was ich fühle, mit den Worten beschreibe “Ich fühle dort etwas Hartes, Rundes” – nicht, indem ich sage “Ich fühle einen Druck gegen die Fingerspitzen des Daumens, Mittelfingers und Zeigefingers ….” Wenn mich etwa jemand fragte “Was fühlst du jetzt in den Fingern, die die Sonde halten?”, so könnte ich ihm antworten: “Ich weiß nicht ‒ ‒ ‒ ich fühle dort etwas Hartes, Rauhes.” [Vgl.: Fühlt mein Körper Schmerzen oder ich in ihm?]

   
   
   
   
177.
319
     Denken wir uns eine Tabelle, die nur in unsrer Vorstellung existiert. Etwa ein Wörterbuch. Mittels eines Wörterbuchs kann man die Übersetzung des Wortes X durch ein Wort Y rechtfertigen. Sollen wir es aber auch eine Rechtfertigung nennen, wenn diese Tabelle nur in der Vorstellung nachgeschlagen wird? – “Nun, es ist dann eben eine subjektive Rechtfertigung.” – Aber die Rechtfertigung bestand || besteht doch darin, daß man eine unabhängige Stelle appelliert. – “Aber ich kann doch von meiner Erinnerung || von meinem Erinnern eines Sachverhalts an mein Erinnerungsbild eines andern || eine andre appellieren. Ich weiß – z.B. – nicht, ob ich mir die Abfahrzeit des Zuges richtig gemerkt habe und rufe mir zur Kontrolle das Bild der Tabelle des Fahrplans ins Gedächtnis. Haben wir hier nicht den gleichen Fall?” – Nein; denn es ist wesentlich, daß dieser Vorgang wirklich hilft, die richtige Erinnerung hervorzurufen || dieser Vorgang muß nun wirklich die richtige Erinnerung hervorrufen. Wäre das Vorstellungsbild des Fahrplans nicht selbst auf seine Richtigkeit zu prüfen, wie könnte es eine Bestätigung der Richtigkeit der ersten Erinnerung sein? Als || Dann wäre es als kaufte Einer mehrere Exemplare der heutigen Morgenzeitung, um sich zu vergewissern,
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ob sie die Wahrheit schreibt.)
     In der Vorstellung eine Tabelle nachschlagen ist so wenig ein Nachschlagen einer Tabelle, wie die Vorstellung des Resultats eines vorgestellten Experiments das Resultat eines Experiments ist.

   
178.
     Ähnlich wäre es fast, wenn man beim Würfeln, wieviel ein Wurf gelten soll, durch einen weitern Wurf bestimmte.

   
   
   
   
   
   
184.
     Nennst du den Gedanken ein ‘Erlebnis’, so ist er das Erlebnis des Gedankenausdrucks.

   
185.
     Denken wir uns eine Variante des Tennisspiels: es wird in die Regeln dieses Spiels die aufgenommen, der Spieler habe sich bei gewissen Spielhandlungen das und das vorzustellen! (Der Zweck dieser Regel sei, das Spiel zu erschweren.) Der erste Einwand ist: man könne in diesem Spiel zu leicht schwindeln. Aber dem
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wird mit der Annahme begegnet, das Spiel werde nur von ehrlichen und zuverlässigen Menschen gespielt. Hier haben wir also ein Spiel mit innern Spielhandlungen. –
     Welcher Art ist nun die innere Spielhandlung, worin besteht sie? Darin, daß er – der Spielregel gemäß – sich … vorstellt. – Könnte man aber nicht auch sagen: Wir wissen nicht, welcher Art die innere Spielhandlung ist, die er der Regel gemäß ausführt; wir kennen nur ihre Äußerungen? Die innere Spielhandlung sei ein X, dessen Natur wir nicht kennen. Oder: Es gibt || gebe auch hier nur äußere Spielhandlungen: die Mitteilung der Spielregel und das was man die ‘Äußerung des innern Vorgangs’ nennt. ‒ ‒ ‒ Nun, kann man das Spiel nicht auf alle drei Arten beschreiben? Auch das mit dem ‘unbekannten’ ist eine ganz mögliche Beschreibungsart. Der Eine sagt, die sogenannte ‘innere’ Spielhandlung sei mit einer Spielhandlung im gewöhnlichen Sinne nicht vergleichbar – der Andre sagt, sie sei mit einer solchen vergleichbar – der Dritte: sie sei vergleichbar nur mit einer Handlung, die im Geheimen geschieht und die niemand kennt, als der Handelnde.
     Wichtig ist für uns, daß wir die Gefahren des Ausdrucks “innere Spielhandlung” sehen. Er ist gefährlich, weil er Verwirrung hervorruft || anrichtet.

   
186.
     Das Achselzucken, Kopfschütteln, Nicken, u.s.f., nennen wir Zeichen vor allem darum, weil sie in dem Gebrauch unsrer Wortsprache eingebettet sind.

   
   
   
   
   
   
192.
     Ich zeige mit der Hand und sage “Komm her!”. A fragt “Hast du mich gemeint?” Ich sage “Nein; den B.” – Was ging da vor, als ich den B meinte (da doch mein Zeigen es zweifelhaft ließ, welchen ich meinte)? – Ich sagte diese Worte, machte diese Handbewegung; || . Mußte noch mehr vorgehen, daß das Sprachspiel vor sich gehen konnte? || Gehörte noch mehr dazu, daß das Sprachspiel gespielt werden konnte? Aber wußte ich nicht schon während des Zeigens, wen ich meinte? Wußte? Ich hätte z.B. auf B. gezeigt, auch wenn A nicht in seiner Nähe gestanden wäre. || Wußte? Freilich, – nach den üblichen || gewöhnlichen Kriterien des Wissens.

   
   
   
195.
     Ich sage “Komm her!” und zeige in der Richtung des A. B, der neben || bei ihm steht, macht einen Schritt auf mich zu. Ich sage: “Nein; A soll kommen.” Wird man das nun als eine Mitteilung über meine innern Erlebnisse || meine Seelenvorgänge auffassen? Gewiß nicht. – Und könnte man nicht doch daraus Schlüsse auf Vorgänge ziehen,
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die in mir beim Aussprechen des Befehls stattgefunden haben? || des Befehls “Komm her!” stattgefunden haben?
     Aber auf was für Vorgänge? Könnte man nicht mutmaßen, ich habe bei meinem Befehl auf A geschaut; mein Gedankengang habe mich zu ihm geleitet? Aber vielleicht kenne ich den B überhaupt nicht, stehe nur mit A in Verbindung. Dann hätte also, wer meine seelischen Vorgänge mutmaßte, ganz irregehen können, und hätte dennoch verstanden, daß ich den A und nicht den B gemeint habe.

   
   
   
   
   
   
   
202.
     Wenn ich zwei Freunde gleichen Namens habe, und ich schreibe einem von ihnen einen Brief; worin liegt es, daß ich ihn nicht dem andern schreibe? Am Inhalt? Aber der könnte für beide passen. (Die Adresse habe ich noch nicht geschrieben.) Nun, die Verbindung kann in der Vorgeschichte liegen. Dann aber auch in dem, was dem Schreiben folgt. Wenn mich nun jemand fragt “An welchen der beiden schreibst du?” und ich antworte ihm, – schließe ich die Antwort aus der Vorgeschichte? Gebe ich sie nicht beinahe, wie ich sage “Ich habe Zahnschmerzen”? – Könnte ich im Zweifel darüber sein, welchem von beiden ich schreibe? Und wie sieht so ein Zweifelsfall aus? – Ja, wäre nicht auch der Fall einer Täuschung möglich: ich glaube dem Einen zu schreiben und schreibe dem Andern? Und wie sähe der Fall einer solchen Täuschung aus?
     (Man sagt manchmal: “Was wollte ich nur in dieser
Lade suchen? – Ach ja, die Photographie!” Und wenn uns dies einfällt, erinnern wir uns wieder an den Zusammenhang unsrer Handlung mit dem, was vorherging. Es könnte aber auch den Fall geben: Ich öffne die Lade und krame in ihr; endlich komme ich gleichsam zur Besinnung und frage mich “Warum suche ich nur in dieser Lade herum?” Und dann kommt die Antwort “Ich will die Photographie des … sehen”. “Ich will”, nicht “Ich wollte”. Das Öffnen der Lade, etc. geschah dann sozusagen automatisch und erhielt später || nachträglich eine Interpretation.)

   
   
   
   
206.
     Gedanken erraten. Spielkarten liegen auf einem Tisch. Ich will, daß der Andre eine von ihnen berühren soll. Ich schließe die Augen und denke an eine dieser Karten; der Andre soll erraten, welche ich meine. – Er läßt sich darauf etwa eine Karte einfallen, und wünscht, meine Meinung zu treffen. Er berührt die Karte und ich sage “Ja, sie || die war's”, oder sie war's nicht. Eine Variante dieses Spiels wäre es, daß ich auf eine bestimmte Karte sehe || schaue, so zwar, daß der Andre die Richtung meines Blicks nicht sieht, und daß er nun die Karte erraten muß, auf die ich schaue. Daß dies eine Variante des ersten Spiels ist, ist wichtig. Es kann hier wichtig sein, wie ich an die Karte denke, weil es sich zeigen könnte, daß davon die Zuverlässigkeit des Erratens abhängt. Sage ich aber im gewöhnlichen Leben “Ich dachte soeben an N”, so fragt man mich nicht “Wie hast du an ihn gedacht?”.
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212.
     Wenn Max sagt “Der Fürst trägt Vatersorge für die Truppen”, so meint er Wallenstein. – Angenommen, jemand sagte: Wir wissen nicht, ob er Wallenstein meint; er könne in diesem Satz auch einen andern Fürsten meinen.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
221.
     Sage ich “Ich wollte damals das und das tun” und beruht diese Aussage auf den Gedanken, Vorstellungen, etc., an die ich mich erinnere, so muß ein Andrer, dem ich nur diese Gedanken, Vorstellungen, etc. mitteile, daraus mit ebensolcher Sicherheit schließen können, ich hätte damals das und das tun wollen. – Er könnte das aber nicht. Ja, schlösse ich selbst nun aus dieser Evidenz auf meine Absicht, so würde der Andre mit Recht sagen, dieser Schluß
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sei sehr unsicher.

   
   
   
   
   
226.
     “Ich habe in meiner Rede auf ihn angespielt.” – “Mit welchen Worten?” – “Ich habe auf ihn angespielt, als ich von einem Mann redete, der …”
     “Ich habe auf ihn angespielt” heißt ungefähr: Ich wollte, daß jemand bei diesen Worten an ihn denken solle. Aber “Ich wollte” ist nicht die Beschreibung eines Seelenzustandes, und “verstehen, daß N gemeint war” ist es auch nicht.

   
   
   
   
   
   
   
   
234.
     Wenn die Situation zweideutig ist; ist es dann zweifelhaft, ob ich ihn meine? Bei meiner Aussage, ich habe ihn, oder ihn nicht gemeint, urteile ich nicht nach der Situation. Und wenn ich nun nicht nach der Situation urteile, wonach urteile ich? Scheinbar nach gar nichts. Denn ich erinnere mich wohl an die Situation, aber deute sie. Ich kann z.B. meinen Seitenblick auf ihn jetzt nachahmen, aber das Meinen erscheint als eine ganz ungreifbare, feine Atmosphäre des Sprechens und Handelns. (Ein verdächtiges Bild!)

   
235.
     “Als ich das sagte, wollte ich nur ihm einen Wink geben.” – Wie kann ich wissen, daß ich es nur sagte, um ihm einen Wink zu geben? Nun, die Worte “Als ich es sagte etc.” beschreiben eine bestimmte uns verständliche Situation. Wie schaut die Situation aus? Um sie zu beschreiben, muß ich einen Zusammenhang beschreiben.

   
   
   
   
   
   
   
242.
     Ich erwarte jeden Augenblick eine Explosion. Ich bin nicht im Stande, einer andern Sache meine volle Aufmerksamkeit zu schenken; schaue in ein Buch, aber ohne zu lesen. Auf die Frage, warum ich zerstreut, oder nervös scheine, sage ich, ich erwarte jeden Augenblick die Explosion. – Wie war es nun: Beschrieb dieser Satz eben jenes Verhalten? Aber wie unterscheidet sich dann der Vorgang des Erwartens der Explosion vom Vorgang des Erwartens eines ganz andern Ereignisses, z.B. eines bestimmten Signals? Und wie unterscheidet sich die Erwartung eines Signals von der Erwartung eines etwas andern || eines um weniges verschiedenen Signals? Oder war meine Handlungsweise nur Nebenerscheinung der eigentlichen Erwartung, und diese ein geistiger Vorgang? || ein besonderer geistiger Vorgang? Und war dieser Vorgang homogen, oder gegliedert wie ein Satz (mit internem Anfang und Ende)? – Wie weiß aber der, in dem er vorgeht, welches Ereignisses Erwartung der Vorgang ist? Erscheint nämlich
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nicht darüber im Ungewissen. Es ist nicht, als konstatierte er einen seelischen, oder andern Zustand und machte eine Vermutung über dessen Ursache. Er mag wohl sagen “Ich weiß nicht, ist es nur diese Erwartung, die mich heute so unruhig macht”; aber er wird nicht sagen: “Ich weiß nicht, ist dieser Seelenzustand die Erwartung einer Explosion, oder von etwas anderm.”
     Die Aussage “Ich erwarte jeden Moment einen Knall” ist eine Äußerung der Erwartung. Diese Wortreaktion ist der Ausschlag des Zeigers, der das Erwartete anzeigt. || der den Gegenstand der Erwartung anzeigt.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
268.
64
     Es ist hier nützlich, sich zu überlegen, was man über ein Phänomen, wie das folgende, sagt:
Die Figur F einmal als F, einmal als sein Spiegelbild sehen.
     Nun will ich fragen: Worin besteht es, die Figur einmal so, einmal anders sehen? – Sehe ich wirklich jedesmal etwas anderes? oder deute ich nur, was ich sehe, auf verschiedene Weise? – Ich bin geneigt, das erste zu sagen. Aber warum? Nun, Deuten ist eine Handlung. Es kann z.B. darin bestehen, daß Einer sagt “Das soll ein F sein”; oder daß er's nicht sagt, aber das Zeichen beim Kopieren durch ein F ersetzt; oder sich überlegt: “Was mag das wohl sein? Es wird ein F sein, das dem Schreiber mißglückt ist.” – Sehen ist keine Handlung, sondern ein Zustand. Und wenn ich es nie für etwas,
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anderes als ein F gehalten, mir nie überlegt habe, was es wohl sein mag, so wird man sagen, ich sehe das Zeichen als F; wenn man nämlich weiß, daß es sich auch anders sehen läßt.
     Wie ist man denn überhaupt zu dem Begriff des ‘Etwas als Etwas sehen’ gekommen? Bei welchen Gelegenheiten war für ihn ein Bedürfnis? || Bedarf (Sehr häufig in der Kunst.) Dort überall, wo es sich um ein Phrasieren durchs Aug oder Ohr handelt. Wir sagen “Du mußt diese Takte als Einleitung hören,” “Du mußt nach dieser Tonart hin hören”, “Wenn man diese Figur einmal als … gesehen hat, ist es schwer, sie anders zu sehen”, etc. etc. “ich höre das französische ‘ne … pas’ als zweiteilige Verneinung, aber nicht als ‘nicht ein Schritt’” || ‘nicht einmal ein Schritt’”, etc. etc. Ist es nun ein wirkliches Sehen oder Hören? Nun: so nennen wir es; mit diesen Worten reagieren wir in bestimmten Situationen. Und auf diese Worte reagieren wir wieder durch bestimmte Handlungen.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
296.
     Die Worte “Gottlob! Noch etwas weniges hat man geflüchtet – vor den Fingern der Kroaten”, mit ihrem Ton und Blick, scheinen allerdings schon jede Nuance ihrer Bedeutung in sich zu tragen. Nur darum aber, weil wir sie als Teil einer bestimmten Scene kennen. (Eine Menge wohlbekannte Pfade führen von diesen Worten aus in allen Richtungen.) – Man könnte aber eine ganz andere Scene um diese Worte (im gleichen Tone gesprochen) bauen; um zu zeigen, wie ihre besondere Seele in der Geschichte liegt, zu der sie gehören.
– 87 –

     (Darum sagt man auch: “Es kommt drauf an, wer es sagt.”)

   
297.
     Laß einen Menschen zornig, hochmütig, ironisch, blicken; und nun verhäng sein Gesicht, daß nur die Augen frei bleiben, – in denen der ganze Ausdruck vereint schien: Ihr Ausdruck ist nun überraschend vieldeutig.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
307.
     “Ich habe die Absicht, morgen zu verreisen.” – Wann hast du die Absicht? Die ganze Zeit; oder intermittierend?
     Schau in die Lade, in der du sie zu finden glaubst. Die Lade ist leer. – Ich glaube, du hast sie unter den Empfindungen gesucht.
     Überlege, was das eigentlich heißen würde “eine Absicht intermittierend haben”. Es hieße etwa: die || sie haben; sie fallen lassen; sie wieder aufnehmen u.s.f.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
319.
     “Ich wollte in meiner Erklärung auf … lossteuern.” Mir schwebte dieses Ziel vor. Ich sah im Geist die Stelle des Buchs, auf die ich hinzielte. || zuging.
     Die Absicht zu schreiben || beschreiben, heißt, was vorging, unter einem bestimmten Gesichtspunkte, für einen bestimmten Zweck, beschreiben. Ich male ein bestimmtes Porträt der Vorgänge; bringe bestimmte Züge heraus.

   
   
   
   
323.
     In Laufe eines || des Gespräches will ich auf etwas zeigen; ich habe bereits den Anfang einer Zeigebewegung gemacht; führe sie aber nicht aus. Später sage ich: “Ich wollte damals darauf zeigen. Ich erinnere mich noch deutlich, das ich schon den Finger aufgehoben hatte.” In dem Strom dieser Vorgänge, Gedanken und Empfindungen war dies der Anfang einer Gebärde des Zeigens.
     Ja, wenn ich die ganze Gebärde machte und sagte “Er liegt dort drüben”, so wäre das kein Zeigen, wenn nicht diese Worte zu einer Sprache gehörten.

   
   
   
   
   
   
   
330.
     Ich hatte mit Absicht ein Beispiel gewählt, in dem der Mensch einer Empfindung Ausdruck gibt. Denn in diesem
– –
Fall sagt man, Laute, die keiner Sprache angehören, seien voll von Bedeutung.

   
   
   
333.
     Worte eines Dichters können uns durch und durch gehen. Und das hängt, kausal, natürlich mit dem Gebrauch zusammen, den sie in unserm Leben haben. Und es hängt auch damit zusammen, daß wir, diesem Gebrauch gemäß, unsere Gedanken dorthin und dahin in die wohlbekannte Umgebung der Worte schweifen lassen.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
344.
     Ich folge einer Regel nicht anders, als der Anweisung “Schlage zwei Eier in eine Pfanne”. Und gehörte dieser Satz keiner Sprache an, oder einer, die ich nicht verstehe, so folgte ich diesen Worten nicht, was immer ich täte.

   
   
   
   
   
349.
     Wenn mir jemand plötzlich mit haßerfülltem Ausdruck sagt “Ich hasse den N” – und jener Name bezeichnet niemand, – soll ich sagen, dieser Mensch hasse jemanden? Ich werde vielleicht sagen: dieser Mensch hat Haßanfälle. Könnte man in einem ähnlichen Sinne sagen, ein Mensch habe ‘Anspielungsanfälle’? – Aber diese Anfälle bestünden in den subjektiven Erscheinungen des Anspielens.

   
   
   
   
   
   
   
356.
     Statt “Ich habe ihn gemeint” kann man auch sagen
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“Ich habe von ihm gesprochen”. Und wie macht man das: mit diesen Worten von ihm sprechen? Warum klingt es falsch, zu sagen “ich habe von ihm gesprochen, indem ich bei diesen Worten auf ihn zeigte”?
     “Ihn meinen” heißt etwa: von ihm reden. Nicht: auf ihn zeigen. Und wenn ich von ihm rede, besteht freilich eine Verbindung zwischen meiner Rede und ihm, aber diese Verbindung liegt in der Anwendung der Rede, nicht in einem Akt des Hinweisens || Zeigens. Das Zeigen ist selbst nur ein Zeichen, und es kann im Sprachspiel die Anwendung der Sätze regeln, also, was gemeint ist anzeigen.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
366.
536
     Wie schätzt man: wieviel Uhr es ist? Ich meine aber nicht, nach äußeren Anhaltspunkten, dem Stand der Sonne, der Helligkeit im Zimmer, u. dergl. – Man fragt sich etwa “Wieviel Uhr kann es sein?”, überlegt einen Augenblick; d.h., hier man hält sich still, stellt sich etwa || vielleicht das Ziffernblatt vor; und dann spricht man die und die Zeit aus. – Oder man überlegt sich mehrere Möglichkeiten: man denkt sich eine Zeit, dann eine andre, und bleibt endlich bei einer stehen. So und ähnlich geht es vor sich. ‒ ‒ ‒ Aber ist nicht der Einfall von einem Gefühl der Überzeugung begleitet; und heißt das nicht, daß er nun mit einer innern Uhr übereinstimmt? – Nein, ich lese die Zeit von keiner Uhr ab; ein Gefühl der Überzeugung ist insofern da, als ich mir ohne Empfindung des Zweifels, mit Ruhe und Sicherheit eine Zeit sage. – Aber schnappt nicht etwas bei dieser Zeitangabe ein? – Nichts, das ich wüßte; wenn du nicht das Zur-Ruhe-Kommen der Überlegung, das Stehenbleiben bei einer Zahl so nennst. Ich hätte auch hier nie, von einem ‘Gefühl der Überzeugung’ geredet, sondern gesagt: ich habe eine Weile überlegt und mich dann dafür entschieden, daß es viertel sechs ist || es sei viertel sechs. Wonach aber hab ich mich entschieden? Ich hätte vielleicht gesagt: “bloß nach dem Gefühl”; das || . Das heißt nur: ich habe es dem Einfall überlassen. ‒ ‒ ‒ Aber du mußtest dich doch wenigstens zum Schätzen in einen bestimmten Zustand versetzen; und du nimmst doch nicht jede Vorstellung irgend einer Zeitangabe als Angabe der richtigen Zeit! – Wie gesagt: ich hatte mich gefragt “Wieviel Uhr mag es sein?”, d.h. ich habe diese Frage nicht, z.B., einer Erzählung gelesen, noch sie als Ausspruch eines andern zitiert, noch mich im Aussprechen dieser
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Wörter geübt, u.s.f.. – nicht unter diesen Umständen habe ich die Worte gesprochen. – Aber unter welchen also? – Ich dachte an mein Frühstück und ob es heute spät damit würde. Solcherart waren die Umstände. – Aber siehst du denn wirklich nicht, daß du doch in einem, wenn auch gleichsam || gleichsam ungreifbaren, für das Schätzen der Zeit charakteristischen Zustand, gleichsam in einer dafür charakteristischen Atmosphäre warst? – Ja, das Charakteristische war, daß ich mich fragte “Wieviel Uhr mag es sein?”; und hat dieser Satz eine bestimmte Atmosphäre, wie soll ich sie von ihm selbst trennen können? Es wäre mir nie eingefallen, der Satz hätte einen solchen Dunstkreis, hätte ich nicht daran gedacht, wie man ihn auch anders – als Zitat, im Scherz, als Sprechübung, etc. – sagen könnte. Und da wollte ich auf einmal sagen, da erschien es mir auf einmal: ich müßte die Worte doch irgendwie besonders gemeint haben; anders nämlich, als in jenen andern Fällen. Es hatte sich mir das Bild von der besondern Atmosphäre aufgedrängt; ich sehe sie förmlich vor mir – solange ich nämlich nicht auf das sehe, was nach meiner Erinnerung wirklich gewesen ist.
     Und was das Gefühl der Sicherheit anbelangt: so sage ich mir manchmal “Ich bin sicher, es ist … Uhr”, und in mehr oder weniger sicherem Tonfall, etc. Fragst du nach dem Grund für diese Sicherheit, so habe ich keinen.
     Wenn ich sage: ich lese es auf meiner inneren Uhr ab, so ist das ein Bild, dem nur entspricht, daß ich diese Zeitangabe gemacht habe. Und der Zweck des Bildes ist, diesen Fall dem andern anzugleichen. Ich sträube mich, die beiden verschiedenen Fälle anzuerkennen.

   
   
   
369.
175
     Wenn man fragt “Wie macht der Satz das, daß er darstellt?”, so könnte die Antwort sein: “Weißt du es denn nicht? Du siehst es doch, wenn du ihn benützt.” Es ist ja nichts verborgen. Wie macht der Satz das? – Weißt du es denn nicht? Es ist ja nichts versteckt.
176

     Aber auf die Antwort “Du weiß ja, wie es der Satz macht, es ist ja nichts verborgen” möchte man sagen: “Ja, aber es fließt alles so rasch vorüber, und ich möchte es gleichsam breiter auseinander gelegt sehen.”
     Aber es hindert uns eben nicht am Ausdruck. – Was es heißt, etwas Entfliehendes in der Beschreibung festhalten zu wollen, wissen wir. Das geschieht etwa, wenn wir das Eine vergessen, während wir das Andere beschreiben wollen. Aber darum handelt es sich doch hier nicht. Und so ist das Wort “entfliehen” anzuwenden.

   
   
   
   
373.
     Eine der philosophisch gefährlichsten Ideen ist, merkwürdigerweise, daß wir mit dem Kopf, oder im Kopf denken.

   
374.
     Die Idee vom Denken als einem Vorgang im Kopf, in dem gänzlich abgeschlossenen Raum, gibt ihm etwas Okkultes.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
386.
128
     Man ist versucht, Regeln der Grammatik durch Sätze zu rechtfertigen von der Art “Aber es gibt doch wirklich vier primäre Farben.” Und gegen die Möglichkeit dieser Rechtfertigung, die nach dem Modell der Rechtfertigung eines Satzes durch den Hinweis auf seine Verifikation || die Tatsache, die ihn wahr macht, gebaut ist, richtet sich das Wort, daß die Regeln der Grammatik willkürlich sind.
     Kann man aber nicht doch in irgendeinem Sinne sagen, daß die Grammatik der Farbwörter die Welt, wie sie tatsächlich ist, charakterisiert? Man möchte sagen: Kann ich nicht wirklich vergebens nach einer fünften primären Farbe suchen? Nimmt man nicht die primären Farben zusammen, weil sie eine Ähnlichkeit haben; oder zum mindesten die Farben, im Gegensatz z.B. zu den Formen, oder Tönen, weil sie eine Ähnlichkeit haben? Oder habe ich, wenn ich diese Einteilung der Welt als die richtige hinstelle, schon eine vorgefaßte Idee als Paradigma im Kopf? Von der ich dann etwa nur sagen kann: “Ja, das ist die Art, wie wir die Dinge betrachten”, oder “Wir wollen eben ein solches Bild machen”. || ? Wenn ich nämlich sage: “die primären Farben haben doch eine bestimmte Ähnlichkeit miteinander” – woher nehme ich den Begriff dieser Ähnlichkeit? Ist nicht so, wie der Begriff ‘primäre Farbe’ nichts andres ist, als ‘blau oder rot oder grün, oder gelb’, – auch der Begriff jener Ähnlichkeit nur durch die vier Farben gegeben? Ja, sind sie || die Begriffe nicht die gleichen? – “Ja, könnte man denn auch rot, grün und kreisförmig zusammenfassen?” – Warum nicht?!

   
387.
     Warum nenne ich die Regeln des Kochens nicht willkürlich; und warum bin ich versucht, die Regeln der Grammatik willkürlich zu nennen? Weil ‘Kochen’ durch seinen Zweck definiert ist, dagegen ‘Sprechen’ nicht. Darum ist
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der Gebrauch der Sprache in einem gewissen Sinne autonom, in dem das Kochen und Waschen es nicht ist. Wer sich beim Kochen nach andern als den richtigen Regeln richtet, kocht schlecht; aber wer sich nach andern Regeln als denen des Schach richtet, spielt ein anderes Spiel; und wer sich nach andern grammatischen Regeln richtet, als den und den || unsern, spricht darum nichts Falsches, sondern von etwas Anderm.

   
388.
     Wenn man eine Regel, ein Wort des Satzes betreffend, dem Satze beifügt, so ändert sich sein Sinn nicht.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
397.
     Gewiß, ich lese eine Geschichte und kümmere mich den Teufel um ein System der Sprache. Ich lese einfach, habe Eindrücke, sehe Bilder vor mir, etc. Ich lasse die Geschichte an mir vorüberziehen wie Bilder, wie eine Bildergeschichte. (Damit will ich natürlich nicht sagen, daß jeder Satz in mir ein visuelles Bild, oder mehrere, hervorruft, und daß das etwa der Zweck eines Satzes sei.)

   
398.
     Denken wir uns eine Bildergeschichte in schematischen Bildern, also ähnlicher der Erzählung in einer Sprache || Schrift, als eine Folge realistischer Bilder. Man könnte in so einer Bildersprache etwa insbesondere den Gang von Schlachten festgehalten haben. (Sprachspiel.) Und ein Satz unserer Wortsprache kommt so einem Bild dieser Bildsprache viel näher als man meint.

   
399.
     Denken wir auch daran, daß || wie wir uns solche Bilder nicht erst in realistische übertragen, um sie zu ‘verstehen’, so wenig wir uns je Photographien oder die Bilder eines Films, in farbige Bilder übertragen, obwohl uns schwarz-weiße Menschen, oder Pflanzen in der Wirklichkeit unsagbar fremd und schrecklich vorkämen.
     Wie, wenn wir nun hier sagten “Ein Bild ist etwas nur in einer Bildersprache”?
– 112 –


   
400.
      Und da muß sich daran erinnern, daß alle die Phänomene, die uns nun so merkwürdig vorkommen, die ganz gewöhnlichen sind, die, wenn sie sich abspielen, uns nicht im geringsten auffallen. Sie kommen uns erst in der seltsamen Beleuchtung merkwürdig vor, die wir nun auf sie werfen, wenn wir philosophieren.

   
401.
      Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen, in der Menschen ein einziges Wort für jenen Ausruf benutzen. Aber wie wäre es mit einem Wort für den Satz “wenn der Zug …”? In was für einem Fall würden wir sagen, daß das Wort tatsächlich für diesen Satz steht?
     Etwa in diesem: Die Leute benützten anfänglich einen Satz wie den unsern; dann aber traten Umstände ein, in denen der Satz so häufig ausgesprochen werden mußte, daß sie ihn zu einem Wort zusammenzogen. Diese Leute könnten also noch das Wort durch den || jenen Satz erklären.
     Aber kann es auch den Fall geben, in dem Leute nur ein Wort für jenen Sinn besäßen, also für jenen Gebrauch? Warum nicht? Man muß sich vorstellen, wie Einer den Gebrauch dieses Wortes lernt, und unter welchen Umständen wir sagen würden, daß das Wort wirklich jenen Satz vertritt. Bedenk aber dies: In unserer Sprache sagt jemand “Er kommt um 5 Uhr an”; ein Andrer antwortet “Nein, 10 Minuten nach 5”. Gibt es diese Art Gespräch auch in der andern Sprache?
     Darum sind Sinn und Bedeutung vage Begriffe.

   
   
   
404.
     Es wäre natürlich auch denkbar, daß wir einen Satz der Wortsprache, um von ihm einen Eindruck zu erhalten, nach Regeln in ein gezeichnetes Bild übertragen mußten. (Daß erst dies Bild eine Seele hätte.)

   
405.
      In diesem Fall könnte man sagen: “Die Zeichenfolge ist tot ohne das System”. || “Das Zeichen lebt nur im System.”

   
   
   
408.
     (Ich könnte meinem Schüler sagen: Du wirst anders denken, wenn du durch diese Übungen gegangen bist.)

   
   
410.
     Wir können diese Frage auch so stellen: Was ist das allgemeine Charakteristikum dafür, daß die Lösung || eine Lösung gefunden ist?

   
411.
     Ich will annehmen, daß ich, sobald es gelöst ist, die Lösung dadurch kenntlich mache, daß ich gewisse Striche des Bildes stark nachziehe und etwa Schatten eintrage. Warum nennst du nun das Bild, was du eingezeichnet hast, eine Auflösung?
     a) Weil es die klare Darstellung einer Gruppe räumlicher Gegenstände ist.
     b) Weil es die Darstellung eines regelmäßigen Körpers ist.
     c) Weil es eine symmetrische Figur ist.
     d) Weil es eine Figur ist, die mir einen ornamentalen Eindruck macht.
     e) Weil es die Darstellung eines Körpers ist, der mir bekannt vorkommt.
     f) Weil es eine Liste von Auflösungen gibt und diese Figur (dieser Körper) auf der Liste steht.
     g) Weil es eine Art von Gegenstand darstellt, die ich wohl kenne: denn er macht mir den augenblicklichen Eindruck der Wohlbekanntheit, ich verbinde augenblicklich alle möglichen Assoziationen mit ihm; ich weiß, wie er heißt; daß ich ihn oft gesehen habe; ich weiß, wozu man ihn gebraucht; etc.
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     h) Weil ich den Gegenstand wohl zu kennen scheine: es fällt mir sogleich ein Wort als sein Name ein (obwohl das Wort keiner bestehenden Sprache angehört); ich sage mir “Natürlich, das ist ja ein … ” und gebe mir eine unsinnige Erklärung, die mir in diesem Augenblick sinnvoll erscheint. (Wie im Traum.)
     i) Weil es ein Gesicht darstellt, welches mir bekannt vorkommt.
     j) Weil es ein Gesicht darstellt, welches ich erkenne: es ist das Gesicht meines Freundes N; es ist ein Gesicht, welches ich oft abgebildet gesehen habe. etc.
     k) Weil es einen Gegenstand darstellt, den ich mich erinnere, einmal gesehen zu haben.
     l) Weil es ein Ornament ist, das ich gut kenne (obwohl ich nicht weiß, wo ich es gesehen habe).
     m) Weil es ein Ornament ist, das ich gut kenne: ich kenne seinen Namen, weiß, wo ich es schon gesehen habe.
     n) Weil es einen Einrichtungsgegenstand meines Zimmers darstellt.
     o) Weil ich instinktiv diese Striche nachgezogen habe und mich nun beruhigt fühle.
     p) Weil ich mich erinnere, daß mir dieser Gegenstand beschrieben worden ist. U.s.w.
     (Wer nicht versteht, warum wir über diese Dinge reden, muß, was wir sagen, als leere Spielerei empfinden.)

   
   
   
   
   
   
   
   
   
420.
     Ein freundlicher Mund, ein freundliches Auge. Wie denkt man sich eine freundliche Hand? – Wahrscheinlich geöffnet und nicht als Faust. – Und könnte man sich die Haarfarbe des Menschen als Ausdruck der Freundlichkeit, oder des Gegenteils, denken? – Aber so gestellt, scheint dies die
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Frage zu sein, ob uns das gelingen kann. Die Frage sollte lauten: Wollen wir etwas eine freundliche, oder unfreundliche Haarfarbe nennen? Wollten wir solchen Worten Sinn geben, so würden wir uns etwa einen Menschen denken, dessen Haare dunkel werden, wenn er zornig wird. Das Hineinlesen des bösen Ausdrucks in die dunkeln Haare aber geschähe mittels einer schon früher fertigen Idee.
     Man kann sagen: Das freundliche Auge, der freundliche Mund, das Wedeln des Hundes, sind, unter andern, primäre und von einander unabhängige Symbole der Freundlichkeit; ich meine: sie sind Teile der Phänomene, die man Freundlichkeit nennt. Will man sich andere Erscheinungen als Ausdruck der Freundlichkeit denken, so sieht man jene Symbole in sie hinein. Wir sagen “Er macht ein finsteres Gesicht”; vielleicht, weil die Augen durch die Augenbrauen stärker beschattet werden; und nun übertragen wir die Idee der Finsternis auf die Haarfarbe.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
470.
     Das Raisonnement, das zu einem endlosen Regreß führt, ist nicht darum aufzugeben, ‘weil wir so nie das Ziel erreichen können’, sondern, weil es hier ein Ziel nicht gibt; sodaß es gar keinen Sinn hat, zu sagen “wir können es nicht erreichen”.
– 132 –

     Wir meinen leicht, wir müßten den Regreß ein paar Stufen weit durchlaufen und ihn dann sozusagen in Verzweiflung aufgeben. Während seine Ziellosigkeit (das Fehlen des Zieles im Kalkül) aus der Anfangsposition zu entnehmen ist.

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
487.
     Ist das Gefühl, die Erfahrung, des Zwanges die direkte Wahrnehmung der Ursache; die man sonst nur aus der Koinzidenz erschließt?

   
   
   
   
   
   
   
   
495.
     Wie kommt es, daß die Philosophie ein so komplizierter Bau ist? Sie sollte doch gänzlich einfach sein, wenn sie jenes Letzte, von aller Erfahrung Unabhängige ist, wofür du sie ausgibst. – Die Philosophie löst Knoten auf in unserm Denken; daher muß ihr Resultat einfach sein, ihre Tätigkeit aber so kompliziert, wie die Kn