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Grillparzer: Ein Treuer Diener


Philosophische
Bemerkungen
Untersuchungen.ch





                 
1
Augustinus, in den Confessionen I/8 cum ˇipsi (majores homines) appellabant rem aliqam, et cum secundum eam vocem corpus ad aliquid movebant, videbam, et tenebam hoc ab eis vocari rem illam, quod sonabant, cum eam vellent ostendere. Hoc autem eos velle ex motu corporis aperiebatur: tamquam verbis naturalibus omnium gentium, quae fiunt vultu et nutu oculorum, ceterorumque membrorum actu, et sonitu vocis indicante affectionem animi in petendis, habendis, rejiciendis,
fugiendisve
faciendisve
rebus. Ita verba in variis sententiis locis suis posita, et crebro audita, quarum rerum signa essent, paulatim colligebam, measque jam voluntates, edomito in eis signis ore, per haec enuntiabam.
                 In diesen Worten erhalten wir – so scheint es mir – ein bestimmtes Bild von dem Wesen der menschlichen Sprache. Nämlich dieses: Die Wörter der Sprache benennen Gegenstände – Sätze sind Verbindungen von solchen Benennungen.
                 In diesem Bild von der Sprache finden wir die Wurzeln der Idee: Jedes Wort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.
                 Von einem Unterschied der Wortarten spricht Augustinus nicht. Wer das Lernen der Sprache so beschreibt,
2.
denkt – so möchte ich glauben – zunächst an Hauptwörter, wie “Tisch”, “Stuhl”, “Brot” und die Namen von Personen; und an die übrigen Wortarten als an etwas, das sich finden, wird. // und die Namen von Personen, erst in zweiter Linie an die Namen gewisser Tätigkeiten und Eigenschaften, und an die übrigen Wortarten als an etwas, was sich finden wird. //
 
  
 
2
                 Denke nun an diese Verwendung der Sprache:– Ich schicke jemand einkaufen. Ich gebe ihm einen Zettel, auf diesem stehen die Zeichen: “fünf rote Aepfel”. Er trägt den Zettel zum Kaufmann; der öffnet die Lade, auf welcher das Zeichen “Aepfel” steht; dann sucht er in einer Tabelle das Wort “rot” auf und findet ihm gegenüber ein färbiges Täfelchen; nun sagt er die Reihe der Grundzahlwörter – ich nehme an, er weiss sie auswendig – bis zum Worte “fünf” und bei jedem Zahlwort nimmt er einen Apfel aus der Lade, der die Farbe des Täfelchens hat. – So, und ähnlich, operiert man mit Worten. – “Wie weiss er aber, wo und wie er das Wort ‘rot’ nachschlagen soll und was er mit dem Wort ‘fünf’ anzufangen hat?” – Nun, ich nehme an, er handelt, wie ich es beschrieben habe. Die Erklärungen haben irgendwo ein Ende. – Was ist aber die Bedeutung des Wortes “fünf”? – Von einer solchen war hier gar nicht die Rede; nur davon, wie das Wort “fünf” gebraucht wird.
 
  
 
3
                 Jener philosophische Begriff der Bedeutung ist in einer primitiven Vorstellung, von der Art und Weise wie die Sprache funktioniert, zu Hause. Jener phi-
2a.
losophische Begriff der Bedeutung ist in einer primitiven Auffassung von der Art und Weise, wie unsere Sprache funktioniert, zu Hause. //
Man kann aber auch sagen, es sei die Vorstellung einer primitiveren Sprache, als der unsern.
                 Denken wir uns eine Sprache, für die die Beschreibung, wie Augustinus sie gegeben hat, stimmt: Die Sprache soll der Verständigung eines Bauenden A mit einem Gehilfen B dienen. A führt einen Bau auf aus Bausteinen; es sind Würfel, Säulen, Platten und Balken vorhanden. B hat ihm die Bausteine zuzureichen, und zwar nach der Reihe, wie A sie braucht. Zu dem Zweck bedienen sie sich einer Sprache, bestehend aus den Wörtern: “Würfel”, “Säule”, “Platte”, “Balken”. A ruft sie aus; – B bringt den Stein, den er gelernt hat, auf diesen Ruf zu bringen.
                 Fasse dies als vollständige primitive Sprache auf.
 
  
 
4
                 Augustinus beschreibt, könnten wir sagen, ein System der Verständigung; nur ist nicht alles, was wir Sprache nennen, dieses System.
                 (Und das muss man in so vielen Fällen sagen, wo sich die Frage erhebt: “ist diese Darstellung brauchbar, oder unbrauchbar?” Die Antwort ist dann: “Ja, brauchbar; aber nur für dieses eng umschriebene Gebiet, nicht für das ganze, das Du darzustellen vorgabst.” Denke ˇz.B. an die Theorien der Nationalökonomen.)
3.

                 Es ist, als erklärte jemand: “Spielen besteht darin, das man Dinge, gewissen Regeln gemäss, auf einer F[ä|l]äche verschiebt … ” – und wir ihm antworten: Du scheinst an die Brettspiele zu denken; aber das sind nicht alle Spiele. Du kannst deine Erklärung richtigstellen, indem du sie ausdrücklich auf dieseK Spiele einschränkst.
 
  
 
5.
                 Denke' dir eine Schrift, in welcher Buchstaben zur Bezeichnung von Lauten benützt würden, aber auch zur Bezeichnung der Betonung und als Interpunktsionszeichen. (Eine Schrift kann man auffassen als ˇeine Sprache zur Beschreibung von Lautbildern.) Denke dir nun, dass Einer jene Schrift so verstünde, als entspräche einfach jedem Buchstaben ein Laut und als hätten die Buchstaben nicht auch ganz andere Funktionen. So einer – zu einfachen – Auffassung der Schrift gleicht Augustinus' Auffassung der Sprache.
 
  
 
6.
                 Wenn man das Beispiel (2) betrachtet, so ahnt man vielleich inwiefern der allgemeine Begriff der Bedeutung der Worte das Funktionieren der Sprache mit einem Dunst umgiebt, der das klare Sehen unmöglich macht. Es zersträut den Nebel, wenn wir die Erscheinungen der Sprache an primitiven Arten ihrer Verwendung studieren, in denen man den Zweck und das Funktionieren der Wörter klar übersehen kann.
                 Solche primitive Formen der Sprache verwendet das Kind, wenn es sprechen lernt. Das Lehren der Sprache ist hier kein Erklären, sondern ein Abrichten.
 
  
 
7.
                 Wir könnten uns vorstellen, dass die Sprache (3) die ganze Sprache des A und B ist; ja die ganze Sprache eines Volksstammes. Die Kinder werden dazu erzogen diese Tätigkeiten zu verrichten, diese Wörter dabei zu gebrauchen,
4.
und so auf die Worte des Anderen zu reagieren.
                 Ein wichtiger Teil der Abrichtung wird darin bestehen, dass der Lehrende auf die Gegenstände weist, die Aufmerksamkeit des Kindes auf sie lenkt, und dabei ein Wort ausspricht; z.B. das Wort “Platte” beim Vorzeigen dieser Form. (Dies will ich nicht “hinweisende Erklärung”, oder “Deffinition” nennen, weil ja das Kind noch nicht nach der Benennung fragen kann. Ich will es “hinweisendes Lehren der Wörter” nennen. ‒ ‒ Ich sage, es wird einen wichtigen Teil der Abrichtung bilden, weil es bei Menschen so der Fall ist; nicht, weil es sich nicht anders vorstellen liesse.) Dieses hinweisende Lehren der Wörter, kann man sagen, schlägt eine assoziative Verbindung zwischen dem Wort und dem Ding. Aber was heisst das? Nun, es kann verschiedenes heissen[,|;] aber man denkt wohl zunächst daran, dass dem Kind das Bild des Dings vor die Seele tritt, wenn es das Wort hört. Aber wenn das nun geschieht – ist das der Zweck des Worts? – Ja, es kann der Zweck sein. – Ich kann mir eine solche Verwendung von Wörtern (d.h. also Lautreihen) denken. (Ihr Aussprechen ist gleichsam ein Anschlagen einer [P|T]faste auf dem Vorstellungsklavier.) Aber in der Sprache (3) ist es nicht der Zweck der Wörter, Vorstellungen zu erwecken. (Es kann freilich auch gefunden werden, dass dies dem eigentlichen Zweck förderlich ist.)
                 Wenn aber ˇdas das hinweisende Lehren bewirkt, – soll ich sagen, es bewirkt das Verstehen des Worts? Versteht nicht der den Ruf “Platte!”, der so und so nach ihm handelt? – Aber dies half wohl das hinweisende Lehren herbeiführen[:|;]
aber
abder
doch nur zusammen mit einem bestimmten Unterricht. Mit einem anderen Unterricht hätte dasselbe hinweisende Lehren dieser Wörter ein ganz anderes Verständnis bewirkt. – Davon später mehr. –
5.

                 “Indem ich die Stange mit dem Hebel verbinde, setze ich die Bremse instand.” Ja, gegeben den ganzen übrigen Mechanismus. Nur mit diesem ist er der Bremshebel; und losgelöst von seiner Unterstützung ist er nicht einmal Hebel, sondern kann alles mögliche sein, oder nichts.
 
  
 
8.
                 In der Praxis des Gebrauchs der Sprache (3) ruft der eine Teil die Wörter, der andre handelt nach ihnen; Im Unterricht der Sprache aber wird sich dieser Vorgang finden: der Lernende benennt die Gegenstände; d.h., er spricht das Wort, wenn der Lehrer auf den Stein zeigt. – Ja, es wird sich hier die noch einfachere Übung finden: der Schüler spricht die Worte nach, die der Lehrer ihm vorsagt: Beides sprachähnliche Vorgänge.
                 Wir können uns auch denken, dass der ganze Vorgang des Gebrauchs der Worte (3) in (3) eines jener Spiele ist, mittels welcher Kinder unsere Sprachen erlernen. Ich will diese “Sprachspiele” nennen, und von einer primitiven Sprache manchmal als von einem Sprachspiel red[n|e]n.
                 Und man könnte die Vorgänge des Benennens der Steine und des Nachsprechens des vorgesagten Wortes auch Sprachspiele nennen. Denke an manchen Gebrauch, der von den Wörtern Worten in Reigenspielen gemacht wird.
 
  
 
9.
                 Sehen wir jetzt eine Erweiterung der Sprache (3) an: . Ausser den
vier
4
Wörtern, “Würfel”, “Säule”, etc. enthalte Ssie eine Wörterreihe, die verwendet wird, wie der Kaufmann in (2) die Zahlwörter verwendet, es kann die Reihe der Buchstaben des Alphabets sein: [F|f]erner ; ferner, zwei Wörter, sie mögen “dorthin” und “dieses” lauten, weil dies schon ungefähr ihren Zweck andeutet– . ; Ssie werden in Verbindung mit einer zeigenden Handbewegung ge-
6.
braucht. ; [U|u]nd endlich ˇ
eine Anzahl von Farbmustern
verwenden wir noch gewisse
(Täfelchen
von
in
verschiedenen Farben). A gibt nun einen Befehl von der Art: “d - Platte - dorthin” dDabei lässt er den Gehilfen ein Farbtäfelchenmuster sehen, und beim Worte “dorthin” zeigt er an eine Stelle ˇdes Bauplatzes. B nimmt von dem Vorrat der Platten je eine von der Farbe des
Musters
Täfelchens
für jeden Buchstaben des Alphabets bis zum “d” und bringt sie an den Ort den A bezeichnet. – Bei anderen Gelegenheiten gibt A den Befehl “dieses dorthin”. bBei “dieses” zeigt er auf einen Baustein – u.s.w..
 
  
 
10.
                 Wenn das Kind diese Sprache lernt, muss es die Reihe der ‘Zahlwörter’ “a, b, c, … auswendig lernen. –Und es muss ihren Gebrauch lernen: . Wird in diesem Unterricht auch ein hinweisendes Lehren der Wörter vorkommen? – Nun, es wird z.B. auf Platten gewiesen, und gezä[j|h]lt werden: “a, b, c, Platten”. – Mehr Ähnlichkeit mit dem hinweisenden Lehren im Beispiel (3) hätte das hinweisende Lehren der von Zahlwörtern,
die
sofern sie
nicht zum Zählen dienen, ˇgebraucht werden, sondern zur Bezeichnung mit dem Auge erfassbarer Gruppen von Dingen. So lenrnen ja die Kinder den Gerbrauch der ersten fünf oder sechs Grundzahlwörter.
                 Wird auch “dorthin” und “dieses” hinweisend gelehrt? – Stelle dir vor, wie man ihren Gebrauch etwa lehren könnte! Es wird dabei auf Örter und Dinge gezeigt werden, – aber hier geschieht ja dieses Zeigen auch im Gebrauch der Wörter und nicht nur beim [l|L]ernnen des Gebrauchs. –
 
  
 
11.
                 Was bezeichnen nun die Wörter dieser Sprache? – Was sie bezeichnen, wie soll sich das zeigen, es sei denn in der Art ihres Gebrauchs? Und den haben wir ja beschrieben. Der Ausdruck “dieses Wort bezeichnet das” müsste also
7.
ein Teil dieser Beschreibggung werden. Oder: die Beschreibggung soll auf die F[i|o]rm gebracht werden: “Das Wort … bezeichnet …. .”.
                 Nun, man kann ja die Beschreibung des Gebrauchs des Wortes “Platte” dahin abkürzen, dass man sagt, dieses Wort bezeichne diesen Gegenstand. Das wird man tun, wenn es sich z.B. nur mehr darum handelt, das Missverständnis zu beseitigen, das Wort “Platte” beziehe sich auf die Bausteinform,
welche
die
wir tatsächlich “Würfel” nennen
, –
:
die Art und Weise dieses ‘Bezuges’ aber, d.h. der Gebrauch dieser Worte im übrigemn, bekannt ist.
                 Und ebenso kann man sagen, die Zeichen “a, “b, “c, etc. bezeichnen Zahlen, wenn dies etwa das Missverständnis behebt, “a”, “b”, “c”, etc. spielten in der Sprache die Rolle, die in Wirklichkeit “Würfel, “Säule”, “Platte” spielen. Und man kann auch sagen, “c” bezeichne diese Zahl und nicht jene, – wenn damit etwa erklärt wird, die Buchstaben seien in der Reihenfolge “a”, “b”, “c”, “d”, etc. zu verwenden und nicht in der “a”, “b”, “d”, “c”.
                 Aber dadurch, dass man so die Beschreibungen des Gebrauchs der Wörter einander
anähnelt
assimiliert
, kann doch dieser Gebrauch nicht
gleichförmiger
gleichartiger
ähnlicherc
werden
:
.
dDenn, wie wir sehen, ist die Art und Weise ihres Gebrauchs er ganz und gar verschiedenartig ungleichartig.
 
  
 
12
                 Denk' an die Werkzeuge in einem Werkzeugkasten: Es ist da ein Hammer[,|;] eine Zange[,|;] eine Säge[,|;] ein Schraubenzieher[,|;] ein Massstab[,|;] ein Leimtopf[,|;] Leim[,|;] Nägel; und Schrauben. – So verschieden die Funktionen dieser Gegenstände, so verschieden sind die Funktionen der Wörter. (Und es gibt Ähnlichkeiten hier und dort.)
8.
 
  
 
13.
                 Freilich, was uns verwirrt ist die Gleichförmigkeit ihrer Erscheinung, wenn die Wörter uns gesprochen oder in der Schrift und im Druck entgegentreten. Denn ihre Verwendung steht nicht so deutlich vor uns. Besonders nicht, wenn wir philosophieren!
 
  
 
14
                 Wie wenn wir ein Stellwerk ansehen ˇin den Führerstand einer Lokomotive sehen:
da sind
wir sehen
Handgriffe, die alle mehr oder weniger gleich ausschauen. (Das ist begreiflich, denn sie sollen alle mit der Hand angefasst werden.) Aber einer ist der Handgriff einer Kurbel, die kontinuierlich verstellt werden kann (sie reguliert die Öffnung eines Ventils); ein andrer ist der Handgriff eines Schalters, der nur zweierlei wirksame Stell[e|u]ngen hat, er ist entweder umgelegt, oder aufgestellt; ein dritter ist der Griff eines Bremshebels, je stärker wir man zieh[en|t], desto stärker wird gebremst; & ein vierter, der ˇHandgriff einer Pumpe[,|;] er wirkt nur, solange er hin und her bewegt wird.
 
  
 
15
                 Wenn wir sagen: “jedes Wort der Sprache bezeichnet etwas”, so ist damit vorerst gar noch gar nichts gesagt; es sei denn, dass wir genau erklärten, welche Unterscheidung wir zu machen wünschen. (Es könnte ja sein, dass wir die Wörter der Sprache (
9
9
) von Wörtern ‘ohne Bedeutung’ unterscheiden wollten,
wie sie
die
in Gedichten Lewis Carolls vorkommen.)
 
  
 
16
                 Denke dir, jemand sagte: “Alle Werkzeuge dienen dazu, etwas zu modifizieren. So, der Hammer die Lage des Nagels, die Säge die Form des Bretts, etc.” – Und was modifiziert der Massstab, der Leimtopf, die Nägel? – “Unser Wissen um die Länge eines Dings, die Temperatur des Leims, und die Festigkeit der Kiste.” – Wäre mit dieser Assimilation des Aus-
9.
drucks etwas gewonnen? –
 
  
 
17.
                 Am besten direktesten ˇeinfachsten ist das Wort “bezeichnen”
vielleicht
wohl
da angewandt, wo das Zeichen auf dem Gegenstand steht, den es bezeichnet.
                 Nimm also an, ˇdaß ˇauf den auf Werkzeugen, die A beim Bauen benützt, gewisse seien stünden Zeichen ˇtragen. Zeigt A dem Gehilfen ein solches Schriftzeichen, so bringt dieser, das Werkzeug, das mit dem Zeichen
versehen
bezeichnet
ist.
                 Auf diese und mehr, oder weniger ähnliche, Weise bezeichnet ein Name ein Ding, und wird ein Name einem Ding gegeben. (Davon später mehr.) – Es wird sich oft nützlich erweisen, wenn wir uns beim Philosophieren sagen: Etwas benennen, das ist etwas Ähnliches, wie, einem Ding ein Namentäfelchen umhängen.
 
  
 
1
8
4
                 Wie ist es mit demn Farbmustern, die A und B zeigt, – gehören sie zur Sprache? Nun, wie man will. Zur Wortsprache gehören sie nicht; aber wenn ich jemandem sage: “Sprich das Wort ‘das’ aus”, so wirst du doch
das
dieses
zweite “‘das’” auch noch zum Satz rechnen. Und doch spielt es eine ganz ähnliche Rolle wie ein Farbtäfelchenmuster im Sprachspiel (9); Es ist nähmlich ein Muster dessen, was der Andere sagen soll., wie das Farbtäfelchen ein Muster dessen, war was B bringen soll.
                 Es ist das Natürlichste, und richtet am wenigsten Verwirrung an, wenn wir die Muster zu den ˇWerkzeugen der Sprache rechnen.
 
  
 
1
9
5
.
                 Wir werden sagen können: in der Sprache (9) haben wir verschiedene Wortarten. Denn die Funktion von “Platte” und von “Würfel” ist ähnlicher, als die vom “Platte” und von “d”. Wie wir aber die Worte nach Arten zusammenfassen, wird vom Zweck der Einteilung abhängen, und von unserer
10.
Neigung.
                 Denke an die verschiedenen Gesichtspunkte nach denen man Werkzeuge in Werkzeugarten einteilen
kann
könnte
. Oder Schachfiguren in Figurenarten.
Dass die Sprachen (3) und (9) nur aus Befehlen bestehen, lass dich nicht stören. Willst du sagen, sie seien darum nicht komplett, so frage dich, ob unsere Sprache komplett ist; – ob sie es war, ehe ihr der chemische Symbolismus und die Infinitesimalrechnungnotation einverleibt wurden; denn dies sind, sozusagen, Vorstädte unserer Sprache. (Und mit wieviel Häusern, oder Strassen, fängt eine Stadt an, Stadt zu sein?) Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmässigen Strassen und mit einförmigen Häusern.
                 Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen, die nur aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht. – Oder eine Sprache, die nur Fragen besteht und einem Ausdruck der Bejahung und der Verneinung. Und unzähliges Andre. – Und ˇsich eine Sprache vorstellen heisst, sich eine Lebensform vorstellen.
 
  
 
21
17
.
                 Wie ist es aber, : ist der Ruf “Platte!” im Beispiel (3) ein Satzbez, oder ein Wort? – Wenn ein Wort, so hat es doch nicht dieselbe Bedeutung, wie das gleichlautende unserer gewöhnlichen Sprache, denn in der Sprache (3) ist es ja ein Ruf; wenn aber ein Satz, so ist es doch nicht der elylip-
11.
tische Satz “Platte!” unserer Sprache. – Was die erste Frage anbelangt, so kannst du “Platte!” ein Wort, und auch einen Satz nennen: vielleicht treffend einen ‘degenerierten Satz’ (wie man von einer degenerierten Hyperbel spricht), und zwar ist es eben unser ‘elliptischer’ Satz. – Aber der ist doch nur eine verkürzte Form des Satzes “Bring mir eine Platte!” und diesen Satz gibt es doch im Beispiel (3) nicht. – Aber warum sollte ich nicht, umgekehrt, den Satz “Bring mir eine Platte!” eine Verlängerung des Satzes “Platte!” nennen? – Weil der, der “Platte!” ruft, eigentlich meint: “Bring mir eine Platte!”. – Aber wie machst du das, dies meinen, wäˇhrend du “Platte” sagst? Sprichst Du dir inwendig den unverkürzten Satz vor? Und warum soll ich, um zu sagen, was Du mit dem Ruf “Platte!” meinst, diesen Ausdruck in einen andern übersetzen? Und wenn sie das Gleiche bedeuten, – warum soll ich nicht sagen: “Wenn Du ‘Platte!’ sagst, meinst Du ‘Platte!’”? Oder: Warum sollst Du nicht “Platte!” meinen können, wenn Du “Bring mir die Platte!” meinen kannst? – Aber wenn ich “Platte!” rufe, so will ich doch, er soll mir eine Platte bringen! – Gewiss, – aber besteht ‘dies wollen’ darin, dass du in irgend einer Form einen andern Satz denkst, als den, den Du sagst? –
 
  
 
22
18
.
                 Aber wenn nun Einer sagt “Bring mir eine Platte!”, so scheint es ja jetzt, als könnte er diesen Ausdruck als ein langes Wort meinen
:
– –
entsprechend nämlich dem einen Wort ‘Platte!’. – Kann man ihn also einmal als ein Wort, einmal als vier Wörter meinen? Und wie meint man ihn gewöhnlich? – Ich glaube, wir werden geneigt sein, zu sagen:
12.
wir meinen den Satz als einen von vier Wörtern, wenn wir ihn im Gegensatz zu andern Sätzen gebrauchen, wie: “Reich mir eine Platte zu”, “Bring ihm eine Platte”, “Bring zwei Platten”, etc.; also im Gegensatz zu Sätzen, welche die Wörter unseres Befehls in andern Verbindungen enthalten. – Aber worin besteht es, einen Satz im Gegensatz zu andern Sätzen gebrauchen? Schweben einem etwa di dabei etwa diese Sätze vor? Und alle? Und während man den einen Satz sagt, oder vor –, oder nachher? – Nein! Wenn auch so eine Erklärung einige Versuchung für uns hat, so brauchen wir doch nur einen Augenblick zu bedenken, was wirklich geschieht, um zu sehen, dass wir hier auf falschem Weg sind. Wir sagen, wir gebrauchen den Befehl im Gegensatz zu andern Sätzen, weil unsere Sprache die Möglichkeit dieser andern Sätze enthält. Wer unsere Sprache nicht versteht, ein Ausländer, der öfter gehört hätte, wie jemand den Befehl gibt “Bring mir eine Platte!”, könnte der Meinung sein, diese ganze Lautreihe sei ein Wort und entspräche etwa dem Wort für “Baustein” in seiner Sprache. Wenn er selbst dann diesen Befehl zu geben hätte, würde er ihn vielleicht anders aussprechen, und wir würden sagen: Er spricht ihn so sonderbar aus, weil er ihn für ein Wort hält. – Aber geht also nicht, wenn er ihn ausspricht, eben auch etwas anderes in ihm vor
:
,
dem entsprechend, dass er den Satz als ein Wort auffasst? Es kann das Gleiche in ihm vorgehen, oder auch anderes. Was geht denn in dir vor, wenn Du so einen Befehl gibst; bist Du dir bewusst, dass er aus vier Wörtern besteht, ˇhrend Du ihn aussprichst? Freilich, Du
13.
beherrschst diese Sprache – in der es auch jene andern Sätze gibt – aber ist dieses Beherrschen etwas, was geschieht, während Du den einen Satz ausspricht? – Und ich habe ja zugegeben: der Fremde wird den Satz, den er anders auffasst, wahrscheinlich anders aussprechen; aber was wir die falsche Auffassung nennen, muss nicht in irgend etwas liegen, was das Aussprechen des Befehls begleitet. (Davon später mehr.)
 
  
 
23
19
.
                 ‘Elˇliptisch’ ist der Satz nicht, weil er etwas auslässt, was wir meinen, wenn wir ihn aussprechen, sondern weil er gekürzt ist im Vergleich mit einem bestimmten
Vorbild
Standard
unserer Gramatik. – Man könnte hier freilich den Einwand machen: “Du gibst zu, dass der verkürzte und der unverkürzte Satz den gleichen Sinn haben. – Welchen Sinn haben sie also? Gibt es denn für diesen Sinn nicht einen Wort-ausdruck Wortausdruck?” – Aber besteht der gleiche Sinn der Sätze nicht in ihrer gleichen Verwendung? – (Im Russischen heisst es “Stein rot”, statt “der Stein ist rot”; – geht ihnen die Kopula im Sinn ab
–,
?,
oder denken sie sie sie ˇsich die Kopula dazu? –)
 
  
 
2
4
0
.
                 Man kann sich auch leicht Denke dir ein Sprachspiel denken, in
welchem
dem
B dem A auf dessen Frage die Anzahl der Platten, oder Würfel in einem Stoss meldet, oder die Farben und Formen der Bausteine, die dort und dort liegen.
                 So eine Meldung könnt also lauten: “fünf Platten” “fünf Platten.”. Was ist nun der Unterschied zwischen der Meldung, oder Behauptung, “fünf Platten.” und dem Befehl “fünf Platten!”? – Nun, die Rolle, die das Aussprechen dieser Worte im Sprachspiel spielt. Aber es wird wohl auch der Ton,
in
mit
dem sie ausgesprochen werden, ein
14.
andrer sein, und ˇvielleicht die Miˇene, und noch manches andˇere. Aber wir können uns auch denken, dass der Ton der gleiche ist – denn ein Befehl und eine Meldung können in mancherlei Ton ausgesprochen werden und mit mancherlei ge Miˇene, etc. – und das der Unterschied allein in der Verwendung liegt. – (Freilich könnten wir auch die Worte “Behauptung” und “Befehl” zur Bezeichnung einer gramatischen Satzform und eines Tonfalls gebrauchen, wie man ja den Satz “Ist das Wetter heute nicht herrlich?” eine Frage nennen wird, obwohl er wie eine Behauptung verwendet wird.) Wir könnten uns eine Sprache denken, in der alle Behauptungen die Form und den Ton der rˇhetorischen Frage hätten; oder jeder Befehl die Form: “Möchtest Du das tun?”. Man wird dann vielleicht sagen: “Was er sagt, hat die Form der Frage, ist aber wirklich ein Befehl”, d.h., hat die Funktion des Befehls in der Praxis der Sprache. (Ähnlich sagt man “Du wirst das tun”, nicht als Prophezeiung, sondern als Befehl. Was macht es zu dem einen, was zu dem andern?)
 
  
 
2[1|5].
                 Frege's Ansicht, dass in einer Behauptung eine Annahme steckt, die dasjenige ist, was behauptet wird, basiert eigentlich auf der Möglichkeit, die es in unserer Sprache g gibt, jeden Behauptungssatz in der Form zu schreiben: “Es wird behauptet, dass das und das der Fall ist.” Aber “Dass das und das der Fall ist.” ist eben in unsrer Sprache kein Satz – es ist noch kein Zug
im
in unsrem
Sprachspiel. Und schreibe ich statt “Es wird behauptet, dass …”: “Es wird behauptet: das und das ist der Fall”, dann sind hier die Worte “Es wird behauptet” eben überflüssig.
                 Wir könnten sehr gut auch jede Behauptung in ˇder Form
15.
einer Frage mit nachgesetzter Bejahung schreiben; also, statt “Es regnet”: “Regnet es? Ja!”. Würde das zeigen, dass in jeder Behauptung eine Frage steckt?
 
  
 
2
6
2
.
                 Man hat freilich das Recht ein Behauˇptungszeichen zu verwenden im Gegensatz z.B. zu einem Fragezeichen. Irrig ist es nur, wenn man meint, dass die Behauptung nun aus zwei Akten besteht, dem Erwägen und dem Behaupten (Beilegen des Waˇhrheitswerts, oder drgl.), und das wir diese Akte nach den Zeichen des Satzes vollziehen, ungefähr wie wir nach Noten singen. Mit dem Singen nach Noten ist allerdings das laute, oder leise, Lesen nach dems geschriebenemn Satzˇes zu vergleichen, aber nicht das ‘Meinen’ (Denken) des gelesenen Satzes.
 
  
 
2
7
3
.
                 Der wichtige Sinn des Fregeschen Behauptungszeichens wird vielleicht am besten dadurch gefasst, dass wir sagen: es bezeichnet deutlich den Anfang des Satzes. – Das ist wichtig: denn unsere philosophischen Schwierigkeiten, das Wesen der ‘Negation’ und des ‘Denkens’ betreffend, rühren, imn gewissem Sinnˇe, daher, dass wir nicht sehen, hängen damit zusammen dass ein Satz “¬ nicht p”, oder “¬ ich glaube p”, mit dem Satz “¬ p“ wohl ˇden Satz “p“ gemeinsam hat enthält, aber nicht “¬p”. (Denn wenn ich jemand sagen höre “es regnet”, so weiss ich nicht was er gesagt hat, wenn ich nicht weiss, ob ich den Anfang des Satzes gehört habe.)
 
  
 
2
8
4
.
                 Wieviele Arten der Sätze gibt es aber? Etwa: Behauptung, Frage und Befehl? Es gibt unzählige solcher Arten: unzählige verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir “Zeichen”, “Worte”, “Sätze”, nennen. Diese Mannigfaltigkeit verändert sich stätig. Neue Typen
16.
Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes, sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele – wie wir sagen können – entstehen und andre veralten und werden vergessen. (Ein ungefähres Bild davon können uns die Wandlungen der Mathematik geben.)
                 Das Wort “Sprachspiel” soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform.
                 Führe dir die Mannigfaltigkeit der Sprachspiele an diesen Beispielen, und andern, vor Augen:
Befehlen, und nach Befehlen handeln
Beschreiben eines Gegenstands nach dem Ansehen, oder

nach Messungen–
Herstellen eines Gegenstands nach einer Beschreibung

(Zeichnung)
Berichten eines Hergangs–
Über den Hergang Vermutungen anstellen
Eine Hypothese aufstellen und prüfen –
Darstellung der Ergebnisse eines Experiments durch

Tabellen und Diagramme
Eine Geschichte erfinden, und lesen
Theaterspielen –
Reigen singen
Rätsel raten
Einen Witz machen, erzählen
Ein angewandtes Rechnungsexempel lösen
Aus einer Sprache in die andere übersetzen
Bitten, Danken, Fluchen, Grüssen, Beten.
– Es ist interessant, die Mannigfaltigkeit der Werkzeuge
17.
der Sprache und ihrer Verwendungsweisen – die Mannigfaltigkeit der Wort- und Satzarten – mit dem zu vergleichen, was Logiker über den Bau der Sprache gesagt haben. (Und auch der Verfasser der Log. Phil. Abh..)
 
  
 
2
9
5
.
                  Wenn wir nicht sehen, dass es eine Menge Unmenge von Sprachspielen gibt, dann sind wir Wer sich der Mannigfaltigkeit der Sprachspiele nicht bewusst ist, wird etwa geneigt ˇsein, zu fragen: “Was ist eine Frage?” – Ist es die Feststellung, dass ich das und das nicht weiss, oder die Feststellung, dass ich Wwünsche, der Andre möchte mir sagen …? Oder ist es die Beschreibung meines seelischen Zustandes der Ungewissheit? – Und ist der Ruf “Hilfe!” so eine Beschreibung?
                 Denke daran, wie Vverschiedenesc verschiedenartiges “Beschreibung” genannt wird: ˇdenk an die Beschreibung der Lage eines Körpers durch seine Koordinaten: ˇan die Beschreibung des Verlaufs einer Schmerzempfindung. eines Gesichtsausdruckes[.|;] ˇan die Beschreibung einer Tast[E|e]mpfindung; einer Stimmung.
                 Man kann freilich statt der gewöhnlichen Form der Frage die der Feststellung oder Beschreibung setzen: “Ich will wissen, ob …”, oder “Ich bin im Zweifel, ob …” – aber damit hat man die verschiedenen Sprachspiele einander nicht näher gebracht.
                 Die Bedeutsamkeit solcher Umformungsmöglichkeiten, z.B. aller Behauptungssätze in Sätze, die mit der Klausel “Ich denke” oder “Ich glaube” anfangen (also sozusagen in Beschreibungen meines Innenlebens) wird sich später ˇan anderer Stelle noch ˇdeutlicher zeigen. (Idealismus)
 
  
 
30
26
.
                 Man sagt manchmal: die Tiere sprechen nicht, weil ihnen die geistigen Fähigkeiten fehlen[:|.] [u|U]nd das heisst; : ‘sie denken nicht, darum sprechen sie nicht’. Aber: sie sprechen eben nicht. Oder besser: Ssie verwenden
18.
⌊⌊⌋⌋ die Sprache nicht. (Wenn wir von den primitivsten Formen ˇ
der Verständigung
an Sprache
absehen.)
ch Ich sehe von ihren primitivsten Formen ab.) Befehlen, fragen, erzählen, plauschen, gehören zu unserer Naturgeschichte so, wie gehen, essen, trinken, spielen. ((Es ist hier gleich, [o|O]b mit dem Mund, oder etwa mit den Händen gesprochen wird[.|,]) ◇◇◇ ist eigentlich nicht wesentlich
 
  
 
31
                 Damit Das hängt damit zusammen, dass mMan meint ˇmanch mal das Lernen der Sprache bestehe darin, dass man Gegenstände benennt; und zwar: Menschen, Formen, Farben, Schmerzen, Stimmungen, Zahlen, etc..– Wie gesagt – das Benennen ist etwas Ähnliches, wie, einem Ding ein Namenstäfelchen anheften. Man kann das eine Vorbereitung zum Gebrauch eines Wortes nennen. Aber worau ist es eine Vorbereitung?
 
  
 
32
                 “Wir benennen die Dinge und können nun über sie reden. Uns in der Rede auf sie beziehen.” Als ob mit dem Akt des Benennens schon das, was wir weiter tun, gegeben
wäre
sei
. Als ob es nur Eines gäbe, was heisst: “von Dingen reden”. Während wir doch das Verschiedenartigste mit unsern Sätzen tun. Denken wir allein an die Ausrufe. – Mit ihre[m|n] ganz verschiedenen Funktionen.
                      Wasser!
                      Fort!
                      Au!
                      Hilfe!
                      Schön!
                      Nicht!
Bist Du nun noch geneigt, diese Wörter “Benennungen von Gegenständen” zu nennen?
 
  
 
33
27
.
                 In den Sprachen (3) und (9) gab es ein Fragen nach der Benennung nicht. Dies und sein Korrellat, die hinweisende
19.
Erklärung, Definition, ist, wie wir sagen könnten, ein eigenes Sprachspiel. Das heisst eigentlich: wir werden erzogen, abgerichtet, dazu, zu fragen: “Wie heisst das?” – worauf dann das Benennen erfolgt. Und es gibt auch ein Sprachspiel: für etwas einen Namen erfinden. Also, zu sagen: “das heisst …” und nun den neuen Namen zu verwenden. (So benennen Kinder z.B. ihre Puppen und reden dann von ihnen. Dabei bedenke auch gleich, wie speziell der Gebrauch des Personennamens ist, mit welchem wir den Benannten rufen!)
                 Man kann nun eineˇn Personennamen, ein Farbwort, einen Stoffnamen, ein Zahlwort, den Namen einer Himmelsrichtung, etc. etc. hinweisend definieren. Die Definition der Zwei: “Das heisst ‘zwei’” – wobei man auf zwei Nüsse zeigt – ist vollkommen exakt. – Aber wie kann man denn die Zwei so definieren[;|?] [d|D]er dem man die Definition gibt, weiss ja dann nicht, was man mit “zwei” benennen will; er wird annehmen, dass Du diese Gruppe von Nüssen “zwei” nennst! – Er kann dies annehmen, – vielleicht nimmt er es aber nicht an. Er könnte ja auch, umgekehrt, wenn ich dieser Gruppe von Nüssen einen Namen beilegen will, ihn als Zahlnamen missverstehen. Und ebensogut, wenn ich einen Personennamen hinweisend erkläre, diesen als Farbnamen, ˇals Bezeichnung der Rasse, ja als Namen einer Himmelsrichtung auffassen. Das heisst, die hinweisende Definition kann in jedem Fall so und anders gedeutet werden.
 
  
 
34
28
.
                 Vielleicht sagst Du: Ddie Zwei kann nur so hinweisend definiert werden: “Diese Zahl heisst ‘zwei’”[:|.] [d|D]enn das Wort “Zahl” zeigt hier an, an welchen Platz der Sprache, der Gramˇmatik, wir das Wort setzen[:|.] [D|d]as heisst
20.
aber, es muss das Wort “Zahl” erklärt sein, ehe jene hinweisende Definition verstanden werden kann. – Das Wort “Zahl” in der Definition zeigt allerdings diesen Platz an[;|,] den Posten, an den wir das Wort stellen. Und wir können so Missverständnissen vorbeugen, indem wir sagen “Diese Farbe heisst so und so”, “Diese Länge heisst so und so”, u.s.w.. Das heisst: Missverständnisse werden werden manchmal so vermieden. Aber lässt sich denn das Wort “Farbe”, oder “Länge” nur so auffassen? – Nun, wir müssen sie eben erklären. – Also erklären durch andere Wörter! Und wie ist es mit der letzten Erklärung in dieser Kette?! (Sag' nicht, “Es gibt keine ‘letz[ee|te]’ Erklärung”[;|.] [d|D]as ist geradeso, als wolltest Du sagen: “Es gibt kein letztes Haus in dieser Strasse: man kann immer noch eines dazubauen.”)
                 Ob das Wort “Zahl” in der hinweisenden Definition der Zwei nötig ist, das hängt davon ab, ob er sie ohne dieses Wort anders auffasst, als ich es wünsche. Und das wird wohl von den Umständen abhängen, unter welchen sie gegeben wird und von dem Menschen, dem ich sie gebe.
                 Und wie er die Erklärung ‘auffasst’, zeigt sich darin, wie er von dem erklärtemn Wort Gebrauch macht.
 
  
 
35
29
.
                 Man könnte also sagen: Die hinweisende Definition erklärt den Gebrauch – die Bedeutung – des Wortes, wenn es schon klar ist, welche Rolle das Wort in der Sprache überhaupt spielen soll. Wenn ich also weiss, dass Einer mir ein Farbwort erklären will, so wird mir die hinweisende Erklärung “Das heisst ‘Sepia’ zum Verständnis des Wortes verhelfen. – Und dies kann man sagen, wenn man nicht vergisst, dass sich nun allerlei Fragen an das Wort “wiss[n|e]n”, oder
21.
“klar sein” anknüpfen!
                 Man muss schon etwas wissen, um nach der Benennung fragen zu können. Aber was muss man wissen?
                 Wenn man jemandem die Königsfigur im Schachspiel zeigt und sagt: “Das ist der Schachkönig”, so erklärt man ihm dadurch nicht den Gebrauch dieser Figur, – es sei denn, dass er die Regeln des Spiels schon kennt, bis auf diese letzte Bestimmung: die Form einer Königsfigur. Man kann sich denken, er habe die Regeln des Spiels gelernt, ohne dass ihm je eine wirkliche Spielfigur gezeigt wurde. Die Form der Spielfigur entspricht hier dem Klang, oder der Gestalt eines Wortes.
                 Man kann sich aber auch denken, Einer habe das Spiel gelernt ohne je Regeln zu lernen, oder zu formulieren. Er hat etwa zuerst durch Zusehen ganz einfache Brettspiele gelernt und ist zu immer komplizierterem vorfortgeschritten. Auch diesem könnte man die Erklärung geben: “Das ist der König”, wenn man ihm z.B. Schachfiguren von einer ihm ungewohnten Form zeigt. Auch diese Erklärung lehrt ihn den Gebrauch der Figur nur darum, weil, wie wir sagen könnten, der Platz schon vorbereitet war, an demn sie gestellt wurde. Oder auch: Wir werden nur dann sagen, sie lehre ihn den Gebrauch, wenn der Platz schon vorbereitet ist. Und er ist es hier nicht dadurch, dass der, dem wir die Erklärung geben, schon Regeln weiss, sondern dadurch, dass er in anderm Sinne schon ein Spiel beherrscht.
                 Betrachte noch diesen Fall: Ich erkläre jemandem das Schachspiel; und fange damit an, indem ich auf eine Figur zeige und sage: “Das ist der König. Er kann so und
22.
so ziehen, etc. etc.”. – In diesem Fall werden wir sagen: die Worte “Das ist der König” (oder, “Das heisst ‘König’”) sind nur dann eine Worterklärung, wenn der Lernende schon ‘weiss, was eine Spielfigur ist’[;|.] [w|W]enn er also etwa schon andere Spiele gespielt hat, oder dem Spielen andrer ‘mit Verständnis zugesehen hat’, und dergleichen. Auch nur dann wird er beim Lernen des Spiels relevant fragen können, : “Wie heisst das?” – nähmlich, diese Spielfigur.
3

                 Wir können sagen: Nach der Benennung fragt nur der sinnvoll, der schon etwas mit ihr anzufangen weiss.
                 Wir können uns ja auch denken, dass der Gefragte antwortet: “Bestimm' die Benennung selber” – und nun müsste, der gefragt hat, für alles selber aufkommen.
 
  
 
3[0|6].
                 Wer in ein fremdes Land kommt, wird manchmal die Sprache der dort Einheimischen durch hinweisende Erklärungen lernen, die sie ihm geben, und er wird die Deutung dieser Erklärungen oft raten müssen und manchmal richtig, manchmal falsch, raten.
                 Und nun können wir, glaube ich, sagen: Augustinus beschreibe das Lernen der menschlichen Sprache so, als käme das Kind in ein fremdes Land und verstehe die Sprache des Landes nicht, das heisst[,|:] habe bereits eine Sprache, nur nicht diese. Oder auch: – als könne das Kind schon denken, nur noch nicht sprechen. Und ‘denken’ hiesse hier etwas, wie, : zu sich selbster reden.
 
  
 
3[1|7].
                 Wie aber, wenn man einwendete: “Es ist nicht wahr, dass Einer schon ein Sprachspiel beherrschen muss, um eine hinweisende Definition zu verstehen, sondern er muss nur – selbstverständlich – wissen (oder erraten), worauf der Er-
23.
klärende zeigt! Ob also, z.B., auf die Form des Gegenstandes, oder auf seine Farbe, oder auf die Anzahl, etc., etc..” – Und worin besteht es denn: ‘auf die Form zeigen’, ‘auf die Farbe zeigen’, etc.? Zeige auf ein Stück Papier! – Und nun zeige auf seine Form, – nun auf seine Farbe, – nun auf seine Anzahl (das klingt seltsam)! – Nun, wie hast Du es gemacht? – Du wirst sagen, Du habest jedesmal etwas anderes beim Zeigen ‘gemeint’. Und wenn ich frage, wie ie das vor sich geht, wirst Du sagen, Du habest deine Aufmerksamkeit auf Farbe, Form, etc. konzentriert. Nun aber frage ich noch einmal, wie das vor sich geht.
                 Denke, jemand zeigt auf eine Vase und sagt: “Schau das herrliche Blau an! – auf die Form kommt es nicht an. –” Oder: “Schau die herrliche Form an! – die Farbe ist gleichgültig. –” Es ist zweifellos, Du wirst Verschiedenes tun, wenn Du diesen beiden Aufforderungen nachkommst. Aber tust Du immer das Gleiche, wenn Du deine Aufmerksamkeit auf die Farbe richtest? Stelle dir doch verschiedene Fälle vor! Ich will einige andeuten:
          “Ist dieses Blau das gleiche, wie das?
            Siehst Du einen Unterschied? –”
          Du mischst Farben und sagst: “Dieses Blau
            des Himmels ist schwer zu treffen.”
          “Es wird schön, man sieht schon
            wieder blauen Himmel!”
          “Schau, wie verschieden diese beiden
            Blau wirken!”
          “Siehst Du dort das blaue Buch?
            Bitte bring es!”
24.

          “Dieses blaue Lichtsignal bedeutet ….”
          “Wie heisst nur dieses Blau? –
            ist es ‘Indigo’ –?”
Die Aufmerksamkeit auf die Farbe richten, ˇdas heisst manchmal, sich die Umrisse der Form mit der Hand weghalten, oder den Blick nicht auf die Kontur des Dinges richten, manchmal, auf den Gegenstand starren und sich zu errinnern trachten, wo man diese Farbe schon gesehen hat.
                 Man richtet seine Aufmerksamkeit auf die Form; , manschmal, indem man sie nachzeichnet, manchmal, indem man blinzelt, um die Farbe nicht deutlich zu sehen, etc., etc.. Ich will sagen: dies und [a|Ä]hnliches geschieht, während man ‘die Aufmerksamkeit auf das und das richtet’. Aber das ist es nicht allein, was uns sagen lässt, Einer richte seine Aufmerksamkeit auf die Form, die Farbe, etc.. Wie ‘einen Schachzug machen’ nicht allein darin
besteht
liegt
, dass ein Stein so und so auf dem Brett verschoben wird
, –
–,
– aber auch nicht in den Gedanken und Gefühlen des Ziehenden, die den Zug begleiten; sondern in den Umständen, die wir nennen: “eine Schachpartie spielen”, oder, “ein Schachproblem lösen”, und dergl..
 
  
 
3[1|8].
                 Aber nimm an, Einer sagte: “Ich tue immer das Gleiche, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf die Form richte: ich folge der Kontur mit den Augen und fühle dabei …”. Und nimm an, dieser gibt einem Andern die hinweisende Erklärung: “Das heisst ‘Kreis’”, [I|i]ndem er, mit allen diesen Erlebnissen, auf einen kreisförmigen Gegenstand zeigt
– –
: –
kann der Andere die Erklärung nicht dennoch anders deuten, auch wenn er sieht, dass der Erklärende der Form mit den Augen folgt und
25.
auch wenn er fühlt, was der Erklärende fühlt? Das heisst: diese ‘Deutung’ kann auch darin bestehen, wie er nun von dem erklärten Wort Gebrauch macht, z.B., worauf er zeigt, wenn er nun den Befehl erhält “Zeige auf einen Kreis!”. – Denn wederd der Ausdruck, “die Erklärung so und so meinen”, noch der: , “die Erklärung so und so deuten”, bezeichnen einen bestimmten Vorgang, der das Geben, und Hören der Erklärung begleitet.
 
  
 
3
9
2
.
                 Es gibt vielleicht, was freilich, was man ‘charakteristische Erlebnisse’ für das Zeigen auf die Form (
etwa
z.B.
), nennen kann. Zum Beispiel, das Nachfahren der Kontur mit dem Finger, oder mit dem Blick, beim Zeigen. – Aber so wenig, wie dies in allen Fällen geschieht, in denen ich ‘die Form meine’, so wenig geschieht irgend ein anderer charakteristischer Vorgang in allen diesen Fällen. Aber auch, wenn ein solcher sich in ihnen allen wiederholte, so käme es doch auf die Umstände an – d.h., auf das, was vor und nach dem Zeigen geschieht – ob wir sagen würden: “Er hat auf die Form und nicht auf die Farbe gezeigt”.
                 Denn es werden die Worte “auf die Form zeigend”, “die Form meinen”, etc. nicht so gebraucht, wie die: “auf das Buch zeigen”, “auf den Buchstaben ‘B’, nicht auf den Buchstaben ‘u’ zeigen”, etc.. – Denn denke nur, wie anders wir den Gebrauch der Worte lernen: “auf dieses Ding zeigen”, “auf jenes Ding zeigen”, und

anderseits
“auf die Farbe, nicht auf die Form, zeigen”, “die Farbe meinen”, etc. etc.[!|.]
                 Wie gesagt, in gewissen Fällen, besonders beim Zeigen ‘auf die Form’, oder ‘auf die Anzahl’, gibt es charakteris-
26.
tische Erlebnisse und Arten des Zeigens; – ‘charakteristisch’, weil sie sich oft[,| (]nicht immer[,|)] wiederholen, wo Form, oder Anzahl, ‘gemeint’ werden: – . [a|A]ber kennst Du auch ein ein charakteristisches Erlebnis für das Zeigen auf die Spielformfigur als Spielfigur?! Und doch kann man sagen: “Ich meine: diese Spielfingur heisst ‘K[;|ö]nig’, nicht dieses bestimmte Stück Holz, worauf ich zeige”. (Wiedererkennen, wünschen, sich erinnern, ) etc.)
 
  
 
40
33
.
                 Und wir tun hier, was wir in
tausend
1000
ähnlichen Fällen tun: Weil wir nicht eine körperliche Handlung angeben k[;|ö]nnen, die wir das Zeigen auf die Form (im Gegensatz z.B. zur Farbe) nennen, so sagen wir, es entspreche diesen Worten eine geistige Tätigkeit.
                 Wo unsere Sprache uns einen Körper vermuten lässt, und kein Körper ist, dort möchten w[r|i]ir sagen, sei ein Geist
 
  
 
41
34
.
                 “Was ist die Beziehung zwischen Namen und Benannten?” – Nun was ist sie? Schau auf das Sprachspiel (3), oder ein anderes! dort ist zu schon, worin diese Beziehung etwa besteht. Diese Beziehung kann, unter vielem andern, auch darin bestehen, dass das Hören des Namens uns das Bild des Benannten vor die Seele ruft, und sie besteht unter anderem auch darin, dass der Name auf das Benannte geschrieben ist, oder dass er beim Zeigen auf das Benannte ausgesprochen wird.
27.
 
  
 
42
35
.
                 Was benennt aber z.B. das Wort “dieses” im Sprachspiel (9), oder das Wort “das” in der hinweisenden Erklärung “Das heisst …”? Nun, wenn Dd keine Verwirrung anrichten willst, so ist es am besten, Dd sagst gar nicht, dass dieses Wörter etwas benennen. – Und merkwürdigerweise wurde von dem Worte “dieses” einmal gesagt, es sei der eigentliche Name. Alles, was wir sonst “Namen” nennen, sei dies also nur in einem ungenauen, angenäherten Sinn.
                 Diese seltsame Auffassung rührt von einer Tendenz her, die Logik unserer Sprache zu sublimieren – wie man es nennen könnte. Die eigentliche Antwort darauf ist: “Name” nennen wir sehr Verschiedenes; das Wort “Name” charakterisiert viele verschiedene, miteinander auf viele verschiedene Weisen verwandte, Arten des Gebrauchs eines Worts; – aber unter diesen Arten des Gebrauchs ist nicht die des Wortes “dieses”.
                 Es ist wohl wahr, dass wir oft, z.B. in der hinweisenden Definition, auf das Benannte zeigen und dabei den Namen aussprechen. Und ebenso sprechen wir, z.B. in der hinweisenˇden Definition, das Wort “dieses” aus, indem wir auf ein Ding zeigen. Und das Wort “dieses” und ein Name stehen auch oft im gleichen Satzzusammenhang: wir sagen “Hole dieses!” und auch “Hole den Paul!” – Aber einer der charakteristischsten Züge des Namens ist es gerade, dass er durch
28.
das hinweisende “Das ist N” (oder “Das heisst ‘N’”) erklärt wird. Erklären wir aber auch: “Das heisst ‘dieses’”, oder gar, “Dieses heisst ‘dieses’”?
 
  
 
43
36
.
                 Das hängt mit der Auffassung des Benennens als eines, so zu sagen, okulten Vorgangs zusammen. Das Benennen erscheint als eine seltsame Verbindung eines Wortes mit dem Gegenstand. – Und so eine seltsame Verbindung hat wirklich statt, wenn nämlich der Philosoph, um herauszubringen, was die Beziehung zwischen Namen und Benanntem ist, auf einen Gegenstand vor sich starrt und dabei unzähligemale einen Namen wiederholt, oder auch das Wort “dieses”. Denn die philosophischen Probleme entstehen, wenn die Sprache feiert. Und da können wir uns allerdings einbilden, das Benennen sei irgendein merkwürdiger seelischer Akt, quasi eine Art Taufe eines Gegenstandes. Und wir können so auch das Wort “dieses” gleichsam zu dem Gegenstand sagen, ihn damit ansprechen; ein seltsamer Gebrauch dieses Wortes, der wohl nur beim Philoso[h|p]hieren vorkommt. –
 
  
 
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37
.
                 Aber warum kommt man auf die Idee, gerade dieses Wort zum Namen machen zu wollen, wo es so offenbar kein Name ist? – Gerade darum[;|.] [d|D]enn man ist versucht, gegen das, was gewöhnlich “Name” heisst, einen Einwand zu machen; und den kann man so ausdrücken: dass der Name eigentlich Einfaches bezeichnen soll. Und man könnte dies etwa so begründen: Ein Eigenname im
29.
gewöhnlichen Sinn ist etwa das Wort “Nothung”. Das Schwert Nothung besteht aus Teilen in einer bestimmten Zusammensetzung. Sind sie anders zusammengesetzt, so existiert Nothung nicht. Nun hat aber offenbar der Satz “Nothung hat eine scharfe Schneide” Sinn, ob Nothung noch ganz ist oder schon zerschlagen. Ist aber “Nothung” der Name eines Gegenstandes, so gibt es diesen Gegenstand nicht mehr, wenn Nothung zerschlagen ist; und da dem Namen dann kein Gegenstand entspräche, so hätte er keine Bedeutung. Dann aber stünde in dem Satz “Nothung hat eine scharfe Schneide” ein Wort, das keine Bedeutung hat und daher wäre der Satz Unsinn. Nun hat er aber Sinn, also muss den Wörtern, aus denen er besteht, immer etwas entsprechen. Also muss das Wort “Nothung” bei der Analyse des Sinnes verschwinden und statt seiner müssen Wörter eintreten, die Einfaches benennen. Diese Wörter werden wir billigerweise die eigentlichen Namen nennen.
 
  
 
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38
.
                 Lass uns zuerst über den Punkt dieses Raisonnements reden: dass das Wort keine Bedeutung hat, wenn ihm nichts entspricht. – Es ist wichtig, festzustellen, dass das Wort “Bedeutung” sprachwidrig gebraucht wird, wenn man damit das Ding bezeichnet, das dem Wort ‘entspricht’. Dies heisst, die Bedeutung eines Namens verwechseln mit dem Träger des Namens. Wenn Paul stirbt, so sagt man, es sterbe der Träger des Namens, aber niemand sagt, es sterbe die Bedeutung des Namens. Und es wäre unsinnig, so zu reden, denn hörte der Name auf
30.
Bedeutung zu haben, so hätte es eben keinen Sinn zu sagen, “Paul ist gestorben”.
 
  
 
46
39
.
                 In (1[3|7]) haben wir in die Sprache (9) Eigennamen eingeführt. Nimm nun an, das Werkzeug mit dem Namen “α” sei zerbrochen. A weiss es nicht und gibt dem B das Zeichen “α”: hat dieses Zeichen nun Bedeutung, oder hat es keine? – Was soll B tun, wenn er dieses Zeichen erhält? Wir haben darüber nichts vereinbart. Man könnte fragen: was wird er tun? Nun er wird vielleicht ratlos dastehen, oder A die Stücke zeigen. Man könnte hier sagen: “α” sei bedeutungslos geworden; und dieser Ausdruck würde besagen, dass für das Zeichen “α” in unserem Sprachspiel nun keine Verwendung mehr ist (es sei denn, wir gäben ihm eine neue). “α” könnte auch dadurch bedeutungslos werden, dass man, aus irgend einem Grund, dem Werkzeug einee andere Bezeichnung
gibt
einritzt
und das Zeichen “α” im Spiel nicht weiter verwendet. – Wir können uns aber auch eine Abmachung denken, nach der B, wenn ein Werkzeug zerbrochen ist und A das Zeichen dieses Werkzeugs gibt, als Antwort darauf den Kopf zu schütteln hat. – Damit, könnte man sagen, ist der Befehl “α”, z.B., auch wenn dieses Werkzeug nicht mehr existiert, in das Sprachspiel aufgenommen worden . Uund man kann jetzt sagen, das Zeichen “α” habe Bedeutung, auch wenn sein Träger zu existieren aufhört.
31.
 
  
 
4
7
0
.
                 Man kann für eine grosse Klasse von Fällen der Benützung des Wortes “Bedeutung” – wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung – dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.
                 Und die Bedeutung eines Namens erklärt man manchmal dadurch, dass man auf seinen Träger zeigt.
 
  
 
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8
1
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                 “Aber haben etwa auch Namen in jenem Spiel Bedeutung, die nie für ein Werkzeug verwendet worden sind?” Nehmen wir also an, “X” sei so ein Zeichen und A be dieses Zeichen dem B. – Nun, es könnten auch solche Zeichen in das Sprachspiel
aufgenommen
eingereiht
werden, und B hätte etwa auch sie mit einem Kopfschütteln zu beantworten. Man könnte sich dies als eine Art Belustigung der Beiden denken.
 
  
 
4
9
2
.
                 Wir sagten: der Satz, “Nothung hat eine scharfe Schneide”, habe Sinn, auch wenn Nothung schon zerschlagen ist. Nun, das ist so, weil in diesem Sprachspiel ein Name auch in der Abwesenheit seines Trägers gebraucht wird. Aber wir können uns ein Sprachspiel mit Namen denken (d.h. mit Zeichen, die wir gewiss auch “Namen” nennen werden) in welchem ˇdiese Namen nur in der Anwesenheit des Trägers gebraucht werden. ⌊⌊; also immer ersetzt werden können durch das hinweisende Fürwort mit der hinweisenden Gebärde.⌋⌋ Nimm etwa an, wir beobachteten eine Fläche, auf der sich Farbflecken bewegen (wie auf der Leinwand im Kino). Es sind seien drei solche Flecken, die langsam
ihre
ihre
Gestalt und Lage ver-
32.
ändernten. Ich hätte sie durch hinweisende Erklärung “P”, “Q“, und
u.s.w.
“R”
benannt. Unsere Sprache beschreibt die dient dazu ihre Veränderungen dieser drei ˇzu beschreiben mit einer Beschreibung zu begleiten[;|.] und [i|I]ch sage Dir Sätze etwa wie: “
Schau
Siehst Du
, wie sich nun P zusammenzieht und sich R nnähert?” In dieser Wort Sprache nun sollen [d|D]iese drei Namen aber sollen als Synonyme gebraucht werden für das Wort “dieses”,
verbunden
zusammen
mit dem Zeigen auf einen Farbfleck. Verschwindet Ist also ˇetwa einer der drei Flecke ˇverschwunden, so darf ˇsage ich Aber nicht: “P ist verschwunden” “Q existiert nicht mehr” – wie ich
auch
auchch
nicht sagen würde nicht sagen würde “dieses
existiert nicht mehr
ist verschwunden
. sondern wir sagen etwa: “Der Buchstabe ‘P’ scheidet aus dem Gebrauch”.
                 In dieser Sprache Hier, kann man sagen, verliert der Der Name ˇverliert seine Bedeutung, wenn der Träger aufhört zu existieren und den Wörtern “P”, “Q“ und
etc
“R”
entspricht immer etwas, solange ˇsie überhaupt Bedeutung – Verwendung im Sprachpielˇe haben[.|;] (Denn im Satz ◇◇◇ “’P’ scheidet aus“ kommt das Zeichen “‘P’” vor, aber nicht “P”; und ich nehme an, dass man über vergangene Vorgänge nicht redet, oder dafür eine andere Ausdrucksweise hat.) In diesem Sprachspiel kann also der Name ˇsie können nicht trägerlos werden; nur ist dies kein Vorzug des Sprachspiels, denn ein Name kann eben auch
ohne Träger
trägerlos
Zweck, Verwendung, d.h., Bedeutung haben. (Und so hat, z.B., der Name “Odyseuseus” Bedeutung.)
 
  
 
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42
.
                 Unser Sprachspiel kann uns aber, glaube ich, einen Grund zeigen, wwarum man das hinweisende Fürwort kann zum Namen machen wollen: Denn das hinweisende “dieses” kann auch nie trägerlos werden. Man könnte
33.
sagen: “So lange es ein Dieses gibt, so lange hat das Wort ‘dieses’ auch Bedeutung, ob dieses nun einfach oder zusammengesetzt ist. – Aber das macht
das Wort
es
eben nicht zu einem Namen. Im Gegenteil, – ; denn ein Name wird nicht mit der hinweisenden Geste verwendet, sondern nur duch sie erklärt.
 
  
 
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43
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                 Was hat es nun für eine Bewandtnis damit, dass Namen eigentlich das Einfache bezeichnen? –
                 Sokrates (im Theätetus): “Täusche ich mich nämlich nicht, so habe ich von etlichen gehört: für die Urelemente – um mich so auszudrücken – aus denen wir und alles übrige zusammengesetzt sind, gebe es keine Erklärung; denn alles was an und für sich ist, könne man nur mit Namen bezeichnen, eine andere Bestimmung sei nicht möglich, weder die, es sei, noch die, es sei nicht. … Was aber an und für sich ist, müsse man … ohne alle anderen Bestimmungen benennen. Somit xi aber sei es unmöglich, von irgendeinem Urelement erklärungsweise zu reden; denn für dieses gebe es nichts als die blosse Benennung; es habe ja nur seinen Namen. Wie aber da[r|s]aus, was aus diesen Urelementen sich zusammensetz[t|e], selbst ein verflochtenes Gebilde sei, so seien auch seine Benennungen in dieser Verflechtung zur erklärenden Rede geworden; denn deren Wesen sei die Verflechtung von Namen.”
34.

                 Diese Urelemente waren auch Russells ‘individuals’ und auch meine ‘Gegenstände’ (Log. Phil. Abh.).
 
  
 
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44
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                 Aber welches sind die einfachen Bestandteile, aus denen sich die Realität zusammensetzt? – Was sind die einfachen Bestandteile eines Sessels? – Die Stücke Holz, aus denen er zusammengefügt ist? Oder die Moleküle, oder die Elektronen? “Einfach heisst: nicht zusammengesetzt. Und da kommt es darauf an: in welchem Sinne ‘zusammengesetzt’? Es hat gar keinen Sinn von den [8|]einfachen Bestandteilen des Sessels, schlechtweg, zu reden. // Oder: Besteht mein Gesichtsbild dieses Baumes, dieses Sessels, aus Teilen? und welches sind seine einfachen Bestandteile? Mehrfarbigkeit ist eine Art der Zusammengesetztheit; eine andere ist, z.B., die dieser gebrochenen Kontur aus geraden Stücken. Und dieses Kurvenstück kann man zusammengesetzt nennen aus einem aufsteigenden und einem absteigenden Ast.
                 Wenn ich jemandem ohne weitere Erklärung sage, “Was ich jetzt vor ˇmir sehe, ist zusammengesetzt”, so wird er mit Recht fragen: “Was meinst Du mit ‘zusammengesetzt’? Das kann ja alles Mögliche heissen!” Die Frage, “Ist, was Du siehst, zusammengesetzt?”, hat wohl Sinn, wenn bereits feststeht, um welche Art der Zusammengesetztheit – d.h., um welchen besonderen Gebrauch dieses Wortes – es sich handeln soll. Wäre also z.B. festgelegt worden, das Gesichtsbild eines Baumes solle “zusammengesetzt” heissen, wenn man nicht nur einen Stamm, sondern auch Aeste sieht, so hätte nun die Frage, “Ist das Gesichtsbild dieses Baumes einfach
35.
oder zusammengesetzt”, und die Frage, “Welches sind seine einfachen Bestandteile”, einen klaren Sinn – eine klare Verwendung. Und auf die zweite Frage ist die Antwort natürlich nicht “Die Aeste” (dies wäre eine Antwort auf die grammatische Frage: “Was nennt man hier die ‘einfachen Bestandteile’?”) sondern etwa eine Beschreibung der einzeln Aeste.
  
 
53
45
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                 Aber ist z.B. nicht ein Schachbrett offenbar, und schlechtweg, zusammengesetzt? – Du denkst wohl an die Zusammensetzung aus 32 weissen und 32 schwarzen Quadraten; – aber könntest Ddu z.B. nicht auch sagen, es sei aus den Farben Weiss, Schwarz und dem Schema des Quadratnetzes zusammengesetzt? Und wenn es hier ganz verschiedene Betrachtungsweisen gibt, willst Ddu dann noch sagen, das Schachbrett sei ‘zusammengesetzt’ schlechtweg? – Der Fehler,c [w|W]wenn man, ausserhalb eines bestimmten Spiels, ˇzu frag[t|en] “Ist dieser Gegenstand zusammengesetzt?”, ist ˇetwa ähnlich dem, welchench was einmal
◇◇◇
ein kleiner Junge
gemachte hat, der angeben sollte, ob das Zeitwort in den und den gewissen Satzbeispielen ˇdas Zeitwort in der aktiven, oder in der passiven Form gebraucht sei, und der nachdachte sich nun ˇdarüber den Kopf zerbrach, ob z.B. das Zeitwort “schlafen” etwas Aktives, oder etwas Passives bedeute.
                 Das Wort “zusammengesetzt” (und also das Wort “einfach”) wird von uns in einer Unzahl verschiedener, in verschiedenen Weisen miteinander verwandten, Arten benützt. (Ist die Farbe dieses Schachfeldes einfach, oder besteht sie aus reinem Weiss und reinem Gelb? Und ist das Weiss einfach, oder besteht es aus den Farben des Regenbogens? – Ist diese Strecke von 2 cm einfach, oder
36.
besteht sie aus zwei Teilstrecken von je 1 cm? Aber warum nicht aus einem Stück von 3 cm Länge und einem in negativem Sinn angesetzten Stück von 1 cm?!
 
  
 
46
                 Auf die philosophische Frage: “Ist das Gesichtsbild dieses Baumes zusammengesetzt, und welches sind seine Bestandteile?” ist die richtige Antwort: “Das kommt drauf an, was Du unter ‘zusammengesetzt’ verstehst.” (Und das ist natürlich keine Beantwortung, sondern eine Zurückweisung, der Frage.)
 
  
 
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47
.
                 Lass uns die Methode des Kapitels (3) auf die Darstellung im Theätetus anwenden: Betrachten wir ein Sprachspiel, für das diese Darstellung wirklich gilt. Die Sprache diene dazu Kombinationen farbiger Flecken auf einer Fläche darzustellen. Die Flecke sidn Quadrate und bilden einen schachbrettförmigen Komplex. Es gibt rote, grüne, weisse und schwarze Quadrate. Die Wörter der Sprache seien (entsprechend): “r”, “g“, “
w
s
”, “
s
w
” und ein Satz ist eine Reihe dieser Wörter. Sie beschreiben eine Zusammenstellung von Farbquadraten in der Reihenfolge
            
12
34
oder
123
456
789
etc. Der Satz “r r s [h|g] g g r w w” beschreibt also z.B. eine Zusammensetzung dieser Art:
rrs
ggg
rww

Hier ist der Satz ein Komplex von Namen, dem ein
37.
Komplex von Elementen entspricht. Die Urelemente sind die färbigen Quadrate; “aber sind diese einfach?” – Ich wüsste nicht, was ich in diesem Sprachspiel natürlicher das “[e|E]infache” nennen sollte. Unter anderen Umständen aber würde ich ein einfärbiges Quadrat “zusammengesetzt” nennen, etwa aus zwei Rechtecken, oder aus den Elementen Farbe und Form. Aber der Begriff der Zusammensetzung könnte auch so gedehnt werden, dass die kleinere Fläche,’ zusammengesetzt! genannt wird aus einer grösseren und einer von ihr subtrahierten. Vergleiche ‘Zusammensetzung’ der Kräfte, ‘Teilung’ einer Strecke durch einen Punkt ausserhalb; diese Ausdrücke zeigen, dass wir unter Umständen auch geneigt sind, das Kleinere als Resultat der ‘Zusammensetzung’ von Grösserem aufzufassen, und das Grössere als ein Resultat der Teilung des Kleineren.
                 Aber ich weiss nicht, ob ich nun sagen soll, die Figur, die unser Satz beschreibt, bestehe aus vier Elementen, oder aus neun! Nun, besteht jener Satz aus vier Buchstaben oder aus neun? – Und welches sind seine Elemente: die Buchstabentypen, oder die Buchstaben? Ist es nicht ganz gleichgültig, welches wir sagen, wenn wir nur im besonderen Fall Missverständnisse vermeiden!
 
  
 
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48
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                 Was heisst es aber, dass wir diese Elemente nicht erklären (d.h. beschreiben) sondern nur benennen können? Das könnte etwa sagen, dass die Beschreibung eines Komplexes, wenn er, in einem Grenzfall, nur aus einem Quadrat besteht, einfach der
38.
Name des Farbquadrates ist.
                 Man könnte hier sagen – obwohl dies leicht zu allerlei philosophischem Aberglauben führt – ein Zeichen “r”, oder “s”, etc., könne einmal Wort, und einmal Satz sein. Ob es aber ‘Wort oder Satz ist’, hängt von der Situation ab, in der es ausgesprochen, oder geschrieben wird. Hat Soll z.B. A dem B Komplexe von Farbquadraten zu beschreiben und gebraucht er hier das Wort “r” allein, so werden wir sagen können, das Wort sei hier eine Beschreibung – ein Satz. Memoriert er aber, etwa, die Wörter und ihre Bedeutungen, oder lehrt er einemn [a|A]nderen den Gebrauch der Wörter und spricht sie beim hinweisenden Lehren aus, so werden wir nicht sagen, sie seien hier Sätze. In dieser Situation ist das Wort “r”, z.B. keine Beschreibung, man benennt damit ein Element
– –
; –
aber darum wäre es hier seltsam zu sagen, das Element könne man nur benennen! Benennen und Beschreiben stehen ja nicht auf einer Ebene: Das Benennen ist eine Vorbereitung zur Beschreibung. Das Benennen ist noch gar kein Zug im Sprachspiel, – so wenig, wie das Aufstellen einer Schachfigur ein Zug im Schachspiel. Man kann sagen: Mit dem Benennen eines Dings ist noch nichts getan. Es hat auch keinen Namen, ausser im Spiel. Das war es auch, was Frege damit meinte: ein Wort habe nur im Satzzusammenhang Bedeutung.
 
  
 
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                 Was heisst es nun; von den Elementen zu sagen, dass wir ihnen weder Sein noch Nichtsein beilegen können? – Man könnte so sagen: Wenn alles, was wir “Sein” und “Nichtsein” nennen, im Bestehen und Nichtbestehen von
39.
Verbindungen zwischen den Elementen es keinen Sinn vom Sein zu sprechen; so wie, wenn alles, nennen, in der Trennung von Sinn hat, vom Zerstören eines
                 Aber man möchte sagen: nicht Sein beilegen, denn könnte man es auch nicht garnichts und von ihm aussagen. – einen analogen Fall[,|!] der die Sache klarer machen wird: Man kann von einem sei 1 m lang, noch 1 m lang, und das ist das haben wir aber diesem natürlich merkwürdige Eigenschaft zugeschrieben, seine eigenartige Rolle im Spiel des Metermass gekennzeichnet. – Denken wir uns, auf ähnliche Weise wie das Urmeter, auch die Muster von Farben in Paris aufbewahrt. So erklären wir: “Sepia” heisse die Farbe des dort unter Luftabschluss aufbewahrtemn Ur-Sepia. Dann wird es keinen Sinn haben, von diesem Muster auszusagen, es habe diese Farbe, noch, zu sagen, es habe sie nicht.
                 Wir können das so ausdrücken: Dieses Muster ist ein Teil der Sprache, mit der wir Farbaussagen machen. Es ist in diesem Spiel nicht Dargestelltes, sondern Mittel der Darstellung. – Und eben das gilt von einem Element im Sprachspiel (
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), wenn wir, es benennend, das Wort “R” aussprechen: wir haben damit diesem Ding eine Rolle in unserm Sprach-
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spiel gegeben, es ist nun Mittel der Darstellung. Und, zu sagen, wäre es nicht, so könnte es keinen Namen haben, ”, sagt nun so viel, und so wenig, wie: gebe es dieses Ding nicht, so könnten wir es in unserem Spiel nicht verwenden. – Was es, scheinbar, geben muss, gehört zur Sprache. Es spielt in unserem Spiel die Rolle des Paradigmas; dessen, womit verglichen wird. Und dies feststellen, kann heissen, eine wichtige Feststellung machen! Aber es ist dennoch eine Feststellung unser Sprachspiel – unsere Darstellungweise – betreffend.
 
  
 
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                 In der Beschreibung des Sprachspiels (
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) sagte ich, den Farben der Quadrate entsprächen die Wörter “r”, “
s
b
“, etc.. Worin aber besteht diese Entsprechung; inwiefern kann man sagen, diesen Zeichen entsprächen gewisse Farben der Quadrate? Die Erklärung in (
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47
) stellte ja nur einen Zusammenhang zwischen diesen Zeichen und gewissen Wörtern unserer Sprache her (den Farbnamen). – Nun, es war vorausgesetzt, dass der Gebrauch der Zeichen im Spiel anders, und zwar durch Hinweisen auf Paradigmen, gelehrt würde. Wohl, – aber was heisst es nun, zu sagen, in der Praxis der Sprache entsprächen den Zeichen gewisse Elemente? – Liegt es darin, dass der, welcher die Komplexe von Farbquadraten beschreibt,
hierbei
dabei
immer “r” sagt, wo ein rotes Quadrat steht; “s”, wo ein schwarzes steht, etc.? Aber wie, wenn er sich bei der Beschreibung irrt, und, fälschlich, “r” sagt, wo ein schwarzes Quadrat steht; was ist hier das Kriterium dafür, dass dies ein Fehler war? – Oder besteht, dass “r” ein rotes Quadrat bezeich-
41.
net, darin, dass den Menschen, die die Sprache gebrauchen, immer ein rotes Quadrat im Geist vorschwebt, wenn sie das Zeichen “r” gebrauchen?
⌊⌊?⌋⌋ Um Umklarer zu sehen, müssen wir hier, wie in unzähligen ähnlichen Fällen, die [e|E]inzelheiten der Vorgänge ins Auge fassen, was vorgeht aus der Nähe betrachten.
                 Wenn ich dazu n[i|e]ige, anzunehmen, dass eine Maus durch Urzeugung aus grauen Fetzen und Staub entsteht, so wird es gut sein, diese Fetzen genau daraufhin zu untersuchen, wie eine Maus sich in ihnen verstecken konnte, wie sie dort hinkommen konnte, etc.. Bin ich aber überzeugt, dass eine Maus aus diesen Dingen nicht entstehen kann, dann wird diese Untersuchung vielleicht überflüssig sein.
                 Was es aber ist, das sich in der Philosophie einer solchen Betrachtung der Einzelheiten entgegensetzt, müssen wir noch verstehen lernen. –
 
  
 
5[1|8].
                 Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten für unser Sprachspiel (
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), verschiedene Fälle, in denen wir s[g|a]gen würden, ein Zeichen, benenne in dem Spiel ein Quadrat von der und der Farbe. Wir würden dies z.B. sagen, wenn wir wüssten, dass den Menschen, die diese Sprache gebrauchen, auf der Gebrauch der Zeichen auf die und die Art beigebracht werde. Oder, wenn es schriftlich, etwa in Form einer Tabelle, niedergelegt wäre, dass diesem Zeichen dieses Element entspricht, und wenn diese Tabelle beim Lehren der Sprache benützt, und in gewissen Streitfällen zur Entscheidung herangezogen würde. –
42.
Wir können uns aber auch denken, dass eine solche Tabelle ein Werkzeug im Gebrauch der Sprache ist. Die Beschreibung eines Komplexes geht dann so vor sich: [d|D]er den Komplex beschreibt, führt eine Tabelle mit sich und sucht in ihr jedes Element des Komplexes auf und geht von ihm in der Tabelle zum Zeichen über (und es kann auch der, dem die Beschreibung gegeben wird, die Worte derselben durch eine Tabelle in die Anschauung von färbigen Quadraten übersetzen.). Man könnte sagen, diese Tabelle übernehme hier die Rolle, die in anderen Fällen Gedächtnis und Assoziation spielen. (Wir werden den Befehl, “Bring mir eine rote Blume!”, für gewöhnlich nicht so ausführen, dass wir die Farbe Rot in einer Farbentabelle nachschlagen und dann eine Blume bringen von der Farbe, die wir in der Tabelle finden; aber wenn es sich darum handelt, einen bestimmten Ton von Rot zu wählen, oder zu mischen, dann geschieht es, dass wir uns eines Musters, oder einer Tabelle bedienen.)
                 Nennen wir eine solche Tabelle den Ausdruck einer Regel des Sprachspiels, so kann man sagen, dass dem, was wir Regel eines Sprachspiels nennen, sehr verschiedene Rollen im Spiel zukommen können.
 
  
 
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2
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                 Denken wir doch daran, in was für Fällen wir sagen, ein Spiel werde nach einer bestimmten Regel gespielt!
                 Die Regel kann ein Behelf eine des Unterrichts im Spiel sein. Sie wird dem Lernenden mitgeteilt und ihre Anwendung eingeübt. – Oder sie ist ein Werkzeug des Spieles selbst. – Oder: Eine Regel findet weder
43.
im Unterricht noch im Spiel selbst Verwendung; noch ist sie in einem Regelverzeichnis niedergelegt. Man lernt das Spiel, indem man zusieht, wie Andere es spielen. Aber wir sagen, es werde nach den und den Regeln gespielt, weil ein Beobachter
diese Regel
sie
aus der Praxis des Spiels ablesen kann, wie ein Naturgesetz, dem die Spielhandlungen folgen. – Wie aber unterscheidet der Beobachter in diesem Fall zwischen einem Fehler der Spielenden und einer richtigen Spielhandlung? – Es gibt dafür Merkmale im Benehmen der Spieler. Denke daran wie man sich korrigiert, wenn man sich versprochen hat Denke an das charakteristische Benehmen dessen, der ein Versprechen korrigiert. Es wäre möglich zu erkennen, dass Einer dies tut, auch wenn wir seine Sprache nicht verstehen.
 
  
 
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                 “Was die Namen der Sprache bezeichnen, muss unzerstörbar sein, Denn man muss den Zustand beschreiben können, in dem alles, was zerstörbar ist, zerstört ist. Und in dieser Beschreibung wird es Wörter geben; und was ihnen entspricht, darf dann nicht zerstört sein, denn sonst hätten die Wörter keine Bedeutung.” Ich darf mir nicht den Ast absägen, auf welchem ich sitze.
                 Man könnte nun freilich gleich einwenden, dass ja die Beschreibung selbst sich von der Zerstörung ausnehmen müsse. – Aber das, was den Wörtern der Beschreibung entspricht und also nicht zerstört sein darf, wenn sie wahr ist, ist, was den Wörtern ihre Bedeutung gibt, – ohne
welches
dem
sie keine Bedeutung hätten. – Aber dieser Mensch ist ja doch in einem Sinne das, was
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seinem Namen entspricht. Er aber ist zerstörbar; und sein Name verliert seine Bedeutung nicht, wenn der Träger zerstört wird. – Das, was dem Namen entspricht, und ohne dem er keine Bedeutung hätte, ist – z.B. – ein Paradigma, das im Sprachspiel in Verbindung mit dem Namen gebraucht wird.
 
  
 
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                 Aber wie, wenn kein solches Muster zur Sprache gehört, wenn wir uns, z.B., die Farbe, die ein Wort bezeichnet, merken? ‒ ‒ “Und wenn wir sie uns merken, so tritt sie also vor unser geistiges Auge, wenn wir etwa das Wort aussprechen. Sie muss also an sich unzerstörbar sein, wenn die Möglichkeit bestehen soll, dass wir uns jederzeit an sie erinnern.” – –
Aber was sehen wir denn als das Kriterium dafür an, dass wir uns richtig an sie erinnern? – Wenn wir mit einem Muster statt mit unserm Gedächtnis arbeiten, so sagen wir unter Umständen, das Muster habe seine Farbe verändert und beurteilen dies mit dem Gedächtnis. Aber können wir nicht unter Umständen auch von einem Nachdunkeln (z.B.) unseres Erinnerungsbildes reden? Sind wir dem Gedächtnis nicht ebenso ausgeliefert wie einem Muster? (Denn es könnte Einer sagen wollen: “Wenn wir kein Gedächtnis hätten, wären wir einem Muster ausgeliefert.”) [o|O]der etwa einer chemischen Reaktion: Denke, [d|D]u solltest eine bestimmte Farbe malen, ihr Name ist “F”, und es ist die Farbe, welche man sieht, wenn der ˇsich die Stoffe S sich mit dem Stoff und T unter den und den Umständen sind mit einander verbindetn. – Nimm an, die Farbe käme [D|d]ir an einem Tag heller vor als an einem andern, würdest [D|d]u
45.
da nicht unter Umständen sagen: “Ich muss mich irren, die Farbe ist gewiss die gleiche wie gestern”? Das zeigt, dass wir uns dessen, was das Gedächtnis sagt, nicht immer als des obersten, inappellablllen, Schiedsspruchs bedienen.
 
  
 
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                 “Etwas Rotes kann zerstört werden, aber Rot kann nicht zerstört werden, und darum ist die Bedeutung des Wortes ‘rot’ von der E[c|x]istenz eines roten Dinges unabhängig.” Gewiss, es hat keinen Sinn zu sagen, die Farbe Rot (Ccolor, nicht pigmentum) werde zerrissen, oder zerstampft. Aber sagen wir nicht, “die Röte verschwindet”? [u|U]nd klammre [D|d]ich nicht daran, dass wir sie uns vors geistige Auge rufen können, auch wenn es nichts Rotes mehr gibt! Dies ist nichts anders, als wolltest [D|d]u sagen, dass es dann immer noch eine chemische Reaktion gäbe, die die eine rote Flamme erzeugt. – Denn wie, wenn [D|d]u [D|d]ich nicht mehr an die Farbe erinnern kannst? – Wenn wir vergessen, welche Farbe es ist, die diesen Namen hat, so verliert er seine Bedeutung für uns; d.h., wir können ein bestimmtes Sprachspiel nicht mehr mit ihm spielen. Und die Situation ist dann der zu vergleichen, dass das Paradigma, welches ein Mittel unserer Sprache war, verloren gegangen ist.
 
  
 
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                 “Ich will ‘Name’ nur das nennen, was nicht in der Verbindung ‘X existiert’ stehen kann. – Und so kann man nicht sagen, ‘Rot existiert’, weil, wenn es Rot nicht gäbe, von ihm überhaupt nicht geredet werden könnte.” Richtiger: Wenn “X existiert” so viel besagen soll, wie: “X” habe Bedeutung
, –
:
dann ist es kein
46.
Satz, der von X handelt, sondern ein Satz über unsern Sprachgebrauch, nämlich den Gebrauch des Wortes “X”.
                 Es erscheint uns, als sagten wir damit etwas über die Natur von Rot: dass die Worte “Rot existiert” keinen Sinn ergeben. Es existiere eben ‘an und für sich’. Die gleiche Idee, – das dies eine meta-physische Aussage über Rot ist, – drückt sich auch darin aus, dass wir etwa sagen, Rot sei zeitlos, und vielleicht noch stärker im Wort “unerzerstörbar“.”.
                 Aber eigentlich wollen wir eben nur “Rot existiert” auffassen, als Aussage: Ddas Wort “Rot” hat Bedeutung. Oder vielleicht richteriger: “Rot existiert nicht”, als “‘Rot’ hat keine Bedeutung”. Nur|wollen wir nicht sagen, dass jener Ausdruck der das sagt das das sagt, sondern dass er das sagen müsste, wenn er einen Sinn hätte. Das er sich aber beim Versuch, das zu sagen, selbst widerspricht – da eben Rot ‘an und für sich’ sei. Während ein Widerspruch nur etwa darin liegt, dass der Satz aussieht, als rede er von derFarbe Farbe, während er etwas über den Gebrauch des Wortes “rot” sagen soll. – In Wirklichkeit aber sagen wir sehr wohl, eine bestimmte Farbe existiere; und das heisst, so viel wie: es existierete etwas, was diese Farbe hat. Und der erste Ausdruck ist nicht weniger exakt als der zweite; besonders dort nicht, wo ‘das, wie die Farbe hat’ kein physikalischer Gegenstand ist.
 
  
 
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                 “Namen bezeichnen nur das, was Element der Wirklichkeit ist. Was sich nicht zerstören lässt, was in allem Wandel gleichbleibt.” was Aber was ist das? – Während wir den Satz sagten, schwebte es uns ja schon vor! Wir sprachen schon eine ganz bestimmte Vorstellung aus. Ein bestimmtes Bild, das wir verwenden wollen. Denn die Erfahrung zeigt uns ja diese Elemente ja nicht. Wir sehen Bestandteile von etwas Zusammengesetzten (eines Sessels z.B.). WirsaWir sagen, die Lehne ist ein
47.
Teil des Sessels, aber selbst wieder zusammengesetzt aus verschiedenen Hölzern; während ein Fuss ein einfacher Bestandteil ist. Wir sehen auch ein Ganze, was sich ändert (zerstört wird) während seine Bestandteile unverändert bleiben. Dies sind die Materialien, aus denen wir jenes Bild der Wirklichkeit anfertigen.
 
  
 
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                 Wenn ich nun sage: “Mein Besen steht in der Ecke”, ist dies eigentlich eine Aussage über den Besenstiel und die Bürste? Jedenfalls könnte man doch die Aussage ersetzen durch eine, die die Lage des Stiels und die Lage der Bürste angibt. Und diese Aussage ist doch nun eine weiter|analysierte Form der ersten. – Warum aber nenne ich sie “weiter analysiert”? – Nun, wenn der Besen sich dort befindet, so heisst das doch, es müssen Stiel und Bürste dort sein und in bestimmter Lage zu einander; und dies war früher gleichsam im Sinn des Satzes verborgen und im analysierten Satz ist es ausgesprochen. Also meint der, der sagt, der Besen stehe in der Ecke, eigentlich, der Stiel sei dort und die Bürste, und der Stiel stecke in der Bürste? Wenn wir jemand fragten, ob er das meint, würde er wohl sagen, dass er gar nicht an den Besenstiel besonders, oder an die Bürste besonders, gedacht habe. Und das wäre die richtige Antwort, denn er wollte weder vom Besenstiel, noch von der Bürste, besonders, reden. Denke, Ddu sagtest jemandem, statt “Bring mir den Besen”: “Bring mir den Besenst[e|i]el und die Bürste, die an ihm steckt!” Ist die Antwort darauf nicht, : “Willst Du den Besen haben? Und warum drückst Du das so
sonderbar
unsinnig
aus?” – Wird er den weiter analysierten Satz also besser verstehen? – Dieser Satz – könnte sagen – leistet dasselbe, wie der gewöhnliche, aber auf einem umständlichereren Wege. – Denk Dir ein Sprachspiel, in den jemandem Befehle gegeben werden, gewisse aus mehreren Teilen zusammengesetzte Dinge zu bringen, zu bewegen, oder dergleichen. Und zwei Arten es zu spielen: in der einen a) haben die zusammengesetzten Dinge (Besen, Stühle,
48.
Tische, etc..) Namen, wie in (1[3|7]); in der anderen b) erhalten nur die Teile Namen und das Ganze wird mit ihrer Hilfe beschrieben. – Inwiefern ist denn ein Befehl des zweiten ˇSpiels eine analysierte Form eines Befehls des ersten? Steckt denn jener in diesem und wird nun durch Analyse herausgeholt? – Ja, der Besen wird zerlegt, wenn man Stiel und Bürste trennt; aber besteht darum auch der Befehl, den Besen zu bringen aus entsprechenden Teilen?
 
  
 
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.
                 “Aber Ddu wirst doch nicht leugnen, dass ein bestimmter Befehl in (a) das Gleiche sagt, wie einer in (b);:Uund wie willst Ddu denn den zweiten nennen, wenn nicht eine analysierte Form des ersten?” – Freilich, ich würde auch sagen, ein Befehl in (a) habe den gleichen Sinn, wie einer in (b); oder, wie ich es früher ausgedrückt habe: sie leisten dasselbe. Und das heisst: Wenn mir etwa ein Befehl in (a) gezeigt und die Frage gestellt würde, “Welchen Befehl in (b) ist dieser gleichsinnig?”, oder auch, “Welchen Befehlen in (b) widerspricht er?”, so werde ich die Frage so und so beantworten. Aber damit ist nicht gesagt, dass wir uns über die Verwendung des Ausdrucks “den gleichen Sinn haben”, oder “dasselbe leisten” im Allgemeinen verständigt haben. Man kann nämlich fragen: Iin welchen Fall sagen wir: “das sind nur zwei verschiedene Formen desselben Spiels”?
 
  
 
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7
0
.
                 Denke etwa, der, dem die Befehle (a) und (b) gegeben werden, habe in einer Tabelle,
welche
die
Namen Bildern zuordnet, nachzusehen, ehe er das Verlangte bringt: . Tut er nun dasselbe, wenn er einen Befehl ˇin (a) und den entsprechenden in (b) ausführt? – Ja und nein. Du kannst sagen: “Der Witz der beiden Befehle ist der gleiche”. Ich würde hier dasselbe sagen. Aber es ist nicht überall klar, was man den ‘Witz’ des Befehls nennen soll. ! (Ebenso kann man von gewissen Dingen sagen: ihr Zweck ist das der und das der. Das Wesentliche ist, dass das eine Lampe ist, zur Beleuch-
49.
tung dient
, –
; –
dass sie das Zimmer schmückt, einen leeren Raum füllt, etc. etc., ist nicht wesentlich. Aber nicht immer sind wesentlich und unwesentlich klar getrennt.)
 
  
 
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1
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                 Der Ausdruck aber, ein Satz ˇin (b) seiin eine ‘analysierte’ Form eines ˇin (a) verführt uns leicht dazu, zu meinen, jene Form sei die fundamentalere; sie zeige erst, was mit der andern, gemeint|sei, etc.. Wir denken etwa: Wär nur Wer nur die unanalysierte Form besitzt, dem geht die Analyse ab; wer|aber die analysierte Form kennt, der besitze damit alles. – Aber kann ich nicht sagen, dass diesem ein Aspekt der Sache verloren geht, so wie jenem?
                 Denken wir uns das Spiel (
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47
) dahin abgeändert, dass in ihm Namen nicht einfärbige Quadrate bezeichnen, sondern Rechtecke, die aus je zwei solchen Quadraten bestehen. Ein solches Rechteck der Form halb|rot, halb grün heisse “u”; eines halb grün, halb weiss , “v”; und eines halb weiss, halb schwarz “w“. Könnten wir uns nicht Menschen denken, die für solche Farbenkombinationen Namen hätten, aber nicht für die einzelnen Farben? Denk an die Fälle, wenn wir sagen: “diese Farbenzusammenstellung (z.B. die ˇfranzösische Tricolore ˇetwa) hat einen ganz besonderen Charakter.
                 Inwiefern sind die Zeichen dieses Sprachspiels einer Analyse bedürftig? Ja, inwieweit kann das Spiel durch (
54
47
) ersetzt werden? – Es ist eben ein anderes Sprachspiel; wenn auch mit (
54
47
) verwandt.
 
  
 
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2
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                 Hier stossen wir auf die grosse Frage, die hinter allen diesen Betrachtungen steht: ˇ. – – Denn man könnte mir nun einwenden: “Duch machst Ddir's leicht! Du redest von allen möglichen Sprachspielen, hast aber nirgends gesagt, was denn das Wesentliche des Sprachspiels, und der d.h. der Sprache, ist.
50.
Was allen diesen Vorgängen gemeinsam ist und sie zur Sprache, oder zu Teilen der Sprache macht. Du schenkst Ddir also gerade den Teil der|Untersuchung, der Ddir selbst seinerzeit das meiste Kopfzerbrechen gemacht hat, nämlich den, die allgemeine Form des Satzes und der Sprache betreffend.”
                 Und das ist wahr. – Statt etwas anzugeben, was allem, was wir Sprache nennen, gemeinsam ist, sage ich, es ist diesen Erscˇheinungen gar nicht Eines gemeinsam, weswegen wir für alle das gleiche Wort verwenden, – sondern sie sind miteinander in vielen verschiedenen Weisen verwandt. Und dieser Verwandtschaft, oder diesenr Verwandtschaften, , wegen nennen wir sie alle “Sprachen”. Ich will versuchen, dies zu erklären.
 
  
 
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                 Betrachtet z.B. einmal die Vorgänge, die wir “Spiele” nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele, u.s.w.. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag' nicht, : “es muss ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hiessen sie nicht ‘Spiele’”; sondern schau ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn Ddu sie anschaust, wirst Ddu zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber Ddu wirst Aehnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: Ddenk nicht, sondern schau! – Schau z.B. die Brettspiele an, mit ihren mannigfachen Verwandtschaften. Nun geh zu den Kartenspielen über; hier findet Ddu viele Entsprechungen zu jener ersten Klasse, aber viele gemeinsame Züge verschwinden, andere treten auf. Wenn Ddu nun zu den Ballspielen übergehst, so bleibt manches Gemeinsame erhalten, aber vieles geht verloren. – Sind sie alle ‘unterhaltend’? Vergleiche Schach mit dem Mühlfahren. Oderg gibt es überall ein Gewinnen und Verlieren, oder die Konkurrenz von Spielenden? Denke an die Patiencen. In den Ballspielen gibt es Gewinnen und Verlieren; aber wenn ein Kind den Ball an die Wand wirft und wieder auffängt, so ist dieser
51.
Zug verschˇwunden. Schau, welche Rolle Geschick- und Glück|spielen. Und wie verschieden ist Geschick im Schachspiel und Geschick im Tennisspiel. Denk nun an die Reigenspiele: Hier ist das Element der Unterhaltung, aber wie viele der anderen Charakterzüge sind verschwunden! Und so können wir durch die vielen, vielen anderen Gruppen von Spielen gehen. Aehnlichkeiten auftauchen und verschwinden sehen.
                 Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Aehnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Aehnlichkeiten im Grossen und Kleinen.
 
  
 
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                 Ich kann diese Aehnlichkeiten nicht besser charakterisieren, als durch das Wort “Familienähnlichkeiten”; denn so übergreifen und kreuzen sich die verschiedenen Aehnlichkeiten, die zwischen den Gliedern einer Familie bestehen: Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. etc..– Und ich werde sagen: die ‘Spiele’ bilden eine Familie.
                 Und ebenso bilden z.B. die Zahlenarten eine Familie. Warum benennen wir etwas “Zahl”? Nun etwa, weil es eine – direkte – Verwandtschaft mit manchem hat, was man bisher Zahl genannt hat; und dadurch, kann man sagen, erhält es eine indirekte Verwandtschaft zu anderem, was wir auch so nennen. Und wir dehnen unseren Begriff der Zahl aus, wie wir beim Spinnen eines Fadens Faser an Faser drehen. Und die Stärke des Fadens liegt nicht darin, dass eine Faser durch seine ganze Länge läuft, sondern darin, dass viele Fasern sich übergreifen.
                 Wenn aber Einer sagen wollte: “Also ist allen diesen Gebilden etwas gemeinsam
, –
;
nämlich die Disjunktion aller dieser Gemeinsamkeiten”, so würde ich antworten: Hiier spielst Ddu nur mit einem Wort. Ebenso könnte man sagen: es läuft Etwas durch den ganzen Faden, nämlich das lückenlose Übergreifen dieser Fasern.
52.
 
  
 
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“Gut
, –
;
so ist also der Begriff der Zahl für Dich erklärt als die logishe Summe jener einzelnen miteinander verwandten Begriffe: Kardinalzahl, Rationalzahl, Reelle Zahl, etc.; und gleicherweise der Begriff des Spiels als logische Summe entsprechender Teilbegriffe.” – Dies muss nicht sein. Denn ich kann so dem Begriff “Zahl” feste Grenzen geben, d.dh. das Wort “Zahl” zur Bezeichnung eines fest begrenzten Begriffes gebrauchen, aber ich kann es auch so gebrauchen, dass der Umfang des Begriffes nicht durch eine Grenze abgeschlossen ist. Und so verwenden wir ja das Wort “Spiel”. Wie ist denn der Begriff des Spiels abgeschlossen? Was ist noch ein Spiel und was ist keines mehr? Kannst Du die Grenzen angeben? Nein. Du kannst welche ziehen; denn es sind noch keine gezogen. (Aber das hat Dich noch nie gestört, wenn Du das Wort “Spiel” angewendet hast.)
                 “Aber dann ist ja die Anwendung des Wortes nicht geregelt, das ‘Spiel’, welches wir mit ihm spielen ist nicht gereg geregelt.” – Es ist nicht überall von Regeln begrenzt; aber es gibt ja auch keine Regel dafür, wie hoch man z.B. in Tennis den Ball werfen darf, oder wie stark, aber Tennis ist doch ein Spiel, und es hat auch Regeln.
 
  
 
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                 Wie würdest Du denn jemandem erklären, was ein Spiel ist? Ich glaube, Du wirst ihm Spiele beschreiben, und Du könntest der Beschreibung hinzufügen: “das, und Aehnliches, nennt man ‘Spiele’”. Und weisst Du selbst denn mehr? Kannst Du etwa nur dem Andern nicht genau sagen, was ein Spiel ist? Aber das ist nicht Unwissenheit. Du kennst die Grenzen nicht, weil keine gezogen sind. Wie gesagt, Du kannst – für irgend einen Zweck – eine Grenze ziehen. Machst Du dadurch den
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Begriff erst brauchbar? Durchausn nicht! es sei denn, für den besondern Zweck. So wenig, wie der das Längenmass ‘1 Schritt’ brauchbar machte, der die Definition gab, “1 Schritt = 75 cm”. Und wenn Du sagen willsrst: “aber vorher war es doch kein exaktes Längenmass”, so antworte ich: gut, dann war es ein unexaktes. – Obgleich Du mir noch die Definition der Exaktheit schuldig bist. –
 
  
 
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                 “Aber wenn der Begriff ‘Spiel’ auf diese Weise unbegrenzt ist, so weisst Du ja eigentlich nicht, was Du mit ‘Spiel’ meinˇst.” – Wenn ich die Beschreibung gebe: “Der Boden war ganz mit Pflanzen bedeckt”
, –
;
willst Du sagen, ich weiss nicht wovon ich rede, ich nicht eine Definition der Pflanze geben kann?
Sokrates (im Charmides? ): “Du weisst es und kannst hellenisch reden, also musst Du es doch sagen können.” – Nein. ‘Es wissen’ heisst hier eben nicht, es sagen können. Nicht das ist hier unser Kriterium des Wissens.
                 Eine Erklärung dessen, was ich meine, wäre etwa eine gemaltes Bild Zeichnung und die Worte: “Sso, ungefähr, hat der Boden ausgesehen”. Ich sage aber vielleicht auch: “Ggenau so hat es ausgesehen”. – Also waren genau diese Gräser und Blätter, in diesen Lagen, dort? Nein, das heisst es nicht. Und kein Bild würde ich, in diesem Sinne, als das genaue anerkennen.
 
  
 
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                 Man kann sagen, der Begriff ‘Spiel’ ist ein Begriff mit verschwommenen Rändern. – “Aber ist ein verschwommener Begriff überhaupt ein Begriff?” – Ist|eine unscharfe Photographie überhaupt ein Bild eines Menschen? – Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe nicht oft gerade das, was wir brauchen?
                 Frege vergleicht den Begriff mit einem Bezirk und sagt: einen unklar begrenzten Bezirk könne man überhaupt keinen Bezirk
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nennen. Das heisst wohl, wir können mit ihm nichts anfangen. Aber ist es sinnlos zu sagen: “Halte Dich ungefähr hier auf!” Denke Ddir ich stünde mit einem [a|A]ndern auf einem Platz und sagte dies. Dabei werde ich nicht einmal irgend eine Grenze ziehen, sondern etwa mit der Hand eine zeigende Bewegung machen – Gganz als zeigte ich ˇihm einen bestimmten Punkt. Und gerade so erklärt man etwa, was ein Spiel ist. Mnan gibt Beispiele, und will, dass sie in einem gewissemn Sinnˇe verstanden werden. – Aber mit diesem Ausdruck meine ich nicht: er solle nun in diesen Beispielen das Gemeinsame sehen, welches ich – aus irgend einem Grunde – nicht aussprechen konnte, . [s|S]ondern: er solle diese Beispiele nun in bestimmter Weise verwenden. Das Exemplifizieren ist hier nicht ein indirektes Mittel der Erklärung, – in Ermanglung eines Bessern. – Denn, missverstanden kann auch jede allgemeine Erklärung werden. So spielen wir eben das Spiel. (Ich meine das Sprachspiel mit dem Worte “Spiel”.)
 
  
 
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                 Das Gemeinsame sehen: Nimm an, ich zeige jemandem verschiedene bunte Bilder, und sage: “Die Farbe, die Du in allemn siehst, heisst ‘Ocker’.” – Das ist eine Erklärung, die verstanden wird, indem der Anders aufsucht und sieht, was jenen Bildern gemeinsam ist. Er kann dann auf das Gemeinsame blicken, darauf zeigen.
                 Verg[e|l]eiche damit: Ich zeige ihm
Figuren
Vierecke
verschiedener Form, alle in der gleichen Farbe gemalt und sage: “Was diese miteinander gemein haben, heisst ‘Ocker’”.
                 Und vergleiche damit: Ich zeige ihm Muster verschiedener Schattierungen von Blau und sage: “Die Farbe, die allemn gemeinsam ist, nenne ich ‘Blau’”.
55.
 
  
 
7
7
0
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                 Wenn Einer mir die Namen der Farben erklärt, indem er auf Muster zeigt und sagt: “Ddiese Farbe heisst ‘Blau’, diese ‘Grün’,

etc.
”, so kann dieser Fall in vieler Hinsicht dem verglichen werden, dass er mir eine Tabelle an die Hand gibt, in der unter den Mustern von Farben die Wörter stehen. – Wenn auch dieser Vergleich in mancher Weise irreführen kann. – Man ist nun geneigt
den
diesen
Vergleich auszudehnen: Die Erklärung verstanden haben, heisst, einen Begriff des Erklärten im Geiste besitzen, und d.i., ein Muster, oder Bild: [z|Z]eigt man mir nun verschiedene Blätter und sagt, “Das nennt man ‘Blatt’”, so erhalte ich einen Begriff der Blattform, ein Bild von ihr im Geiste. – Aber wie schaut denn das Bild eines Blattes aus, das keine bestimmte Form zeigt, sondern ‘das, was allen Blattformen gemeinsam ist’? Welchen Farbeton hat das ‘Muster in meinem Geiste’ der Farbe Grün

,
dessen, was allen Tönen von Grün gemeinsam ist?
                 “Aber könnte es nicht solche ‘allgemeine’ Muster geben? Etwa ein Blattschema, oder ein Muster von reinem Grün.” – Gewiss! Aber, dass dieses Schema als Schema verstanden wird und nicht als die Form eines bestimmten Blattes, und dass ein Täfelchen von reinem Grün als Muster alles dessen verstanden wird, was grünlich ist und nicht als Muster für reines Grün

:
das liegt wieder in der Art der Anwendung dieser Muster.
                 Frage Dich: Wwelche Gestalt muss das Muster der Farbe Grün haben. Soll es viereckig sein? Oder würde es dann das Muster für grüne Vierecke sein? – Soll es also ‘unregelmässig’ geformt sein? Und was verhindert uns, es dann nur als Muster der unregelmässigen Form anzusehen – d.h. zu verwenden?
 
  
 
7[1|8].
                 Hierher gehört auch Gedanke, dass der, welcher dieses Blatt als Muster der Blattform, im allgemeinen, sieht, es anders siehxt, als der, welcher es etwa als Muster für diese bestimmte Form betrachtet. Nun, das könnte ja so sein – obwohl es
56.
nicht so ist –, denn es würde nur besagen, dass erfahrungsgemäss der, welcher das Blatt in bestimmter Weise sieht, es dann so und so, oder den und den Regeln gemäss, verwendet.
                 Es gibt natürlich ein so und anders sSehen; und es gibt auch Fälle, in denen der, der ein Muster so sieht, es im allgemeinen in dieser Weise verwenden wird, und wer es anders sieht, in anderer Weise. Wer, z.B., die ˇschematische Zeichnung eines Würfels als ebene Figur sieht, bestehend aus einem Quadrat und zwei Rhomben, der wird den Befehl, “Bringe mir so etwas!”, * vielleicht anders ausführen, als der, welcher das Bild räumlich sieht.
 
  
 
7
9
2
.
                 Was heisst es: wissen, was ein Spiel ist? Was heisst es, es wissen und es nicht sagen können? Ist dieses Wissen irgendein Aequivalent einer nicht ausgesprochenen Definition? So|dass, wenn sie ausgesprochen würde, ich sie als den Ausdruck meines Wissens anerkennen könnte? Ist nicht mein Wissen, mein Begriff von Spiel, ganz in den Erklärungen ausgedrückt, die ich geben könnte? nNämlich darin, dass ich Beispiele von Spielen verschiedener Art beschreibe; zeige, wie man nach Analogie dieser auf alle möglichen Arten andere Spiele konstruieren kann; sage, dass ich das und das wohl kaum mehr ein Spiel nennen würde; und dergleichen mehr.
 
  
 
80
73
.
                 Wenn Einer eine scharfe Grenze zöge, so könnte ich sie nicht als die anerkennen, die ich auch schon immer ziehen wollte, oder im Geist gezogen habe. Denn ich wollte gar keine ziehen. Man kann dann sagen: sein Begriff ist nicht der gleiche wie der di der meine, aber ihm verwandt. Und die Verwandtschaft ist die zweier Bilder, deren eines aus unscharf begrenzten Farbflecken, das andere aus ähnlich geformten und verteilten, aber scharf begrenzten, besteht. Die Verwandtschaft ist dann ebenso unleugbar, wie de
57.
die Verschiedenheit.
 
  
 
81
74
.
                 Und wenn wir diesen Vergleich noch etwas weiter führen, – so ist es klar, dass der Grad, bis zu welchem das scharfe Bild dem verschwommenen ähnlich sein kann kann, vom Grade der Unschärfe dieses abhängt. Denn denk Ddir, Ddu solltest zu einem verschwommenen Bild ein ihm ‘entsprechendes’ scharfes entwerfen! In jenem ist ein unscharfes rotes Rechteck; Ddu setzt dafür ein scharfes. Freilich – es liessen sich ja mehrere solche scharfe Rechtecke ziehen, die dem unscharfen entsprächen. – Wenn aber im Original die Farben ohne die Spur einer Grenze ineinanderfliessen, wird es dann nicht eine hoffnungslose Aufgabe werden, ein dem verschwommenen entsprechendes scharfes Bild zu zeichnen? Wirst Du dann nicht sagen müssen: “Hier könnte ich ebenso gut einen Kreis, als ein Rechteck, oder eine Herzform zeichnen; es fliessen alle Farben durcheinander. Es stimmt alles, – und nichts.” – Und in dieser Lage befindet sich z.B. der, der in der Aesthetik oder Ethik nach Definitionen sucht, die unseren Begriffen entsprechen.
                 Frage Dich in dieser Schwierigkeit immer: “Wie haben wir denn die Bedeutung dieses Wortes – ‘gut’ z.B. – gelernt? An was für Beispielen; in welchen Sprachspielen? Du wirst dann leichter sehen, dass das Wort eine Familie von Bedeutungen haben muss.
 
  
 
82
75
.
                 Vergleiche: wissen und sagen,
            wieviele m hoch der Mont Blanc ist
            wie das Wort Spiel” gebraucht wird
            wie eine Klarinette klingt.
Wer sich wundert, dass man etwas wissen könne und nicht sagen, denkt vielleicht an einen Fall, wie den ersten. Gewiss nicht an einen, wie den dritten.
58.
 
  
 
83
76
.
                 Betrachte dieses Beispiel: Wenn man sagt, “Moses hat nicht existiert”, so kann das verschiedenerlei bedeuten. Es kann heissen: die Israeliten haben nicht einen Führer gehabt, als sie aus Aegypten ausgezogen sind – oder: ihr Führer hat nicht Moses geheissen – oder: es hat keinen Menschen gegeben, der alles das vollbracht hat, was die Bibel von Moses berichtet – etc., etc..– Nach Russell können wir sagen: der Name “Moses” kann durch verschiedene Beschreibungen definiert werden. Z.B. als: “der Mann, welcher die Israeliten durch die Wüste geführt hat”, “der Mann, welcher zu dieser Zeit und an diesem Ort gelebt hat und damals ‘Moses’ genannt wurde”, “der Mann, welcher als Kind von der Tochter Pharaos aus dem Niel gezogen wurde”, etc.. Und je nachdem wir die eine oder andere Definition annehmen, bekommt der Satz “Moses hat existiert” einen andern Sinn und ebenso jeder andere Satz, der von Moses handelt. – Und wenn man uns sagt, “N hat nicht existiert”, fragen wir auch: “Was meinst Du? Willst Du sagen, dass …, oder dass …, etc.?”
                 Aber wenn ich nun eine Aussage über Moses mache; bin ich immer bereit, irgend eine dieser Beschreibungen für “Moses” zu setzen? Ich werde etwa sagen: [u|U]nter “Moses” verstehe ich den Mann, der getan hat, was die Bibel von “Moses” berichtet, oder doch vieles davon. Aber wievieles? Habe ich mich entschieden, wieviel sich als falsch erweisen muss, damit ich meinen Satz als falsch aufgebe? Hat also der Name “Moses” für mich einen festen und eindeutig bestimmten Gebrauch in allen möglichen Fällen? Ist es nicht so, dass ich sozusagen eine ganze Reihe von Stützen in Bereitschaft habe und bereit bin, mich auf eine zu stützen, wenn mir die andere entzogen werden sollte, und umgekehrt? – Betrachte noch einen anderen Fall. : Wenn ich sage, “N ist gestorben”, so
58 59.
kann es mit der Bedeutung des Namens “N” etwa diese Bewandtnis haben: Ich glaube, dass ein Mensch gelebt hat, den ich (1) dort und dort gesehen habe, der (2) so und so ausgeschaut hat (Bilder), (3) das und das getan hat und (4) in der bürgerlichen Welt diesen Namen, “N”, führt. Gefragt, was ich unter “N” verstehe, würde ich alles das, oder einiges davon, und bei verschiedenen Gelegenheiten Verschiedenes, aufzählen. Meine Definition von “N” wäre also etwa: “der Mann, von dem alles das stimmt”. – Aber wenn sich nun etwas davon als falsch erwiese! – [w|W]erde ich bereit sein den Satz “N ist gestorben” für falsch zu erklären, – auch wenn nur etwas mir nebensächlich scheinendes sich als falsch herausstellt? Wo aber ist die Grenze des Nebensächlichen? – Hätte ich ˇin so einem Fall eine Erklärung des Namens gegeben, so wäre ich nun bereit, sie abzuändern.
                 Und das kann man so ausdrücken, ich gebrauhche den Namen “N” ohne feste Bedeutung. (Aber das tut seinem Gebrauch so wenig Eintrag, wie dem eines Tisches, dass er auf vier Beinen ruht, statt auf dreien, und daher unter Umständen wackelt.)
                 Soll man sagen, ich gebrauche ein Wort, dessen Bedeutung ich nicht kenne, rede also Unsinn? – Sage, was Ddu willst, so lange Ddich das nicht verhindert, zu sehen, wie es sich verhält. (Und wenn Ddu das siehst, wirst Ddu manches nicht sagen.)
 
  
  
  
 
85
78
.
                 F.P. Ramsey hat einmal im Gespräch mit mir betont, die Logik seix eine “normative Wissenschaft”. Genau, welche Idee ihm dabei vorgeschwebt hat, weiss ich nicht; sie war aber zweifellos eng verwandt mit der, die mir erst später aufgegangen ist. : dass wir nämlich in der Philosophie den Gebrauch der Wörter oft mit Spielen, Kalkülen, nach festen Regeln, vergleichen, aber nicht sagen können, wer die Sprache gebraucht, müsse ein solches Spiel spielen. – Sagt man ˇnun aber, dass unser sprachlicher Ausdruck sich solchen Kalkülen nur nähert, so steht man ˇnun damit unmittelbar am Rande eines Missverständnisses. Denn so kann es scheinen, als redeten wir in der Logik von einer idealen Sprache. Als wäre unsre Logik eine Logik, gleichsam, für den luftleeren Raum. Während die Logik doch nicht von der Sprache – bezw. vom Denken – handelt in dem Sinne, wie eine Naturwissenschaft von einer Naturerscheinung, und man höchstens sagen kann, wir konstruierten ideale Sprachen. Aber hier wäre das Wort ‘ideal’ irreführend, denn es schiene also, als wären diese Sprachen besser, vollkommener, als unsere Umgangssprache; und als brauchte es den Logiker, damit er den Menschen endlich zeigt, wie ein
rechter
richtiger
Satz ausschaut.
                 All das kann aber erst dann im rechten Licht erscheinen, wenn wir über die Ideen des Verstehens, und Meinens und Denkens Klarheit gewonnen haben. Denn dann wird auch klar werden, was dazu verleiten kann, – und mich verleitet hat (Log.Phil.Abh.), zu denken, dass, wer einen Satz ausspricht und meint, oder versteht, damit einen Kalkül betreibt, nach bestimmten Regeln.
61.
 
  
 
86
79
.
                 Was nenne ich die ‘Regel, nach der herervorgeht’? [d|D]ie Hypothese, die seinen Gebrauch der Worte, den wir beobachten, zufriedenstellend beschreibt, oder die Regel, die er
beim
im
Gebrauch der Zeichen nachschlägt, oder, die er uns zur Antwort gibt, wenn wir ihmn nach seiner Regel fragen? Wie aber, wenn die Beobachtung keine Regel klar erkennen lässt und die Frage keine zu Tage fördert? – Denn er gab mir zwar auf meine Frage, was er unter “N” verstehe, eine Erklärung, war aber bereit, diese Erklärung zu widerrufen und abzuändern. – Wie soll ich also die Regel bestimmen, nach der er spielt? er weiss sie selbst nicht. Oder richtiger: Was soll der Ausdruck “Regel, nach welcher er vorgeht” hier noch besagen?
 
  
 
8
7
0
.
                 Steckt uns da nicht die Analogie der Sprache mit dem Spiel ein Licht auf? Wir können uns doch sehr wohl denken, dass sich Menschˇen auf einer Wiese damit unterhielten, mit einem Ball zu spielen, so zwar, dass sie verschiedene bestehende (geregelte) Spiele anfingen, manche nicht zu Ende spielten, dazwischen den Ball planlos in die Höhe würfen, einander im Scherz mit dem Ball nachjagen und bewerfen, etc..– Und nun sagte Einer: Die ganze Zeit hindurch spielen die Leute ein Ballspiel, und richten sich daher bei jedem Wurf nach bestimmten Regeln.
                 Und gibt es nicht auch den Fall, wo wir spielen und ‘make up the rules as we go along’? Ja auch den, in welchem wir sie abändern – as we go along.
 
  
 
8[1|8].
                 Ich sagte in (65 72) von der Anwendung des Wortes “Spiel”, sie sei nicht ‘überall von Regeln begrenzt’ : aber wie schaut denn ein Spiel aus, das überall von Regeln begrenzt ist? Dessen Regeln keinen Zweifel eindringen lassen; ihm alle Löcher verstopfen
,
?
– Können wir uns nicht eine Regel denken, die die Anwendung der Regel regelt? [u|U]nd einen Zweifel den jene Regel
62.
behebt, – und so fort?
                 Aber das sagt nicht, dass wir zweifeln, weil wir uns einen Zweifel denken können. Ich kann mir sehr wohl denken, dass jemand jedesmal vor dem Oeffnen seiner Haustüre zweifelt, ob sich hinter ihr nicht ein Abgrund aufgetan hat; und dass er sich darüber vergewissert, eh' er durch die Tür tritt (und es kann sich einmal erweisen, dass er recht hatte): aber deswegen zweifle ich im gleichen Falle doch nicht.
 
  
 
89
82
.
                 Eine Regel steht da, wie ein Wegweiser. Lässt er keinen Zweifel offen über den Weg, den ich zu gehen habe? Zeigt er, in welcher Richtung ich gehen soll, wenn ich an ihm vorbei bin, ob der Strasse nach oder dem Feldweg, oder querfeldein? Aber wo steht, in welchem Sinne ich ihm zu folgen habe; ob in der Richtung der Hand oder, z.B., in der entgegengese[z|t]zen? – Und wenn statt eines Wegweisers eine geschlossene Kette von Wegweisern stünden, oder Kreidestriche auf dem Boden liefen; gibt es für sie nur eine Deutung? – Also kann ich sagen, der Wegweiser lässt doch keinen Zweifel offen. Oder vielmehr: Er lässt manchmal einen Zweifel offen, manchmal nicht
.
,
Und dies ist nun kein philosophischer Satz mehr; sondern ein Erfahrungssatz.
 
  
  
  
 
91
84
.
                 Nimm an, ich erkläre: “Unter ‘Moses’ verstehe ich den Mann, wenn es einen solchen gegeben hat, der die Israeliten aus Aegypten geführt hat, wie immer er damals geheissen hat und was immer er sonst getan, oder nicht getan haben mag”
. –
:
Aber über die Wörter dieser Erklärung sind ähnliche Zweifel möglich, wie die über den Namen “Moses” (was nennst Ddu “Aegypten”, wen “die Israeliten”, etc.). Ja, diese Fragen kommen auch nicht zu einem Ende, wenn
64.
wir bei Wörtern wie “rot”, ”dunkel”, “süss”, angelangt wären. – “Aber wie hilft mir dann eine Erklärung zum Verständnis, wenn sie doch nicht die letzte ist? Die Erklärung ist dann ja nie beendet; ich verstehe also noch immer nicht, und nie, was er meint!” Als hinge eine Erklärung, gleichsam, in der Luft, wenn nicht eine andere sie stützte. Während eine Erklärung zwar auf einer andern, die man gegeben hat, ruhen kann, aber keine einer anderen bedarf, – es sei denn, dass wir sie benötigen, um ein Missverständnis zu vermeiden. Man könnte sagen: eine Erklärung dient dazu, ein Missverständnis zu beseitigen, oder zu verhüten, – also eines, was ohne die Erklärung eintreten würde; aber nicht: jedes, welches ich mir vorstellen kann.
                 Es kann leicht so scheinen, als zeigte jeder Zweifel nur eine vorhandene Lücke im Fundament; so dass ein sicheres Verständnis nur dann möglich ist, wenn wir zuerst an allem zw[ie|ei]feln, woran gezweifelt werden kann, und dann ˇalle diese Zweifel beheben.
 
  
 
92
85
.
                 Der Wegweiser ist in Ordnung, – wenn er, unter normalen Verhältnissen, seinen Zweck erfüllt.
                 Wenn ich Einem sage, wie in (68), : “Halte Dich ungefähr hier auf!” – Kkann denn diese Erklärung nicht vollkommen funktionieren? (Und kann jede andere nicht auch versagen?)
                 “Aber ist die Erklärung nicht doch unexakt?” – Doch; warum soll man sie nicht “unexakt” nennen? Verstehen wir aber nur, was “unexakt” bedeutet! Denn erstens es bedeutet es ˇdann nicht “unbrauchbar”, sonst müsste es heissen: “unexakt für diesen Zweck”; zweitens . Und – überlegen wir uns, was wir, im Gegensatz zu dieser, unexakten Erklärung eine “exakte ˇErklärung” nennen! Etwa die,
in welcher
wenn
man auf dem Platz einen Kreidestrich zieht, einen ‘Bezirk’ abgrenzt. – Aber da fällt uns gleich ein, dass ja der Strich eine Breite
65.
hat; . eExakter wäre es also eine Farbgrenze. Aber hat denn diese Exaktheit hier noch eine Funktion; läuft sie nicht leer? Und wir haben ja auch noch nicht bestimmt, was als [Ue|Ü]berschreiten dieser scharfen Grenze gelten soll; wie, mit welchen Instrumenten,
es
sie
festzustellen ist. Etc. U.s.w..
                 Wir verstehen, was es heisst: eine Taschenuhr auf die genaue Stunde stellen, oder sie richten, dass sie genau geht. Wie aber, wenn man fragte: ist diese Genauigkeit eine ideale Genauigkeit, oder wie weit nähert sie sich ihr? – Wir können freilich von Zeitmessungen reden, bei welchen es eine andere, und wie wir sagen würden, grössere Genauigkeit gibt, als bei der Zeitmessung mit der Taschenuhr. Wo die Worte “die Uhr auf die genaue Stunde stellen”, eine andere, wenn auch verwandte, Bedeutung haben, und die Uhr ablesen ein anderer
Vorgang
Prozess
ist, etc..– Wenn ich nun jemandem sage: “Du solltest pünktlicher zum Essen kommen: Ddu weisst, dass es genau um 1 Uhr anfängt” – ist hier von Genauigkeit eigentlich nicht die Rede[,|?] – weil man sagen kann: “denk an die Zeitbestimmung im Laboratorium, oder auf der Sternwarte, da siehst Du was ‘Genauigkeit’ bedeutet”?
                 “Unexakt”, das ist soll eigentlich ein Tadel ˇsein, und “exakt” ein Lob. Und das heisst doch: das Unexakte erreicht das Ziel nicht so vollkommen, wie das Exaktere. Da kommt es also auf das an, was wir “das Ziel” nennen. Ist es unexakt, wenn wir dem Tischler ich jemandem die Breite des eines Tisches nicht auf 1000stel 0,001 mm angeben? [u|U]nd den Abstand der Sonne von uns nicht auf 1 m?
                 Denk also an die dehnbare Verwendungsweise der Wörter “genau”, “ungenau”. – Ein Ideal der Genauigkeit ist nicht vorgesehen wir wissen nicht, was wir uns darunter vorstellen sollen – es sei denn, Ddu selbst setzt fest, was so genannt werden soll. Aber es wird Ddir schwer werden, so eine Festsetzung zu treffen; eine, die Ddich befriedigt.
66.
 
  
 
93
86
.
                 Wir stehen mit diesen Ueberlegungen an dem Ort, wo das Pr[i|o]blem steht: Inwiefern ist die Logik etwas Sublimes?
                 Denn es schien, dass ihr eine besondere Tiefe – allgemeine Bedeutung – zukomme. Sie liege, so schien es, am Grunde aller Wissenschaften. – Denn die logische Betrachtung erforscht das Wesen aller Bindungen Dinge. Sie will den Dingen auf den Grund sehen, und soll sich nicht um das [s|S]o oder [s|S]o des tatsächlichen Geschehens kümmern. ‒ ‒ Sie entspringt nicht einem Interesse für Tatsachen des Naturgeschehens, noch dem Bedürfnisse, kausale Zusammenhänge zu erfassen. Sondern einem Streben, das Fundament, oder Wesen, alles Erfahrungsmässigen zu verstehen. Nicht aber, als sollten wir dazu neue Tatsachen aufspüren: es ist vielmehr für unsere Untersuchung wesentlich, dass wir nichts Neues mit ihr lernen wollen. Wir wollen etwas verstehen, was schon offen vor unsern Augen liegt. Denn das scheinen wir, in irgendeinem Sinne, nicht zu verstehen.
                 Augustinus (Conf. XI/14): “quid est ergo tempus? si nemo ex me quaerat scio; si quaerenti explicare velim, nescio.” – Dies könnte man nicht von einer Frage der Naturwissenschaft sagen (z.B.: wie gross ist das spezifische Gewicht des Wasserstoffs). Das, was man weiss, wenn uns niemand fragt, aber nicht mehr weiss, wenn wir es erklären sollen, ist etwas, worauf man sich besinnen muss. (Und offenbar etwas worauf man sich aus irgendeinem Grunde schwer
67
besinnt.)
 
  
 
94
87
.
                 Es ist uns, als müssten wir die Erscheinungen durchschauen: unsere Untersuchung aber richtet sich nicht auf die Erscheinungen, sondern – wie man sagen könnte – auf die ‘Möglichkeiten’ der Erscheinungen. Wir besinnen uns, heisst das, auf die Art der Aussagen, die wir über die Erscheinungen machen. Daher besinnt sich auch Augustinus auf die verschiedenen Aussagen, die man über die Dauer von Ereignissen, über ihre Vergangenheit, Gegenwart, oder Zukunft macht. (Dies sind natürlich nicht philosophische Aussagen über die Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.)
                 Unsere Betrachtung ist daher eine grammatische. Und diese Betrachtung bringt Licht in unser Problem, indem sie Missverständnisse wegräumt. Missverständnisse nämlich, welche den Gebrauch der Wörter unserer Sprache betreffen und hervorgerufen sind durch Analogien, welche zwischen unseren Ausdrucksformen bestehen. – Und diese Missverständnisse kann man dadurch beseitigen, dass man gewisse Ausdrucksformen durch andere ersetzt; dies kann man ein “Analysieren” unsrer Ausdrucksformen nennen, denn der Vorgang hat ˇmanchmal eine Aehnlichkeit mit dem einer Zerlegung.
 
  
 
95
88
.
                 Nun aber kann es den Anschein gewinnen, als gäbe es so etwas, wie eine letzte Analyse unserer Sprachformen, also eine vollkommen zerlegte Form
68
des Ausdrucks. D.h.: als seien unsere gebräuchlichen Ausdrucksformen, wesentlich, noch unanalysiert; als sei in ihnen etwas verborgen, was ans Licht zu befördern ist. Ist dies geschehen, so sei der Ausdruck damit vollkommen geklärt und unsere Aufgabe gelöst.
                 Man kann das auch so sagen: Wir beseitigen Missverständnisse, indem wir unsern Ausdruck exakter machen: [A|a]ber es kann nun so scheinen, als ob wir einem bes bestimmten Zustand, der vollkommenen Exaktheit, zustreben; und als wäre das das eigentliche Ziel unsrer Untersuchung.
 
  
 
96
                 Dies drückt sich aus in der Frage nach dem Wesen der Sprache, des Satzes, des Denkens. – Denn wenn wir auch in unsern Untersuchungen das Wesen der Sprache – ihre Funktion, ihren Bau – zu verstehen trachten, so ist es doch nicht das, was diese Frage im Auge hat. Denn sie sieht in dem Wesen nicht etwas, was schon offen zutage liegt, und was durch Ordnen übersichtlich wird. Sondern etwas, was unter der Oberfläche liegt. Etwas, was im Innern liegt, was wir sehen, wenn wir die Sache durchschauen und was eine Analyse hervorgraben soll.
                 ‘Das Wesen ist uns verborgen’: das ist die Form, die unser Problem nun annimmt. Wir fragen: “Was ist die Sprache?”; “Was ist der Satz?”. Und die Antwort auf diese Fragen ist ein für allemal zu geben; und unabhängig von jeder künftigen Erfahrung.
 
  
 
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                 Einer könnte sagen: “ein Satz, das ist das Alltäglichste von der Welt”, und der
69
Andre: “Ein Satz – das ist etwas sehr merkwürdiges!” ‒ ‒ Und dieser kann nicht: einfach nachschauen, wie Sätze funktionieren, – weil die Formen unserer Ausdrucksweise, die Sätze und das Denken betreffend, ihm im Wege stehen.
                 Warum sagen wir, der Satz sei etwas Merkwürdiges? Einerseits wegen der ungeheuren Bedeutung, die ihm zukommt. (Und das ist richtig.) Anderseits verführt uns diese Bedeutung und Missverständnisse der Sprachlogik dazu, dass wir meinen, der Satz müsse etwas Ausserordentliches, ja Einzigartiges, leisten. – Durch ein Missverständnis erscheint es uns, als tue der Satz etwas Seltsames.
 
  
 
98
                 ‘Der Satz, ein merkwürdiges Ding!’: darin liegt schon die Sublimierung der ganzen Darstellung. – Die Tendenz, ein reines Mittelwesen anzunehmen zwischen dem Satzzeichen und den Tatsachen. Oder auch das Satzzeichen selber reinigen, sublimieren, zu wollen. – Denn, dass es mit gewöhnlichen Dingen zugeht, das zu sehen, verhindern uns auf mannigfache Weise unsere Ausdrucksformen, indem sie uns auf die Jagd nach Chimären schicken.
 
  
 
99
                 Oder: “Denken muss etwas Einzigartiges sein.” Wenn wir sagen, meinen, dass es sich so und so verhält, so halten wir mit dem, was wir meinen, nicht irgendwo vor der Tatsache; sondern meinen, dass das und das so und so ist. – Man kann aber dieses Paradox (welches ja die Form einer Selbstverständlichkeit hat) auch so ausdrücken: Man kann denken, was nicht der Fall ist.
70
 
  
 
100
                 Der besondern Täuschung, die hier gemeint ist, schliessen sich, von verschiedenen Seiten, andere an. Das Denken, die Sprache, erscheint uns nun als das einzigartige Korrelat, Bild, der Welt. Die Begriffe: Satz, Sprache, Denken, Welt stehen in einer Reihe hintereinander, jeder dem andern äquivalent. (Wozu aber sind diese Wörter nun zu brauchen? Es fehlt das Sprachspiel, das mit ihnen zu spielen ist.)
 
  
 
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                 Das Denken ist mit einem Nimbus umgeben. – Sein Wesen, die Logik, stellt eine Ordnung dar, und zwar die Ordnung a priori der Welt, d.i. die Ordnung der Möglichkeitˇen, die Welt und Denken gemeinsam sein muss. Diese Ordnung aber, scheint es, muss höchst einfach sein. Sie ist vor aller Erfahrung, muss sich durch die ganze Erfahrung hindurchziehen, ihr selbst darf keine [E|e]rfahrungsmässige Trübe oder Unsicherheit anhaften. ‒ ‒ ‒ Sie muss vielmehr vom reinsten Krystall sein. Dieser Krystall aber erscheint nicht als eine Abstraktion, sondern als etwas Konkretes, ja als das Konkreteste, gleichsam Härteste.
                 Wir sind in der Täuschung, das Besondere, Tiefe, das uns Wesentliche unserer Untersuchung liege darin, dass sie das unvergleichliche Wesen der Sprache zu begreifen trachtet. D.i., die Ordnung, die zwischen den Begriffen des Satzes, Wortes, Schliessens, der Wahrheit, der Erfahrung, u.s.w. besteht. Diese Ordnung ist eine Ueber-Ordnung zwischen – sozusagen – Ueber-Begriffen. (Während ja die Worte “Sprache”, “Erfah-
71
rung”, “Welt”, wenn sie eine Verwendung haben, eine so niedrige haben müssen, wie die Worte “Tisch”, “Lampe” und “Tür”.)
 
  
 
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                 Einerseits ist klar, dass jeder Satz unsrer Sprache ‘in Ordnung ist, wie er ist’. D.h., dass wir nicht ein Ideal anstreben. Als hätten unsere gewöhnlichen, vagen Sätze noch keinen Sinn und wir müssten erst zeigen, wie ein richtiger Satz ausschaut. Anderseits scheint es klar: wo Sinn ist muss vollkommene Ordnung sein. Also muss die vollkommene Ordnung auch im vagsten Satz stecken.
 
  
 
103
                 “Der Sinn des Satzes – möchte man sagen – kann freilich dies oder das offen lassen, aber der Satz muss doch einen bestimmten Sinn haben.” Oder: “Ein unbestimmter Sinn,’, das wäre eigentlich gar kein Sinn.” Das ist, wie wenn man sagt: “Eeine unscharfe Begrenzung, das ist eigentlich gar keine Begrenzung”. Man denkt da etwa so: Wenn ich sage: “ich habe den Mann fest im Zimmer eingeschlossen – nur eine Tür ist offen geblieben”, so habe ich ihn eben gar nicht eingeschlossen; er ist nur zum Schein eingeschlossen. Man wäre geneigt, hier zu sagen: “also hast Ddu damit gar nichts getan”. Und doch hat er etwas getan. (Eine Umgrenzung, die ein Loch hat – möchte man sagen – ist so gut, wie gar keine. Aber ist das denn wahr?)
Betrachte auch diesen Satz: “Die Regeln eines Spiels können wohl eine gewisse Freiheit lassen, aber sie müssen doch ganz bestimmte Regeln sein.”
72
Das ist, als sagte man: “Du kannst zwar einem Menschen durch vier Wände eine gewisse Bewegungsfreiheit lassen, aber die Wände müssen vollkommen starr sein” – und das ist nicht wahr.
– –
Sagst Du aber:
ˇNun die Wände können wohl elastisch sein, aber dann haben sie eine ganz bestimmte Elastizität.” – [w|W]as sagt das nun noch? Es scheint zu sagen, dass man diese Elastizität muss angeben können, aber das ist wieder nicht wahr. ||
Die Wand
Das Ding
hat immer eine bestimmte
Elastizität
Länge
– ob ich sie
kenne
weiss
, oder nicht” ”: das ist eigentlich das Bekenntnis zu ? einer bestimmten Ausdrucksform. Derjenigen nämlich, die sich der Form eines Ideals der Genauigkeit bedient. Gleichsam als eines Parameters der Darstellung.
 
  
 
104
                 Das Bekenntnis zu einer Ausdrucksform, wenn es ausgesprochen wird in der Verkleidung als ˇein Satz, der von den Gegenständen handelt (statt von dem Zeichen) ˇhandelt, muss ‘a priori’ sein. Denn sein Gegenteil wird wirklich undenkbar, insofern ihm eine Denkform, Ausdrucksform, entspricht, die wir ausgeschlossen haben.
 
  
 
105
                 “Es ist doch kein Spiel, wenn es eine Vagheit in d den Regeln gibt.” – Aber ist es dann kein Spiel? – “Ja, vielleicht wirst Ddu es ‘Spiel’ nennen, aber es ist doch jedenfalls kein vollkommenes Spiel.” D.h.: es ist doch dann verunreinigt, und ich interessiere mich für dasˇjenige, was verunreinigt
wurde. –
ist.
. Aber ich will sagen; : Du missverstehst die Rolle, die das Ideal in Ddeiner Ausdrucksweise spielt. D.h.: auch Ddu würdest es ein Spiel nennen,
73
nur bist Ddu vom Ideal geblendet und siehst daher nicht deutlich die wirkliche Anwendung des Wortes “Spiel”.
(Es ist ähnlich,
als sagt Einer:
als wenn Du sagtest:
“Der Umfang dieses Rades ist wirklich D × Π”; so genau ist es gearbeitet.)
 
  
 
106
91
                 Eine Vagheit in der Logik – wollen wir sagen – kann es nicht geben. Wir leben nun in der Idee: das Ideal ‘müsse’ sich in der Realität finden. Während man noch nicht sieht, wie es sich darin findet, und nicht das Wesen dieses “muss” versteht. Wir glauben – es muss in ihr stecken, denn wir glauben es schon in ihr zu sehen.
 
  
 
107
                 Das Ideal, in unsern Gedanken, sitzt unverrückbar fest. Du kannst nicht aus ihm heraustreten. Du musst immer wieder zurück. Es gibt gar kein Draussen; draussen fehlt die Lebensluft. – Woher dies? Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unsrer Nase und was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie abzunehmen.
 
  
 
108

Wie kann ich den Satz jetzt verstehen, wenn die Analyse soll zeigen können, was ich eigentlich verstehe? – ? Hier spielt die Idee des Verstehens als eines sonderbaren geistigen Vorgangs hinein.
                 Die strengen und klaren Regeln des logischen Satzbaues erscheinen uns als etwas im Hintergrund, – im Medium des Verstehens versteckt. Ich sehe sie schon jetzt (wenn auch durch ein Medium hindurch), da ich ja das Zeichen verstehe, etwas mit ihm meine. Der ideal strenge Bau erscheint mir als etwas Konkretes: – Ich
74
hatte ein Gleichnis gebraucht; aber durch die grammatische Täuschung, dem Begriffswort entspräche Eines, das Gemeinsame aller seiner Gegenstände, erschien es nicht als Gleichnis.
 
  
 
109
93
                 Wir
besitzen
haben nun
eine Theorie; (ceine ‘dynamische’ Theorie des Satzes, etz.) ˇder Sprache, aber sie erscheint ˇuns nicht als Theorie. ⋎◇◇◇ Freud[s|:] Er spricht von einer ‘dynamischen’ Theorie des Traums || Es ist ja das Charakteristikumsche einer solchen Theorie, dass sie einen besonderen, klar anschaulichen, Fall ansieht, und sagt: “Das zeigt, wie es sich überhaupt verhält; dieser Fall ist das Urbild aller Fälle.” ‒ ‒ “Natürlich! so muss es sein”, sagen wir, und sind zufrieden. || Wir sind auf eine Form der Darstellung gekommen, die uns einleuchtet. Aber es ist, als haben wir nun etwas gesehen, was unter der Oberfläche liegt.
Diese Tendenz nun, den klaren Fall zu verallgemeinern, scheint in der Logik
eine
ihre
strenge Berechtigung zu haben; man scheint hier mit voller Berechtigung zu schliessen: “Wenn ein Satz ein Bild ist, so muss jeder Satz ein Bild sein, denn sie müssen alle wesensgleich sein.” Denn wir sind ja in der Täuschung, das Sublime, Wesentliche unserer Untersuchung bestehe darin, dass sie ein allumfassendes Wesen erfasse.
 
  
 
Bd X / 108, 109
110
94
                 Wenn wir
aber
aber
glauben, jene Ordnung, das Ideal, in der wirklichen Sprache finden zu schwach müssen,
gelangen wir ◇◇◇ auch leicht
kommen wir leicht
dahin, von einem ‘eigentlichen’ Zeichen
zu reden zu wollen, das eigentliche Zeichen zu suchen, – hinter dem nämlich ⌊⌊‒ ‒ ‒ gelangen wir nun leicht dahin zu fragen was das eigentliche Zeichen sei im Gegensatz zu dem ‒ ‒ ‒⌋⌋, was normalerweise
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das Zeichen’ genannt wird. ‒ ‒ Denn uns verlangt nun nach etwas Reinerem. Der Sinn (das Wesen) unserer Betrachtung verlangt hier etwas Reineres, wovon die strengen Regeln handeln. Die Gesamtheit dieser Regeln bilde die vollständige Grammatik des Zeichens. Wir werden nun mit dem unzufrieden was man im gewöhnlichen Leben Satz, Wort, Zeichen nennt. Der Satz, das Wort, von gequält dem die Logik handelt,
soll
muss
etwas Reines und Scharfgeschnittenes sein. Wir zerbrechen uns nun daher über das Wesen des ˇeigentlichen Zeichens den Kopf. – Ja, muss es nicht die Ist es etwa die eine Vorstellung vom Wort sein, ja die Vorstellung im gegenwärtigen Augenblick?! ⌊⌊ Es ist nämlich als ertränken gingen wir in einen Gewoge unentwirrbarer Fragen unter. Was ist das ˇeigentliche Zeichen; ist es eine Vorstellung; eine Vorstellung im gegenw. Augenblick?⌋⌋ ¥
 
  
 
111

Hier ist es schwer, gleichsam den Kopf oben zu behalten, – zu sehen, dass wir bei den Dingen des alltäglichen Denkens bleiben müssen und nicht auf den Abweg zu geraten, wo es scheint, als müssten wir die letzten Feinheiten beschreiben, die wir doch wieder mit unsern Mitteln gar nicht beschreiben könnten. Es ist, als sollten wir ein zerstörtes Spinnennetz mit unsern Fingern in Ordnung bringen.
(Auch in diesen Ueberlegungen rührt das Problematische nicht daher, dass wir noch nicht auf den Grund der ? Erscheinungen gekommen wären; sondern daher, dass wir uns in der Grammatik unserer Ausdrucksweise, die Zeichen, die physikalischen Gegenstände betreffend, nicht auskennen.)
 
  
 
112
95
                 Je genauer wir aber die tatsächliche Sprache uns ansehen, desto stärker wird der Widerstreit zwischen ihr und unsrer Forderung. (Die Krystallreinheit der Logik hatte sich mir ja nicht ergeben;
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sondern sie war ja eine Forderung.) Der Widerstreit wird unerträglich; die Forderung droht nun zu etwas Leerem zu werden. – Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt, also die Bedingungen in gewissem Sinne ideal sind, aber wir eben deshalb auch nicht gehen können. Wir wollen gehen; dann brauchen wir die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden!
 
  
 
113
                 Hier erkennen w[r|i]r nun, dass, was wir “Satz”, “Sprache”, nennen, nicht die formelle Einheit ist, die ich mir vorstellte, sondern die Familie mehr oder weniger miteinander verwandter Gebilde. – Was aber wird nun aus der Logik? Ihre Strenge scheint hier aus dem Leim zu gehen. – Verschwindet sie damit aber nicht ganz? – Denn wie kann die Logik ihre Strenge verlieren?! Natürlich nicht dadurch, dass man ihr etwas von ihrer Strenge abhandelt. – Das Vorurteil der Krystallreinheit kann nur so beseitigt werden, dass wir unsere ganze Betrachtung drehen. Und dadurch jene Reinheit eine andere Stelle erhält. (Man könnte sagen: die Betrachtung muss gedreht werden, aber um unser eigentliches Bedürfnis als Angelpunkt.)
 
  
 
114
96
                 Richtig war, dass unsere Betrachtungen nicht wissenschaftliche Betrachtungen sein durften. Die Erfahrung, “dass sich das oder das denken lasse, entgegen unserm Vorurteil” – was immer das heissen mag – konnte uns nicht interessieren. (Die pneumatische Auffassung des Denkens.) Und wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muss fort, und nur
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Beschreibung an ihre Stelle treten. Und diese Beschreibung empfängt ihr Licht, nicht d.i. ihren Zweck, von den philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache gelöst, und zwar so, dass dieses erkannt w[e|i]rd: entgegen einem Trieb, es misszuverstehen. Die Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten. Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.
115

                 “Die Sprache (oder das Denken) ist etwas Einzigartiges”, das erweist sich als ein Aberglaube (nicht Irrtum!) hervorgerufen selbst durch grammatische Täuschungen.
                 Und auf diese Täuschungen, auf die Probleme, fällt nun das Pathos zurück.
 
  
 
115
97116
                 Die Probleme, die durch ein Missdeuten unserer Sprachformen entstehen, haben den Charakter der Tiefe. Es sind tiefe Beunruhigungen; sie wurzeln so tief in uns, wie die Formen unserer Sprache und ihre Bedeutung ist so gross, wie die Wichtigkeit unserer Sprache. ‒ ‒ ‒ Fragen wir uns: Warum empfinden wir einen grammatischen Witz als tief? (Und das ist ja die philosophische Tiefe.) Eine ähnliche Gedankenbewegung: Wie kann man die Zeit schätzen – da das Leben doch fern von einer Uhr ist? – dass uns die Zeiten übereinstimmend mit der Uhr einfallen; dass wir die Zeit sch schätzen können[;|,] ist ein Grund, warum, was die Uhr misst, die Zeit, so wichtig ist.

117

                 Worin liegt etwa z.B. die Tiefe des Witzes: “We called him tortois because he t[o|a]ught us”? Wir werden plötzlich aufmerksam darauf, dass eine solche Abgleitung des Substantivs unmöglich ist. Warum sollte siech sie aber so unmöglich sein sein? Sie ließe sich ˇauch sehr wohl auch denken. (Denk an tschechische Zunamen, wie Zaplatil = er zahlte).
Nun aber
Und nun
scheint der Witz seine Tiefe verloren zu haben.
Das
Dies
kommt aber daher, dass wir unsere
Betrachtungsweise geändert
Aufmerksamkeit verschoben haben
.
– Betrachte ein andres Beispiel: ˇBei Lichtenberg lässt schreibt eine Dienstmagd der andern: Magd in den “Briefen von Mägden über Literatur” die Zahl Hundert 001 schreiben ⌊⌊In Lichtenberg “Briefen von Mägden über Literatur” schreibt eine Magd der anderen:⌋⌋ . Wenn man sich sagt: “nun, ˇhundert es könnte ja auch in der Richtung geschrieben werden”,
dann
so
fühlt man die Tiefe
des Witzes
der Komik
nicht. Diese liegt, glaube ich, in dem Zusammenhang unseres Dezimalsystems, in welchem das Zeichen “001” eine gewisse Stelle innehat. Die Tiefe der Absurdität des 001 erscheint erst für den, der, sozusagen,
alle
die mathematischen
Konsequenzen aus diesem Schreibfehler ziehen kann. Nicht für den, der nur weiss, dass man so nicht ‘hundert’ schreibt. – Man kann, das ‘taaught us‘ betreffend, sagen: ein Verbum hat für uns eine Grundstellung (wie man bei Turnübungen sagt) und dann verschiedene Stellungen, verschiedenen Verrichtungen gemäss. Eine beliebige dieser Stellungen zur Bezeichnung dessen nehmen, der (z.B.) lehrt, ist so, als nähme man für das Standbild eines Menschen irgend eine eine beliebige Stellung, in der er sich auch einmal befinden kann. Die Grundstellung, könnte man sagen, reprä te, ⌊⌊ Und doch ist sie auch wieder nicht unmöglich ⌋⌋ Die Tiefe der Absurdität liegt hier wieder in Verhältnissen, die eine längere Erklärung zulassen; weil sie den
ganzen
eigentümlichen
Bau unserer Sprache betreffen. – ⌊⌊ Wir empfanden ihn als tief, weil er ein grelles Licht auf das System unsrer Sprache zu werfen schien. ⌋⌋ Wenn wir auf das System unserer Sprache sehen, dann haben wir das Gefühl der Tiefe. Es ist, als sähen wir durch ihr Netz hindurch die ganze Welt.
 
  
 
118
                 Das phil. Problem. Ein Gleichnis, das in die Formen unserer Sprache aufgenommen ist, bewirkt einen falschen Schein; der beunruhigt uns: “Es ist doch nicht so!” – sagen wir. “Aber es muss doch so sein!!”
 
  
 
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                 Denk, wie uns das Substantiv “Zeit” ein Medium vorspiegeln kann; wie es uns in die Irre führen kann, dass wir einem Phantom
auf
ab
und ab nachjagen. (“Aber hier ist doch nichts! – Aber hier ist doch nicht nichts!”) Oder denke an das
 
  
 
120
In der Log. Phil. Abh.
№ 4.5
(5.4)
sagte ich: “Die allgemeine Form des Satzes ist: Es verhält sich so & so”.
                 Das ist die Art ˇvon
Sätzen
Satz
, die man sich unzähligemale wiederholt. Man glaubt, wieder und wieder der Natur nachzufahren, und fährt nur der Form entlang, durch die wir sie betrachten.
Oder [m|M]an sagt: “Ich habe doch einen bestimmten Begriff vom Satz! Ein Satz sagt: es ist so und so.” – Oder: “Ich weiss doch, was das Wort ‘Satz’ bedeutet!” ‒ ‒ Ja, ja, könnte man antworten, aber was heisst denn das? ich meine, wie wird denn dieser Satz angewandt, dass Du weisst, was das Wort “Satz” bedeutet? Von wem sagt man denn das, und von wem das Gegenteil? Rufe Dir doch die praktische Verwendung dieser Behauptung ins Gedächtnis!
 
  
 
121
                 Ob wir über das Wesen des Satzes des Verstehens, des ˇprivaten, nur mir selbst bewußten, Erlebens nachdenken: “Es ist doch so ˇ: ‒ ‒ ‒” sagen wir uns wieder und wieder ˇvor uns hin. Es ist uns, als müssten wir das Wesen der Sache erfassen, wenn wir unsern Blick nur ganz scharf auf dies Faktum einstellen, es in den Brennpunkt rücken könnten. Denn es scheint eben

 
  
 
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                 Der Ausdruck dieser Täuschung aber ist die metaphysische Verwendung unsrer Wörter. Denn [m|M]an prädiziert nun von der Sache, was in der Darstellungsweise liegt. Die Möglichkeit des Vergleichs, die uns beeindruckt, nehmen wir für die Wahrnehmung einer höchst allgemeinen Sachlage.
 
  
 
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Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen. Um dem Bann der
 
  
 
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                 Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen (“Wissen”, “Sein”, “Gegenstand”, “Ich”, “Satz” “Name” etz.) und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muss man sich immer fragen: wird denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? –
 
  
 
⌊⌊
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  Man sagt mir: “Du versteht doch diesen Ausdruck? Nun also, in der Bedeutung, die du kennst, gebrauche auch ich ihn.” Als wäre die Bedeutung eine Aura, die das Wort mitbringt & in jederlei Verwendung
mitnimmt
herübernimmt
[!|.]
                 Wenn Einer z.B. sagt, der Satz “Dies ist hier” – (wobei er ˇvor sich hin auf einen Gegenstand ˇvor sich zeigt – habe für ihn Sinn, so möge er sich fragen, unter welchen besondern Umständen man diesen Satz ˇwirklich verwendet. In diesen hat er dann Sinn. ⌋⌋
 
  
 
126
111
                 Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück. (Der Mann, der sagte, man könne nicht zweimal in de[m|n] gleichen Fluss steigen, sagte etwas Falsches; man kann zweimal ˇMan steigt öfters zweimal in den gleichen Fluss steigen. ‒ ‒ Und Eein Gegenstand hört manchmal auf zu existieren, wenn ich aufhöre ihn zu sehen, und manchmal nicht. ‒ ‒ Und [w|W]ir wissen manchmal, welche Farbe der Andere sieht, wenn er diesen Gegenstand betrachtet, und manchmal nicht.) Und so sieht die Lösung aller philosophischen Schwierigkeiten aus. Unsere Antworten müssen, wenn sie richtig sind, gewöhnliche und triviale sein. – Denn diese Antworten machen sich gleichsam über die Fragen lustig. Nicht aber die Erklärung, die diese Fragen die Probleme verständlich machen.
 
  
 
⌊⌊
125
  Man sagt mir: “Du versteht doch diesen Ausdruck? Nun also, in der Bedeutung, die du kennst, gebrauche auch ich ihn.” Als wäre die Bedeutung eine Aura, die das Wort mitbringt & in jederlei Verwendung
mitnimmt
herübernimmt
[!|.]
                 Wenn Einer z.B. sagt, der Satz “Dies ist hier” – (wobei er ˇvor sich hin auf einen Gegenstand ˇvor sich zeigt – habe für ihn Sinn, so möge er sich fragen, unter welchen besondern Umständen man diesen Satz ˇwirklich verwendet. In diesen hat er dann Sinn.
90
⌋⌋
 
  
 
127
                 Woher nimmt die Betrachtung ihre Wichtigkeit, da sie doch nur alles Interessante, d.h. alles Grosse und Wichtige, zu zerstören scheint? (Gleichsam alle Bauwerke; indem sie nur Steinbrocken und Schutt übrig lässt.) Aber es sind nur Luftgebäude, die wir zerstören, und wir legen den Grund der Sprache frei, auf dem sie standen.
 
  
 
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                 Die Ergebnisse der Philosophie sind die En[d|t]deckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an
die Grenze
das Ende
der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.
 
  
 
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                 Dass ich bei meinen Erklärungen, die Sprache betreffen[,|d], schon die volle Sprache (nicht etwa eine vorbereitende, vorläufige) anwenden muss, zeigt schon, dass ich nur Aeusserliches über die Sprache vorbringen kann.
                 Ja, aber wie können uns diese Ausführungen dann befriedigen? – Nun, Deine Fragen waren ja auch schon in dieser Sprache abgefasst; mussten in dieser Sprache ausgedrückt werden, wenn etwas zu fragen war!
                 Und Deine Skrupel sind Missverständnisse.
                 Deine Fragen beziehen sich auf Wörter, so muss ich von Wörtern reden.
 
  
 
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Wenn die Philosophie vom Gebrauch des Worts “Philosophie” redet, so könnte man meinen, es muss also eine Philosophie zweiter Ordnung geben. Aber es ist eben nicht so; sondern der Fall entspricht dem der Rechtschreibelehre, die es auch mit dem Wort “Rechtschreibelehre” zu tun hat, aber dann nicht eine ˇRechtschreibelehre zweiter Ordnung ist.)
 
  
 
131
100
                 Eine Hauptquelle unseres Unverständnisses ist, dass wir den Gebrauch unserer Wörter nicht übersehen. – Unserer Grammatik fehlt es an Uebersichtlichkeit. – Die übersichtliche Darstellung vermittelt das Verständnis, welches eben darin besteht, dass wir die ‘Zusammenhänge sehen’. Daher die Wichtigkeit des Findens ˇ& des Erfindens [der|von] Zwischengliedern.
 
  
 
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                 Der Begriff der übersichtlichen Darstellung ist für uns von grundlegender Bedeutung. Er bezeichnet unsere Darstellungsform, die Art, wie wir die Dinge sehen. (Vielleicht eine Art der ◇◇◇ ˇÄhnlich einer ‘Weltanschauung’.) Spengler,.)
 
  
 
⌊⌊ˇ
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                 Ein philosophisches Problem hat die Form: “[I|i]ch kenne mich nicht aus.”
⌋⌋
 
  
 
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                 Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben.
          Denn sie kann ihn auch nicht begründen.
          Sie lässt alles wie es ist.
          Sie lässt auch die Mathematik wie sie ist und keine mathematische Entdeckung kann sie weiter bringen.
Ein “führendes Problem der mathematischen Logik” (Ramsey ˇz.B.) ist ˇfür uns ein Problem der Mathematik, wie jedes andere.
 
  
 
102 135
                 Ein Gleichnis gehört zu unserem Gebäude; aber wir können auch aus ihm keine Folgen ziehen; es führt uns nicht über sich selbst hinaus, sondern muss als Gleichnis stehen bleiben. – Wir können keine Folgerungen daraus ziehen. So, wenn wir den Satz mit einem Bild vergleichen (wobei ja, was wir unter “Bild” verstehen, schon früher in uns festliegen muss), oder die Anwendung der Sätze, das Operieren mit Sätzen, mit der Anwendung eines Kalküls, z.B. des Multiplizierens.
 
  
 
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                 Die Philosophie stellt eben alles bloss hin, und erklärt und folgert nichts. – Da alles offen daliegt, ist auch nichts zu erklären. Denn, was etwa verborgen ist, interessiert uns nicht.
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                 “Philosophie” könnte man auch das nennen, was vor allen neuen Entdeckungen und Erfindungen möglich ist.
Wenn Einer die Lösung des Problems des Lebens’ gefunden zu haben glaubt und sich sagen wollte, jetzt sei alles ganz leicht, so brauchte er sich zu seiner Widerlegung nur erinnern, dass es eine Zeit gegeben hat, wo die Lösung nicht gefunden war; aber auch zu der Zeit musste man leben können, und im Hinblick auf sie erscheint die gefundene Lösung als ein Zufall. Und so geht es in der Logik. Wenn es eine ‘Lösung’ – wie eines mathematischen Problems – der logischen, d.i. philosophischen Probleme gäbe, so müssten wir uns nur vorhalten, dass sie ja einmal nicht gelöst waren (und auch da musste man leben und denken können).
 
  
 
104 137
                 Die Arbeit des Philosophen ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck.
                 (Die Anlage zur Philosophie beruht auf der Fähigkeit, von einer Tatsache der Grammatik einen starken und nachhaltigen Eindruck zu empfangen.)
Das Lernen der Philosophie ist wirklich ein Rückerinnern. Wir erinnern uns, dass wir die Worte wirklich auf diese Weise gebraucht haben.
                 Wollte man Th Thesen in der Philosophie aufstellen, es könnte nie über sie zur Diskussion kommen, weil Alle mit ihnen einverstanden wären.
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           [gehört nicht hierher]
                 Die philosophisch wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen. (Man kann es nicht bemerken, weil man es immer offen vor Augen hat.) Die eigentlichen Grundlagen seiner Forschung fallen dem Menschen gar nicht auf. Es sei denn, dass ihm dies einmal aufgefallen ist. – Und das heisst, das Auffallendste (Stärkste) : was einmal gesehen, das Auffallendste scheint, wird, ist, fällt ihm nicht auf.
 
  
 
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WDer [p|P]hilosopˇiert trachtet das erlösende Wort zu finden, das ist das Wort, das uns endlich erlaubt, das zu fassen, was bis dahin, ungreifbar, unser Bewusstsein belastet hat. (Es ist, wie wenn uns ein Haar auf der Zunge liegt; man spürt es, aber kann es nicht fassen und darum nicht los werden.)
                 Eine unsrer wichtigsten Aufgaben ist es, alle falschen Gedankengänge so charakteristisch auszudrücken, dass der Andre sagt: “Ja, genau so hab ich es gemeint”. Die Physiognomie jedes Irrtums nachzuzeichnen. Wir können auch nicht den Andern eines Fehlers überführen, es sei denn, dass er diesen Ausdruck als den eigentlichen Ausdruck seines Gefühls anerkennt. – Nämlich nur, wenn er ihn als solchen anerkennt, ist er der richtige Ausdruck. (Psychoanalyse.) Was der Andre anerkennt, ist die Analogie, die ich ihm darbiete, als Quelle seines Gedankens.
140
stellen. – So kann [d|D]er Bann, in dem uns eine Analogie hält, ˇkann gebrochen werden, wenn man ihr eine andere an die Seite stellt, die wir als gleichberechtigt anerkennen. – Wir sind ˇz.B. geneigt, den Satz der Identität als Grundgesetz des Seins fallen zu lassen, wenn uns ein System des Ausdrucks gezeigt wird, das diesen Satz mit andern, die uns auf ähnliche Weise beunruhigen, systematisch aus unsrer Notation ausschliesst. undUnd wir
 
  
 
1
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                  Wir So wir ˇuns auch vom Bann des ˇZwang eines logischen Ideals, indem wir es als Bild anerkennen und seinen Ursprung angeben. – Wie bist Ddu zu diesem Ideal gekommen; aus welchem Material hast Ddu es geformt? Welche

konkrete
Vorstellung ˇ war sein eigentliches Urbild? Dies müssen wir uns fragen, sonst können wir seinen irreführenden Aspekt nicht los werden. (Aesthetik.)
 
  
 
128 142

Es ist ˇz.B. von der grössten Bedeutung, dass wir uns ˇz.B. zu einem Kalkül der Logik immer ein Beispiel denken, worauf er wirklich anzuwenden ist; und nicht Beispiele geben und sagen: dies seien nicht die idealen, für die der Kalkül wirklich gelte, diese hätten wir noch nicht. Das ist das Zeichen ein System ˇzeigt einee falschen Auffassung. Kann ich den Kalkül überhaupt verwenden, dann ist das auch die ideale Verwendung, die Verwendung, um die es geht. – Man will nämlich nicht das reale Beispiel als die ideale Verwendung anerkennen, da man in ihm allerlei Verhältnisse sieht, eine Mannigfaltigkeit, die der Kalkül nicht berührt (die er gleichsam übersieht). Aber es ist der wahre Gegenstand, das Material, des Kalküls und er davon hergenommen. Und dies ist kein Fehler, keine Unvollkommenheit des Kalküls. Der Fehler lag darin, seine Anwendung in nebelhafter Ferne zu versprechen.
 
  
 
189 143
                 Man könnte sich denken, dass jemand sagt: “Wenn Einer eine Menge Rutenbündel zählt, – das eigentliche Bündel können ja nicht die Stäbe sein. Denn die Stäbe können abbrechen und herausfallen, – und doch bleibt das Bündel das Bündel. Die Stäbe: das ist etwas Unreinliches, und ich könnte dieses Unklare nicht mit meinen reinen, klaren Zahlen 1, 2, 3, … zählen.” (Aber einmal müsstest Du den
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Schritt doch machen, vom [r|R]einen, Klaren – zum Unreinlichen. Das Reine, Klare aber ist das Spiel der Zeichen.)
1 144

                 Nur so nämlich können wir der Ungerechtigkeit, oder Leere unserer Behauptungen entgehen, indem wir das Vorbild als das, was es ist, als Vergleichsobjekt – sozusagen als Masstab – hinstellen; und nicht als das Vorurteil, dem die Wirklichkeit entsprechend müsse. (Ich denke an [d|D]ie Betrachtungsweise Spenglers[.|;] ) Hierin nämlich liegt liegt der Dogmatismus, in den unsre man beim Philosophieˇren vielsoleicht verf[a|ä]llten. kann.)
 
  
 
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                 Auch sind unsere exakten klaren & einfachen Sprachspiele nicht Vorstudien zu einer künftigen Reglementierung unserer tatsächlichen Sprache, gleichsam erste Annäherungen, ohne Berücksichtigung der Reibung und des Luftwiderstands. Diese Auffassung führt zu Ungerechtigkeiten (Nicod und Russell.) Vielmehr stehen die Sprachspiele da als Vergleichsobjekte, die durch Aehnlichkeit und Unähnlichkeit ein Licht in die Verhältnisse unsrer Sprache werfen sollen.
 
  
 
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                 Wir woll[wir|en] in unserm Wissen vom Gebrauch der Sprache eine Ordnung herstellen, die dies möglich macht.. D.i. ; eine Ordnung zu einem bestimmten Zweck; eine von vielen möglichen Ordnungen. (
Nicht eine
Keine
Ueber-Ordnung. Wir werden zu diesem Zweck immer wieder Unterscheidungen hervorheben, die unsere gewöhnlichen Sprachformen leicht übersehen lassen. Dadurch kann es allerdings den Anschein erhalten, als sähen wir es
als
für
unsre Aufgabe an, die Sprache zu reformieren.
                 So eine Reform für bestimmte praktische Zwecke, die Verbesserung unserer Therminologie zur Vermeidung von Missverständnissen im praktischen Gebrauch, ist wohl möglich. Aber das sind nicht die Fälle, mit denen wir es zu tun haben. Die
Verwirrungen
Konfusionen
, die uns beschäftigen, entstehen, gleichsam, wenn die Sprache feiert, nicht wenn sie arbeitet. (Man könnte sagen: wenn sie leerläuft.)[;|,]
 
  
 
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                 Wir wollen nicht das Regelsystem für die Verwendung unserer Worte in unerhörter Weise verfeinern oder vervollständigen.
                 Denn die Klarheit, die wir anstreben, ist allerdings eine vollkommene. Aber das heisst nur, dass die philosophischen Probleme vollkommen verschwinden sollen.
 
  
 
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                 Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, mit dem Philosophieren aufzuhören, wann ich will. – Die die Philosophie zur Ruhe bringt, so dass sie nicht mehr von Fragen gepeitscht wird, die sie selbst in Frage stellen. – Sondern es wird nun an Beispielen eine Methode gezeigt, und die Reihe dieser Beispiele kann man abbrechen. ‒ ‒ Es werden Probleme gelöst (Schwierigkeiten beseitigt), nicht ein Problem.
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                 Lass uns zu dem Satz zurückkehren: “Jeder Satz sagt: [e|E]s verhält sich so und so.“ – [I|i]nwiefern ist denn dies die Form jedes Satzes? – Es ist vor allem selbst ein Satz, ein deutscher Satz, denn es hat Subjekt und Prädikat (ein Verbum). Wie aber wird dieser Satz angewendet – in unsrer alltäglichen Sprache angewendet? Denn nur daher habe ich ihn ja genommen. – – Wir sagen z.B.: Er erklärte mir seine pekunˇiäre Lage, sagte, es verhält sich so und so, und ich brauche daher einen Vorschuss. Man kann also insofern sagen, jener Satz stünde für irgendwelche Aussagen. Er wird als Satzschema verwendet; aber das nur, weil er den Bau eines deutschen Satzes hat. Man könnte statt seiner ohneweiters auch sagen: “das und das ist der Fall”, oder “so und so liegen die Sachen”, etz. Wir könnten uns aber auch leicht vorstellen, dass Leute für diesen Zweck einen ‘sinnvollen’ Satz verwendenˇten – etwa einen sehr abgedroschenen – wie, “Der Himmel ist blau”. Und wer in der neuern Logik aufgewachsen ist, wird vielleicht sagen: “Er sagte: p, und ich brauche daher einen Vorschuss”. – Aber den Buchstaben ‘p’ wird doch niemand die allgemeine Form eines Satzˇes nennen. – Wie gesagt: – “Es verhält sich so und so” war dies nur dadurch, dass es selbst das ist, was man einen deutschen Satz nennt. Denn es enthält das Für[q|w]ort “es” und das Verbum in der dritten Person der Einzahl. – Aber obschon es ein Satz ist, so hat es doch nur als Satzvariable Verwendung. Zu sagen, dieser Satz stimme mit der Wirklich-
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keit überein (oder nicht überein) wäre offenbarer Unsinn. Und er illustriert also dies, dass ein Merkmal unseres Satzbegriffes der Satzklang ist – wie wir es nennen könnten.
                 Es wäre mir, z.B., nicht eingefallen, statt jenes Satzschemas die Form “es so” zu setzen, und doch könnte in einer Sprache, die (wie z.B. die russische) keine Kopula verwendet, dies sehr wohl als Satzvariable gebraucht werden.
 
  
 
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                 Ja aber haben wir denn nicht einen Begriff davon, was ein Satz ist, was wir unter “Satz” verstehen? – Doch, – insofern wir auch einen Begriff davon haben, was wir unter Spiel verstehen. Gefragt, was ein Satz ist – ob wir nun einem Andern antworten sollen, oder uns selbst – werden wir Beispiele angeben und unter diesen auch, was man induktive Reihen von Sätzen nennen kann; nun, auf diese Weise haben wir einen Begriff vom Satz. (Vergleiche den Begriff des Satzes mit dem Begriff der Zahl!)
 
  
 
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                 Im Grunde ist die Angabe von “es verhält sich so und so” als allgemeine Form des Satzes das Gleiche, wie die Erklärung: ein Satz sei alles, was wahr, oder falsch sein könne. Denn statt “es verhält sich …” hätte ich auch sagen können: “das und das ist wahr”. (Aber auch: “das und das ist falsch”.)
                 Nun ist aber
                               ‘p’ ist wahr = p
                               ‘p’ ist falsch = nicht-p
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Und zu sagen, ein Satz sei alles, was wahr oder falsch sein könne, kommt darau[s|f] hinaus: eEinen Satz nennen wir das, worauf wir in unserer Sprache den Kalkül der Wahrheitsfunktionen anwenden.
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                 Denn hier ist es nun leicht, in einen Irrtum zu verfallen: . Es scheint nämlich, als bestimmte die Erklärung – Satz sei dasjenige, was wahr, oder falsch sein könne – was ein Satz ist, indem sie sage: Was zum Begriff ‘wahr’ passt, oder, worauf der Begriff ‘wahr’ passt, das ist ein Satz. Es ist also so, als hätten wir einen Begriff von wahr und falsch, mit dessen Hilfe wir nun bestimmen können, was ein Satz ist und was keiner. Was in den Begriff der Wahrheit eingreift[,| (]wie ein Zahnrad[,|)] das ist ein Satz.
                 Aber das ist ein irreführendes Bild. – Es ist, als sagte man: “Schachkönig ist die Figur, der man Schach ansagen kann”. Aber das kann doch nur heissen, dass wir in unserm gebräuchlichen Schachspiel nur dem König Schach geben. So wie der Satz, dass nur ein Satz wahr sein könne, nur sagen kann, dass wir “wahr” und “falsch” nur von dem prädizieren, was wir einen Satz nennen. Und was ein Satz ist, ist in einem Sinne bestimmt durch die Regeln des Satzbaus (der deutschen Sprache z.B.), in einem andern Sinne durch den Gebrauch des Zeichens im Sprachspiel. Und der Gebrauch der Wörter “wahr” und “falsch” kann auch ein Bestandteil dieses Spiels sein; und dann gehört er für uns zum Satz, aber
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er ‘passt’ nicht zu ihm. Wie wir auch sagen können, dass Schachgeben gehöre zu unserm Begriff vom Schachkönig (gleichsam als ein Bestandteil desselben). Zu sagen, das Schachgeben passe nicht auf unsern Begriff von den Bauern würde heisse[,|n], dass ein Spiel, in welchem den Bauern Schach gegeben wird, in welchem etwa der verliert, der seine Bauern verliert, dass ein solches Spiel uninteressant wäre, oder zu kompliziert, oder dergleichen.
 
  
 
150
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                 Aber wie ist es denn, wenn wir das Subjekt im Satz bestimmen lernen durch die Frage “Wer oder was …?” – Hier gibt es doch ein ‘Passen’ des Subjekts zu dieser Frage; denn wie erführen wir sonst durch die Frage, was das Subjekt ist? Nun, wir erfahren es in ähnlicher Weise, wie wir erfahren, welcher Buchstabe im Alphabet nach dem ‘K’ kommt, indem wir uns das Alphabet bis zum ‘K’ hersagen. Inwiefern passt nun das ‘L’ zu jener Buchstabenreihe? – Und insofern insofern könnte man auch sagen, “wahr” und “falsch” passe zum Satz, und man könnte ein Kind lehren, Sätze von Ausdrücken zu unterscheiden, die keine Sätze sind, indem man ihm sagt: “Frag Dich, bei ob Du danach sagen kannst ‘ist wahr’! Wenn diese Worte passen, so ist es ein Satz.” (Und ebenso hätte man sagen können: frage Dich, ob Du davor die Worte “Es verhält sich so:” setzen kannst.)

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                 Ja aber kann denn nicht die Bedeutung eines Worts, welche ich verstehe, zum Sinn des Satzes, den ich verstehe, passen? Oder die Bedeutung eines Worts zur Bedeutung eines andern Worts? – Freilich, wenn die Bedeutung des Worts der Gebrauch ist, den wir von ihm machen, das Spiel, das wir mit ihm spielen, dann hat es keinen Sinn, von so einem Passen zu reden: nun verstehen wir aber doch die Bedeutung eines Wortes, wenn wir es hören, oder aussprechen; wir erfassen sie mit einem Schlage; und was wir so erfassen, ist doch etwas Anderes, als der in der Zeit ausgedehnte ‘Gebrauch’!
 
  
 
122 154 154
                 Wenn mir jemand z.B. das Wort “Würfel” sagt, so weiss ich, was es bedeutet. Aber kann mir denn die ganze Verwendung des Wortes vorschweben, wenn ich es so verstehe?
                 Ja, wird aber anderseits die Bedeutung des Worts nicht auch durch diese Verwendung bestimmt? Und können sich diese Bestimmungen nun widersprechen? Kann, was wir so mit einem Schlage erfassen, mit einer Verwendung übereinstimmen, zu ihr passen, oder nicht zu ihr passen? Und wie kann das, was uns in einem Augenblicke gegenwärtig ist, was uns in einem Augenblicke vorschwebt, zu einer Verwendung passen?!
                 Was ist es denn eigentlich, was uns vorschwebt, wenn wir ein Wort verstehen? ‒ ‒ Ist es nicht etwas, wie ein Bild? Kann es nicht ein
99
Bild sein?
                 Nun nimm an, beim Hören des Wortes “Würfel” schwebt Dir ein
Bild
Ding
vor. Etwa das Bild
eines Würfels
Inwiefern kann dies Bild zu einer Verwendung des Wortes “Würfel” passen, oder nicht zu ihr passen? – Vielleicht [d|s]agst Du: “Das ist einfach

; –
:
wenn mir dieses Bild vorschwebt und ich zeige z.B. auf ein dreieckiges Prisma und sage, dies sei ein Würfel, so passt diese Verwendung nicht zum Bild.” – Aber passt sie nicht? Ich habe das Beispiel absichtlich so gewählt, dass es ganz leicht ist, sich eine ‘[p|P]rojektionsmethode’ vorzustellen, nach welcher das Bild nun doch passt.
                 Das Bild des Würfels legte uns allerdings eine gewisse Verwendung nahe, aber ich konnte es auch anders verwenden.
 
  
 
155
123
                 Welcher Art war dann aber mein Irrtum; der, welchen man so ausdrücken möchte: ich hätte geglaubt, das Bild zwinge mich nun zu einer bestimmten Anwendung? Wie konnte ich denn das glauben? Was habe ich denn da geglaubt? Gibt es denn ein Bild, oder etwas einem Bild Aehnliches,
das
was
uns zu einer bestimmten Anwendung zwingt, und war mein Irrtum also eine Verwechslung? – Denn wir könnten geneigt sein, uns auch so auszudrücken: wir seien höchstens unter einem psychologischen Zwang, aber unter keinem logischen. Und da scheint es ja völlig, als kennten wir zweierlei Fälle.
100
 
  
 
                 Was tat denn mein Argument? Es machte Ddich drauf aufmerksam (erinnerte Ddich daran), dass Ddu unter Umständen bereit wärest, auch einen andern Vorgang “Anwendung des Würfelbildes” zu nennen, als nur den, an welchen Ddu ursprünglich gedacht hattest. Dein Glauben, das Bild zwige zwinge Ddich zu einer bestimmten Anwendung bestand also darin, dass Ddir nur der eine Fall und kein andrer einfiel. “Es gibt auch eine andere Lösung” heisst: es gibt auch etwas Anderes, was ich bereit bin ‘Lösung’ zu nennen, worauf ich bereit bin, das und das Bild, die und die Analogie, anzuwenden, etz.
                 Und das Wesentliche ist nun, dass wir sehen, dass uns das Gleiche beim Hören des Wortes vorschweben, und seine Anwendung doch eine andere sein kann. Und hat es dann beidemale die gleiche Bedeutung? Ich glaube, das werden wir verneinen.
 
  
 
124 154 6
                 Aber wie, wenn uns nicht einfach das Bild des Würfels, sondern dazu auch die Projektionsmethode vorschwebt? ‒ ‒ ‒ Wie soll ich mir das denken? – Etwa so, indem ich ein Schema der Projektionsart vor mir sehe. Ein Bild etwa, das zwei Würfel zeigt durch Projektionsstrahlen miteinander verbunden. – Aber bringt mich
denn das
das denn
wesentlich weiter? Kann ich mir nun nicht auch verschiedene Anwendungen dieses Schemas denken?! ‒ ‒ Ja aber kann mir denn also nicht
101
eine Anwendung vorschweben? – Doch; nur müssen wir uns über unsre Anwendung dieses Ausdrucks klarer werden. Nimm an, ich setze jemandem verschiedene Projektionsmethoden auseinander, damit er sie dann anwende; und fragen wir uns, in welchem Falle wir sagen werden, es schwebe ihm die Projektionsmethode vor, welche ich meine.
                 Wir erkennen dafür nun offenbar zweierlei Kriterien an: einerseits das Bild (welcher Art immer es sei) welches ihm zu irgendeiner Zeit vorschwebt, anderseits die Anwendung, die er –
im Laufe der
mit der
Zeit – von dieser Vorstellung macht. (Und ist es hier nicht klar, dass es durchaus unwensentlich ist, dass dieses Bild ihm
in der Phantasie
im Geiste
vorschwebt, und nicht vielmehr als eine Zeichnung vor ihm liegt, oder als Modell; oder etwas ist, das auch etwas in ◇◇◇ von ihm als Modell hergestellt wird?)
155 157

                 Können nun Bild und Anwendung kollidieren? Nun, sie können insofern kollidieren, als uns das Bild eine andere Anwendung erwarten lässt: – weil die Menschen im allgemeinen von diesem Bild diese Anwendung machen.
                 Ich will sagen: Es gibt hier einen normalen Fall und abnormale Fälle.
 
  
 
⌊⌊
158
Nur in normalen Fällen ist der Gebrauch der Worte uns klar vorgezeichnet; wir wissen, haben keinen Zweifel, was wir in diesem oder jenem Fall zu sagen haben. Je abnormaler der Fall, desto zweifelhafter // unsicherer // wird es, was wir nun hier sagen sollen. Und verhielten sich die Dinge ganz anders, als sie sich tatsächlich verhalten: gäbe es z.B. keinen charakteristischen Ausdruck des Schmerzes, der Furcht, der Freude; würde, , was Regel ist, Ausnahme & ˇwas Ausnahme,
zur
was
Regel; oder würden beide zu Erscheinungen von ungefähr gleicher Häufigkeit, – so verlören unsre normalen Sprachspiele damit ihren Witz. – Die Prozedur, ein Stück Butter, Käse oder Fleisch auf die Wage zu legen und nach
◇◇◇
demdiesem
Ausschlag,
dem, was die Wage zeigt, den Preis zu bestimmen, verlöre ihren Witz, wenn es häufiger vorkäme, daß solche Stücke ohne
offenbare
klare
Ursache plötzlich einschrumpften wüchsen, oder ˇeinschrumpften zusammenwüchsen. ˇ(Vergl. № 84) Diese Bemerkung wird viel kläarer werden, wenn wir über Dinge, wie das Verhältnis des Ausdrucks zum Gefühl & [ä|Ä]hnliches gerede[n|t] werden . wird.. ⌋⌋
 
  
 
⌊⌊
158
Nur in einem normalen Falle, ist der Gebrauch der Worte Wörter ˇuns klar vorgezeichnet;
haben keinen Zweifel,
// wir wissen, zweifeln nicht //
was wir in diesem oder jenem Fall zu sagen haben. Je abnormaler der Fall, desto
unsicherer
zweifelhafter
wird es, was wir nun hier sagen sollen.
⌋⌋ ⌊⌊Und verhielten sich die Dinge ganz anders, als sie sich tatsächlich verhalten: gäbe es z.B. keinen charakteristischen Ausdruck des Schmerzes, der Furcht, der Freude; würde, was Regel ist, zur Ausnahme & umgekehrt was ◇◇◇ & was Ausnahme Regel, oder würden die beiden zu ⌋⌋ ⌊⌊ Erscheinungen von ungefähr ˇder gleichen Häufigkeit, – so verlören unsere Sprachspiele damit ihren Witz.⌋⌋ ⌊⌊Die Prozedur, ein Stück Butter, Käse oder Fleisch ◇◇◇ auf die Wage zu legen und nach dem Ausschlag den Preis zu bestimmen, verlöre ihren Witz, wenn ⌋⌋ ⌊⌊ es häufiger vorkäme, daß diese solche Stücke ohne
klare
offenbare
Ursache ◇◇◇ plötzlich
einschrümpften
zusammenschrümpften
oder
anwüchsen
wüchsen
.
⌋⌋ ⌊⌊ Diese Bemerkung wird viel klarer werden, wenn wir über Dinge wie das Verhältnis des Ausdrucks zum Gefühl und Ähnliches reden werden. ⌋⌋ ⌊⌊
158

                 Nur in normalen Fällen ist der Gebrauch der Worte uns klar vorgezeichnet; wir wissen, haben keinen Zweifel, was wir in diesem oder jenem Fall zu sagen haben. Je abnormaler der Fall, desto zweifelhafter // unsicherer // wird es, was wir nun hier sagen sollen. Und verhielten sich die Dinge ganz anders, als sie sich tatsächlich verhalten: gäbe es z.B. keinen charakteristischen Ausdruck des Schmerzes, der Furcht, der Freude; würde, , was Regel ist, Ausnahme & ˇwas Ausnahme,
zur
was
Regel; oder würden beide zu Erscheinungen von ungefähr gleicher Häufigkeit, – so verlören unsre normalen Sprachspiele damit ihren Witz. – Die Prozedur, ein Stück Butter, Käse oder Fleisch auf die Wage zu legen und nach dem diesem ◇◇◇ Ausschlag, dem, was die Wage zeigt, den Preis zu bestimmen, verlöre ihren Witz, wenn es häufiger vorkäme, daß solche Stücke ohne
offenbare
klare
Ursache plötzlich einschrumpften wüchsen, oder ˇeinschrumpften zusammenwüchsen. ˇ(Vergl. № 84) Diese Bemerkung wird viel kläarer werden, wenn wir über Dinge, wie das Verhältnis des Ausdrucks zum Gefühl & [ä|Ä]hnliches gerede[n|t] werden . wird.. ⌋⌋
 
  
 
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                 Betrachten wir zur Klärung unsrer Begriffe diese Art von Sprachspiel: B soll auf den Befehl des A Reihen von Zeichen niederschreiben nach einem bestimmten Bildungsgesetz.
                 Die erste dieser Reihen soll die sein der natürlichen Zahlen im Dezimalsystem. – Wie lernt er dieses
102
System verstehen? – Nun, zunächst werden ihm Zahlenreihen vorgeschrieben und er wird angehalten, sie nachzuschreiben. (Stosse Ddich nicht daran, dass ich sage “Zahlenreihen,”, statt “Reihen von Zahlzeichen”. Du verstehst mich doch!) Und schon hier gibt es eine normale und eine abnormale Reaktion des Lernenden. – Wir führen ihm etwa zuerst beim Nachschreiben der Reihe 0 bis 9 die Hand; dann aber wird die Möglichkeit der Verständigung daran hängen, dass er nun selbständig weiterschreibt. – Und hier können wir uns, z.B., denken, dass er nun zwar selbständig Ziffern kopiert, aber nicht nach der Reihe, sondern regellos einmal die, einmal die. Und dann hört da die Verständigung auf. – Oder aber er macht ‘Fehler’ in der Reihenfolge. – Der Unterschied zwischen diesem und dem ersten Fall ist natürlich einer der Häufigkeit. – Oder: aber er macht einen ‘systematischen Fehler’, er schreibt z.B. immer nur jede zweite Zahl nach; oder er kopiert die Reihe 0, 1, 2, 3, 4, 5, … so: 1, 0, 3, 2, 5, 4, … Hier werden wir beinahe versucht sein, zux sagen, er habe uns falsch verstanden.
                 Aber merke: Es gibt keine scharfe Grenze zwischen einem regellosen und einem systematischen Fehler. D.h.: zwischen dem, was Ddu einen “regellosen”, und dem, was Ddu einen “systematischen Fehler” zu nennen geneigt bist.
                 Man kann ihm nun vielleicht den systema-
103
tischen Fehler abgewöhnen (wie eine Unart). Oder, man lässt seine Art des Kopierens gelten und trachtet, ihm die normale Art als eine Abart, Variation, der seinigen beizubringen. – Und auch hier kann die Lernfähigkeit unseres Schülers abbrechen.
 
  
 
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158
                 Nun lass mich diese Betrachtung für einen Augenblick unterbrechen und fragen: Was meine ich denn, wenn ich sage: “hier kann die Lernfähigkeit des Schülers abbrechen”? Teile ich das aus meiner Erfahrung mit? Natürlich nicht! (Auch wenn ich so eine Erfahrung gemacht hätte.) Und was tue ich denn mit jenem Satz? Ich möchte doch, dass Ddu sagst: “Ja, es ist wahr, das könnte man sich auch denken, das könn konnte auch geschehen!” Aber wollte ich Ddich darauf aufmerksam machen, dass Ddu imstande bist, Ddir dies vorzustellen? ‒ ‒ ‒ Ich wollte dies Bild vor Ddeine Augen stellen, und Ddeine Anerkennung dieses Bildes besteht darin, dass Du nun geneigt bist, einen gegebenen Fall anders zu betrachten: nämlich ihn mit dieser Bilderreihe zu vergleichen. Ich habe Ddeine Anschauungsweise geändert. (Ich habe irgendwo gelesen, dass ˇgewissen indischen Mathematikern zum Beweis eines Satzes eine geometrische Figur dient mit den Worten: “Sieh' dies an!” Auch dies Ansehen bewirkt eine Aenderung der Anschauungsweise.)
 
  
 
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                 Der Schüler schreibe nun die Reihe 0 bis 9 zu unsrer Zufriedenheit. – Und dies wird nur der Fall sein, wenn ihm dies oft gelingt, nicht, wenn er es einmal unter hundert Versuchen richtig macht. (Aber wie oft ist ‘oft’?) Ich führe ihn nun weiter in der Reihe
104
und lenke seine Aufmerksamkeit auf die Wiederkehr der ersten Reihe in den Einern; dann auf diese Wiederkehr in den Zehnern (was nur heisst, dass ich gewisse Betonungen anwende, Zeichen unterstreiche, in der und der Wei[t|s]e untereinander schreibe, u.dgl. ˇund dergleichen). – Und nun setzt er einmal die Reihe selbständig fort,
– –
oder er tut es nicht. – Ja, warum sagst Ddu das, das ist selbstverständlich! – Freilich[!|.] Ich wollte sagen: die Wirkung jeder weiteren Erklärung hänge von seiner Reaktion ab.
                 Aber nehmen wir nun an, er setzt, nach einigen Bemühungen des Lehrers, die Reihe richtig fort, d.h. so, wie
wir
Du und ich
es tun. Nun können wir also sagen: er beherrscht das System. Aber (halt, –) wie weit muss er die Reihe richtig fortsetzen, damit wir das mit Recht sagen können? Es ist klar: Ddu kannst hier keine Begrenzung angeben.
 
  
 
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                 Wenn ich nun aber frage: “Hat er das System verstanden, wenn er die Reihe hundert Stellen weit fortsetzt?” Oder– wenn ich in unserm primitiven Beispiel nicht von ‘verstehen’ reden soll
– hat
: Hat
er das System inne, wenn er die Reihe bis dorthin richtig fortsetzt? – Da wirstd Du man vielleicht sagen: Das System innehaben (oder auch, verstehen) kann nicht darin bestehen, dass man die Reihe bis zu , dieser oder bis zu jener Zahl fortsetzt; das ist nur die Anwendung des Verstehens. Das Verstehen selbst ist ein Zustand, woraus die richtige Verwendung entspringt.
105
 
  
 
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                 Und an was denkst Du man denn da eigentlich? Denkst Du man nicht an das Ableiten einer Reihe aus ihrem algebraischen Ausdruck? Oder doch an etwas dem Analoges? – Aber da waren wir ja schon einmal. Wir können uns ja eben mehr als eine Anwendung eines algebraischen Ausdrucks denken; und jede Anwendungsart kann z[a|w]ar wieder algebraisch niedergelegt werden, aber dies führt uns, selbstverständlich, nicht weiter. – Die Anwendung bleibt ein Kriterium des Verständnisses.
 
  
 
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                 – “Aber wie kann sie das sein? Wenn ich sage, ich verstehe das Gesetz einer Reihe, so sage ich es doch nicht auf Grund der Erfahrung, dass ich bis jetzt den algebraischen Ausdruck so und so angewandt habe! Ich weiss doch von mir selbst jedenfalls, dass ich die und die Reihe meine, gleichgültig, wie weit ich sie tat[ä|s]ächlich entwickelt habe.” –
                 Du meinst also: Du weisst die Anwendung des Gesetzes der Reihe, auch ganz abgesehen von einer Erinnerung an die tatsächlichen Anwendungen auf bestimmte Zahlen. Und Du wirst vielleicht sagen: “Selbstverständlich! denn die Reihe ist ja unendlich und das Reihenstück, das ich entwickeln konnte, endlich.” –
 
  
 
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                 Worin aber besteht dies Wissen? Oder [l|L]Lass mich fragen: Wann weisst Du diese Anwendung? Ich meine: Immer, –? Tag und Nacht? oder nur während Ddu gerade an das Gesetz der Reihe denkst? D.h.: Weisst Du sie, wie Ddu auch das ABC und das Einmaleins weisst und wie Ddu verschiedene Gedichte und Melodien, etz. auswen-
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dig weisst; oder ist das Wissen, wovon Ddu redest, ein Bewusstheitszustand oder Vorgang, etwa ein An-etwas-Denken oder dergleichen?
Denn, [w|W]enn Ddu jetzt verschiedene Melodien auswendig weisst, wie kommt es, dass sie
in deinem Wissen
da
zusammen nicht einen fürchterlichen Missklang geben?
Wenn man Dich mich jemand fragt: “Weisst Du das ABC?” und Du ich antwortest mit mit “ja“, so heisst das sage ich doch nicht, dass Du jetzt eben im Geiste das ABC durchgehste, oder in einem besondern Geistes Seelen ˇGemütszustand bistn, der irgendwie dem Hersagen des ABC äquivalent ist.
 
  
 
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                 Wenn man also sagen wollte, das Wissen des ABC sei ein Zustand der Seele, so kann könnte das (nur) den Zustand eines hypothetischen Seelenapparates bedeuten ⌊⌊denkt man dabei zuvorderst an einem Zustand⌋⌋,
z.B.
etwa
einen Zustand unsˇeres Gehirns, mittels welchem wir die Aeusserungen dieses Wissens erklären. ⌊⌊Zwei verificationen für einen Zustand⌋⌋ Einen seelischen Zustand in diesem Sinne will ich eine Disposition nennen. (Nichts wäre hier irreleitender, als der Gebrauch der Wörter “bewussttes“ und “unbewussttes” Wissen ˇfür den Gegensatz von für jenen Gegensatz von. Denn dieses Wortpaar verhüllt einen grammatischen Unterschied.)
 
  
 
167
165
                 Die Grammatik des Wortes “wissen” ist offenbar eng verwandt der
Grammatik
Grammatikch
der Worte “können”, “imstande sein”. Aber auch eng verwandt der, des Wortes “verstehen”. Denn ich verstehe – schon seit Jahren – wie eine Dampfmaschine funktioniert, wie ich seit Jahren das
Einmaleins
ABC
weiss, und
ein Spiel
Schach
spielen kann. Eine Technik ‘beherrschen’c.
107
 
  
 
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                 Nun gibt es aber auch diese Verwendung des Wortes “wissen”: Wir sagen: “[j|J]etzt weiss ich's!” – und ebenso “[j|J]etzt kann ich's!” und “[j|J]etzt versteh ich's!”.
Stellen wir uns dieses Beispiel vor: A schreibt Reihen von Zahlen an, B sieht ihm zu und trachtet, in der Zahlenfolge ein Gesetz zu finden. Ist es ihm gelungen, so ruft er: “Jetzt kann ich fortsetzen!” – Diese Fähigkeit, dieses Verstehen ist also etwas, was in einem Augenblick eintritt. Schauen wir also doch nach: Was ist es, was hier eintritt? – A habe die Zahlen 1, 5, 11, 19, 29 hingeschrieben; da sagt B, jetzt wisse er weiter. Was geschah da? Es konnte verschiedenerlei geschehen sein; z.B.: Während A langsam eine Zahl nach der andern hinsetzte, ist B damit beschäftigt, verschiedene algebraische Formeln an den angeschriebenen Zahlen zu versuchen. Als A die Zahl 19 geschrieben hatte, versuchte B die Formel an = n² + n ‒ 1; und die nächste Zahl bestätigte seine Annahme.
                 Oder aber: B denkt nicht an Formeln. Er sieht mit einem gewissen Gefühl von Spannung zu, wie A seine Zahlen hinschreibt; dabei schwimmen ihm allerlei unklare Gedanken im Kopf. Endlich sagt er sich: “Was ist die Reihe der Differenzen?” Er findet: 4, 6, 8, 10 und sagt: Jetzt kann ich weiter.
                 Oder er sieht hier hin und sagt: “Ja die Reihe kenn' ich”, und setzt sie fort. Wie er's etwa auch getan hätte, wenn A die Reihe 1, 3, 5, 7, 9, 11 hingeschrieben hätte. Oder er sagt gar nichts und schreibt
108
bloss in der Reihe weiter. Vielleicht hatte er eine Empfindung, die man die Empfindung “das ist leicht!” nennen kann. (Eine solche Empfindung ist z.B. die, eines leichten, schnellen Einziehens des Atems, ähnlich wie bei einem gelinden Schreck.)
 
  
 
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                 Aber sind denn diese Vorgänge, die ich da beschrieben habe, das Verstehen?
                 “B versteht das System der Reihe” heisst doch nicht einfach: B fällt die Formel “an = …” ein! Denn es ist sehr wohl denkbar, dass ihm die Formel einfällt und er doch nicht versteht. “Er versteht”, muss mehr beinhalten als: ihm fällt die Formel ein. Und ebenso auch mehr, als irgendeiner jener, mehr oder weniger charakteristischen, Begleitvorgänge [,| (]oder Aeusserungen) des Verstehens.
 
  
 
168 170

Wir versuchen nun, jenen geistigen Vorgang des Verstehens, der sich, scheint es, hinter diesem leichter erkennbaren Begleiterscheinungen verbirgt, zu erfassen. // Wir versuchen nun, den seelischen Vorgang des Verstehens, der sich, scheint es, hinter jenen gröbern, und daher
uns
leichter
in die Augen fallenden, Begleiterscheinungen versteckt, zu erfassen. // Aber das gelingt nicht. Oder, richtiger gesagt: es kommt gar nicht zu einem wirklichen Versuch. Denn auch angenommen, ich hätte etwas gefunden, was in allen jenen Fällen des Verstehens geschähe, – warum sollte das nun das Verstehen sein? Ja wie konnte denn der Vorgang des Verstehens versteckt sein, wenn ich
109
doch sagte, “jetzt verstehe ich”, weil ich verstand?! Und wenn ich sage, er ist versteckt, – wie weiss ich denn, wonach ich zu suchen habe? – Ich bin in einem Wirrwarr.
 
  
 
134
171
169
                 Aber halt: wenn, “jetzt verstehe ich das System”, nicht das Gleiche sagt, wie “mir fällt die Formel … ein” (oder, was auf dasselbe hinauskommt:[I|i]ch spreche die Formel aus”, “ˇich schreibe sie auf”, etz.) – folgt daraus, dass ich den Satz, “jetzt verstehe ich …”, oder “jetzt kann ich fortsetzen”, als Beschreibung eines Vorgangs verwende, der hinter, oder neben, dem des Aussprechens der Formel besteht?
                 Wenn etwas ‘hinter dem Aussprechen der Formel’ stehen muss, so sind es gewisse Umstände, – die mich berechtigen zu sagen, ich könne fortsetzen, wenn mir die Formel einfällt.
                 Denk' doch einmal gar nicht an das Verstehen als ‘seelischen Vorgang’! – Denn das ist die Redeweise, die Ddich verwirrt. Sondern frage Ddich: in was für einem Fall, unter was für Umständen, sagen wir denn: “jetzt weiss ich weiter”, wenn
uns
mir
ˇnämlich die Formel eingefallen ist? ⌊⌊
                 In dem Sinne, in welchem es für das Verstehen charakteristische Vorgänge (auch seelische Vorgänge) gibt, ist das Verstehen kein seelischer Vorgang.
⌋⌋
 
  
 
170 172

Es ist jene Redeweise, die
uns
Dich
hindert, die Tatsachen unparteiisch zu sehen. (Betrachte die Aussprache eines Worts durch die Darstellungsform der Schreibung!
Wie leicht kann man sich ˇda überreden, dass zwei Worte (z.B. “für” und “führ”) im täglichen Gebrauche doch verschieden klingen; ˇverschiedenen Klang haben weil man sie verschieden ausspricht,
110
wenn man sein Augenmerk gerade auf den Unterschied ihrer Schreibung richtet. Damit zu vergleichen: , ˇ ist die Meinung, ein Violinspieler mit feinem Gehör greife f immer etwas höher als eis. [Ue|Ü]berlege Dirch solche Fälle! Überlege Fälle dieser Art! – Soch ˇetwa kann ˇes geschehen daß das Darstellungsmittel eine Einbildung erzeugent ⌊⌊ So kann es geschehen, daß So, auf diese Art Weise, kann das Darstellungsmittel So ist es, wenn das Darstellungsmittel So geht es vor sich, wenn das Darstellungsmittel ⌋⌋. Also denk' nicht, Du ˇDenken wir also nicht, wir müsstestn einen spezifischen seelischen Vorgang finden, weil das
Verbum
Tätigkeitswort
“verstehen” dasteht und weil man sagt: Vchverstehen Verstehen sei eine seelische Tätigkeit.
 
  
 
17[1|3]
                 Ich wollte also sagen: Wenn er plötzlich weiter wusste, das System verstand, so hatte er
etwa
allerdings
ein besonderes Erlebnis – welches er etwa beschreiben wird, wenn man ihn fragt: “wie war das, was ging da vor, als Ddu das System plötzlich begriffst?”, ähnlich, wie er Wir es in (132 168) beschrieben haben
–;
das aber, was ihn für uns berechtigt, in so ein[n|e]m Fall zu sagen, er verstehe, er wisse weiter, sind die Umstände, unter denen er ein solches Erlebnis hatte.
Dies wird aber klarer werden, wenn ich wir die Betrachtung der Worte “verstehen” und “wissen” hier unterbrecheˇn und die eines andern Wortes einschalteˇn nämlich des Wortes “lesen”.
 
  
 
135 17
4
2
                 Zuerst muss ich bemerken, dass ich zum ‘Lesen’, in dieser Betrachtung, nicht das Verstehen des Sinns des Gelesenen rechne; sondern Lesen ist hier die Tätigkeit, Geschriebenes oder Gedrucktes in Laute umzusetzen; aber auch aber, nach Diktat zu schreiben, oder Gedrucktes
111
abzuschreiben, ˇnach Noten zu singen, u. dgl. und dergleichen.
                 Der Gebrauch dieses Wortes unter den Umständen unsres gewöhnlichen Lebens ist uns natürlich ungemein wohl bekannt. Die Rolle aber, die das Wort in unserm Leben spielt, und damit das Sprachspiel, in dem wir es verwenden, wäre schwer auch nur in groben Zügen darzustellen. Ein Mensch, sagen wir ein Deutscher, ist in der Schule, oder zu Hause, durch eine der bei uns üblichen Unterrichtsarten gegangen, er hat in diesem Unterricht seine Muttersprache lesen gelernt. Später liest er Bücher, Briefe, die Zeitung u.a..
                 Was geht nun vor sich, wenn er, z.B., die Zeitung liest? ‒ ‒ Seine Augen gleiten – wie wir sagen – den gedruckten Wörtern entlang, er spricht sie laut aus, – oder sagt sie nur zu sich selbst; und zwar gewisse Wörter, indem er ihre Druckform als Ganzes erfasst, andere, nachdem sein Aug die ersten Silben erfasst hat,
andere
einige
wieder liest er Silbe für Silbe, und das eine oder andre vielleicht Buchstabe für Buchstabe. – Wir würden auch sagen, er habe einen Satz gelesen, wenn er während des Lesens weder laut noch zu sich selbst spricht, aber danach im Stande ist, den Satz wörtlich oder annähernd wiederzugeben. – Er kann auf das achten, was er liest, oder auch – wie wir sagen könnten – als blosse Lesemaschine funktionieren, ich meine, laut und richtig lesen, ohne auf das, was er liest, zu achten, – vielleicht während seine Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes gerichtet ist (so dass er nicht im Stande ist, zu sagen, was er gelesen hat, wenn wir ihn gleich darauf fragen). –
112
Vergleiche nun mit diesem Leser einen Anfänger. Er liest die Wörter, indem er sie mühsam buchstabiert. – Einige Wörter aber errät er aus dem Zusammenhang; oder er weiss das Lesestück vielleicht zum Teil schon auswendig. – Der Lehrer sagt dann, dass er die Wörter nicht wirklich liest (und in gewissen Fällen, dass er nur vorgibt, sie zu lesen).
                 Wenn wir an dieses Lesen, an das Lesen des Anfängers, denken, und uns fragen, worin Lesen besteht, werden wir geneigt sein, zu sagen: es sei eine besondere bewusste geistige Tätigkeit.
                 Wir sagen von dem Schüler auch: “Nur er weiss natürlich, ob er wirklich liest, oder die Worte bloss auswendig sagt.” (Ueber diese
Sätze
Aussagen
: “Nur er weiss, …” muss später noch geredet werden.)
                 Ich will aber sagen: wir müssen zugeben, dass – was das Aussprechen irgend eines der gedruckten Wörter betrifft – im Bewusstsein des Schülers, der ‘vorgibt’ zu lesen, das Gleiche stattfinden kann, wie im Bewusstsein des geübten Lesers, der es liest. Das Wort “lesen” wird anders angewandt, wenn wir vom Anfänger – und wenn wir vom geübten Leser sprechen. ‒ ‒ ‒ Wir möchten nun freilich sagen: Was im geübten Leser und was im Anfänger vor sich geht, wenn sie das Wort aussprechen, kann nicht das Gleiche sein. Und wenn der Unterschied nicht in dem liegt, was ihnen gerade bewusst ist, so liegt er im Unbewussten des Geistes.
113
// Und wenn kein Unterschied in dem wäre, was ihnen gerade bewusst ist, so im unbewussten Arbeiten ihres Geistes; oder auch im Gehirn. // – Wir möchten also sagen: Hier sind jedenfalls zwei verschiedene Mechanismen! Und was in ihnen vorgeht, muss Lesen von Nicht-lesen unterscheiden. – Aber diese Mechanismen sind doch nur Hypothesen;
Modelle
Konstruktionen
zur Erklärung, zur Zusammenfassung dessen, was Ddu wahrnimmst.
 
  
 
136
175
173
                 Ueberlege Ddir folgenden Fall: Menschen, oder andere Wesen, würden von uns als Lesemaschinen benützt. Sie werden zu diesem Zweck abgerichtet. Der, welcher sie abrichtet, sagt von Einigen, sie können schon lesen, von Andern, sie könnten es noch nicht. Nimm den Fall eines Schülers, der bisher nicht mitgetan hat: zeigt man ihm ein geschriebenes Wort, so wird er manchmal irgendwelche Laute hervorbringen, und hie und da geschieht es dann ‘zufällig’, dass sie ungefähr stimmen. Ein Dritter hört diesen Schüler in so einem Fall und sagt: “Er liest”. Aber der Lehr[o|e]r sagt: “Nein, er liest nicht; es wahr war nur ein Zufall.” – Nehmen wir aber an, dieser Schüler, wenn ihm nun weitere Wörter vorgelegt werden, reagiert auf sie fortgesetzt richtig. Nach einiger Zeit sagt der Lehrer: “Jetzt kann er lesen!” – Aber wie war es mit jenem ersten Wort? Soll der Lehrer sagen: “Ich hatte mich geirrt, er hat es doch gelesen” – oder: “Er hat erst sp[t|ä]ter angefangen, wirklich zu lesen”? – Wann hat er angefangen, zu lesen? Welches ist das erste Wort, das er gelesen hat? Diese Frage ist hier sinnlos. Es sei denn, wir erklärten: “Das erste Wort, das Einer ‘liest’,
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ist das erste Wort der ersten Reihe von 50 Wörtern, die er richtig liest” (oder
dergl.
dgl.
).
                 Verwendendeten wir dagegen “Lesen” für ein gewisses ⌊⌊⌋⌋ Erlebnis des [Ue|Ü]bergangs vom Zeichen zum gesprochenen Laut, dann hat es wohl Sinn, von einem ersten Wort zu sprechen, das er wirklich gelesen hat. Er kann dann etwa sagen: “Bei diesem Worte hatte ich zum ersten Male das Gefühl, ‘jetzt lese ich’.”
                 Oder aber in dem hievon verschiedenen Fall einer Lesemaschine, die, etwa nach Art des Pianola, Zeichen in Laute übersetzt, könnte man sagen: “Erst nachdem dies und dies an der Maschine geschehen war – die Teile durch Drähte verbunden worden waren – hat die Maschine gelesen; das erste Zeichen, welches sie gelesen hat, war ….”
                 Im Falle aber der lebenden Lesemaschine hiess “lesen”: so und so auf Schriftzeichen reagieren. Dieser Begriff war also ganz unabhängig von dem eines seelischen, oder andern, Mechanismus. – Der Lehrer kann hier auch vom Abgerichteten nicht sagen: “Vielleicht hat er dieses Wort schon gelesen”. Denn es ist ja kein Zweifel über das, was er getan hat“. Die Veränderung, als der Schüler zu lesen anfing, war eine Veränderung seines Verhaltens; und von einem ‘ersten Wort im neuen Zustand’ zu reden, hat hier keinen Sinn.
 
  
 
176
174
                 Aber liegt dies nicht nur an unserer zu geringen Kenntnis der Vorgänge im Gehirn und im Nervensystem? Wenn wir diese genauer kennten, würden wir sehen, welche Verbindungen durch das Abrichten hergestellt worden waren
115
und wir könnten dann, wenn wir ihm ins Gehirn sähen, sagen: ‘Dieses Wort hat er jetzt gelesen, jetzt war die Leseverbindung hergestellt’.” – Und das muss wohl so sein denn wie könnten wir sonst so sicher sein, dass es eine solche Verbindung gibt? Das ist wohl a priori so, – oder ist es nur wahrscheinlich? – Und wie wahrscheinlich ist es denn? Frage Ddich doch, was weisst Ddu denn von diesen Sachen?! – Ist es aber a priori, dann heisst das, dass es eine uns sehr einleuchtende Darstellungsform ist.
 
  
 
137 175 177
                 Aber wir sind, wenn wir darüber nachdenken, versucht zu sagen: das einzig wirkliche Kriterium dafür, dass Einer liest, ist der bewusste Akt des Lesens, des Ablesens der Laute von den Buchstaben. “Ein Mensch weiss doch, ob er liest, oder nur vorgibt, zu lesen!” – Angenommen, A will den B glauben machen, er könne cyrillische Schrift lesen. Er lernt einen russischen Satz auswendig und sagt ihn dann, indem er die gedruckten Wörter ansieht, als läse er sie. Wir werden hier gewiss sagen, A wisse, dass er nicht liest, und er empfinde, während er zu lesen vorgibt, eben dies. Denn es gibt natürlich eine Menge für das Lesen eines Satzes im Druck mehr, oder weniger charakteris[ch|ti]scher Emˇpfindungen; es ist nicht schwer, sich solche ins Gedächtnis zu rufen; denke an Empfindungen des Stockens, genaueren Hinsehens, Verlesens, der grösseren und geringeren Geläufigkeit der Wortfolgen, u.a.. Und ebenso gibt es charakteristische Empfin-
116
dungen für das Aufsagen von etwas Aus[g|w]endiggelerntem. Und A wird in unserm Fall keine von den Empfindungen haben, die für das Lesen charakteristisch sind und er wird etwa eine Reihe von Empfindungen haben, die für das Schwindeln charakteristisch sind.
 
  
 
178
138
                 Denke Dir aber diesen Fall: Wir geben Einem, der fliessend lesen kann, einen Text zu lesen, den er nie zuvor gesehen hat. Er liest ihn uns vor; aber mit der Empfindung, als sage er etwas Auswendiggelerntes (dies könnte die Wirkung irgendeines Giftes sein). Würden wir in einem solchen Falle sagen, er läse das Stück nicht wirklich? Würden wir hier also seine Empfindungen als Kriterium dafür gelten lassen, ob er liest oder nicht?
                 Oder aber: Wenn man einem Menschen, der unter dem Einfluss eines bestimmten Giftes steht, eine Reihe von Schriftzeichen vorlegt, die aber keinem existierenden Alphabet anzugehören brauchen, so
spreche
spricht
er nach der Anzahl der Zeichen Wörter aus, so als wären die Zeichen Buchstaben, und zwar mit allen äusseren Merkmalen und mit Empfindungen des Lesens. (Aehnliche Empfin Erfahrungen haben wir in Träumen[:|.] [n|N]ach dem Aufwachen sagt man dann etwa: “Es kam mir vor, als läse ich die Zeichen, – obwohl es gar keine Zeichen waren.”) In so einem Fall würden Manche geneigt sein, zu sagen, der Mensch lese diese Zeichen; Andere, er lese sie nicht. – Angenommen, er habe auf diese Weise eine
112
Gruppe von vier Zeichen als “OBEN” gelesen (oder gedeutet); nun zeigen wir ihm die gleichen Zeichen in umgekehrter Reihenfolge und er liest “NEBO” und so behält er der ein bei weiteren Versuchen immer die gleiche Deutung ˇder einzelnen Zeichen bei: hier wären wir wohl geneigt, zu sagen, er lege sich ad hoc ein Alphabet zurecht und lese dann danach.
 
  
 
139
179
177
                 Bedenke nun auch, dass es eine kontinuierliche Reihe von Uebergängen gibt zwischen dem Falle, in welchem jemand das auswendig hersagt, was er lesen soll, und dem, in welchem er jedes Wort Buchstabe für Buchstaben liest, ohne jede Hilfe des Erratens aus dem Zusammenhang, oder des Auswendigwissens.
                 Mache diesen Versuch: Sage die Zahlenreihe von 1 bis 12. – Nun schau auf das Zifferblatt Ddeiner Uhr und lies diese Reihe. – Was hast Ddu in diesem Falle “lesen” genannt? Das heisst: was hast Ddu getan, um es zum Lesen zu machen?
 
  
 
140
180
178
                 Versuchen wir diese Erklärung: Jemand liest, wenn er die Reproduktion von der Vorlage ableitet. Und ‘Vorlage’ nenne ich den Text, welchen er liest, oder abschreibt, das Diktat, nach welchem er schreibt, die Partitur, die er spielt, etz. etz.. – Wenn wir nun z.B. jemand das cyrillische Alphabet gelehrt hätten und wie jeder Buchstabe auszusprechen sei; wenn wir ihm dann ein Lesestück vorlegen und er liest es, indem er jeden Buchstaben so ausspricht, wie wir es ihn gelehrt haben; dann werden wir wohl sagen, er leite den
118
Klang eines Wortes vom Schriftbild mit Hilfe der Regel, die wir ihm gegeben haben, ab. Und dies ist auch ein klarer Fall des Lesens. (Wir könnten sagen, wir haben ihn die ‘Regel des Alphabets’ gelehrt.)
                 Aber warum sagen wir, er habe die gesprochenen Worte von den gedruckten abgeleitet? Wissen wir mehr, als dass wir ihn gelehrt haben, wie jeder Buchstabe auszusprechen sei, und dass er dann die Worte laut gelesen habe? Wir werden vielleicht antworten: der Schüler zeige –, dass er den [U|Ü]ebergang vom Gedruckten zum Gesprochenen mit Hilfe der
Regel
Anleitung
macht, die wir ihm gegeben haben. – Wie man dies zeigen könne, wird klarer, wenn wir unser Beispiel dahin abändern, dass der Schüler, statt de[m|n] gedruckten Text vorzulesen, ihn abzuschreiben hat, ihn aus der Druckschrift in die Schreibschrift zu übertragen hat; denn in diesem Fall können wir ihm die Regel in Form einer Tabelle geben: in einer Kollonˇne stehen die Druckbuchstaben, in der andern die Kursivbuchstaben. Und dass er die Schrift vom Gedruckten ableitet, zeigt sich darin, dass er in der Tabelle nachsieht.
 
  
 
141
181
179
                 Aber wie, wenn er dies täte, und dabei ein A immer in ein b, ein B in ein c, ein C in ein d umschriebe, u.s.f., und ein Z in ein a? – Auch das würden wir doch ein Ableiten nach der Tabelle nennen. – Er gebraucht sie nun, könnten wir sagen, nach dem ˇzweiten Schema im § 90 statt nach dem: ersten.
119
→Auch das wäre wohl noch ein Ableiten nach der Tabelle, wenn der Gebrauch, den er von ihr macht, durch ein Pfeilschema ohne alle einfache Regelmässigkeit wiedergegeben ist. –
                 Aber nimm an, er bleibe nicht bei einer Art des Transkribieierens; sondern ändere sie nach einer einfachen Regel: Hat er einmal ein A in ein n umgeschrieben, so schreibt er das nächste A in ein o, das nächste in ein p um, u.s.w..– Aber wo ist die Grenze zwischen diesem Vorgehen und dem eines re[l|g]ellosen?
                 Aber heisst das nun, das Wort “ableiten” habe eigentlich keine Bedeutung, da es ja schein[g|t], dass diese, wenn wir ihr nachgehen, in nichts zerfliesst?
 
  
 
18[0|2] 2
                 Im Falle (140
180
178
) stand die Bedeutung des Wortes “ableiten” klar vor uns. – Aber wir sagten uns, dies sei nur ein ganz spezieller Fall des Ableitens; eine ganz spezielle Einkleidung; diese musste ihm abgestreift werden, wenn wir das Wesen des Ableitens erkennen wollten. Nun streiften wir ihm die besonderen Hüllen ab; aber da
zerging
verschwand
das Ableiten selbst. – Um die eigentliche Artischoke zu finden, hatten wir sie ihrer Blätter entkleidet. Denn es war freilich (140
180
178
) ein spezieller Fall des Ableitens, aber das Wesentliche des Ableitens war nicht unter dem [ä|Ä]usseren dieses Falls versteckt, sondern dieses [A|Ä]eussere war ein Fall aus der Familie der Fälle des Ableitens.
                 Und so verwenden wir auch das Wort “Lesen” für eine Familie von Fällen. Und wir wenden unter verschie-
120
denen Umständen verschiedene Kriterien an dafür, dass Einer liest.
 
  
 
142 181 3
                 “Aber lesen – möchten wir sagen – ist doch ein ganz bestimmter Vorgang! Lies eine Druckseite, dann kannst Du's sehen, es geht da etwas Besonderes vor und etwas höchst Charakteristisches.” – Nun, was geht denn vor, wenn ich den Druck lese? Ich sehe gedruckte Wörter und spreche Wörter aus. Aber das ist natürlich nicht alles, denn ich könnte gedruckte Wörter sehen und Wörter aussprechen und es wäre doch nicht Lesen. Auch dann nicht, wenn die Wörter, die ich spreche, die sind, die man, zufolge einem bestehenden Alphabet, von jenen gedruckten ablesen soll. – Und wenn Ddu sagst, das Lesen sei ein bestimmtes Erlebnis, so spielt es ja gar keine Rolle, ob Ddu nach einer von Menschen all[l|g]emein anerkannten Regel des Alphabets liest, oder nicht. – Worin besteht also das Charakteristische am Erlebnis des Lesens? – Da möchte ich sagen: “Die Worte, die ich ausspreche, kommen in besonderer Wiese.” Nämlich sie kommen nicht so, wie sie kämen, wenn ich sie z.B. ersänne. – Sie kommen von selbst. – Aber auch das ist nicht genug; denn es können mir ja
Wortklänge
Lautreihen
einfallen, während ich auf die gedruckten Worte schaue, und ich habe damit diese doch nicht gelesen. – Da könnte ich noch sagen, dass mir die gesprochenen Wörter auch nicht so einfallen, als erinnerte mich, z.B., etwas an sie. Ich möchte z.B. nicht sagen: das Druckwort “nichts” erinnert mich immer
121
an den Laut “nichts”. – Sondern die gesprochenen Wörter schlüpfen beim Lesen gleichsam herein. Ja, ich kann ein deutsches gedrucktes Wort gar nicht ansehen, ohne einen eigentümlichen Vorgang des innern Hörens des Wortkla[gn|ng]s.
 
  
 
143 182 184
                 Ich sagte, die gesprochenen W[o|ö]rteˇr, beim Lesen, kämen ‘in besonderer Weise’; aber in welcher Weise? Ist dies nicht eine Fiktion? Sehen wir uns einzelne Buchstaben an und geben acht, in welcher Weise der Laut des Buchstabens kommt. Lies den Buchstaben A. Nun, wie kam der Laut? – Wir wissen gar nichts darüber zu sagen. – Nun schreib' ein kleines lateinisches A. – Wie kam die Handbewegung beim Schreiben? aAnders als der Laut im vorigen Versuch? Ich habe auf den Druckbuchstaben gesehen und schrieb den Kursivbuchstaben; mehr weiss ich nicht. – Nun schau auf das Zeichen und lass Dir dabei einen Laut einfallen; sprich ihn aus. Mir fiel der Laut U ein, aber ich könnte nicht sagen, es war ein wesentlicher Unterschied in der Art und Weise, wie dieser Laut kam. Der Unterschied lag in der etwas andern Situation: ich hatte mir vorher gesagt, ich solle mir einen Laut einfallen lassen; es war eine gewisse S[ö|p]annung da, ehe der Laut kam. Und ich sagte mir nicht: “Das ist ein U”, wie beim Anblick des Buchstaben ‘U’. Auch war mir jenes Zeichen nicht vertraut, wie die Buchstaben; ich sah es gleichsam gespannt, mit einem gewissen Interesse für seine Form, an, ich dachte dabei an ein umgekehrtes σ. ‒ ‒ Stelle Ddir vor, Ddu müsstest nun dieses Zeichen
regelmässig
wirklich
als Laut-
122
zeichen benützen; Du gewöhnst Dich also daran, bei seinem Anblick einen bestimmten Laut auszusprechen, etwa den Laut ‘sch’. Können wir mehr sagen, als dass nach einiger Zeit dieser Laut automatisch kommt, wenn wir das Zeichen ansehen? D.h.: ich frage mich bei seinem Anblick nicht mehr: “Was ist das für ein Buchstabe?” – auch sage ich mir natürlich nicht: “Ich will bei diesem Zeichen den Laut ‘sch’ aussprechen” – noch auch: “Dieses Zeichen erinnert mich irgendwie an den Laut ‘sch’”.
⌊⌊ˇ (Vergleiche damit die Idee: das Gedächtnisbild habe ein besonderes Merkmal.) ⌋⌋
 
  
 
144 185
                 Was ist nun an dem Satz, das Lesen sei doch ‘ein ganz bestimmter Vorgang’? Das heisst doch wohl, beim Lesen finde immer ein bestimmter Vorgang statt, den wir wiedererkennen. – Aber wenn ich nun einmal einen Satz i[n|m] Druck lese und einandermal nach Morsezeichen schreibe, – findet hier wirklich der gleiche seelische Vorgang statt? – Dahingegen ist aber freilich eine Gleichförmigkeit in dem Erlebnis des Lesens einer Druckseite. Denn der Vorgang ist ja ein gleichförmiger. Und es ist ja leicht verständlich, dass sich dieser Vorgang unterscheidet von dem etwa, sechs Wörter beim Anblick beliebiger Striche einfallen zu lassen. – Denn schon der blosse Anblick einer gedruckten Zeile ist ja ungemein charakteristisch, d.h., ein ganz spezielles Bild: Die Buchstaben alle von ungefähr der gleichen Grösse, auch der Gestalt nach verwandt, immer wiederkehrend; die Wörter, die zum grossen Teil sich ständig wiederholen und uns unendlich wohlvertraut sind, ganz wie wohlvertraute Gesichter. – Den-
123
ke an das Unbehagen, das wir empfinden, wenn die Rechtschreibung eines Wortes geändert wird. ([u|U]nd an die noch tieferen Gefühle, die Fragen der Schreibung von Wörtern aufgeregt haben.). Freilich, nicht jede Zeichenform hat sich uns tief eingeprägt. Ein Zeichen, wie Russells “~” für die Verneinung, kann durch ein beliebiges andere ersetzt werden, ohne dass tiefe Gefühle in uns aufgeregt würden. – Bedenke, dass das gesehene Wortbild uns in ähnlicher Weise vertraut ist, wie das gehörte.
 
  
 
145 18
6
4
                 Auch gleitet der Blick anders über die gedruckte Zeile, als über eine Reihe beliebiger Haken und Schnörkel (Ich rede hier aber nicht von dem, was durch Beobachtung der Augenbewegung des Lesenden festgestellt werden kann.) der Blick gleitet, möchte man sagen, besonders widerstandslos: ohne hängenzubleiben; und doch rutscht er nicht.
 
  
 
Und dabei geht ein unwillkürliches Sprechen in der Vorstellung vor sich. Und so verhält es sich, wenn ich Deutsch und andere Sprachen lese, gedruckt, oder geschrieben, und in verschiedenen Schriftformen. – Was aber von dem allen ist für das Lesen als solches wesentlich? Nicht ein Zug, der in allen Fällen des Lesens vorkäme! (Vergleiche mit dem Vorgang beim Lesen der gewöhnlichen Druckschrift das Lesen von Worten, die ganz in Grossbuchstaben gedruckt sind, wie manchmal die Auflösungen von Rätseln. Welch anderer Vorgang! Oder das Lesen unserer Schrift von rechts nach links.)
 
  
 
146 18
7
5
                 Aber empfinden wir nicht, wenn wir lesen,
124
eine Art Verursachung unseres Sprechens durch die Wortbilder? Lies einen Satz! – und nun schau der Reihe
entlang und sprich dabei einen Satz. Ist es nicht
fühlbar
klar
, dass im ersten Fall das Sprechen mit dem Anblick der Zeichen verbunden war und im zweiten ohne Verbindung neben dem Sehen der Zeichen herläuft?
                 Aber warum sagst Ddu, wir fühlten eine Verursachung? Verursachung ist doch das, was wir durch Experimente feststellen, indem wir
, – z.B. –,
(beiläufig gesprochen)
das regelmässige Zusammentreffen von Vorgängen beobachten. Wie könnte ich denn sagen, dass ich das, was so durch Versuche festgestellt wird, fühle? (Hievon muss noch später die Rede sein.) Eher noch könnte man sagen, ich fühle, dass die Buchstaben der Grund sind, warum ich so und so lese. Denn, wenn mich jemand fragt: “Warum liest Du so? – so begründe ich es durch die Buchstaben, welche da stehen.
                 Aber was soll es heissen, diese Begründung, die ich ausgesprochen, gedacht, habe, zu fühlen? Ich möchte sagen: ich fühle beim Lesen einen gewissen Einfluss der Buchstaben auf mich
– –
;
aber nicht einen Einfluss jener Reihe beliebiger Schnörkel auf das, was ich rede. – Vergleichen wir wieder einen einzelnen Buchstaben mit einem solchen Schnörkel. Würde ich auch sagen, ich fühle den Einfluss von ‘i’, wenn ich diesen Buchstaben lese? Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich
125
beim Anblicken von ‘i’ den Laut i sage, oder beim Anblick von ‘§’. Der Unterschied ist, dass beim Anblick des Buchstaben das innere Hören des i-Lauts automatisch, ja gegen meinen Willen, vor sich geht; und wenn ich den Buchstaben laut [s|l]ese, sein Aussprechen anstrengungsloser ist, als beim Anblick von ‘§’. Das heisst: – es verhält sich so, wenn ich den Versuch mache, aber natürlich nicht, wenn ich, zufällig auf das Zeichen ‘§’ blickend, etwa ein Wort ausspreche, in welchem der i-Laut vorkommt.
 
  
 
188
147
                 Wir wären ja nie auf den Gedanken gekommen, wir fühlten den Einfluss der Buchstaben auf uns beim Lesen, wenn wir nicht den Fall der Buchstaben mit dem beliebiger Striche verglichen hätten. Und hier merken wir allerdings einen Unterschied. Und diesen Unterschied deuten wir als ˇden Gegensatz: Einfluss – und Fehlen des Einflusses.
                 Und zwar sind wir zu dieser Deutung dann besonders geneigt, wenn wir absichtlich langsam lesen, – etwa um zu sehen, was denn beim Lesen geschieht. Wenn wir uns sozusagen recht absichtlich von den Buchstaben führen lassen. Aber dieses ‘mich führen lassen’ besteht
eben
wieder
nur darin, dass ich mir die Buchstaben gut anschaue, etwa, gewisse andere Gedanken ausschalte.
                 Wir bilden uns ein, wir nähmen durch ein Gefühl, quasi, einen verbindenden Mechanismus wahr zwischen dem Wortbild und dem Laut, den wir sprechen. Denn wenn ich vom Erlebnis des Einflusses, der Verursachung, des Geführt-
126
werdens rede, so soll das ja heissen, dass ich sozusagen die Bewegung der Hebel fühle, die den Anblick der Buchstaben mit dem Sprechen verbinden.
 
  
 
189
148
                 Ich hätte mein Erlebnis beim Lesen eines Wortes auf verschiedene Weise treffend in Worte fassen können. // treffend durch Worte ausdrücken können. // So könnte ich sagen, dass das Geschriebene mir die Laute eingebe. – Aber auch dies, dass Buchstabe und Laut beim Lesen eine Einheit bilden – gleichsam eine Legierung. (Eine ähnliche Verschmelzung gibt es z.B. zwischen den Gesichtern berühmter Männer und dem Klang ihrer Namen. Es kommt uns vor, dieser Name sei der einzig richtige Ausdruck für dieses Gesicht.) Wenn ich diese Einheit fühle, könnte ich sagen: ich sehe, oder höre den Laut in dem geschriebenen Wort.
                 Aber jetzt lies einmal ein paar Sätze im Druck, so wie Ddu's gewöhnlich tust, wenn Ddu nicht an den Begriff des Lesens denkst; und frage Ddich, ob Ddu beim Lesen solche Erlebnisse der Einheit, des Einflusses, etz., gehabt hast. – Sag nicht, Ddu habˇest sie unbewusst gehabt. Auch lassen wir uns nicht durch das Bild verleiten:,Bbeim nähern Hinsehen’ zeigˇten sich diese Erscheinungen[.|!] Wenn ich beschreiben soll, wie ein Gegenstand aus der Ferne ausschaut, so wird diese Beschreibung nicht genauer, dadurch, dass ich sage, was aus der Nähe an ihm zu sehen ist. // , was bei nähere[n|m] Hinsehen an ihm zu bemerken ist.//
 
  
 
149 188 190
                 Denken wir an das Erlebnis des Geführtwerdens! Fragen wir uns: Worin besteht dieses Erlebnis, wenn
127
wir z.B. einen Weg geführt werden? Stelle Ddir diese Fälle vor:
Ddu bist auf einem Spielplatz (
etwa
vielleicht
mit verbundenen Augen) und wirst von jemand an der Hand geleitet, bald links, bald rechts ; Ddu musst immer des Zuges seiner Hand gewärtig sein, und
auch
etwa
achtgeben, dass Ddu bei einem unerwarteten
Zug
Ruck
nicht stolperst.
                 Oder aber: Ddu wirst von jemandem an der Hand mit Gewalt
geschleppt
geführt
, wo Ddu nicht hin willst.
                 Oder: Ddu wirst im Tanz von einem Partner geführt; Ddu machst Ddich so rezeptiv wie möglich, um seine Absicht zu erraten und dem leisesten Drucke zu folgen.
                 Oder: Jemand führt Ddich einen Spazierweg; Ihr geht im Gespräch; wo immer er geht, gehst Du auch.
                 Oder: Du Ihr gehst einemn Feldweg entlang, (und wirst lasst euch von ihm geführten).
                 Alle diese Situationen sind einander ähnlich; aber was ist allen den Erlebnissen gemeinsam?
 
  
 
150 189 191

“Aber Geführtwerden ist doch ein bestimmtes Erlebnis.” – Die Antwort darauf ist: Du denkst jetzt an ein bestimmtes Erlebnis des Geführtwerdens. // Wenn Du aber sagst, Geführtwerden sei doch ein bestimmtes Erlebnis, so ist die Antwort: … //
                 Wenn ich mir das Erlebnis
Desjenigen
dessen
vergegenwärtigen will, der in (140 178 191) durch den gedruckten Text und die Tabelle beim Schreiben geführt wird, so stelle ich mir das ‘gewissenhafte’ Nachsehen, etz., vor. Ich nehme dabei sogar einen bestimmten Gesichtsausdruck an (den z.B. eines
128
gewissenhaften Buchhalters). An diesem Bild ist z.B. die Sorgfalt sehr wesentlich; an einem andern wieder das Ausschalten jedes eigenen Willens. (Denke Dir aber, dass jemand Dinge, die der gewöhnliche Mensch mit den Zeichen der Unachtsamkeit tut, mit dem Ausdruck – und warum nicht mit den Empfindungen? – der Sorgfalt begleitet. – Ist er nun sorgfältig?) Vergegenwärtige ich mir so ein bestimmtes Erlebnis, so erscheint es mir als das Erlebnis des Geführtwerdens (oder Lesens). Nun aber frage ich mich: “Was tust Ddu? – Du schaust auf jedes Zeichen, Ddu machst dieses Gesicht dazu, Ddu schreibst die Buchstaben mit Bedacht (u.dgl.) – Das ist also das Erlebnis des Geführtwerdens?” Da möchte ich sagen. “Nein, das ist es nicht; es ist etwas Innerlicheres, Wesentlicheres.” – Es ist, als ob zuerst all diese mehr, oder weniger unwesentlichen Vorgänge in eine bestimmte Atmosphäre gekleidet wären, die sich nun verflüchtigt, wenn ich genau hinschaue.
 
  
 
151 190 192
                 Frage Dich, wie Du ‘mit Bedacht’ eine Strecke paralell parallel zu einer gegebenen Strecke ziehst, ein andermal mit Bedacht in einem Winkel zu ihr. Was ist das Erlebnis des Bedachts? Da fällt Dir gleich eine bestimmte Miene, eine Gebärde ein, – und dann möchtest Du sagen: “und es ist eben ein bestimmtes inneres Erlebnis”. (Womit Ddu natürlich gar nichts mehr gesagt hast.)
                 (Du merkst einen Zusammenhang mit der Frage nach de[n|m] Wesen der Absicht, des Willens.)
 
  
 
191 193
                 Mache einen beliebigen Fahrer auf dem Pa-
129
pier.– – und Und nun zeichne ihn daneben nach, lass Dich von ihm führen. – Ich möchte sagen: “Gewiss! [I|i]ch habe mich jetzt führen lassen. Aber was dabei Charakteristisches geschehen ist
? –
?
Wenn ich sage, was geschehen ist, so kommt es mir nicht mehr charakteristisch vor.”
                 Aber nun merke ich dies: Während ich mich führen lasse, ist alles ganz einfach, ich merke nichts Bbesonderes; aber danach, wenn ich mich frage, was damals geschehen ist, so scheint es etwas Unbeschreibbares gewesen zu sein. Danach genügt mir keine Beschreibung. Ich kann, sozusagen, nicht glauben, dass ich bloss hingeschaut, das ˇdieses Gesicht gemacht, den Strich gezogen habe. – Aber erinnere ich mich denn an etwas anderes? Nein; und doch kommt mir vor, als müsse etwas anderes gewesen sein; und zwar dann, wenn ich mir dabei das Wort “führen”, “Einfluss”, und andere,
sage
vorsage
. ‘Denn ich bin doch geführt worden’, sage ich mir. – Dann erst tritt die Idee jenes ätherischen, ungreifbaren, Einflusses auf.
 
  
 
152 19
4
2
                 Ich habe, wenn ich nachträglich über das Erlebnis denke, das Gefühl, dass das Wesentliche an ihm das ‘Erlebnis eines Einflusses’, einer Verbindung, ist

,
im Gegensatz zu irgendeiner blossen Gleichzeitigkeit von Phänomenen: Zugleich aber möchte ich kein erlebtes Phänomen “Erlebnis des Ein-
130
flusses” nennen. Hier liegt die Idee: der Wille ist keine Erscheinung.) Ich möchte sagen, ich h[ü|ä]tte das ‘Weil’ erlebt; und doch will ich keine Erscheinung ‘Erlebnis des Weil” nennen.
193

                 Vergleiche damit diesen Fall: Jemand soll sagen, was er fühlt, wenn ihm ein Gewicht auf der flachen Hand ruht. – Ich kann mir nun vorstellen, dass hier ein Zwiespalt entsteht: Einerseits sagt er sich, was er fühle sei eine Pressung
der
gegen die
Handfläche und eine Spannung in den Muskeln seines Arms; anderseits will er sagen: “aber das ist doch nicht alles; ich empfinde doch einen Zug, ein Streben des Gewichts nach unten!” – Empfindet er denn ein solches Streben? Ja: wenn er nämlich an das Streben denkt. Mit dem Wort “Streben” geht hier ein bestimmtes Bild,
eine Geste
ein Gesichtsausdruck
, ein Tonfall; und in diesemn siehst Ddu das Erlebnis des Strebens.
(Denke auch daran: mManche Leute sagen, von dem und dem ‘gehe ein Fluidum aus’. – Daher fiel uns auch das Wort “Einfluss” ein.)
 
  
 
194 3 195
                 Ich möchte sagen: “ich erlebe das Weil”. aAber nicht, weil ich mich an dieses Erlebnis erinnere; sondern, weil ich beim Nachdenken darüber, was ich in so einem Fall erlebe,
dieses
dies
durch das Medium des Begriffes ‘weil’ (oder ‘Einfluss’, oder ‘Ursache’, oder ‘Verbindung’) anschaue. – Denn es ist freilich richtig, zu sagen, ich habe diese Linie unter dem Einfluss der Vorlage gezogen: dies liegt aber nicht einfach in dem,
131
was ich beim Ziehen der Linie empfinde – sondern unter Umständen auch,(z.B., ) darin, dass ich sie der andern parallel ziehe – obwohl auch das wieder für das Geführtwerden nicht allgemein wesentlich ist. –
 
  
 
153 19
6
4
                 Wir sagen auch: “Du siehst ja, dass ich mich von ihr führen lasse”; und was sieht der, der das sieht?
                 Wenn ich zu mir selbst sage: “Ich werde doch geführt”, so mache ich etwa eine Handbewegung dazu, die das Führen ausdrückt. – Mache eine solche Handbewegung, gleichsam als leitetest Ddu jemand entlang, und frage Ddich dann, worin das Führende dieser Bewegung besteht. Denn Ddu hast hier ja doch niemand geführt; – und doch möchtest Ddu die Bewegung eine führende nennen. Also war in dieser Bewegung, und Empfindung, nicht das Wesen des Führens enthalten und doch drängte es Ddich, diese Bezeichnung zu gebrauchen. Es ist eben eine Erscheinungsform des Führens, die Ddir diesen Ausdruck aufdrängt.
 
  
 
154 19
7
5
                 Kehren wir zu unserm Fall (
168
132
) zurück. Es ist klar: wir würden nicht sagen, B habe ein Recht, die Worte, “jetzt weiss ich weiter”, zu gebrauchen, weil ihm die Formel eingefallen ist, – wenn nicht erfahrungsmässig ein Zusammenhang bestünde zwischen dem Einfallen – Aussprechen, Anschreiben – der Formel und dem tatsächlichen Fortsetzen der Reihe. Und so ein Zusammenhang besteht ja
132
offenbar. – Und nun könnte man meinen, der Satz “ich kann fortsetzen” sage soviel wie: “ich habe ein Erlebnis, welches erfahrungsgemäss zum Fortsetzen der Reihe führt”. Aber meint das B, wenn er sagt “ich kann fortsetzen”? Schwebt ihm jener Satz dabei im Geiste vor, oder ist er bereit, ihn als Erklärung dessen, was er meint, zu geben?
                 Nein. – Die Worte “jetzt weiss ich weiter” waren richtig angewandt, wenn ihm die Formel eingefallen war: nämlich unter gewissen Umständen – z.B., wenn er Algebra gelernt, solche Formeln schon früher benutzt hatte. – Das heisst aber nicht, jene Aussage sei nur eine Abkürzung für die Beschreibung sämtlicher Umstände, die den Schauplatz unseres Sprachspiels bilden. – Denke daran, wie wir jene Ausdrücke, “jetzt weiss ich weiter”, “jetzt kann ich fortsetzen”, u.a., gebrauchen lernen ; in welcher Familie von Sprachspielen wir ihren Gebrauch lernen.
                 Wir können uns auch den Fall vorstellen, dass im Geist des B gar nichts anderes vorfiel, als dass er plötzlich sagte: “jetzt weiss ich weiter” – etwa mit einem Gefühl der Erleichterung, und dass er nun die Reihe tatsächlich fortrechnet, ohne die Formel zu benützen. Und auch in diesem Falle würden wir – unter gewissen Umständen – sagen, er habe weiter gewusst.
 
  
 
198
                 So werden diese Worte gebraucht. Es wäre in diesem letzteren Fall z.B. ganz irreleitend, sie die ‘Beschreibung eines Geistesseelischen [z|Z]ustandes’ zu nennen. – Eher könnte man sie hier ein
133
‘Signal’ nennen; und ob es richtig angewendet war, beurteilen wir nach dem, was er weiter tut.
 
  
 
155 19
9
7
                 Um dies zu verstehen, müssen wir uns auch folgendes überlegen: Angenommen, B sagt, er wisse weiter – wenn er aber nun fortsetzen will, stockt er und kann es nicht: [s|S]ollen wir dann sagen, er habe mit Unrecht gesagt, er könne fortsetzen, oder aber: er hätte damals fortsetzen können, nur jetzt könne er es nicht? – Es ist klar, dass wir in verschiedenen Fällen Verschiedenes sagen werden. (Ueberlege Ddir beide Arten von Fällen.)
⌊⌊ˇ Die Verwendung des Wortes “Können” ⌋⌋
 
  
 
156
200
198

                 Sollen wir aber nun sagen, dass im Fall (
168
132
) der Satz “Jetzt kann ich fortsetzen” dasselbe geheissen habe, wie “Mir ist die Formel eingefallen”, oder etwas anderes?
// Wie aber, – hat nun der Satz “jetzt kann ich fortsetzen” im Fall (
168
132
) das Gleiche geheissen, wie, “jetzt ist mir die Formel eingefallen”, oder etwas anderes? // Wir können sagen, dass dieser Satz, unter diesen Umständen, den gleichen Sinn habe, wie [k|j]ener. Aber auch, dass, allgemein, diese beiden Sätze nicht Bd XVII den gleichen Sinn haben. ƪ
                 Wir sagen auch: “Jetzt kann ich fortsetzen, – ich meine: ich weiss die Formel”; wie wir sagen: “Ich kann gehen, d.h., ich habe Zeit”; aber auch: “Ich kann gehen, d.h., ich bin schon stark genug”; oder “Ich kann gehen, was den Zustand meines Beines anbelangt”; wenn wir nämlich diese Bedingung des Gehens, andern
134
Bedingungen entgegensetzen. Hier müssen wir uns aber hüten, zu glauben, es gäbe, entsprechend der Natur des Falles, eine Gesamtheit aller Bedingungen – z.B. dafür, dass einer geht – so dass er, sozusagen, nicht anders als gehen könnte könnte, wenn sie alle erfüllt sind.
 
  
 
157 199 201
                 Ich will mich an eine Melodie erinnern und sie fällt mir nicht ein; plötzlich sage ich, “Jetzt weiss ich's!”, und singe sie: Wie war es, als ich sie plötzlich wusste? Sie konnte mir doch nicht in diesem Moment ganz eingefallen sein! – Du sagst vielleicht: “Es ist ein bestimmtes Gefühl, als wäre sie jetzt da” – aber ist sie jetzt da? Wie, wenn Du nun anfängst, sie zu singen und steckenbleibst? – Ja aber konnte ich nicht doch in diesem Moment sicher sein, dass ich sie wüsste? Sie war also eben doch in irgendeinem Sinne da! – Aber in welchem Sinne? Dcdu sagst doch wohl, die Melodie sei da, wenn er sie etwa durchsingt, oder von Anfang bis zum Ende vor dem innern Ohr hört. Ich leugne natürlich nicht, dass Du der Aussage, die Melodie sei da, auch einen ganz ander[en|er] Sinn ˇgegeben ˇwerden kannst – z.B. denr, ich hätte einen Zettel, auf dem sie aufgeschrieben steht. – Und worin besteht es denn, dass er sicher ist, er wisse sie? – Du kannst natürlich sagen: Wenn jemand mit Ueberzeugung sagt, jetzt wisse er die Melodie, so stehe sie in diesem Augenblick (irgendwie) ganz vor seinem Geist; und das ist hier eine Erklärung der Worte: “die Melodie steht ganz vor seinem Geist”.
 
  
 
158 200 2
                 Gehen wir nun zu unserm Beispiel (
159
125
) zu-
135
rück. Der Schüler beherrscht jetzt – nach den gewöhnlichen Kriterien beurteilt – die Grundzahlenreihe. Wir lehren ihn nun auch andere Reihen von Kardinalzahlen anschreiben und bringen ihn dahin, dass er z.B. auf Befehle von der Form “+n” Reihen anschreibt von der Form
0, n, 2n, 3n, etzc; auf den Befehl “+1” aber die Grundzahlenreihe. – Wir hätten unsre Uebungen und Stichproben seines Verständnisses im Zahlenraum bis 1000 gemacht.
                 Wir lassen nun den Schüler einmal eine Reihe (etwa ‘ + 2’) über 1000 hinaus fortsetzen, – da schreibt er: 1000, 1004, 1008, 1012.
                 Wir sagen ihm: “Schau, was Ddu machst!” – Er versteht uns nicht. Wir sagen: “Ddu solltest doch 2 zwei addieren; schau, wie Ddu die Reihe begonnen hast!” – Er antwortet: “Ja! ist es denn nicht richtig? Ich dachte, so soll ich's machen.” Oder nimm an, er sagte, auf die Reihe weisend: “Ich bin doch auf die gleiche Weise fortgefahren!” – Es würde uns nun nichts nützen, zu sagen: “Aber siehst Ddu denn nicht …?” – und ihm die alten Erklärungen und Beispiele zu wiederholen. – Wir könnten in so einem Falle etwa sagen: Dieser Mensch versteht von Natur aus jenen Befehl auf unsre Erklärungen hin so, wie wi wir den Befehl: “Addiere bis 1000 immer 2, bis 2000 4, bis 3000 6, etz.!”
                 Dieser Fall hätte eine Aehnlichkeit mit dem, dass ein Mensch von Natur aus auf eine zeigende Handbewegung Gebärde der Hand damit reagierte, dass er in der Richtung von der Fingerspitze
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zur Handwurzel blickt, statt in der Richtung zur Fingerspitze. // dass ein Mensch auf eine zeigende Gebärde von Natur aus so reagierte, dass er …
 
  
 
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                 “Was Du sagst, läuft also wohl darauf hinaus: es sei zum richtigen Befolgen des Befehls ‘ + n’ auf jeder Stufe eine neue Einsicht – Intuition – nötig.” – Zur richtigen Befolgung! Wie wird denn entschieden, welches an einem bestimmten Punkt der richtige Schritt ist? – “Der richtige Schritt ist der, welcher mit dem Befehl – wie er gemeint war – übereinstimmt.” – Du hast also zur Zeit, als Du den Befehl “+2” gabst, gemeint, er solle auf ‘1000’ ‘1002’ schreiben – und hast Du damals auch gemeint, er solle auf ‘1866’ ‘1868’ schreiben und auf ‘100034’ ‘100036’, u.s.f. – eine unendliche Anzahl solcher Sätze? – “Nein; ich habe gemeint, er solle nach jeder Zahl, die er schreibt, die zweitnächste schreiben; und daraus folgen ihres Orts alle jene Sätze.” – Aber es ist ja gerade die Frage, was, an irgendeinem Ort, aus jenem Satz folgt. Oder auch: – was wir an irgendeinem Ort “Uebereinstimmung” mit jenem Satz nennen sollen (und auch mit der Meinung, die Du damals dem Satz gegeben hast, – worin immer diese bestanden haben mag). Richtiger, als zu sagen, es sei an jedem Punkt eine neue Intuition nötig, wäre es ˇbeinahe, zu sagen: es sei an jedem Punkt eine neue Entscheidung nötig.
 
  
 
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                 “Ich habe aber doch auch damals, als ich den Befehl gab, schon gewusst, dass er auf ‘1000’ ‘1002’ schreiben soll!” – Gewiss; und Ddu kannst sogar sagen, Du habest es damals gemeint; nur sollst Ddu Ddich nicht
 
  
 
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                  gänge doch schon ge beim Meinen, gleichsam, ehe Ddu körperlich bei dem oder bist.
                 Du warst also zu Ausdrücken geneigt, wie: “Die Uebergänge sind eigentlich schon gemacht; auch ehe ich sie schriftlich, mündlich, oder in Gedanken, mache”. Und es schien, als wären sie in einer einzigartigen Weise vorausbestimmt, antizipiert: wie nur das Meinen die Wirklichkeit antizipieren könn[n|e]n. (Und dieser Täuschung werden wir noch
oft
öfters
begegnen.)
 
  
 
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                 “Aber sind die Uebergänge also durch die algebraische Formel nicht bestimmt?” – In der Frage liegt ein Fehler.