Beschreibung an ihre Stelle treten. Und diese Beschreibung empfängt ihr Licht, d.i. ihren Zweck, von den philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache gelöst, und zwar so, daß dieses erkannt wird: entgegen einem Trieb, es mißzuverstehen. Die Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten. Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.
 
     
115
     “Die Sprache (oder das Denken) ist etwas Einzigartiges”, das erweist sich als ein Aberglaube (nicht Irrtum!) hervorgerufen selbst durch grammatische Täuschungen.
     Und auf diese Täuschungen, auf die Probleme, fällt nun das Pathos zurück.
 
     
116
     Die Probleme, die durch ein Mißdeuten unserer Sprachformen entstehen, haben den Charakter der Tiefe. Es sind tiefe Beunruhigungen; sie wurzeln so tief in uns, wie die Formen unserer Sprache und ihre Bedeutung ist so groß, wie die Wichtigkeit unserer Sprache. ‒ ‒ ‒ Fragen wir uns: Warum empfinden wir einen grammatischen Witz als tief? (Und das ist ja die philosophische Tiefe.) Eine ähnliche Gedankenbewegung: Wie kann man die Zeit schätzen, da das Leben doch fern von einer Uhr ist? – Daß uns die Zeit übereinstimmend mit der Uhr einfallen; daß wir die Zeit schätzen können; ist ein Grund, warum, was die Uhr meint, die Zeit, so wichtig ist.
 
     
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     Worin liegt z.B. die Tiefe des Witzes: “We called him tortoise because he taught us”? Wir werden plötzlich aufmerksam darauf, daß eine solche Ableitung des Substantivs unmöglich ist. – Warum Eine ähnliche Gedankenbewegung: Wie kann man die Zeit schätzen, da das Leben doch fern von einer Uhr ist? – Daß uns die Zeit übereinstimmend mit der Uhr einfallen; daß wir die Zeit schätzen können; ist ein Grund, warum, was die Uhr meint, die Zeit, so wichtig ist.
sollte sie aber so unmöglich sein? Sie ließe sich auch sehr wohl denken. Und nun scheint der Witz seine Tiefe verloren zu haben. Dies kommt aber daher, daß wir unsere Aufmerksamkeit verschoben haben. – Betrachte ein andres Beispiel: In Lichtenbergs “Briefen von Mägden über Literatur” schreibt eine Magd der anderen die Zahl Hundert so 001 Wenn man sich sagt: “nun, hundert könnte ja auch in der Richtung geschrieben werden”, dann fühlt man die Tiefe des Witzes nicht. Diese liegt, glaube ich, in dem Zusammenhang unseres Dezimalsystems, in welchem das Zeichen “001” eine gewisse Stelle innehat. Die Tiefe der Absurdität des 001 erscheint erst für den, der, sozusagen, die mathematischen Konsequenzen aus diesem Schreibfehler ziehen kann. Nicht für den, der nur weiß, daß man so nicht ‘hundert’ schreibt. – Man kann, das ‘taught us’ betreffend, sagen: ein Verbum hat für uns eine Grundstellung (wie man bei Turnübungen sagt) und dann verschiedene Stellungen, verschiedenen Verrichtungen gemäß. Eine beliebige dieser Stellungen zur Bezeichnung dessen nehmen, der (z.B.) lehrt, ist so, als nähme man für das Standbild eines Menschen irgend eine Stellung, in der er sich auch einmal befinden kann.
Die Tiefe der Absurdität liegt hier wieder in Verhältnissen, die eine längere Erklärung zulassen; weil sie den eigentümlichen Bau unserer Sprache betreffen. – Wenn wir auf das System unserer Sprache sehen, dann haben wir das Gefühl der Tiefe. Es ist, als sähen wir durch ihr Netz hindurch die ganze Welt.
 
     
     
118
     Ein Gleichnis, das in die Formen unserer Sprache aufgenommen ist, bewirkt einen falschen Schein; der beunruhigt uns: “Es ist doch nicht so!” – sagen wir. “Aber es muß doch so sein!
 
     
119
     Denk, wie uns das Substantiv “Zeit” ein Medium vorspiegeln kann; wie es uns in die Irre führen kann, daß wir einem Phantom auf und ab nachjagen. (“Aber hier ist doch nichts! – Aber hier ist doch nicht nichts!”)
 
     
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Log. phil. Abh. (5.4) Die allgemeine Form des Satzes ist: Es verhält sich so und so”.
     Das ist die Art von Satz, die man sich unzählige Male wiederholt. Man glaubt, wieder der Natur nachzufahren, und fährt nur der Form entlang, durch die wir sie betrachten.
 
     
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121
Ob wir über das Wesen des Satzes, des Verstehens, des privaten, nur mir selbst bewußten Erlebens nachdenken: “Es ist doch so ‒ ‒ ‒ –” sagen wir uns wieder und wieder. Es ist uns, als müßten wir das Wesen der Sache erfassen, wenn wir unsern Blick nur ganz scharf auf dies Faktum einstellen, es in den Brennpunkt rücken könnten.
 
     
122
     Der Ausdruck dieser Täuschung aber ist die metaphysische Verwendung unsrer Wörter. Man prädiziert von der Sache, was in der Darstellungsweise liegt. Die Möglichkeit des Vergleichs, die uns beeindruckt, nehmen wir für die Wahrnehmung einer höchst allgemeinen Sachlage.
 
     
123
Ein Bild uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen. Um dem Bann der Ausdrucksformen zu entgehen, müssen wir die Sprache durchpflügen.
 
     
124
     Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen “Wissen”, “Sein”, “Gegenstand”, “Ich”, “Satz”, “Name” und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muß man sich immer fragen: wird denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? –
 
     
125
     Man sagt mir: “Du verstehst doch diesen Ausdruck? Nun also in der Bedeutung, die Du kennst, gebrauche auch ich ihn.” Als wäre die Bedeutung eine Aura die das Wort mitbringt und in jederlei Verwendung herüber nimmt.
     Wenn Einer z.B. sagt, der Satz “Dies ist hier” – wobei er auf einen Gegenstand zeigt – habe für ihn Sinn, so möge er sich fragen, unter welchen besondern Umständen man diesen Satz verwendet. In diesen hat er dann Sinn.
 
     
126
     Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück. (Man steigt öfters zweimal in den gleichen Fluß . ‒ ‒ ‒ Ein Gegenstand hört manchmal auf zu existieren, wenn ich aufhöre ihn zu sehen, und manchmal nicht. ‒ ‒ ‒ Wir wissen manchmal, welche Farbe der Andere sieht, wenn er diesen Gegenstand betrachtet, und manchmal nicht.) Unsere Antworten müssen, wenn sie richtig sind, gewöhnliche und triviale sein. – Denn diese Antworten machen sich gleichsam über die Fragen lustig. Nicht aber die Erklärungen, die die Probleme verständlich machen.
 
     
132
     Der Begriff der übersichtlichen Darstellung ist für uns von grundlegender Bedeutung. Er bezeichnet unsere Darstellungsform, die Art, wie wir die Dinge sehen. (Ähnlich einer ‘Weltanschauung’.)
 
     
133
Ein philosophisches Problem hat die Form: “ich kenne mich nicht aus.”
 
     
134
     Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben.
     Denn sie kann ihn auch nicht begründen.
     Sie läßt alles wie es ist.
     Sie läßt auch die Mathematik wie sie ist und keine mathematische Entdeckung kann sie weiterbringen. ƪ
     Ein führendes Problem der mathematischen Logik (Ramsey) ist ein Problem der Mathematik, wie jedes andere.
 
     
135
     Ein Gleichnis gehört zu unserem Gebäude; aber wir können auch aus ihm keine Folgen ziehen; es führt uns nicht über sich selbst hinaus, sondern muß als Gleichnis stehenbleiben. –
 
     
136
     Die Philosophie stellt eben alles bloß hin, und erklärt und folgert nichts. – Da alles offen daliegt, ist auch nichts zu erklären. Denn, was etwa verborgen ist, interessiert uns nicht. “Philosophie” könnte man auch das nennen, was vor allen neuen Entdeckungen & Empfindungen möglich ist.
 
     
137
     Die Arbeit des Philosophen ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck.
     (Die Anlage zur Philosophie beruht auf der Fähigkeit, von einer Tatsache der Grammatik einen starken und nachhaltigen Eindruck zu empfangen.)

     Wollte man Thesen in der Philosophie aufstellen, es könnte nie über sie zur Diskussion kommen, weil Alle mit ihnen einverstanden wären.
 
     
139
     Wer philosophiert trachtet das erlösende Wort zu finden, das ist das Wort, das uns endlich erlaubt, das zu fassen, was bis dahin, ungreifbar, unser Bewußtsein belastet hat. (Es ist, wie wenn uns ein Haar auf der Zunge liegt; man spürt es, aber kann es nicht fassen und darum nicht loswerden.)
     Eine unsrer (wichtigsten) Aufgaben ist es, alle falschen Gedankengänge so charakteristisch auszudrücken, daß der Andre sagt: “Ja, genau so hab ich es gemeint”. Die Physiognomie jedes Irrtums nachzuzeichnen. Wir können auch nicht den Andern eines Fehlers überführen, es sei denn, daß er diesen Ausdruck als den eigentlichen Ausdruck seines Gefühls anerkennt. – Nämlich nur, wenn er ihn als solchen anerkennt, ist er der richtige Ausdruck. (Psychoanalyse.) Was der Andre anerkennt, ist die Analogie, die ich ihm darbiete, als Quelle seines Gedankens.
 
     
141
     Wir befreien uns vom Zwang eines logischen Ideals, indem wir es als Bild anerkennen und seinen Ursprung angeben. – Wie bist Du zu diesem Ideal gekommen; aus welchem Material hast Du es geformt? Welche
konkrete Vorstellung war sein eigentliches Urbild? Dies müssen wir uns fragen, sonst können wir seinen irreführenden Aspekt nicht los werden.
 
     
142
     Es ist von der größten Bedeutung, daß wir uns z.B. zu einem Kalkül der Logik immer ein Beispiel denken, worauf er wirklich anzuwenden ist; und nicht Beispiele geben und sagen: dies seien nicht die idealen, für die der Kalkül wirklich gelte, diese hätten wir noch nicht. Das zeigt eine falsche Auffassung. Kann ich den Kalkül überhaupt verwenden, dann ist das || dies auch die ideale Verwendung und die Verwendung, um die es geht. – Man will nämlich nicht das reale Beispiel als die Verwendung anerkennen, da man in ihm Verhältnisse sieht, eine Mannigfaltigkeit, die der Kalkül nicht berührt, die er gleichsam übersieht. Aber es ist der wahre Gegenstand, das Material, des Kalküls und er davon hergenommen. Und dies ist kein Fehler, keine Unvollkommenheit des Kalküls. Der Fehler lag darin, seine Anwendung in nebelhafter Ferne zu versprechen.
 
     
Schritt doch machen, vom Reinen, Klaren – zum Unreinlichen. Das Reine, Klare aber ist das Spiel der Zeichen.)
 
     
144
     Nur so nämlich können wir der Ungerechtigkeit, oder Leere unserer Behauptungen entgehen, indem wir das Vorbild als das, was es ist, als Vergleichsobjekt – sozusagen als Maßstab – hinstellen; und nicht als das Vorurteil, dem die Wirklichkeit entsprechen müsse. (Die Betrachtungsweise Spenglers. Der Dogmatismus, in den man beim philosophieren so leicht verfällt).
 
     
145
     Auch sind unsere klaren, einfachen Sprachspiele nicht Vorstudien zu einer künftigen Reglementierung unserer tatsächlichen Sprache, gleichsam erste Annäherungen, ohne Berücksichtigung der Reibung und des Luftwiderstands. Diese Auffassung führt zu Ungerechtigkeiten (Nicod und Russell.) Vielmehr stehen die Sprachspiele da als Vergleichsobjekte, die durch Ähnlichkeit und Unähnlichkeit ein Licht in die Verhältnisse unsrer Sprache werfen sollen.
 
     
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146
     Wir wollen in unserm Wissen vom Gebrauch der Sprache eine Ordnung herstellen; eine Ordnung zu einem bestimmten Zweck; eine von vielen möglichen Ordnungen. (Keine Über-Ordnung.) Wir werden zu diesem Zweck immer wieder Unterscheidungen hervorheben, die unsere gewöhnlichen Sprachformen leicht übersehen lassen. Dadurch kann es den Anschein erhalten, als sähen wir es für unsre Aufgabe an, die Sprache zu reformieren.
     So eine Reform für bestimmte praktische Zwecke, die Verbesserung unserer Terminologie zur Vermeidung von Mißverständnissen im praktischen Gebrauch, ist wohl möglich. Aber das sind nicht die Fälle, mit denen wir es zu tun haben. Die Verwirrungen, die uns beschäftigen, entstehen, gleichsam, wenn die Sprache leerläuft, nicht wenn sie arbeitet.
 
     
147
     Wir wollen nicht das Regelsystem für die Verwendung unserer Worte in unerhörter Weise verfeinern oder vervollständigen.
     Denn die Klarheit, die wir anstreben, ist allerdings eine vollkommene. Aber das heißt nur, daß die philosophischen Probleme vollkommen verschwinden sollen.
 
     
148
     Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, mit dem Philosophieren aufzuhören, wann ich will. – Die die Philosophie zur Ruhe bringt, so daß sie nicht mehr von Fragen gepeitscht wird, die sie selbst in Frage stellen. – Sondern es wird nur an Beispielen eine Methode gezeigt, und die Reihe dieser Beispiele kann man abbrechen. ‒ ‒ ‒ Es werden Probleme gelöst (Schwierigkeiten beseitigt), nicht ein Problem.