26.4.30
     Ohne etwas Mut kann man nicht einmal eine vernünftige Bemerkung über sich selbst schreiben.
     Ich glaube manchmal ich leide unter einer Art geistiger Verstopfung. Oder ist das nur eine Einbildung ähnlich der wenn man fühlt man möchte erbrechen wenn tatsächlich nichts mehr drin ist?
     Ich bin sehr oft oder beinahe immer voller Angst.
     Mein Gehirn ist sehr reizbar. Habe heute von der Marguerite Taschentücher zum Geburtstag bekommen. Sie haben mich gefreut, wenn mir auch jedes Wort noch lieber gewesen wäre & ein Kuß noch viel lieber als alles.
     Von allen Menschen die
jetzt leben würde mich ihr Verlust am schwersten treffen, das will ich nicht frivol sagen, denn ich liebe sie oder hoffe daß ich sie liebe.
     Ich bin müde & ideenlos das ist freilich immer so in den ersten Tagen nach meiner Ankunft bis ich mich an das Klima gewöhnt habe. Aber freilich ist nicht gesagt daß ich nicht überhaupt vor einer leeren Periode stehe.
     Es ist mir immer fürchterlich wenn ich denke wie ganz mein Beruf von einer Gabe abhängt die mir jeden Moment entzogen werden kann. Ich denke sehr oft, immer wieder, hieran & überhaupt daran wie einem alles entzogen werden kann & man gar nicht weiß was man alles hat & das aller Wesentlichste eben erst
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dann gewahr wird wenn man es plötzlich verliert. Und man merkt es nicht eben weil es so wesentlich, daher so gewöhnlich ist. Wie man auch nicht merkt daß man fortwährend atmet als bis man Bronchitis hat & sieht daß was man für selbstverständlich gehalten hat gar nicht so selbstverständlich ist. Und es gibt noch viel mehr Arten geistiger Bronchitis.
     Oft fühle ich daß etwas in mir ist wie ein Klumpen der wenn er schmelzen würde mich weinen ließe oder ich fände dann die richtigen Worte (oder vielleicht sogar eine Melodie). Aber dieses Etwas (ist es das Herz?) fühlt sich bei mir an wie Leder &
kann nicht schmelzen. Oder ist es daß ich nur zu feig bin die Temperatur genügend steigen zu lassen.

   
Es gibt Menschen die zu schwach zum Brechen sind. Zu denen gehöre auch ich.

   
Das Einzige was vielleicht ein Mal an mir brechen wird & davor fürchte ich mich manchmal ist mein Verstand.

   
Ich glaube manchmal daß mein Gehirn die Beanspruchung einmal nicht aushalten & nachgeben wird. Denn es ist furchtbar beansprucht für seine Stärke – so scheint es mir wenigstens oft.

   
27.
     Bis etwa zu meinem 23ten Lebensjahr wäre
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es mir unmöglich gewesen in einem freistehenden Bett zu schlafen & auch sonst nur mit dem Gesicht zur Wand. Ich weiß nicht wann mich diese Furcht verlassen hat. War es erst im Krieg?

   
     Vor einigen Tagen träumte ich folgendes:
     Ich führte ein Maultier dessen Wärter ich zu sein schien. Zuerst auf einer Straße – ich glaube in einer orientalischen Stadt; dann in ein Büro wo ich in einem großen Zimmer warten mußte. Vor diesem war noch ein kleineres mit vielen Leuten. Das Maultier war unruhig & störrisch. Ich hielt es an einem kurzen Strick & dachte ich möchte daß es sich den Kopf an die Wand anrennt – an der ich saß – dann wird es ruhiger werden. Ich sprach
immer zu ihm & nannte es dabei „Inspektor”. Und zwar schien mir dies die gebräuchliche Benennung für ein Maultier etwa wie man ein Pferd „Brauner” oder ein Schwein „Wuz” nennt. Und ich dachte „wenn ich jetzt zu Pferden kommen werde, so werde ich sie || zu Pferden komme, werde ich sie auch Inspektor nennen” (d.h. so gewöhnt bin ich das Wort Inspektor vom Verkehr mit den Maultieren). Als ich darauf aufwachte fiel mir erst auf, daß man ja Maultiere gar nicht „Inspektor” nennt.

   
     Ramseys Geist war mir sehr zuwider. Als ich vor 15 Monaten nach Cambridge kam da glaubte ich, ich würde nicht mit ihm verkehren können denn ich hatte ihn von unserer letzten Begegnung vor etwa 4 Jahren bei
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Keynes in Sussex in so schlechter Erinnerung. Keynes dem ich dies sagte sagte mir aber er glaube ich sollte sehr wohl mit ihm reden können & nicht bloß über Logik. Und ich fand Keynes' Meinung bestätigt. Denn ich konnte mich über manches ganz gut mit Ramsey verständigen. Aber auf die Dauer ging es doch nicht wirklich gut. Die Unfähigkeit Ramseys zu wirklichem Enthusiasmus oder zu wirklicher Verehrung was das Selbe ist widerte mich endlich mehr & mehr an. Andererseits hatte ich eine gewisse Scheu vor Ramsey. Er war ein sehr rascher & geschickter Kritiker wenn man ihm Ideen vorlegte. Aber seine Kritik half nicht weiter sondern hielt auf & ernüchterte. Der kurze Zeitraum wie Schopenhauer ihn nennt zwischen den beiden langen
in denen eine Wahrheit den Menschen, zuerst paradox, & dann trivial erscheint war bei Ramsey zu einem Punkt geworden. Und so plagte man sich zuerst lange vergebens ihm etwas klar zu machen bis er plötzlich die Achsel darüber zuckte & sagte es sei ja selbstverständlich. Dabei war er aber nicht unaufrichtig. Er hatte einen häßlichen Geist. Aber keine häßliche Seele. Er genoß Musik wirklich & mit Verständnis. Und man sah ihm an welche Wirkung sie auf ihn ausübte. Von dem letzten Satz eines der letzten Beethovenschen Quartette den er mehr als vielleicht alles andere liebte sagte er mir er fühle dabei die Himmel seien offen. Und das bedeutete etwas von ihm. || wenn er es sagte.
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     Freud irrt sich gewiß sehr oft & was seinen Charakter betrifft so ist er vielleicht || wohl ein Schwein oder etwas ähnliches aber an dem was er sagt ist ungeheuer viel. Und dasselbe ist von mir wahr. There is a lot in what I say.

   
     Ich trödle gerne. Vielleicht jetzt nicht mehr so sehr wie in früherer Zeit.
   
28.
     Ich denke oft das Höchste was ich erreichen möchte wäre eine Melodie zu komponieren. Oder es wundert mich daß ich || mir bei dem Verlangen danach nie eine eingefallen ist. Dann aber muß ich mir sagen daß es wohl unmöglich ist daß mir je eine einfallen wird, weil mir dazu eben etwas Wesentliches oder das Wesentliche fehlt. Darum
schwebt es mir ja als ein so hohes Ideal vor weil ich dann mein Leben quasi zusammenfassen könnte; und es kristallisiert hinstellen könnte. Und wenn es auch nur ein kleines schäbiges Kristall wäre, aber doch eins.
   
29.
     Mir ist nur dann wohl wenn ich, in irgend einem Sinn || einem gewissen Sinn, begeistert bin. Und dann habe ich wieder Angst vor dem Zusammenbruch dieser Begeisterung.
     Heute zeigte mir Mrs Moore eine dumme Kritik einer Aufführung der 4ten Symphonie von Bruckner wo der Kritiker über Bruckner schimpft & auch von Brahms & Wagner respektlos redet. Es machte mir zuerst keinen Eindruck da es das Natürliche ist daß alles
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– großes & kleines – von Hunden angebellt wird. Dann schmerzte es mich doch. In gewissem Sinne fühle ich mich berührt (seltsamerweise) wenn ich denke daß der Geist nie verstanden wird.
   
30.
     Unfruchtbar & träg. Zu dem Geistigen: Ich denke mir dann immer: haben diese Großen darum || dazu so unerhört viel gelitten, daß heute ein Arschgesicht kommt & seine Meinung über sie abgibt. Dieser Gedanke erfüllt mich oft mit einer Art von Hoffnungslosigkeit. – Gestern saß ich eine Zeit lang im Garten von Trinity & da dachte ich merkwürdig wie die gute körperliche Entwicklung aller dieser Leute mit völliger Geistlosigkeit zusammengeht (ich meine nicht Verstandlosigkeit).
Und wie andererseits ein Thema, etwa von Brahms voll von Kraft, Grazie, & Schwung ist & er selbst einen Bauch hatte. Dagegen hat der Geist der Heutigen keine Sprungfedern unter den Füßen.
Ich möchte den ganzen Tag nur essen & schlafen. Es ist als wäre mein Geist müde. Aber wovon? Ich habe in allen diesen Tagen nichts Wirkliches gearbeitet. Ich fühle || Fühle mich blöd & feig.
   
1.5.
     Bis mir etwas klar wird || ist dauert es außerordentlich lang. – Das ist wahr auf den verschiedensten Gebieten. Das || Mein Verhältnis zu den anderen Menschen z.B. wird mir immer erst nach langer Zeit klar. Es ist als brauchte es kolossal lang bis sich der große Nebelballen verzieht
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& der Gegenstand selbst sichtbar wird. Während dieser Zeit aber bin ich mir meiner Unklarheit nicht einmal ganz klar bewußt. Und auf einmal sehe ich dann wie die Sache wirklich ist oder war. Darum wäre || bin ich wohl überall unbrauchbar wo halbwegs schnelle Entscheidungen zu treffen sind. Ich bin sozusagen einige Zeit verblendet & erst dann fallen mir die Schuppen von den Augen.

   
2.5
In meinen Vorlesungen trachte ich oft die Gunst meiner Zuhörer durch eine etwas komische Wendung zu gewinnen; sie zu unterhalten damit sie mir willig Gehör schenken. Das ist gewiß etwas Schlechtes.
     Ich leide oft unter dem
Gedanken wie sehr der Erfolg oder der Wert dessen was ich tue von meiner Disposition abhängt. Mehr als bei einem Konzertsänger. Nichts ist gleichsam in mir aufgespeichert; beinahe alles muß im Moment produziert werden. Das ist – glaube ich – eine sehr ungewöhnliche Art der Tätigkeit oder des Lebens.

   
     Da ich sehr schwach bin, bin ich ungemein abhängig von der Meinung Anderer. Wenigstens im Moment des Handelns. Es sei denn daß ich lange Zeit habe mich zu derfangen.
     Ein gutes Wort das mir jemand sagt oder ein freundliches Lächeln wirken lange angenehm & ermunternd & versichernd auf mich nach & ein unangenehmes d.h.
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unfreundliches Wort ebenso lange bedrückend auf mich.
     Am wohltätigsten ist dann das Alleinsein in meinem Zimmer dort stelle ich das Gleichgewicht wieder her. Zum mindestens das geistige wenn auch die Nerven den Eindruck noch behalten.

   
Der beste Zustand bei mir ist der der Begeisterung weil der die lächerlichen Gedanken wenigstens teilweise aufzehrt & unschädlich macht.

   
Alles oder beinahe alles was ich tue auch diese Eintragungen sind von Eitelkeit gefärbt & das beste was ich tun kann ist gleichsam die Eitelkeit abzutrennen, zu isolieren & trotz ihr das Richtige zu tun obwohl sie immer zuschaut. Verjagen kann ich sie nicht. Nur manchmal
ist sie nicht anwesend.

   
Ich liebe die Marguerite sehr & habe große Angst sie möchte nicht gesund sein da ich schon über eine Woche keinen Brief von ihr habe. Ich denke wenn ich allein bin wieder & wieder an sie aber auch sonst, || . Wäre ich anständiger so wäre auch meine Liebe zu ihr anständiger. Und dabei liebe ich sie jetzt so innig als ich kann. An Innigkeit fehlt es mir vielleicht auch nicht. Aber an Anständigkeit.

   
6.5.
     Lese Spengler Untergang etc. & finde trotz des vielen Unverantwortlichen im Einzelnen, viele wirkliche, bedeutende Gedanken. Vieles, vielleicht das Meiste berührt
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sich ganz mit dem was ich selbst oft gedacht habe. Die Möglichkeit einer Mehrzahl abgeschlossener Systeme welche wenn man sie einmal hat ausschauen als sei das eine die Fortsetzung des Anderen.
     Und das hängt alles auch mit dem Gedanken zusammen, daß wir gar nicht wissen (bedenken) wieviel dem Menschen genommen – oder auch gegeben – werden kann.

   
Neulich las ich zufällig in den Buddenbrooks vom Typhus & wie Hanno B. in seiner letzten Krankheit niemand mehr erkannte außer einem Freund. Und da fiel mir auf daß man das gemeinhin als selbstverständlich ansieht & denkt,
natürlich, wenn das Gehirn einmal so zerrüttet ist so ist das nur natürlich. Aber in Wirklichkeit ist es zwar nicht das Gewöhnliche daß wir Menschen sehen & sie nicht erkennen aber das was wir „Erkennen” nennen ist nur eine spezielle Fähigkeit die uns sehr wohl abhanden kommen könnte ohne daß wir als minderwertig zu betrachten wären. Ich meine: Es erscheint mir als selbstverständlich daß wir Menschen „erkennen” & als totale Zerrüttung wenn wir sie jemand sie nicht erkennt. Aber es kann dieser Stein sehr wohl in dem Gebäude fehlen & von Zerrüttung nicht die Rede sein. (Dieser Gedanke ist wieder mit den Freud'schen nahe
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verwandt, mit dem, über die Fehlleistungen.)

   
D.h. wir halten alles was wir haben für selbstverständlich & wissen gar nicht daß wir komplett sein können auch ohne dem & dem was wir gar nicht als besondere Fähigkeit erkennen weil es uns zur Vollständigkeit unseres Verstandes zu gehören scheint.

   
Es ist schade daß Spengler nicht bei seinen guten Gedanken geblieben ist & weiter gegangen ist als er verantworten kann. Allerdings wäre durch die größere Reinlichkeit sein Gedanke schwerer zu verstehen gewesen aber auch dadurch erst wirklich nachhaltig wirksam. So ist der Gedanke daß die
Streichinstrumente zwischen 15–1600 ihre endgültige Gestalt angenommen haben von ungeheurer Tragweite (& Symbolik). Nur sehen die meisten Menschen wenn man ihnen so einen Gedanken ohne viel drumherum gibt nichts in ihm. Es ist wie wenn man einer Mensch glaubte daß ein Mensch sich immer unbegrenzt weiter entwickelt & man sagte ihm: schau, die Kopfnähte eines Kindes schließen sich mit … Jahren & das zeigt Dir schon daß die Entwicklung überall zu einem Ende kommt was sich da entwickelt ein geschlossenes Ganzes ist das einmal vollständig da sein wird & nicht eine Wurst die beliebig lang weiterlaufen kann.

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     Als ich vor 16 Jahren den Gedanken hatte, daß das Gesetz der Kausalität an sich bedeutungslos sei & es eine Betrachtung der Welt gibt die es nicht im Auge hat da hatte ich das Gefühl vom Anbrechen einer Neuen Epoche.

   
In einer Beziehung muß ich ein sehr moderner Mensch sein weil das Kino so außerordentlich wohltätig auf mich wirkt. Ich kann mir keine Form des Ausruhens || kein Ausruhen des Geistes denken was mir adäquater wäre als ein amerikanischer Film. Was ich sehe & die Musik geben mir eine selige Empfindung vielleicht || etwa || vielleicht in einem infantilen Sinne aber darum natürlich nicht weniger stark. Überhaupt ist wie ich oft gedacht & gesagt habe
das Kino || der Film etwas sehr Ähnliches wie der Traum & die Freudschen Methoden || Gedanken lassen sich unmittelbar auf ihn anwenden.

   
Eine Entdeckung ist weder groß noch klein; es kommt darauf an was sie uns bedeutet.

   
     Wir sehen in der Kopernikanischen Entdeckung etwas Großes – weil wir wissen daß sie ihrer Zeit etwas Großes bedeutete & vielleicht auch weil noch ein Ausklang dieser Bedeutung zu uns herüber kommt – & nun schließen wir per analogiam daß die Entdeckungen Einsteins etc. zum mindesten etwas ebenso Großes sind. Aber sie sind – wenn auch von noch so großem praktischem Interesse, Wichtigkeit || praktischem Wert, vielseitigem Interesse
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etc. – doch nur so groß als sie bedeutend (symbolisch) sind. Es verhält sich damit natürlich wie – z.B. – mit dem Heldentum. Eine Waffentat früherer Zeiten wird – mit Recht – als Heldentat gerühmt. Aber es ist ganz wohl möglich daß eine ebenso schwierige oder noch schwierigere Waffentat heute eine reine Sportsache ist und zu Unrecht den Namen Heldentat erhält. Die Schwierigkeit, die praktische Bedeutung alles das kann man, gleichsam, von außen beurteilen; die Größe das Heldentum wird von der Bedeutung bestimmt die die Handlung hat. Von dem Pathos das mit der Handlungsweise verbunden ist.
     Darum Weil aber ein bestimmter Zeitabschnitt eine bestimmte Rasse ihr Pathos mit ganz bestimmten Handlungsweisen verbindet so werden die Menschen irregeführt
& glauben, die Größe, die Bedeutung liege notwendig in jener Handlungsweise. Und dieser Glaube wird immer erst dann ad absurdum geführt, wenn durch einen Umschwung eine Umwertung der Werte eintritt d.h. das wahre Pathos nun sich auf andere Handlungsweisen legt. Dann bleiben – wahrscheinlich immer – die alten jetzt wertlosen Scheine noch einige Zeit im Umlauf & werden von nicht ganz ehrlichen Leuten für das Große & Bedeutende ausgegeben, bis man die neue Einsicht wieder trivial findet & sagt „natürlich gelten diese alten Scheine nichts”.

   
Das Trinken, zu einer Zeit symbolisch ist zu einer anderen Zeit Suff.

   
D.h. der Nymbus, nämlich der echte
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Nymbus haftet nicht an der äußern Tatsache d.h. nicht an der Tatsache.

   
     Beim Lehren der Philosophie kann man oft sagen „Spitzbuben selbst, die uns zu Schelmen machen!”
   
8.
Ich habe nie einen Streich gemacht & werde wohl nie einen machen. Es ist meiner Natur nicht gemäß. (Ich halte das wie alles Natürliche weder für einen Fehler noch für einen Vorzug.)

   
9
Ich bin sehr verliebt in die Respinger freilich schon seit langem aber jetzt besonders stark. Dabei weiß ich aber daß die Sache aller Wahrscheinlichkeit nach hoffnungslos ist. D.h. ich muß gefaßt sein, daß sie jeden Moment sich
verloben & heiraten kann. Und ich weiß daß das sehr schmerzlich für mich sein wird. Ich weiß also daß ich mich nicht mit meinem ganzen Gewicht an diesen Strick hängen soll weil ich weiß daß er einmal nachgeben wird. Das heißt ich soll mit beiden Füßen auf dem festen Boden stehen bleiben & den Strick nur halten, aber nicht mich an ihn hängen. Aber das ist schwer. Es ist schwer so uneigennützig zu lieben daß man die Liebe hält & von ihr nicht gehalten werden will. – Es ist schwer so zu lieben || die Liebe so zu halten daß man, wenn es schief geht sie nicht als ein verlorenes Spiel ansehen muß sondern sagen kann: darauf war ich vorbereitet & es ist auch so in Ordnung. Man könnte sagen „wenn Du Dich nicht aufs Pferd setzt Dich ihm also ganz anvertraust so
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kannst Du freilich nie abgeworfen werden aber auch nie hoffen je zu reiten. Und man kann darauf nur sagen: Du mußt Dich dem Pferd ganz widmen & doch gefaßt sein daß Du jederzeit abgeworfen werden kannst.

   
Man glaubt oft – und ich selber verfalle oft in diesen Fehler – daß alles aufgeschrieben werden kann was man denkt. In Wirklichkeit kann man nur das aufschreiben – d.h. ohne etwas Blödes & Unpassendes zu tun – was in der Schreibeform in uns entsteht. Alles andere wirkt komisch & gleichsam wie Schmutz || Dreck. D.h. etwas was weggewischt gehörte.

   
Vischer sagte „eine Rede ist keine Schreibe” und eine Denke ist schon erst recht keine.



   
(Ich bin immer froh eine neue Seite anfangen zu können.)

   
Ich denke: Werde ich die Respinger je wieder in den Armen halten & küssen können? Und muß auch darauf gefaßt sein & mich damit aussöhnen können daß es nicht geschehen wird.

   
     Stil ist der Ausdruck einer allgemein menschlichen Notwendigkeit. Das gilt vom Schreibstil wie vom Baustil (und jedem anderen).
     Stil ist die allgemeine Notwendigkeit sub specie aeternitatis gesehen.

   
Gretl machte einmal über Clara Schumann eine sehr gute Bemerkung: wir sprachen darüber daß es ihr – wie es uns scheint – an irgend etwas Menschlichem gefehlt haben muß, über ihre Prüderie etc. Da sagte Gretl
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„sie war eben nicht was die Ebner Eschenbach war” und das sagt alles.

   
Loos, Spengler, Freud & ich gehören alle in dieselbe Klasse die für diese Zeit charakteristisch ist.
   
12.
     Ich habe immer Angst vor meinen Vorlesungen obwohl es bis jetzt immer ziemlich gut gegangen ist. Diese Angst besitzt mich dann wie eine Krankheit. Es ist übrigens nichts anderes als Prüfungsangst.
     Die Vorlesung war mäßig. Ich bin eben schon müde denn ich habe kein ordentlichen Ferien gehabt. || . Keiner meiner Hörer ahnt wie mein Gehirn arbeiten muß um das zu leisten, was es leistet. Wenn meine Leistung nicht erstklassig ist, so ist sie doch das Äußerste was ich leisten kann.


   
16.
     Ich glaube es gehört heute Heroismus dazu die Dinge nicht als Symbole im Krausschen Sinn zu sehen. Das heißt sich freizumachen von einer Symbolik, die zur Routine werden kann. Das heißt freilich nicht versuchen sie wieder flach zu sehen sondern die Wolken des, sozusagen, billigen Symbolismus in einer höheren Sphäre wieder zu verdampfen (so daß die Luft wieder durchsichtig wird).
     Es ist schwer sich diesem Symbolismus heute nicht hinzugeben.

   
     Mein Buch die log. phil. Abhandlung enthält neben gutem & echtem auch Kitsch d.h. Stellen mit denen ich Lücken ausgefüllt habe und sozusagen
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in meinem eigenen Stil. Wie viele von dem Buch solche Stellen sind weiß ich nicht & es ist schwer es jetzt gerecht zu schätzen.
   
26.5.
Ein Mann mit mehr Talent als ich ist der, der dort || dann wacht, wo || wenn ich schlafe. Und ich schlafe viel, darum ist es leicht mehr Talent zu haben als ich.
   
2.10.
In Cambridge angekommen. Fuhr von Wien am 26ten ab & zu Tante Clara in Thumersbach & wenn es auch nicht so rein herrlich dort bei ihr war wie sonst in Laxenburg so war es doch schön & ich schied mit guten Gefühlen. Am 27ten Abend kam ich in Gottlieben an & da war es erst gespannt da so viel
Unaufgeklärtes in der Luft lag & wir saßen im Auto in dem sie mich abholte & beim Abendessen still oder von gleichgültigen Dingen redend. Und stockend, oder gezwungen fließend wie man es tut wenn eigentlich schwere Sachen im Innern drücken. Nach dem Nachtmahl fing ich an über ihren letzten Brief zu reden. Ich sagte daß mir ein gewisser Ton von Triumph an ihm als unrichtig aufgefallen sei. Daß sie wenn alles in Ordnung wäre nicht in triumphalem Ton geschrieben hätte weil sie dann auch die Schwierigkeiten gesehen hätte & das Angenehme als eine Gnade des Himmels angenommen hätte. Ich bat sie so bald als möglich nach
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Wien zu kommen & dort zu arbeiten. Erst als wir (besonders ich) schon ziemlich viel geredet hatten sah ich daß sie sehr unglücklich sei. Im Grunde war der Gedanke an das Heiraten in ihr obenauf. Das schien für sie doch die einzige wirkliche Lösung. Das brauche sie & sonst nichts. Ich bat sie Geduld zu haben. Es werde sich das Richtige – ihr Angemessene – für sie finden. Sie solle jetzt vor allem einmal wieder anständig arbeiten & das weitere abwarten. Erst bei einer anständigen Arbeit werde ihr alles klarer & leichter erträglich werden. – Sie war bei diesem Gespräch wieder recht fremd gegen mich wich meinen Küssen eher aus &
sah oft geradezu finster drein & blickte dabei zur Seite was ich an ihr nie gesehen hatte & mich gleichsam erschreckte. Sie schien kalt gegen mich, bitter, & unglücklich & beinahe abweisend. Am nächsten Morgen war es etwas besser. Wir gingen spazieren & plauderten einiges & sie war zugänglicher & herzlicher. Sie war jetzt entschieden dafür nach Wien zu gehen & schien im Allgemeinen ruhiger. Am Abend aber nach einem weiteren ernsten Gespräch fing sie an zu weinen. Ich hielt sie in meinen Armen & sie weinte an meiner Schulter. Es war aber ein gutes Weinen & sie war darauf weicher & etwas erleichtert. Am nächsten Morgen entschied ich mich noch einen Tag zu bleiben
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gegen meinen ursprünglichen Plan. Ich hatte das Gefühl es werde für sie (& überhaupt) gut sein. Auch sie war – glaube ich – froh darüber. Am Nachmittag gingen wir nach Konstanz um ein Paket mit zwei Sweatern aufzugeben die sie für Talla gestrickt hatte. Ich mußte eine Art || gewisse Eifersucht oder doch ein ähnliches Gefühl unterdrücken. War es deshalb oder vielleicht eine Reaktion auf die früheren Aufregungen (denn alles war ungeheuer anstrengend für mich) ich fühlte eine lebhafte Verstimmung auf dem Nachhauseweg & es kam mir immer etwas zum Weinen. Ich bat Marguerite vorauszugehen & kam später nach. Es erleichterte mich allein sein zu können. Zuhause hatte
ich noch immer Herzklopfen & zog mich in mein Zimmer zurück wo ich mich etwas elend fühlte. Dann kam ich, noch immer aufgeregt zu Marguerite in den Salon wo wir gewöhnlich beisammen saßen. Sie war über meinen Zustand etwas bestürzt (ängstlich) aber er wurde bald besser vielleicht auch weil ich ihre Teilnahme fühlte. Am Abend dieses Tages war unser Verhältnis so gut & innig wie in früheren Tagen. Ich hielt sie in den Armen & wir küßten uns lange & ich war froh geblieben zu sein. Am nächsten Tag aber kam ein Brief von Talla & der erzeugte einen Umschwung, oder Rückschlag in der Stimmung. Am Morgen || Nachmittag
ruderte ich sie auf den Rhein zu einer kleinen Insel wo viel Schilf wächst wie dort überall & ruderte ins Schilf hinein was ich sehr liebe. Und dort saßen wir im Boot & redeten lange über unser Verhältnis zu einander. Sie sagte wie wenig ich ihr bedeute wenn ich abwesend sei. Und daß sie überhaupt ihr Verhältnis zu mir nicht begriffe. Daß sie sich z.B. von mir küssen lasse & mich küsse, was sie || wovor sie bei jedem anderen zurückscheuen würde, aber || & nicht versteht warum sie es bei mir kann. Ich erklärte ihr manches so gut ich konnte. Wir fuhren mit einander nach Basel wo sie zu tun hat & mit mir am Bahnhof wartete bis mein Zug nach
Boulogne abging. Während dieser Fahrt nach Basel nun verschlechterte sich ihre Stimmung immer mehr. Sie wurde wieder finster & traurig. Ob durch den Inhalt von Tallas Brief oder nur dadurch daß er überhaupt gekommen war & sie an ihre vergeblichen Wünsche mahnte, weiß ich nicht. Ich hielt ununterbrochen ihre Hand & sprach von Zeit zu Zeit in sie ein nur um ihr – beinahe || wenn auch unbewußt – eine geringe Stütze zu geben. Beim letzten Abschied küßten wir uns aber ich fuhr mit schwerem Herzen fort & mit dem Gefühl sie in keinem guten Zustand zurückzulassen. Ich kam gestern nachmittag in London an & fuhr gleich zu Murakami dessen
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gute & herzliche Art mir half. Dann brachte ich den Abend mit Gilbert zu & wir waren eigentlich lustig wenn mich auch mein schweres Gefühl nie verließ wie es natürlich ist. Heute vormittag schrieb ich einen langen Brief an Gretl worin ich so gut ich konnte das Ergebnis meines Aufenthalts bei Marguerite & den Aufenthalt selbst beschrieb. Dann nach Cambridge wo ich bei Lettice wohne die sehr freundlich & gut mit mir ist. Ich erzählte ihr von Marguerite & unseren Schwierigkeiten. – Ich bin mir über die Bedeutung aller meiner Erlebnisse mit Marguerite sehr im Unklaren. Ich weiß nicht wohin das führen soll, noch was ich tun soll um es in der besten Weise zu beeinflussen und auch mein Egoismus spielt
in meine Gedanken hinein & verwirrt vielleicht alles am meisten obwohl ich das nicht klar sehe.

   
3.
     An Marguerite geschrieben. Ich halte ihr – in Gedanken – die Hand, wie ich es auf der Fahrt nach Basel tat, obwohl ich wußte daß sie nicht an mich dachte, nur damit sie unbewußt eine Stütze oder Hilfe hat. Oder sich vielleicht einmal mit guten Gefühlen daran erinnert.

   
4.
Bin traurig in dem Gedanken Marguerite nicht helfen zu können. Ich bin sehr schwach & wetterwendisch. Wenn ich stark bleibe durch Gottes Hilfe werde ich ihr vielleicht dadurch helfen können. – Es ist möglich, daß, was sie braucht, vor allem ein starker & fester Pflock ist der stehen
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bleibt, wie sie auch flattert. Ob ich die Kraft dazu haben werde? Und die nötige Treue? Möge mir Gott das Nötige geben.

   
     Ich sollte mich nicht wundern wenn die Musik der Zukunft einstimmig wäre. Oder ist das nur, weil ich mir mehrere Stimmen nicht klar vorstellen kann? Jedenfalls kann ich mir nicht denken daß die alten großen Formen (Streichquartett, Symphonie, Oratorium etc.) irgend eine Rolle werden spielen können. Wenn etwas kommt so wird es – glaube ich – einfach sein müssen, durchsichtig.
     In gewissem Sinne nackt.
     Oder wird das nur für eine gewisse Rasse, nur für eine Art der Musik gelten(?)

   
7.10.
Suche nach Wohnung & fühle mich elend & unruhig. Unfähig mich zu sammeln. Habe keinen Brief von Marguerite bekommen & auch das beunruhigt mich. Schrecklich daß es keine Möglichkeit gibt ihr zu helfen oder daß ich doch nicht weiß wie ihr zu helfen wäre. || ist. Ich weiß nicht welches Wort von mir ihr gut tun würde oder ob es das Beste für sie wäre nichts von mir zu hören. Welches Wort wird sie nicht mißverstehen? Auf welches wird sie hören? Man kann beinahe immer auf beide Arten antworten & muß es endlich Gott überlassen.

   
     Ich habe manchmal über mein seltsames Verhältnis zu Moore nachgedacht. Ich achte ihn hoch
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& habe eine gewisse nicht geringe Zuneigung zu ihm. Er dagegen? Er schätzt meinen Verstand, mein philosophisches Talent hoch, d.h. er glaubt daß ich sehr gescheit bin aber seine Zuneigung zu mir ist wahrscheinlich recht gering. Und ich konstruiere dies mehr als ich es fühle, denn er ist freundlich zu mir, wie zu jedem & wenn er hierin mit verschiedenen Leuten verschieden ist so merke ich doch den Unterschied nicht weil ich gerade diese Nuance nicht verstehe. Ich bin aktiv oder aggressiv er aber passiv & darum merke ich während unseres Verkehrs gar nicht wie fremd ich ihm bin. Ich erinnere mich darin an meine Schwester Helene der es mit Menschen geradeso geht. Es kommt dann die peinliche
Situation heraus daß man fühlt man habe sich den Menschen aufgedrängt ohne daß man es wollte oder wußte. Plötzlich kommt man darauf daß man mit ihnen nicht so steht wie man annahm weil sie die Gefühle nicht erwidern die man ihnen entgegenbringt || entgegenträgt; man hat es aber nicht bemerkt da die Verschiedenheit der Rollen in diesem Verkehr auf jeden Fall so groß ist daß sich dahinter Nuancen von Zuneigung & Abneigung leicht verstecken können. Ich fragte Moore heute, ob er sich freue wenn ich zu ihm regelmäßig (wie im vorigen Jahr) komme & sagte ich werde nicht gekränkt sein wie immer die Antwort ausfalle. Er sagte es sei ihm selbst nicht klar & ich: er solle sich's überlegen & mir mitteilen, was er versprach. Ich sagte
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ich könne nicht versprechen daß mich die Antwort nicht traurig machen, wohl aber daß sie mich nicht kränken werde. – Und ich glaube daß es Gottes Wille mit mir ist, daß ich das hören & es tragen soll.

   
     Immer wieder glaube ich daß ich ähnlich dem || eine Art Peter Schlemihl bin, oder sein soll & wenn dieser Name soviel wie Pechvogel bedeutet, so || heißt, so bedeutet das, daß er durch das äußere Unglück glücklich werden muß. || soll.

   
8.10.
In der neuen Wohnung, sie paßt mir noch nicht, wie ein neuer Anzug. Ich fühle mich kalt & ungemütlich. Schreibe das nur um etwas zu schreiben & mit mir selbst zu reden. Ich könnte sagen: jetzt bin ich endlich mit
mir allein & muß nach & nach mit mir ins Gespräch kommen.

   
In der Großstadt-Zivilisation || großstädtischen Zivilisation kann sich der Geist nur in einen Winkel drücken. Dabei ist er aber nicht etwa atavistisch & überflüssig sondern er schwebt über der Asche der Kultur als (ewiger) Zeuge – – quasi als Rächer Gottes. || der Gottheit.

   
Als erwarte er seine || eine neue Verkörperung (in einer neuen Kultur).

   
     Wie müßte der große Satiriker dieser Zeit ausschauen?

   
     Es ist 3 Wochen seit ich an Philosophie gedacht habe aber jeder Gedanke an sie ist mir so fremd als hätte ich durch Jahre nichts solches
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mehr gedacht. Ich soll || will in meiner ersten Vorlesung über die spezifischen Schwierigkeiten der Philosophie sprechen & habe das Gefühl: wie kann ich darüber etwas sagen, ich kenne sie ja gar nicht mehr.

   
9.
Obwohl ich bei recht freundlichen Leuten bin (oder gerade deshalb?) fühle ich mich andauernd gestört – obwohl sie mich nicht tätlich stören – & kann nicht zu mir kommen. Das ist ein scheußlicher Zustand. Jedes Wort das ich sie sprechen höre stört mich. Ich fühle mich umgeben & verhindert zur Ruhe || zum Arbeiten zu kommen.

   
     Ich fühle mich in meinem Zimmer nicht allein sondern exiliert.


   
16.
Fühle mich im allgemeinen etwas besser. Für mich arbeiten kann ich noch nicht, & das macht zum Teil der Zwiespalt zwischen || in mir der englischen & deutschen Ausdrucksweise. Ich kann nur dann wirklich arbeiten, wenn ich mich andauernd deutsch mit mir unterhalten kann. Nun muß ich aber für meine Vorlesungen die Sachen englisch zusammenstellen & so bin ich in meinem deutschen Denken gestört; wenigstens bis sich ein Friedenszustand zwischen den beiden gebildet hat & das dauert einige Zeit, vielleicht sehr lang.

   
Ich bin im Stande es mir in allen Lagen einzurichten. Wenn ich in eine neue Wohnung komme unter andere Umstände so trachte ich mir sobald
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als möglich eine Technik zurechtzulegen um die verschiedenen Unbequemlichkeiten zu ertragen & Reibungen zu vermeiden: Ich richte es mir in den gegebenen Umständen ein. Und so richte ich es mir nach & nach auch mit dem Denken ein nur daß das nicht einfach durch einen gewissen Grad von Selbstüberwindung & Klugheit || Verstand geht. Sondern es muß sich von selbst herausbilden & zurechtlegen. Wie man endlich doch in dieser gezwungenen Lage einschläft. Und arbeiten können ähnelt in so vieler Beziehung dem einschlafen können. Wenn man an Freuds Definition des Schlafs denkt so könnte man sagen daß es sich in beiden Dingen um eine Truppenverschiebung des Interesses handelt. (Im einen Fall um ein bloßes
Abziehen im andern um ein Abziehen, & Konzentrieren an einer Stelle.)

   
Moore hat meine Frage später so || dahin beantwortet, daß er mich zwar nicht eigentlich gern habe, daß mein Umgang ihm aber so gut tut daß er glaubt ihn fortsetzen zu sollen. Das ist ein eigentümlicher Fall.

   
Ich werde überhaupt mehr geachtet als geliebt. (Und das erstere natürlich nicht mit Recht) während einiger Grund bestünde mich gern zu haben.

   
     Ich glaube daß mein Denkapparat außergewöhnlich kompliziert & fein gebaut ist & darum mehr als gewöhnlich
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empfindlich. Vieles stört ihn, setzt ihn außer Aktion was einen gröberen Mechanismus nicht stört. Wie ein Stäubchen ein feines Instrument zum Stillstand bringen kann aber ein gröberes nicht beeinflußt.

   
Es ist merkwürdig, seltsam, wie sehr es mich beglückt wieder irgend etwas über Logik schreiben zu können obwohl meine Bemerkung gar nicht besonders inspiriert ist. Aber das bloße mit ihr allein beisammen sein zu können gibt mir das Glücksgefühl. Wieder geborgen, wieder zu Hause, wieder in der Wärme sein zu können ist es wonach mein Herz sich sehnt & was ihm so wohl tut.
   
18.
Die Manier im Schreiben ist eine Art Maske hinter der das Herz seine Gesichter schneidet wie es will.


   
Echte Bescheidenheit ist eine religiöse Angelegenheit.
   
19.
Wenn man mit Leuten redet die einen nicht wirklich verstehen, one always makes a fool of oneself || fühlt man immer daß man has made fool of oneself, wenigstens ich. Und das geschieht mir hier immer wieder. Man hat die Wahl zwischen völliger Fremdheit & dieser unangenehmen Erfahrung. Und ich könnte ja sagen: Ich habe doch den einen oder den anderen Menschen auch hier mit denen ich reden kann ohne in diese Gefahr zu kommen; & warum ziehe ich mich von den anderen nicht ganz zurück? Aber das ist schwer & mir unnatürlich. Die Schwierigkeit ist mit einem Menschen freundlich zu sprechen ohne Punkte
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zu berühren in denen man sich nicht verstehen kann. Ernst zu sprechen & so daß keine unwesentliche Sache die zu Mißverständnissen führen muß berührt wird. Es ist mir beinahe unmöglich.

   
22.
     Unsere Zeit ist wirklich eine Zeit der Umwertung aller Werte. (Die Prozession der Menschheit biegt um eine Ecke & was früher die Richtung nach oben war ist jetzt die Richtung nach unten etc.) Hat Nietzsche das im Sinne gehabt was jetzt geschieht & besteht sein Verdienst darin es vorausgeahnt & ein Wort dafür gefunden zu haben?

   
Es gibt auch in der Kunst Menschen die glauben ihr ewiges Leben durch gute Werke erzwingen zu können & solche die sich der
Gnade in die Arme werfen.

   
     Wenn mir etwas fehlt etwa eine Halsentzündung wie heute so werde ich gleich sehr ängstlich, denke, was wird werden wenn es schlimmer wird & ich einen Doktor brauche & die Doktoren hier sind nichts wert & ich muß vielleicht auf lange meine Vorlesungen einstellen etc. – als ob der liebe Gott mit mir einen Kontrakt abgeschlossen hätte daß er mich ungestört hier läßt. Wenn ich solche Angst bei Anderen sehe, so sage ich „das muß man eben hinnehmen”; es fällt mir aber selbst sehr schwer mich auf's Hinnehmen einzustellen statt auf's Genießen.
     Man sieht gerne den Helden im Anderen als Schauspiel (das uns geboten wird) aber selbst einer zu sein auch nur
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im Geringsten schmeckt anders.

   
Im durchscheinenden Licht hat das Heldentum eine andere Farbe als im auffallenden. (schlecht)
     Der Unterschied ist eher der zwischen einer gesehenen & einer gegessenen Speise. Weil hier das Erlebnis wirklich ein gänzlich anderes ist.

   
1.11.
Was mich im Schlafen stört stört mich auch im Arbeiten. Pfeifen & Sprechen aber nicht das Geräusch von Maschinen oder doch viel weniger.

   
9.
     Patriotismus ist die Liebe zu einer Idee.
   
16.
Der Schlaf & die geistige Arbeit entsprechen einander in vieler Beziehung. Offenbar dadurch daß beide ein Abziehen
der Aufmerksamkeit von gewissen Dingen enthalten.
   
26.
Ein Wesen, das mit Gott in Verbindung steht, ist stark.

   
16.1.31.
     Es ist in meinem Leben eine Tendenz dieses Leben zu basieren auf der Tatsache daß ich viel gescheiter bin als meine Mitmenschen || als die Anderen. Wenn aber diese Annahme zusammenzubrechen droht wenn ich sehe um wie wenig gescheiter ich bin als andere Menschen dann werde ich erst gewahr wie falsch diese Grundlage überhaupt ist auch wenn die Annahme richtig ist oder wäre. Wenn ich mir sage: ich muß mir erst
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einmal vorstellen daß alle anderen Menschen ebenso gescheit sind wie ich – womit ich mich gleichsam des Vorteils der Geburt, des ererbten Reichtums begebe. – Und dann wollen wir sehen wie weit ich durch die Güte allein komme, wenn ich mir dies sage so werde ich mir meiner Kleinheit bewußt.

   
Oder soll ich so sagen: Wieviel von dem was ich geneigt bin an mir für das Abzeichen eines Charakters zu halten ist bloß das Resultat eines schäbigen Talents!

   
Es ist beinahe ähnlich als sähe man sich die Tapferkeitsmedaillen
an seinem Kriegsrock an & sagte sich: „ich bin doch ein ganzer Kerl”. Bis man dieselbe Medaille an vielen Leuten bemerkt & sich sagen muß daß sie gar nicht der Lohn der Tapferkeit waren sondern die Anerkennung eines bestimmten Geschickes || Geschicks.

   
Immer wieder, wo ich mich gern als Meister fühlen möchte, komme ich mir wie ein Schuljunge vor.
     Wie ein Schuljunge der geglaubt hat viel zu wissen & draufkommt daß er im Verhältnis zu Anderen gar nichts weiß.
   
Samstag 17.

     Es fällt mir schwer zu
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arbeiten d.h. meine Vorlesung vorzubereiten – obwohl es höchste Zeit ist – weil meine Gedanken bei meinem Verhältnis zur Marguerite sind. Einem Verhältnis bei dem ich beinahe nur aus dem was ich gebe Befriedigung schöpfen kann. Ich muß Gott bitten daß er mich arbeiten läßt.

   
27.
Die Musik aller || der vergangenen Zeiten entspricht immer gewissen Maximen des guten & rechten der selben Zeit. So erkennen wir in Brahms die Grundsätze Kellers etc. etc. Und darum muß eine gute Musik die heute oder vor kurzem gefunden wurde, die also modern ist, absurd erscheinen, denn wenn sie irgend einer der heutigen || heute ausgesprochenen Maximen
entspricht so muß sie Dreck sein. Dieser Satz ist nicht leicht verständlich aber es ist so: Das Rechte heute zu formulieren dazu ist so gut wie niemand gescheit genug & alle Formeln, Maximen, die wir ausgesprochen werden sind Unsinn. Die Wahrheit würde allen Menschen ganz paradox klingen. Und der Komponist der sie in sich fühlt muß mit seinem Gefühl im Gegensatz stehen zu allem jetzt Ausgesprochenen & muß also nach den gegenwärtigen Maßstäben absurd, blödsinnig, erscheinen. Aber nicht anziehend absurd (denn das ist das was doch im Grunde der heutigen Auffassung entspricht) sondern nichtssagend. Labor ist dafür ein Beispiel dort wo er wirklich
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Bedeutendes geschaffen hat wie in einigen, wenigen, Stücken.

   
Man könnte sich eine Welt denken in der die religiösen sich von den irreligiösen Menschen nur dadurch unterschieden daß jene den Blick beim Gehen gegen oben gerichtet hätten während diese geradeaus sähen. Und hier ist das Hinaufschauen tatsächlich mit einer unserer religiösen Gesten verwandt, das ist aber nicht wesentlich & es könnten auch umgekehrt die religiösen Menschen geradeaus sehen etc. Ich meine daß Religiosität in diesem Fall gar nicht durch Worte ausgedrückt erschiene & jene Gesten doch ebenso viel & so wenig sagten wie die Worte unserer religiösen Schriften.


   
1.2.
Meine Schwester Gretl machte einmal eine ausgezeichnete Bemerkung über Clara Schumann. Wir sprachen von einem Zug von Prüderie in ihrer Persönlichkeit & daß ihr irgend etwas fehle & Gretl sagte: „sie hat das nicht was die Ebner Eschenbach hat”. Und das faßt alles zusammen.

   
Kann man sagen: es fehlte ihr Genie? – Labor erzählte mir einmal sie habe in seiner Gegenwart einen Zweifel darüber geäußert daß ein Blinder das & das in der Musik könne. Ich weiß nicht mehr was es war. Labor war offenbar entrüstet darüber & sagte mir „er kann es aber doch”. Und ich dachte: wie charakteristisch
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bei allem Takt den sie gehabt haben muß eine halb bedauernde halb geringschätzige Bemerkung über einen blinden Musiker zu machen. – Das ist schlechtes neunzehntes Jahrhundert, die Ebner Eschenbach hätte das nie getan.
   
5.
     Wir sind in unserer Haut gefangen.

   
7.
Ich brauche außerordentlich viel Energie um meinen Unterricht geben zu können. Dies sehe ich, wenn ich im Geringsten schlaff bin & gleich unfähig mich für die Vorlesung vorzubereiten.

   
Die drei Variationen vor dem Eintritt des Chors in der
9ten Symphonie könnte man den Vorfrühling der Freude, ihren Frühling und ihren Sommer nennen.

   
     Wenn mein Name fortleben wird dann nur als der Terminus ad quem der großen abendländischen Philosophie. Gleichsam wie der Name dessen der die Alexandrinische Bibliothek angezündet || verbrannt hat.

   
8.
Ich neige etwas zur Sentimentalität. Und nur keine sentimentalen Beziehungen. – Auch nicht zur Sprache.

   
     Nichts scheint mir dem Gedächtnis eines Menschen für immer abträglicher als Selbstgerechtigkeit. Auch dann wenn sie im Gewand der Bescheidenheit einhergeht || auftritt.

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     Ich werde in || mit steigendem Alter mehr & mehr logisch kurzsichtig.
     Meine Kraft zum Zusammensehen schwindet. Und mein Gedanke wird kurzatmiger.

   
Es ist die Aufgabe der Philosophie || Die Aufgabe der Philosophie ist, den Geist über bedeutungslose Fragen zu beruhigen. Wer nicht zu solchen Fragen neigt der braucht die Philosophie nicht.
   
9.
     Meine Gedanken sind so vergänglich, verflüchtigen sich so geschwind, wie Träume, die unmittelbar nach dem Erwachen aufgezeichnet werden müssen, wenn sie nicht gleich vergessen werden sollen.
   
10
     Der Mathematikprofessor Rothe
sagte mir einmal daß durch die Wirksamkeit Wagners Schumann um einen großen Teil seiner rechtmäßigen Wirkung gekommen sei. – Es ist viel Wahres in diesem Gedanken.

   
13.
     Lesen betäubt meine Seele.

   
Brot & Spiele, aber auch Spiele in dem Sinn in dem die Mathematik ja auch die Physik ein Spiel ist. Es sind immer Spiele worauf ihr Geist aus ist in den Künsten, im Laboratorium wie auf dem Fußballplatz.
   
14.
     Man kann den Magen an wenig Nahrung gewöhnen aber nicht den Körper; der leidet an der Unterernährung selbst wenn der Magen keinen Einspruch mehr erhebt, ja sogar schon
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mehr Nahrung von sich weisen würde. Ähnlich nun geht es mit dem Ausdruck der Gemütsbewegung: Zuneigung, Dankbarkeit etc. Man kann diese Äußerungen künstlich eindämmen bis man vor dem was früher natürlich war zurückscheut aber der übrige seelische Organismus leidet durch die Unterernährung.
   
19.
Jede mögliche kleinste & größte Erbärmlichkeit kenne ich weil ich sie selbst || selbst sie begangen habe.
   
20.
Die meisten Menschen folgen in ihrer Handlungsweise der Linie des geringsten Widerstandes; und so auch ich.

   
22.
Hamann sieht Gott wie einen Teil der Natur an & zugleich wie die Natur.
     Und ist damit nicht das religiöse
Paradox ausgedrückt: „Wie kann die Natur ein Teil der Natur sein?”

   
Es ist merkwürdig: Moses Mendelssohn erscheint in seinen Briefen an Hamann schon wie ein Journalist.

   
Der Verkehr mit Autoren wie Hamann, Kierkegaard, macht ihre Herausgeber anmaßend. Diese Versuchung würde der Herausgeber des Cherubinischen Wandersmannes nie fühlen noch auch der Confessionen des Augustin oder einer Schrift Luthers.
     Es ist wohl das, daß die Ironie eines Autors den Leser anmaßend zu machen geneigt ist.

   
Es ist dann etwa so: sie sagen sie wissen daß sie nichts wissen bilden sich aber auf diese Erkenntnis enorm viel ein.
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Ein natürliches Sittengesetz interessiert mich nicht; oder doch nicht mehr als jedes andere Naturgesetz & nicht mehr als dasjenige wonach ein Mensch das Sittengesetz übertritt. Wenn das Sittengesetz natürlich ist so bin ich geneigt den Übertreter in Schutz zu nehmen.
   
25.
     Die Idee daß jemand heute vom Katholizismus zum Protestantismus oder vom Protestantismus zum Katholizismus übertritt ist mir peinlich (wie vielen Andern). (In jedem der beiden Fälle in anderer Art.) Es wird eine Sache die (jetzt) nur als Tradition Sinn haben kann gewechselt wie eine Überzeugung. Es ist als wollte einer die Bestattungsgebräuche seines || unseres Landes mit denen der Türken || eines andern vertauschen. – Wer vom Protestantismus zum Katholizismus übertritt erscheint mir wie ein geistiges Monstrum. Kein guter katholischer Pfarrer hätte das
getan wenn er als Nicht-Katholik geboren worden wäre. Und der entgegengesetzte Übertritt zeugt ⋎ von einer abgründigen Dummheit.
     Vielleicht beweist der erste eine tiefere, der andere eine seichtere Dummheit.

   
1.3.
Habe jetzt Grund, anzunehmen daß Marguerite sich nicht besonders viel aus mir macht. Und da geht es mir sehr seltsam. Eine Stimme in mir sagt: Dann ist es aus, & Du mußt verzagen. – Und eine andre sagt: Das darf Dich nicht unterkriegen, darauf mußtest Du rechnen, & Dein Leben kann sich nicht darauf aufbauen, daß ein, wenn auch sehr gewünschter Fall, eintritt.
     Und die letztere Stimme hat recht, nur ist es eben dann der Fall eines Menschen der lebt & von
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Schmerzen gepeinigt ist. Er muß kämpfen, damit ihm die Schmerzen das Leben nicht verleiden. Und dann hat man Angst vor den Zeiten der Schwäche.
     Diese Angst ist freilich selbst nur eine Schwäche, oder Feigheit.
     Man will eben immer gerne ruhen, aber nicht kämpfen müssen. Gott mit ihr!

   
     Wer nicht das Liebste am Schluß in die Hände der Götter legen kann & || sondern immer selbst daran herumbasteln will, der hat doch nicht die richtige Liebe dazu. Das nämlich ist die Härte die in der Liebe sein soll. (Ich denke an die „Hermannsschlacht” & warum Hermann nur einen Boten zu seinem Verbündeten schicken will.)
     Gewisse Vorsichtsmaßregeln nicht zu ergreifen ist nicht bequem,
sondern das Unbequemste von der Welt.

   
     Beethoven ist ganz & gar Realist; ich meine, seine Musik ist ganz wahr, ich will sagen: er sieht das Leben ganz wie es ist & dann erhebt er es. Es ist ganz Religion & gar nicht religiöse Dichtung. Drum kann er in wirklichen Schmerzen trösten wenn die Andern versagen & man sich bei ihnen sagen muß: aber so ist es ja nicht. Er wiegt in keinen schönen Traum ein sondern erlöst die Welt dadurch daß er sie als Held sieht, wie sie ist.

   
     Luther war kein Protestant.
   
2.
     Ich bin außerordentlich feig, & ich benehme mich im Leben, wie der Feige in der Schlacht.
   
7.
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Bin von der Arbeit der letzten Monate ermüdet & von der peinigenden Angelegenheit mit Marguerite ganz geschlagen. Ich sehe hier eine Tragödie voraus. Und doch gibt es nur eines: sein Bestes tun & weiter arbeiten.
   
11.3.
     Eine ausgezeichnete Bemerkung Engelmanns die mir oft wieder einfällt: Während des Baues in der Zeit als wir noch zusammen arbeiteten sagte er mir nach einer Unterredung mit dem Bauunternehmer: „Sie können mit diesen Leuten || diesem Mensch nicht Logik reden!” – Ich: „Ich werde ihm Logik beibringen.” – Er: „Und er wird Ihnen Psychologie beibringen.”

   
6.5.
     Ein Apostel sein ist ein Leben. Es äußert sich wohl zum Teil in dem was er sagt, aber
nicht darin daß es wahr ist, sondern darin daß er es sagt. Für die Idee leiden macht ihn aus, aber auch hier gilt es, daß der Sinn des Satzes „dies || dieser ist ein Apostel” die Art seiner Verifikation ist. Einen Apostel beschreiben heißt ein Leben beschreiben. Der Eindruck den diese Beschreibung auf Andere macht muß man diesen überlassen. An einen Apostel glauben heißt, sich zu ihm so & so zu verhalten – tätig zu verhalten.

   
Wenn man sich nicht mehr ärgern will, muß auch die Freude eine andre werden, sie darf nicht mehr das sein was das Korrelat
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zum Ärger ist.

   
Zu Kierkegaard: Ich stelle Dir ein Leben dar & nun sieh, wie Du Dich dazu verhältst, ob es Dich reizt (drängt) auch so zu leben, oder welches andere Verhältnis Du dazu gewinnst. Ich möchte quasi || gleichsam durch diese Darstellung Dein Leben auflockern.

   
     In wieweit mein Denken ein Flug ist, ist gleichgültig (d.h. ich weiß es nicht & räsoniere darüber nicht). Es ist ein Schwung. –

   
     „Es ist gut, weil es Gott so befohlen hat” ist der richtige Ausdruck für die Grundlosigkeit.



   
Ein ethischer Satz lautet „Du sollst das tun!” oder „Das ist gut!” aber nicht „Diese Menschen sagen das sei gut”. Ein ethischer Satz ist aber eine persönliche Handlung. Keine Konstatierung einer Tatsache. Wie der || ein Ausruf der Bewunderung. Bedenke doch daß die Begründung des „ethischen Satzes” nur versucht den Satz auf andere zurückzuführen die Dir einen Eindruck machen. Hast Du am Schluß keinen Abscheu vor diesem & keine Bewunderung für jenes so gibt es keine Begründung die diesen Namen verdiente.

   
Kompositionen die am Klavier, auf dem Klavier, komponiert
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sind, solche, die mit der Feder denkend & solche die mit dem inneren Ohr allein komponiert sind, müssen einen ganz verschiedenen Charakter tragen, & einen Eindruck ganz verschiedener Art erzeugen.
     Ich glaube bestimmt, daß Bruckner mit dem inneren Ohr & einer Vorstellung vom spielenden Orchester, Brahms mit der Feder komponiert hat. Das ist natürlich viel einfacher dargestellt, als es ist. Eine Charakteristik aber ist damit getroffen.

   
     Aus der Notenschrift der Komponisten müßte man sich hierüber Aufschluß holen können. Und wirklich war, glaube ich, die Notenschrift
Bruckners ungeschickt & schwerfällig.

   
Bei Brahms die Farben des Orchesterklanges Farben von Wegmarkierungen.

   
Eine Tragödie könnte doch immer anfangen mit den Worten: „Es wäre gar nichts geschehen, wenn nicht …”.

   
(Wenn er nicht mit einem Zipfel seines Kleides in die Maschine geraten wäre?)

   
Aber ist das nicht eine einseitige Betrachtung der Tragödie, die sie nur zeigen läßt, daß eine Begegnung unser ganzes Leben entscheiden kann. || über unser ganzes Leben entscheiden kann. || unser ganzes Leben bestimmen kann.
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Ich glaube, daß es heute ein Theater geben könnte, wo mit Masken gespielt würde. Die Figuren wären eben stilisierte Menschen-Typen. In den Schriften Kraus' ist das deutlich zu sehen. Seine Stücke könnten, oder müßten, in Masken aufgeführt werden. Dies entspricht natürlich einer gewissen Abstraktheit dieser Produkte. Und das Maskentheater ist, wie ich es meine, überhaupt der Ausdruck eines spiritualistischen Charakters. Es werden daher (auch) vielleicht nur Juden zu diesem Theater neigen.

   
     Der Gegensatz zwischen Komödie
& Tragödie wurde seinerzeit immer wie ein den dramatischen Raum || Raumbegriff a priori teilender herausgearbeitet. Und es konnten einen dann gewisse Bemerkungen wundern, daß etwa die Komödie es mit Typen die Tragödie mit Individualitäten zu tun habe. In Wirklichkeit sind || ist Komödie & Tragödie kein Gegensatz so daß die eine das von der andern ausgeschlossene Stück des dramatischen Raumes wäre. (So wenig wie Moll & Dur solche Gegensätze sind.) Sondern es || sie sind zwei von vielen möglichen Arten des Dramas, die nur einer bestimmten – vergangenen – Kultur als die einzigen erschienen || erschienen sind. Der richtige Vergleich wäre || ist der mit den modernen Tonarten.

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     Es war charakteristisch für die Theoretiker der vergangenen Kulturperiode, das a priori || A-priori finden zu wollen, wo es nicht war.
     Oder, soll ich sagen, es war charakteristisch für die vergangene Kulturperiode, den Begriff, oder Unbegriff, des ‚a priori’ zu formen || schaffen.

   
Denn nie hätte sie diesen Begriff geschaffen wenn sie von vornherein die Dinge || Sachlage so gesehen hätte wie wir sie sehen. (Dann wäre der Welt ein großer – ich meine, bedeutender – Irrtum verloren gegangen.) Aber in Wirklichkeit kann man so gar nicht räsonieren, denn jener || dieser Begriff war in der Kultur selbst || in der ganzen Kultur begründet.

   
     ( Daß einer den Andern verachtet,
wenn schon unbewußt (Paul Ernst) heißt, es kann dem Verachtenden klargemacht werden, wenn man ihm eine bestimmte Situation, (die in Wirklichkeit (noch) nie eingetreten ist (& wohl nie eintreten wird) vor die Augen stellt, & er zugeben muß, daß er dann so & so handeln würde. || daß er dann so & so handeln – & dadurch der Verachtung Ausdruck geben würde.

   
Wenn man Wunder Christi etwa das Wunder auf der Hochzeit zu Kana so verstehen will wie Dostojewski es getan hat || tat, dann muß man sie als Symbole auffassen. Die Verwandlung von Wasser in Wein ist höchstens erstaunlich
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& wer es könnte den würden wir anstaunen aber mehr nicht. Es kann also nicht das das Herrliche sein. – Auch das ist nicht das Herrliche daß Jesus den Leuten auf der Hochzeit Wein verschafft & auch das nicht daß er ihnen den Wein || daß er den Wein ihnen auf eine so unerhörte Weise verschafft || gibt || zukommen läßt. Es muß das Wunderbare sein das dieser Handlung ihren Inhalt & ihre Bedeutung gibt. Und damit meine ich nicht das Außergewöhnliche, oder noch nie Dagewesene, sondern einen || den Geist in dem es vollbracht || getan wird und für den die Verwandlung von Wasser in Wein nur ein Symbol ist (gleichsam) eine Geste. Eine Geste die (freilich) nur der machen kann der dieses Außerordentliche kann. Als
Geste, || d.h. als Ausdruck muß das Wunder verstanden werden, wenn es zu uns reden soll. Ich könnte auch sagen: Nur wenn er es tut der es in einem wunderbaren Geist tut ist es ein Wunder. Ohne diesen Geist ist es nur eine außerordentlich seltsame Tat. || Tatsache. Ich muß gleichsam den Menschen schon kennen um sagen zu können, daß es ein Wunder ist. Ich muß das Ganze schon in dem richtigen Geiste lesen, um das Wunderbare darin zu empfinden || um das Wunder darin zu sehen || empfinden.

   
Wenn ich im Märchen lese, daß eine Hexe einen Menschen in ein wildes Tier verwandelt, so ist es doch auch der Geist dieser Handlung, der mir || auf mich den Eindruck
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macht.
     (Man sagt von einem Menschen, wenn er könnte, er würde den Andern || Gegner durch seinen Blick töten.)

   
Wenn die späten unter den großen Komponisten einmal in klaren || einfachen harmonischen Verhältnissen || Fortgängen schreiben, dann ist es als bekennten sie sich zu ihrer Stammutter. || als wollten sie sich zu ihrer Stammutter bekennen. || dann bekennen sie sich zu ihrer Stammutter.
     Mahler scheint mir gerade in diesen Momenten (wo || wenn die Andern am stärksten ergreifen) am unerträglichsten || besonders unerträglich & ich möchte dann immer sagen: aber das hast Du ja nur von den Anderen gehört, das gehört ja nicht (wirklich) Dir.

   
     Beschmutze alles mit meiner Eitelkeit.


   
Manchen || Den Einen bringt die Erziehung (die || das Erwerben der Bildung) nur in sein eigenes Gut. Er begeht damit quasi das väterliche Erbe || lernt damit quasi das väterliche Erbe kennen. Während der Andere dadurch ihm fremde || wesensfremde Formen aufnimmt. Und da wäre es besser er bliebe ungebildet wenn auch noch so garstig (& ohne jeden Schliff) || & ungeschliffen.

   
     Glücklich der, der nicht aus Feigheit gerecht sein will, sondern aus Gerechtigkeitsgefühl, oder aus Rücksicht für den Andern. – Ich bin beinahe immer aus Feigheit gerecht. || Meine Gerechtigkeit, wenn ich gerecht bin, entspringt beinahe immer || meistens der Feigheit.

   
     Übrigens verurteile ich die Gerechtigkeit nicht in mir, die sich etwa auf einer religiösen Ebene abspielt auf
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die ich mich aus den schmutzigen Niederungen meiner Lust & Unlust flüchte. Diese Flucht ist recht wenn sie aus Abscheu || Furcht vor dem Schmutz geschieht.

   
D.h., ich tue recht daran, wenn ich mich auf eine geistigere Ebene begebe wo || auf der ich ein Mensch sein kann – während Andere es auch auf einer ungeistigeren sein können.
     Ich habe eben kein Recht so zu leben || in dem Stockwerk wie sie & fühle auf ihrer Ebene mit Recht meine Inferiorität.

   
Ich muß in einer more rarefied atmosphere leben, gehöre dort hin; & sollte der Versuchung widerstehen mit Andern die es dürfen in der dichteren Luftschicht leben zu wollen.


   
Wie in der Philosophie verleiten Einen || uns auch im Leben scheinbare Analogien (zu dem was der Andere tut oder tun darf). Und auch hier gibt es nur ein Mittel gegen diese Verführung: auf die leisen Stimmen horchen die uns sagen, daß es sich hier doch nicht so verhält wie dort.

   
     Den letzten Grund (ich meine die letzte Tiefe) meiner Eitelkeit decke ich hier doch nicht auf.

   
Wenn ich von einer Tragödie (im Kino z.B.) ergriffen werde, dann sage ich mir immer: nein, so werde ich's nicht tun! oder: nein, so soll es nicht sein. Ich möchte den Helden & alle trösten. Aber das heißt doch
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nicht die Begebenheit als Tragödie verstehen. Drum versteh ich auch nur den guten Ausgang (im primitiven Sinn). Den Untergang des Helden verstehe ich – ich meine, mit dem Herzen – nicht. Ich will also eigentlich immer ein Märchen hören. (Darum auch meine Freude am Film.) Und dort werde ich wirklich ergriffen & von Gedanken bewegt. D.h., er liefert mir wenn er nicht zu fürchterlich schlecht ist immer Material für Gedanken & Gefühle.

   
     Die Photographien meines Bruders Rudi haben etwas Oberländerisches, oder richtiger etwas vom Stil der guten Zeichner der alten ‚Fliegenden Blätter’.

   
Ein englischer Architekt oder Musiker (vielleicht überhaupt ein Künstler),
man kann beinahe sicher sein, daß er ein Humbug ist!

   
Ich kann die Qualität eines Malpinsels nicht beurteilen; || , ich verstehe nichts von Pinseln & weiß, wenn ich einen sehe, nicht ob er gut, schlecht oder mittelmäßig ist; aber ich bin überzeugt daß englische Malpinsel hervorragend gut sind. Und ebenso überzeugt, daß die Engländer nichts von Malerei verstehen.

   
     Die Rohstoffe sind hier immer ausgezeichnet aber die Fähigkeit fehlt sie zu formen. D.h.: Die Menschen haben Gewissenhaftigkeit, Kenntnisse & Geschick aber keine feine Empfindung || keine Kunst. || aber nicht Kunst, noch feine Empfindung.

   
     Meine Selbsterkenntnis steht
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so: Wenn eine gewisse Anzahl von Schleiern auf mir gelassen werden, sehe ich noch klar, nämlich die Schleier. Werden sie aber entfernt, so daß mein Blick meinem Ich näher dringen könnte, so beginnt mein Bild vor meinen Augen zu verschwimmen. || , so beginnt sich mein Bild mir || mein Bild sich mir zu verwischen.

   
     Ich rede || spreche viel zu leicht. – Man kann mich durch eine Frage, einen Einwand zu einem Fluß von Reden verführen. Während ich rede sage sehe ich manchmal, daß ich in einem häßlichen Fahrwasser bin, || : mehr sage als ich meine, rede um den Andern zu amüsieren, Irrelevantes hineinziehe um zu impressionieren etc. etc. || u.s.w. Ich trachte dann das Gespräch
zu korrigieren es wieder in eine anständige || anständigere Bahn zurückzulenken. Biege es aber nur etwas und nicht genügend aus Furcht – mangelndem Mut – & behalte einen schlechten Geschmack.
     Besonders in England geschieht mir das leicht da die Schwierigkeit der Verständigung (wegen des Charakters, nicht wegen der Sprache) von vornherein enorme sind. So daß man seine Übungen auf einem schwankenden Floß statt auf festem Boden ausführen muß. Denn man weiß nie ob einen der Andere ganz verstanden hat; & der Andere hat Einen nie ganz verstanden.

   
12.10.31.
     Heute nacht erwachte ich aus einem Traum mit Entsetzen & ich merkte, daß ein solches Entsetzen
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etwas bedeute || sah plötzlich, daß ein solches Entsetzen ja etwas bedeute
, daß ich darüber nachdenken solle was es bedeutet.
     Der Traum hatte sozusagen zwei Teile (die aber unmittelbar auf einander folgten). Im ersten war jemand gestorben, es war traurig & ich schien mich gut aufgeführt zu haben & dann quasi beim Nachhausekommen sagte jemand & zwar eine starke, alte ländliche Person (von der Art unserer Rosalie) (ich denke auch an die Kumäische Sybille) ) zu mir ein Wort des Lobes & etwas wie: „Du bist doch jemand”. Dann verschwand dieses Bild & ich war allein im Dunklen & sagte zu mir – ironisch „Du bist doch jemand” & Stimmen riefen laut um mich her (aber ich sah niemand der rief) „die Schuld muß doch gezahlt werden” oder „die Schuld ist doch nicht gezahlt” oder so etwas. Ich erwachte wie aus einem
entsetzlichen Traum. (Versteckte mich || meinen Kopf – wie ich es seit der Kindheit in diesem Falle immer tue – unter die Decke & wagte erst nach einigen Minuten ihn frei zu machen & die Augen zu öffnen.) Mir kam wie ich sagte zum Bewußtsein, daß dieses Entsetzen eine tiefere Bedeutung hat (obwohl es auf eine Weise vom Magen kam, denn das war || wurde mir bald klar) d.h., daß die Fähigkeit so entsetzt zu sein etwas in mir || für mich zu bedeuten hat. || habe. Unmittelbar nach dem Erwachen, im Entsetzen, dachte ich: ob Traum oder nicht Traum, das hat || dieses Entsetzen hat etwas zu bedeuten. Ich habe doch etwas getan, etwas gefühlt, was immer mein Körper derweil getan hat.
     D.h., dieses Entsetzens ist der Mensch fähig. – Und das hat etwas zu bedeuten.
     Wenn der Mensch die Hölle auch
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in einem Traum erlebte, || & danach erwachte, so gäbe es sie doch.

   
Ich habe eine schlecht erzogene (oder unerzogene) Sprache. D.h. es fehlt ihr eine gute sprachliche Kinderstube. – Wie ja wohl der Sprache der allermeisten Menschen.

   
     Las einmal in Claudius ein Zitat aus Spinoza wo er über sich selbst schreibt konnte der || dieser Betrachtung aber nicht ganz froh werden. Und jetzt fällt mir ein daß ich ihr in einer Beziehung mißtraute ohne sagen zu können worin eigentlich. Ich glaube aber jetzt daß mein Gefühl ist, daß Spinoza sich selbst nicht erkennt || erkannt hat. Also das, was ich von mir selbst weiß || sagen muß.


   
Er schien nicht zu erkennen daß er ein armer Sünder war. Ich kann nun natürlich schreiben ich sei einer.1 Aber ich erkenne es nicht sonst würde ich anders. [schwätz nicht!]
     Das Wort erkennen ist eben irreleitend, denn es handelt sich um eine Tat die Mut erfordert.

   
Man könnte von einer Selbstbiographie sagen: dies schreibt ein Verdammter aus der Hölle.

   
In einem Satz steckt so viel als dahinter steht.

   
Jetzt verstehe ich etwas das Gefühl in meinem Traum.

   
Ich denke in jenem Zitat von || aus Spinoza an das Wort „Weisheit”
welches mir ein im letzten Grunde hohles Ding zu sein schien (& scheint) hinter dem sich der eigentliche Mensch, wie er wirklich ist, versteckt. (Ich meine: vor sich selbst versteckt.)

   
Decke auf, was Du bist.

   
Ich bin z.B. ein kleinlicher, lügnerischer Wicht & kann doch über die größten Dinge reden.

   
Und während ich es tue, scheine ich mir von meiner Kleinlichkeit vollkommen detachiert zu sein. Bin es aber doch nicht.

   
Selbsterkenntnis & Demut ist Eins. (Das sind billige Bemerkungen.)

   
13.
Ich möchte nicht, daß mit mir geschieht, was mit
manchen Waren || mancher Ware geschieht. Sie liegen auf dem Ladentisch, die Käufer sehn sie & da ihnen die Farbe oder (sonst etwas) || oder der Glanz in die Augen sticht so nimmt jeder die Sache auf || in die Hand sieht sie einen Augenblick an, & läßt sie dann als unerwünscht || nicht erwünscht auf den Ladentisch zurückfallen. || die Käufer sehen sie, die Farbe, oder der Glanz, sticht ihnen in die Augen & sie nehmen den Gegenstand einen Augenblick in die Hand & lassen ihn dann als unerwünscht auf den Tisch zurückfallen.

   
Meine Gedanken kommen beinahe nie unverstümmelt zur || in die Welt.
     Entweder es wird ein Teil bei der Geburt verrenkt oder abgebrochen. Oder der Gedanke ist überhaupt eine Frühgeburt & in der Wortsprache noch nicht
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lebensfähig. Dann kommt ein kleiner Fötus || Satz-Fötus zur Welt, dem noch die wichtigsten Glieder fehlen.

   
Die Melodien der frühen Beethovenschen Werke haben (schon) ein anderes Rassegesicht als z.B. die Melodien Mozarts. Man könnte den Gesichtstypus zeichnen der diesen || den Rassen entspräche. Und zwar ist die Rasse Beethovens gedrungener, grobgliedriger, mit runderem oder viereckigerem Gesicht, die Rasse Mozarts mit feineren schlankeren & doch rundlichen Formen & die Haydens groß & schlank von der Art mancher österreichischer Aristokraten. Oder lasse ich mich da von dem Bild verführen das ich von den Gestalten dieser Männer habe. Ich glaube nicht.


   
     Merkwürdig zu sehen, wie ein Stoff sich einer Form widersetzt. Wie der Nibelungenstoff sich der dramatischen Form widersetzt. Er will kein Drama werden & wird kein's & nur dort gibt er nach || ergibt er sich wo der Dichter oder Komponist sich entschließt episch zu werden || ihn episch zu behandeln. So sind die einzigen bleibenden & echten Stellen im „Ring der Nibelungen” || „Ring” die epischen, in denen Text oder Musik erzählen. Und darum sind die eindrucksvollsten Worte des „Rings” die der Bühnenweisungen.

   
Ich bin in meine Art der Gedankenbewegung beim Philosophieren etwas verliebt. (Und vielleicht sollte ich das Wort „etwas” weglassen.) ¥

   
Etwas ist nur so ernst, als es
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ernst ist.

|| Etwas ist nur so ernst, als es wirklich ernst ist.
   
Übrigens heißt das nicht, daß ich in meinen Stil verliebt bin. Das bin ich nicht.

   
Vielleicht, wie sich mancher gern reden hört, höre ich mich gerne schreiben?

   
Daß Dir etwas einfällt ist ein Geschenk des Himmels, aber es kommt darauf || drauf an, was Du damit machst.

   
Natürlich sind auch solche gute Lehren billig eine Tat durch die Du nach ihnen handelst. (Ich dachte bei dem vorigen Satz an Kraus.)


   
     Erkenne Dich selbst & Du wirst sehen, daß Du in jeder Weise immer wieder ein armer Sünder bist. Aber ich will kein armer Sünder sein & suche auf alle Weise zu entschlüpfen (benütze alles als Tür um diesem Urteil zu entschlüpfen).

   
     Meine Aufrichtigkeit bleibt immer bei || an einem bestimmten Punkt stecken!

   
     Wie man sich in einem hohlen Zahn gut auszukennen scheint, wenn der Zahnarzt in ihm herumbohrt, so lernt man durch das Bohren des Denkens || während des bohrenden Denkens jede Räumlichkeit jeden Schluff eines Gedankens kennen & wiedererkennen.

   
     Was ich, quasi, auf dem Theater (Kierkegaard)
103
in meiner Seele aufführe macht ihren Zustand nicht schöner sondern (eher) verabscheuenswürdiger. Und doch glaube ich immer wieder diesen Zustand durch eine schöne Scene auf dem Theater schöner zu machen.
     Denn ich sitze im Zuschauerraum derselben statt das Ganze von außen zu betrachten. Denn ich stehe nicht gern auf der nüchternen, alltäglichen, häßlichen || unfreundlichen Straße sondern sitze gern im warmen, angenehmen Zuschauerraum.

   
Ja, nur für wenige Momente gehe ich hinaus auf die Straße || in's Freie & dann vielleicht auch nur mit dem Gefühl immer wieder in's Warme schlüpfen zu dürfen. || können.

   
     Die Zuneigung der Andern zu
entbehren wäre mir überhaupt unmöglich, weil ich in diesem Sinne viel zu wenig (oder kein) Selbst habe.

   
     Vielleicht habe ich nur insoweit ein Selbst als ich mich tatsächlich verworfen fühle.

   
     Und wenn ich sage daß ich mich verworfen fühle so ist das kein Ausdruck (oder nur: beinahe nie ein Ausdruck?) dieses Gefühls.

   
     Ich habe mir oft den Kopf darüber zerbrochen daß ich nicht besser bin als Kraus & verwandte Geister & es mir mit Schmerzen vorgehalten. Welche Unsumme von Eitelkeit liegt aber in diesem Gedanken.
105


   
24.10.
     Das Geheimnis der Dimensionierung eines Sessels oder eines Fensters || Hauses ist, daß sie uns den Gegenstand anders auffassen macht || sie die Auffassung des Gegenstandes ändert. Mache das länger || kürzer & es sieht aus wie eine Fortsetzung dieses Teiles, mache es länger & es sieht aus wie ein ganz unabhängiger Teil. Mache es stärker & das Andere scheint sich darauf zu stützen, mache es schwächer und es scheint am Andern zu hängen. Etc.
     Nicht der graduelle Unterschied der Länge ist es eigentlich, worauf es ankommt, sondern der qualitative der Auffassung.

   
Wenn man der Brahmsschen Instrumentierung Mangel an Farbensinn vorwirft || der Brahmsschen Instrumentierung Mangel an Farbensinn vorgeworfen wird, so muß
man sagen daß die Farblosigkeit schon in der Brahmsschen Thematik liegt. Die Themen schon sind schwarz-weiß, wie die Brucknerschen schon färbig; auch wenn er || Bruckner sie tatsächlich aus irgendeinem Grund auf nur einem System niedergeschrieben hätte, so daß wir von einer Brucknerschen Instrumentierung nichts wüßten.
     Nun könnte man sagen: dann ist ja alles in Ordnung, denn zu schwarz-weißen Themen gehört auch eine schwarz-weiße (farblose) Instrumentation. Ich glaube nur daß gerade hier die Schwäche der Brahmsschen Instrumentation liegt, indem sie nämlich vielfach doch nicht ausgesprochen schwarz-weiß ist.
     Dadurch entsteht dann der Eindruck der uns oft glauben macht, wir vermißten Farben,
107
weil die Farben, die da sind, nicht erfreulich wirken. In Wirklichkeit vermissen wir, glaube ich, Farblosigkeit. Das zeigt sich auch oft deutlich z.B. im letzten Satz des Violinkonzerts wo es sehr merkwürdige Klangeffekte gibt (einmal als blätterten die Töne wie dürre Blätter von den Violinen ab) & wo man das doch als einen einzelnen Klangeffekt empfindet, während man die Klänge bei Bruckner als das selbstverständliche Fleisch zu den || die selbstverständliche Umkleidung der Knochen seiner || dieser Themen empfindet. (Ganz anders ist es beim Brahmsschen Chorklang der der Thematik ebenso angewachsen ist wie der Brucknersche Orchesterklang der Brucknerschen Thematik.) (Die Harfe im ersten Teil || am Schluß des ersten Teils des Deutschen Requiems.)



   
Zum „Geheimnis der Dimensionierung”: der eigentliche Sinn der Dimensionierung zeigt sich darin, daß man dem Gegenstand je nachdem sich seine Maßverhältnisse ändern andere Namen geben kann. (Ganz so, natürlich, wie dem Ausdruck des Gesichtes dessen Proportionen man änderte; ‚traurig’, ‚frech’, ‚wild’ etc., etc.)

   
Die Freude an meinen Gedanken (philosophischen Gedanken) ist die Freude an meinem eigenen seltsamen Leben. Ist das Lebensfreude?

   
Es ist sehr schwer nichts von sich zu halten & jeden Beweis daß man doch ein Recht habe etwas von sich zu halten (Beweis nach Analogien) von vornherein, auch ehe man verstanden hat daß er nicht irgendwo || irgendwo nicht stimmt || den Fehler durchschaut hat
109
(ja auch wenn man nie auf den Fehler kommen sollte) für Trug zu halten || als Trug zu erklären.

   
31.10.
Zum Studium der Philosophie sind heute am besten noch Studenten der Physik vorbereitet. Ihr Verständnis ist durch die offenbare Unklarheit in ihrer Wissenschaft aufgelockerter als das der Mathematiker die in einer selbstsichern Tradition festgefahren sind.

   
Ich könnte mich beinahe als einen amoralischen Nukleus sehen, an dem die Moralbegriffe anderer Menschen leicht hängen || kleben bleiben.

   
So daß, was ich redete eo ipso nie mein Eigenes wäre da ja dieser Nukleus (ich sehe ihn wie einen
weißen toten || leblosen Ballen) nicht reden kann. Es bleiben vielmehr an ihm bedruckte Blätter hängen. Diese reden dann; freilich, nicht wie in ihrem ursprünglichen Zustand sondern durcheinander mit andern Blättern & beeinflußt durch die Lage in die sie der Nukleus bringt. – Aber wenn das auch mein Schicksal sein sollte, so wäre ich doch der Verantwortung nicht enthoben & es wäre Sünde oder Unsinn dieses Schicksal etwa zu beklagen.

   
Man könnte sagen: Du verachtest die natürlichen Tugenden, weil Du sie nicht hast! – Aber ist es nicht noch viel wunderbarer – oder ebenso wunderbar – daß ein Mensch ohne alle diese Gaben Mensch sein kann!

   
„Du machst aus der Not eine Tugend”. Gewiß, aber ist es nicht wunderbar, daß man aus der Not eine Tugend machen kann.

   
     Man könnte es so sagen: Das Wunderbare ist, daß das Tote nicht sündigen kann. Und das Lebende zwar sündigen kann aber auch der Sünde entsagen:
      Ich kann nur in soweit schlecht sein, als ich auch gut sein kann.

   
Ich stelle mir die Menschen oft || manchmal als Kugeln vor: die eine aus echtem Gold durch & durch, die andere eine Schichte Dreck || wertloses Material, darunter Gold; die dritte eine täuschende aber falsche Vergoldung darunter – Gold. Wieder eine wo unter der Vergoldung Dreck ist & eine wo in diesem Dreck wieder ein Körnchen echtes Gold ist. U.s.w., u.s.w.


   
Ich glaube die letztere bin vielleicht ich.

   
Aber wie schwer ist so ein Mensch zu beurteilen. Man kommt ihm drauf, daß die erste Schichte falsch ist & sagt: „also ist er nichts wert”, denn daß es falsch vergoldetes echtes Gold geben soll, glaubt niemand. Oder man findet unter der falschen Vergoldung den Mist & sagt: „Natürlich! das war zu erwarten.” Aber daß dann in diesem Mist noch wirkliches Gold versteckt sein soll, das ist schwer zu vermuten.

   
Wenn eine Kanone zum Schutz gegen Fliegerangriffe so bemalt ist, daß sie von oben aussieht wie Bäume oder Steine, daß ihre wahren Konturen unkenntlich &
113
falsche an ihre Stelle getreten sind, wie schwer zu beurteilen ist dieses Ding. Man könnte sich Einen denken der sagt: „das sind also alles falsche Konturen, also hat das Ding gar keine wirklichen Konturen || wirkliche Gestalt. Und doch hat es eine wirkliche feste Gestalt aber sie ist mit den gewöhnlichen Mitteln gar nicht zu beurteilen.
     Meine Schwester Gretl las einmal eine Stelle aus einem Essay Emersons || Essay von Emerson vor, worin er seinen Freund einen Philosophen (den Namen habe ich vergessen) beschreibt; aus dieser Beschreibung sollte hervorgehen || glaubte sie zu entnehmen, daß dieser Mann mir ähnlich gewesen sein müsse || müsse. Ich dachte bei mir: Welches Naturspiel! – Welches Naturspiel, wenn ein Käfer ausschaut wie ein Blatt, aber dann ein wirklicher Käfer ist, & nicht ein Kunstblumenblatt.


   
     Im richtig geschriebenen Satz löst sich ein Partikel vom Herzen oder Gehirn ab & kommt als Satz aufs Papier.

   
Ich glaube meine Sätze sind meistens Beschreibungen visueller Bilder die mir einfallen.

   
     Der Witz Lichtenbergs ist die Flamme die nur auf einer reinen Kerze brennt.

   
     „Ich kann so liegen, – oder auch so, – oder vielleicht am besten, indem ich die Wahrheit ganz aufrichtig sage.” So sage ich oft zu mir selbst.

   
2.11.
     Dostojewski sagt einmal der Teufel nähme jetzt die Gestalt
115
der Furcht vor der Lächerlichkeit an. Und das muß wahr sein. Denn vor nichts fürchte ich mich so; nichts möchte ich so unbedingt vermeiden als die Lächerlichkeit. Dabei weiß ich, daß es eine Feigheit ist wie jede andere, & daß die Feigheit überall hinausgetrieben, da ihre letzte uneinnehmbare Festung hat. So daß sie nur zum Schein besiegt ist wenn sie sich an manchen Stellen || von manchen Plätzen zurückgezogen hat da sie sich ruhig in diese Festung begibt & dort sicher ist (& von dort das ganze Land wieder einnehmen wird). Der ganze Sieg war nur Komödie. || So daß sie nur zum Schein besiegt ist, wenn sie den einen oder andern Platz preisgegeben hat || preisgibt, da sie sich endlich ruhig in diese Festung zurückzieht & dort sicher ist.

   
     Wenn ich den Leuten von mir sagte
was ich ihnen sagen sollte, würde ich mich der Verachtung & dem Hohn beinahe Aller die mich kennen preisgeben.

   
     „Vaterlandsloses Gesindel” (auf die Juden angewandt) steht auf der gleichen Stufe mit „krummnasiges Gesindel”, denn, sich ein Vaterland zu geben, steht ebensowenig in eines Menschen Belieben wie, sich eine gerade Nase geben.

   
     Das schuldbeladene Gewissen könnte leicht beichten; der eitle Mensch kann nicht beichten.

   
     Ich werde || will mich keinem Entschluß von mir gefangen geben, es sei denn, daß der Entschluß mich gefangen hält.

117
   
     Umarme einen Menschen für ihn & nicht für Dich.

   
7.
     Bin jetzt durchaus beunruhigt, durch Gewissen & Gedanken.

   
Es ist seltsam wenn || daß || wenn in zwei Zimmern untereinander zwei Welten wohnen können. Das geschieht wenn ich unter den zwei Studenten wohne die über mir Lärm machen. Es sind wirklich zwei Welten & es ist keine Verständigung möglich.

   
Ich habe jetzt das Gefühl, als müßte ich in's Kloster gehn (innerlich), wenn ich die Marguerite verlöre.

   
     Der Gedanke an eine bürgerliche Verlobung der Marguerite erregt mir Übligkeiten. Nein in diesem
Fall könnte ich nichts für sie tun & müßte sie behandeln wie ich sie behandeln würde, wenn sie sich einen Rausch angetrunken || betrunken hätte, nämlich: nicht mit ihr reden bis sie den Rausch ausgeschlafen hat.

   
Es ist wahr daß man auch auf dem Trümmerfeld der Häuser soll leben können in denen man zu leben gewohnt war. Aber es ist schwer. Man hat seine Freude eben doch von der Wärme & Behaglichkeit der Zimmer genommen, auch wenn man es kaum || nicht wußte. Aber jetzt, wo man auf den Trümmern umherirrt, weiß man es.
     Man weiß daß jetzt nur der Geist wärmen kann & daß man gar nicht gewohnt ist sich vom
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Geist wärmen || erwärmen & erhalten zu lassen.

   
(Wenn man verkühlt ist tut das Waschen weh & wenn man geistig || im Geist krank ist, das Denken.)

   
     Ich kann (d.h. ich will) den Genuß nicht aufgeben. Ich will das Genießen nicht aufgeben & will kein Held sein. Daher leide ich den durchdringenden & beschämenden Schmerz der Verlassenheit.

   
     Die Verzweiflung hat kein Ende & der Selbstmord endet sie nicht, es sei denn, daß man ihr ein Ende macht indem man sich aufrafft.

   
     Der Verzweifelte ist wie ein eigensinniges Kind das den Apfel haben will. Aber man weiß für gewöhnlich nicht, was es heißt, den Eigensinn
zu brechen. Es heißt einen Knochen im Leibe brechen (und ein Gelenk machen, wo früher keins war).

   
Alte Gedankenbrocken die einen schon vor langer Zeit hoch oben im Darm gedrückt haben kommen später bei einer Gelegenheit heraus. Dann sieht man an einem || einen Teil eines Satzes & merkt: || , das war es was ich vor ein paar Tagen oder Wochen immer habe sagen wollen. || Dann bemerkt man einen Teil eines Satzes & sieht: das war es, was ich vor einigen Tagen immer habe sagen wollen.

   
     Der bürgerliche Geruch des Verhältnisses Marguerite – Talla ist mir so grausig, unerträglich daß ich vor ihm aus der Welt fliehen könnte.
     Jede Beschmutzung kann
121
ich ertragen, nur die bürgerliche nicht. Ist das nicht seltsam?

   
Ich weiß nicht ob mein Geist in mir krank ist oder ob es der Körper ist. Ich mache den Versuch & stelle mir vor daß manches anders wäre als es ist, & ich fühle, daß mein dann Befinden dann gleich normal würde. Also ist es der Geist; & wenn ich lustlos & trübe, meine Gedanken wie in einem dicken Nebel, dasitze & eine Art schwachen Kopfschmerz spüre, so soll das daher kommen, daß ich vielleicht – oder wahrscheinlich – die Liebe der Marguerite verlieren werde!

   
Wenn man im Kot steckt, gibt es nur Eins: Marschieren. Es ist besser vor Anstrengung tot umzufallen, als jammernd
zu krepieren.

   
     Geist, verlaß mich nicht! D.h., das schwache Spiritusflämmchen meines Geistes möchte || möge nicht verlöschen!

   
     Kierkegaards Schriften haben etwas Neckendes & das ist natürlich beabsichtigt, wenn ich auch nicht sicher weiß; ob genau diese Wirkung beabsichtigt ist, die sie auf mich haben. Es ist auch kein Zweifel daß der, der mich neckt mich zwingt, mich mit seiner Sache auseinanderzusetzen & ist diese Sache wichtig so ist das gut. – Und dennoch gibt es etwas was dieses Necken in mir verurteilt. Und ist dies nur mein Ressentiment? Ich sehe || weiß auch sehr wohl daß Kierkegaard das Ästhetische mit seiner Meisterschaft darin ad absurdum führt & daß er das natürlich
123
auch will. Aber es ist als wäre in seinem Ästhetischen bereits der Tropfen Wermuts drin, so daß es eben an & für sich schon nicht so schmeckt wie das Werk eines Dichters. Er ahmt dem Dichter gleichsam mit unglaublicher Meisterschaft nach, ohne aber ein Dichter zu sein & daß er keiner ist merkt man doch in der Nachahmung.
     Die Idee daß jemand einen Trick verwendet um mich zu etwas zu veranlassen ist unangenehm. Es ist sicher daß dazu (diesen Trick zu gebrauchen) großer Mut gehört & daß ich diesen Mut nicht – nicht im entferntesten – hätte; aber es frägt sich, ob, wenn ich ihn hätte, es gut || recht wäre ihn zu gebrauchen. Ich glaube, dazu gehörte dann außer dem Mut auch ein Mangel an Liebe zum Nächsten. Man könnte sagen: Was Du Liebe des Nächsten nennst ist Eigennutz.
Nun, dann kenne ich keine Liebe ohne Eigennutz, denn in die ewige Seligkeit des Andern kann ich nicht eingreifen. Ich kann nur sagen: Ich will ihn so lieben, wie ich – der um meine Seele besorgt ist – wünsche, daß er mich liebte.
     Mein ewiges Bestes kann er in gewissem Sinne nicht wollen, er kann mir nur im irdischen Sinne gut sein & für alles das Respekt haben, was in mir ein Streben zum Höchsten zu verraten scheint.

   
     Wenn ich an meine Beichte denke, so verstehe ich das Wort „… & hätte der Liebe nicht u.s.w.”. Denn auch diese Beichte nützte mich nichts wenn sie gleichsam wie ein ethisches Kunststück gemacht würde. Ich will aber nicht sagen, daß ich sie darum nicht gemacht || unterlassen habe, weil mir das bloße Kunststück nicht
125
genug war: ich war || bin zu feig dazu.
     (Ethisches Kunststück ist etwas was ich den Andern, oder auch nur mir (selbst), vorführe um zu zeigen was ich kann.)

   
     Ich verstehe den Geisteszustand meines Bruders Kurt vollkommen. Er war nur noch um einen Grad verschlafener als der meine.

   
     Die Denkbewegung in meinem Philosophieren müßte sich in der Geschichte meines Geistes, seiner Moralbegriffe & dem Verständnis meiner Lage wiederfinden lassen.

   
     Wer gegen Mücken(schwärme) (an)kämpfen muß findet es eine wichtige Sache einige verscheucht zu haben. Aber das ist für den ganz unwichtig der mit Moskitos nichts
zu tun hat. Wenn ich philosophische Fragen löse fühle ich || habe ich das Gefühl als hätte ich etwas äußerst Wichtiges für die ganze Menschheit getan & denke nicht, daß die Dinge mir so ungeheuer wichtig scheinen (oder soll ich sagen: mir so wichtig sind), weil ich von ihnen geplagt werde.
   
15.
Ein Traum heute nacht: Ich kam in ein Bureau um eine Rechnung – ich glaube – einzukassieren.
So etwa sah das Zimmer aus a, b, c sind Tische d die Tür (c nicht ganz sicher); vor a & b je ein Stuhl auf dem Stuhl vor a saß ein Beamte zu seiner linken stand ich. Außer mir war im Zimmer noch eine sehr lärmende Gesellschaft einer von ihnen saß vor b & sie alle sprachen zu dem Beamten lärmend & lustig & der Mann vor
127
b nahm dabei eine besondere Stellung ein, etwa indem er spaßhaft alles was die Andern (die bei c standen) dem Beamten verdolmetschte. Der Beamte sagte er könne sich mit ihnen nicht abgeben & wandte sich mir zu. Ich gab ihm die Rechnung & er fragte von wem sie wäre. Ich hätte gerne gesagt, es stehe ohnehin darauf & er solle selbst nachsehen (er hielt die Rechnung nämlich so daß er den Kopf nicht sehen konnte) traute mich aber nicht es zu sagen, sondern gab den Namen an: Laval, oder … de Laval. Darauf überprüfte der Beamte die Rechnung in dem er sie in einem elektrischen Apparat untersuchte (ich dachte er photographiert sie mit Röntgenstrahlen). Sie war in einer Art Kasten der mit einem schwarzen Tuch umwickelt
war. Die Szene hatte sich verändert & der Raum war jetzt wie ein kleines Laboratorium. Auf einem großen Tisch stand der Kasten
von ihm gingen Drähte aus. Ich saß auf einem Stuhl beinahe wie ein Verbrecher auf dem elektrischen Stuhl. Die Drähte gingen zu mir & dann zur Wand. Ich schien von ihnen & Stricken umwunden zu sein. Ich konnte nicht verstehen warum ich hier so sitzen müsse. Ich || Und sagte zu dem Beamten: „the circuit doesn't pass through my body”. Er: „of course not”. Ich (unwillig): „But you have fettered me”. Er sagte darauf es sei ja nur mein kleiner Finger gefesselt & „we do this to everybody. Und jetzt sah ich, daß ich gar nicht gefesselt war, denn die Stricke
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& Drähte hingen zwar in Schleifen um mich waren aber nirgends sonst angemacht & nur mein kleiner Finger war durch einen Spagat an einem Haken (am Tisch?) angebunden. Ich stand auf um meine Freiheit zu erproben & sagte etwas verlegen zum Beamten || „I'm sorry” ich hätte nicht bemerkt, daß ich (ganz) frei sei. Dann wachte ich auf.
     Gleich nach dem Aufwachen deutete ich den Traum als ein Gleichnis, welches ich für mein Verhältnis zur Marguerite brauchte. Nämlich: es schaut nur so aus als wäre ich an sie mit 1000 Stricken gebunden; in Wirklichkeit gehen || hängen diese Stricke nur um mich, binden mich aber an niemand & nur der kleine Spagat ist das Band zwischen uns.


¥


   
     Soviel es Dich gekostet hat, soviel werden sie zahlen.

   
Was Du geleistet hast, kann Andern nicht mehr bedeuten || sein als Du selbst.

   
Das Christentum sagt eigentlich: laß alle Klugheit fahren.

   
Wenn ich sage, ich will || möchte die Eitelkeit ablegen, so ist es fraglich, ob ich das nicht wieder nur aus einer Eitelkeit heraus will. Ich bin eitel & soweit ich eitel bin, sind auch meine Besserungswünsche eitel. Ich möchte dann gern wie der & der sein der nicht eitel war & der mir gefällt, & ich überschlage schon im Geiste den Nutzen, den ich vom „Ablegen” der Eitelkeit haben würde. Solange man auf der Bühne ist, ist man eben Schauspieler,
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was immer man auch macht.

   
Ich höre im Geist schon die Nachwelt über mich reden, statt mich selbst zu hören, der, da er mich kennt, freilich ein viel undankbareres Publikum ist.

   
Und das muß ich tun, || : nicht den Andern in der Phantasie hören sondern mich selbst. D.h. nicht dem Andern zusehen, wie er mir zusieht – denn so mache ich's – sondern mir selbst zusehen. Was für ein Trick, & wie unendlich immer wieder die Versuchung auf den Andern, & von mir weg, zu schaun.

   
     Von dem religiösen Ärgernis konnte man auch sagen: tu te fache, donc tu as tort. Denn Eines ist sicher: Du hast unrecht Dich zu ärgern, Dein Ärger ist gewiß
zu überwinden || soll gewiß überwunden werden
. Und es frägt sich dann nur ob am Schluß der Andre mit dem was er gesagt hat Recht behält. Wenn Paulus sagt, der gekreuzigte Christus ist den Juden ein Ärgernis so ist das gewiß, & auch, daß das Ärgernis im Unrecht ist. Aber die Frage ist: Was ist die rechte Lösung dieses Ärgernisses?

   
     Gott als geschichtliches Ereignis in der Welt ist so paradox, ebenso paradox, wie, daß eine bestimmte Handlung in meinem Leben dort & dann sündlich war. Das heißt daß ein Augenblick meiner Geschichte ewige Bedeutung hat ist nicht mehr noch weniger paradox, als daß ein Augenblick oder eine Zeitspanne der Weltgeschichte ewige
133
Bedeutung hat. Ich darf nur sofern an Christus zweifeln, als ich auch an meiner Geburt zweifeln darf. – Denn in derselben Zeit in der meine Sünden geschehen sind (nur weiter zurück) hat Christus gelebt. Und so muß man sagen: Wenn das Gute & Böse überhaupt etwas Geschichtliches ist dann ist auch die göttliche Weltordnung & ihr zeitlicher Anfang & Mittelpunkt verständlich. || denkbar.

   
Wenn ich aber nun an meine Sünden denke & die Handlungen sind nur Hypothesen || daß ich diese Handlungen getan habe, ist nur eine Hypothese, warum bereue ich sie als ob kein Zweifel über sie möglich wäre? Daß ich mich jetzt an sie erinnere ist meine Evidenz & die Grundlage meiner Reue & des Vorwurfs, daß ich zu feig bin, sie zu gestehen.



   
Sah die Photographien der Gesichter korsischer Briganten & dachte: diese Gesichter sind zu hart, & meines zu weich als daß das Christentum darauf schreiben könnte. Die Gesichter dieser Briganten sind schrecklich anzusehen, herzlos, in gewisser Weise kalt & verhärtet; & doch sind sie wohl nicht weiter vom rechten Leben entfernt als ich, nur auf einer andern Seite || , stehen nur auf einer andern Seite abseits vom Ideal || Rechten.

   
     Schwäche ist ein furchtbares Laster.

   
11.1.32.
Wieder in Cambridge zurück, nachdem ich viel erlebt habe:
     Marguerite, die mich heiraten will(!), Streit in der Familie, etc. – Ich bin aber im Geist schon so uralt,
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daß ich nichts Unreifes mehr tun darf & die Marguerite ahnt nicht wie alt ich bin.
     Ich erscheine mir selbst wie ein alter Mann.
     Meine philosophische Arbeit kommt mir jetzt vor wie eine Ablenkung von dem Schweren, wie eine Zerstreuung ein Vergnügen dem ich mich nicht mit ganz gutem Gewissen hingebe. Als ginge ich in's Kino statt einen Kranken zu pflegen.

   
     Man könnte sich einen Menschen vorstellen, der von seiner Geburt bis zu seinem Tod immer entweder schliefe oder in einer Art Halbschlaf oder Dusel lebte. So verhält sich mein Leben zu dem wirklich lebendigen
Menschen (ich denke gerade an Kierkegaard). Wacht so ein im Halbschlaf Lebender je für eine Minute auf so dünkt es ihn wunder was zu sein & er wäre nicht abgeneigt sich unter die Genies zu zählen.

   
     Kaum eine der mich tadelnden unter meinen Bemerkungen ist ganz ohne das Gefühl geschrieben, daß es doch immerhin schön ist daß ich mich tadle || daß ich meine Fehler sehe.

   
28.1.32
Wie wenig Achtung ich im Grunde für meine eigene Leistung habe zeigt sich mir darin, daß ich einen Menschen von dem ich Grund hatte zu glauben, er entspreche in einem andern Fach dem
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was ich in der Philosophie bin, daß ich so einen Menschen nur mit großem Vorbehalt gelten lassen oder schätzen würde.

   
     Ich träumte heute folgenden sonderbaren Traum: Jemand (war es Lettice?) sagte mir von einem Menschen, er heiße Hobbson „with mixed b”; welches so viel heißt || hieß, daß man ihn „Hobpson” ausspricht. – Ich erwachte & erinnerte mich daran: || , daß mir Gilbert einmal von der || bezüglich der Aussprache eines Namens || Wortes gesagt hatte „pronounced with mixed b”, daß ich verstanden hatte „… mixed beef” & nicht wußte was er meine, daß es so geklungen hatte als meinte er man müsse eine Speise welche „mixed beef” heißt beim Aussprechen des Wortes im
Munde haben & daß ich, als ich Gilbert verstanden hatte, das als Witz sagte. An alles das erinnerte ich mich sofort beim Aufwachen. Dann kam es mir immer weniger & weniger plausibel vor & erst am Morgen als ich schon angekleidet war schien es mir offenbarer Unsinn. (Geht man übrigens diesem Traum nach so führt er auf Gedanken über die Rassenmischung und was, im Zusammenhang damit für mich von Bedeutung ist.)

   
Eine Seele die nackter als die andern vom Nichts durch die Welt zur Hölle geht, macht einen größeren Eindruck auf die Welt als die bekleideten bürgerlichen Seelen.

   
     Nur als ihrer Zuflucht kann
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mir die Marguerite treu bleiben. Das kann & soll sie auch, wenn sie sich einmal in einen andern Mann verliebt. Es würde dann klar werden, worauf ich bei ihr ein Recht habe. Ich kann ihr dazu zureden mir als ihrer Zuflucht treu zu bleiben; alles andere wäre Ausnützung ihrer gegenwärtigen Notlage.

   
Ich habe eine nacktere Seele als die meisten Menschen & darin besteht sozusagen mein Genius.

   
Verstümmle einen Menschen ganz & gar schneide ihm Arme & Beine Nase & Ohren ab & dann sieh was von seinem Selbstrespekt & von seiner Würde übrig bleibt & wieweit seine Begriffe von
solchen Dingen dann noch die selben sind. Wir ahnen gar nicht, wie diese Begriffe von dem Gewöhnlichen, normalen, Zustand unseres Körpers abhängen. Was wird aus ihnen wenn wir mit einem Ring durch unsere Zungen & gefesselt an einer Leine geführt werden? Wie viel bleibt dann noch von einem Menschen in ihm übrig? In welchen Zustand versinkt so ein Mensch? Wir wissen nicht, daß wir auf einem hohen schmalen Felsen stehen, & um uns Abgründe, in denen alles ganz anders ausschaut.

   
     Die Adoption altväterischer Münzbezeichnungen „Groschen”, „Taler”, charakteristisch für, was heute Österreich ist, & auch für den Zustand in den europäischen
141
Ländern überhaupt.
     Damit hängt zusammen das Neubeleben von Volkstänzen & Trachten & eine Art der Vertrottelung.

   
     Meine Hauptdenkbewegung ist heute ganz anders || eine ganz andere als vor 15–20 Jahren.
     Und das ist ähnlich, wie wenn ein Maler von einer Richtung zu einer andern übergeht.

   
Das Judentum ist hochproblematisch, aber nicht gemütlich. Und wehe wenn ein Schreiber die gemütvolle Seite hervorhebt || betont. Ich dachte an Freud, wenn er vom jüdischen Witz redet.

   
Marguerite braucht mich als Korrektiv, aber nicht als ihren
Alleinbesitzer.

   
Ich habe manchmal das Gefühl, wie wenn mein Verstand ein Glasstab wäre der belastet ist & jeden Moment brechen kann.

   
     Mein Geist scheint dann außerordentlich fragil zu sein.

   
     Es gibt einen Gedankenraum in den || dem man beim Einschlafen weiter oder weniger weit reisen kann & beim Erwachen gibt es eine Rückkunft aus größerer oder geringerer Weite || Entfernung.
   
Skjolden         29.11.36.

     Ich habe vor ca. 12 Tagen an Hänsel ein Geständnis meiner Lüge bezüglich meiner Abstammung geschrieben. Seit der Zeit denke ich wieder & wieder darüber
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nach, wie ich ein volles Geständnis allen mir bekannten Menschen machen kann & soll. Ich hoffe & fürchte! Heute fühle ich mich etwas krank, verkühlt. Ich dachte: “Will Gott mit mir Schluß machen, ehe ich das Schwere tun konnte?” Möge es gut werden!
   
20.11.
     Matt & arbeitsunlustig, oder eigentlich unfähig. Aber das wäre ja kein schreckliches Übel. Ich könnte ja sitzen & ruhen. Aber dann verfinstert sich meine Seele. Wie leicht vergesse ich die Wohltaten des Himmels!!
     Nachdem ich nun das eine Geständnis gemacht habe, ist es als könne ich den ganzen Lügenbau nicht länger halten, als müsse er ganz niederstürzen. Wäre er nur schon ganz eingestürzt! So daß die Sonne auf Gras & auf die Trümmer scheinen könnte.
     Am schwersten wird mir der Gedanke
an ein Geständnis gegen Francis, weil ich mich für ihn fürchte & vor der fürchterlichen Verantwortung die ich dann tragen muß. Nur die Liebe kann dies tragen. Möge Gott mir helfen.

   
21.
     Ich habe von Hänsel auf meinen Brief eine schöne & rührende Antwort erhalten. Er schreibt, er bewundre mich. Welcher Fallstrick! Er weigert sich den Brief den andern Freunden & Verwandten zu zeigen. Ich habe daher heute ein längeres & umfassenderes Geständnis an Mining geschrieben. Bin versucht, darüber leichtfertig zu denken!
     Die Schrauben || Schraubenmuttern, kaum angezogen, werden gleich wieder locker, weil, das Ding wieder nachgibt || worauf sie drücken wieder nachgeht. || was sie zusammenpressen sollen,
145
wieder nachgibt.

     Ich habe immer Freude an meinen eigenen guten Gleichnissen; möchte sie nicht eine so eitle Freude sein.

   
     Du kannst Christus nicht den Erlöser nennen, ohne ihn Gott zu nennen. Denn ein Mensch kann Dich nicht erlösen.
   
23.
Es fehlt auch meiner Arbeit (meiner philosophischen Arbeit) an Ernst & Wahrheitsliebe. – Wie ich auch in den Vorlesungen oft geschwindelt habe indem ich vorgab etwas schon zu verstehen, während ich noch hoffte ich || es werde mir klar werden.

   
24.
Ich habe heute den Brief mit einem Geständnis an Mining abgeschickt. Obwohl das Geständnis offenherzig ist, so fehlt mir doch noch immer der Ernst, der der Lage entspricht.

   
25.
Heute ließ Gott mir einfallen – denn anders kann ich's nicht sagendaß ich den Leuten hier im Ort ein Geständnis meiner Missetaten machen sollte. Und ich sagte, ich könne nicht! Ich will nicht obwohl ich soll. Ich traue mich nicht einmal der Anna Rebni & dem Arne Draegni zu gestehen. So ist mir gezeigt worden daß ich ein Wicht bin. Nicht lange ehe mir das einfiel sagte ich mir ich wäre bereit mich kreuzigen zu lassen.
     Ich hätte doch so gern, daß alle Menschen eine gute Meinung von mir haben! Wenn es auch eine falsche ist; & ich es weiß daß sie falsch ist! –
      Es ist mir gegeben worden, – & ich möchte Lob dafür haben! Lehre doch mich – !
   
30.11.
Es bläst ein Sturm und ich kann
147
meine Gedanken nicht sammeln. –


   
1.12.
     Ein Satz kann absurd erscheinen & die Absurdität seiner Oberfläche von der Tiefe, die gleichsam hinter ihm liegt verschlungen werden.
     Das kann man auf den Gedanken von der Auferstehung der Toten & auf andere mit ihm verknüpfte anwenden. – Was ihm aber Tiefe gibt ist die Anwendung, || : das Leben das der führt der ihn glaubt.
     Denn dieser Satz z.B. kann der Ausdruck der höchsten Verantwortung sein. Denn denke doch Du würdest vor den Richter gestellt! Wie sähe Dein Leben aus, wie erschiene es Dir selbst, wenn Du vor ihm stündest. Ganz abgesehen davon, wie es etwa ihm erscheint & ob er einsichtig, oder nicht einsichtig, gnädig, oder nicht gnädig ist.

   
“Weiß ist auch eine Art Schwarz.”

   
27.1.37
Auf der Rückkehr von Wien & England, auf der Reise von Bergen nach Skjolden. Mein Gewissen zeigt mir mich selbst als einen elenden Menschen; schwach d.h. unwillig zu leiden, feig: immer in Furcht Anderen einen ungünstigen Eindruck zu machen z.B. dem Portier im Hotel, dem Diener, etc. Unkeusch. Am schwersten aber fühle ich den Vorwurf der Feigheit. Hinter ihm aber steht die Lieblosigkeit (& die Überhebung). Aber die Scham die ich jetzt empfinde ist auch nichts Gutes insofern ich meine äußere Niederlage stärker empfinde als die Niederlage der Wahrheit. Mein Stolz & meine Eitelkeit sind verletzt.
     In der Bibel habe ich nichts als ein Buch vor mir.
Aber warum sage ich “nichts als ein Buch”, || ? ich habe ein Buch vor mir,
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ein Dokument, das wenn es allein bleibt, nicht mehr Wert haben kann, als irgend ein anderes Dokument.

      (Das hat Lessing gemeint.) Dieses Dokument an sich kann mich zu keinem Glauben an die Lehren die es enthält ‘verbinden’, – so wenig wie irgend ein anderes Dokument, das mir hätte in die Hände fallen können. Soll ich die Lehren glauben so nicht deshalb weil mir dies & nicht etwas anderes berichtet worden ist. Sie müssen mir vielmehr einleuchten: & damit meine ich nicht nur Lehren der Ethik, sondern historische Lehren. Nicht die Schrift, nur das Gewissen kann mir befehlen an Auferstehung, Gericht etc. zu glauben. Zu glauben, nicht als an etwas Wahrscheinliches, sondern in anderem Sinne. Und mein Unglaube kann mir nur in sofern zum Vorwurf gemacht werden, als entweder
mein Gewissen den Glauben befiehlt – wenn es so etwas gibt –, oder als es mir Niedrigkeiten vorwirft; die mich in einer Weise, die ich aber nicht kenne, nicht zum Glauben kommen lassen. Das heißt, so scheint es mir, ich soll sagen: Du kannst jetzt über einen solchen Glauben gar nichts wissen, er muß ein Geisteszustand sein von dem Du gar nichts weißt und der Dich solange nichts angeht als Dein Gewissen ihn Dir nicht offenbart; dagegen hast Du jetzt Deinem Gewissen in dem zu folgen was es Dir sagt. Einen Streit über den Glauben kann es für Dich nicht geben da Du nicht weißt, (nicht das kennst) worüber gestritten wird. Die Predigt kann die Vorbedingung des Glaubens sein, aber sie, in sich || durch das was in ihr vorgeht, kann den Glauben
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nicht bewegen wollen. (Könnten diese Worte zum Glauben verbinden, so könnten andere Worte auch einem andern || zum Glauben verbinden.) Das Glauben fängt mit dem Glauben an. Man muß mit dem Glauben anfangen; aus Worten folgt kein Glaube. Genug.

     – – – Aber gibt es nicht vielerlei Weisen sich für Tinte & Papier zu interessieren? Interessiere ich mich nicht für Tinte & Papier wenn ich einen Brief aufmerksam lese? Denn jedenfalls schaue ich dabei aufmerksam auf Tintenstriche. – “Aber die sind ja hier nur Mittel zum Zweck!” – Aber doch ein sehr wichtiges Mittel zum Zweck! – Ja freilich können wir uns andere Untersuchungen über Tinte & Papier vorstellen, die uns gar nicht interessieren, die uns für unsern Zweck ganz unwesentlich zu sein scheinen würden. Aber was uns also interessiert wird
die Art der || unsrer || unserer Untersuchung zeigen. Unser Gegenstand ist, so scheint es, sublim, & so sollte er, scheint es || möchte man glauben, nicht von trivialen & in gewissem Sinne unsicheren Gegenständen handeln, sondern von Unzerstörbarem.
     [Ein für mich ungemein charakteristisches Phänomen kann ich auf der Reise beobachten: Ich schätze die Menschen, es sei denn daß sie mir durch ihre Erscheinung oder durch ihr Auftreten einen besonderen Eindruck machen, als weniger || für minder ein als mich selbst: das heißt für gewöhnlich ich wäre geneigt das Wort “gewöhnlich” von ihnen zu gebrauchen, ‘einer aus der Masse’ & dergleichen. Ich würde dies vielleicht nicht sagen, aber der Blick mit dem ich ihn zuerst ansehe sagt es. Es ist schon ein Urteil in diesem Blick. Ein ganz unbegründetes, & unberechtigtes. Und auch dann natürlich unberechtigtes, wenn
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sich der Mensch bei genauerer Bekanntschaft wirklich als sehr gewöhnlich, d.h. oberflächlich, herausstellen sollte. Ich bin freilich in Vielem ungewöhnlich & daher viele Menschen gegen mich gehalten gewöhnlich; aber worin besteht denn meine Ungewöhnlichkeit?]
     Wenn unsere Betrachtungen von Wort & Satz handeln so sollten sie doch in einem idealeren Sinn von ihnen handeln, als in dem, in welchem ein Wort verwischt, schwer leserlich, sein kann u. dergl.– So werden wir dazu geführt statt dem Wort die ‘Vorstellung’ des Wortes betrachten zu wollen. Wir wollen zu Reinerem, Klarerem, zu Nicht-hypothetischem. [Darauf bezieht sich die Bemerkung im Band XI.] 2
   
28.1.
Noch auf der Reise im Schiff. Wir legten an einem Landungsplatz an & ich sah auf das Drahtseil, mit dem das Schiff angebunden || angehängt war,
& der Gedanke kam mir: gehe auf dem Seil; Du wirst natürlich nach wenigen Schritten ins Wasser fallen – aber das Wasser war nicht tief & ich wäre nur naß geworden aber nicht ertrunken; & vor allem wäre ich natürlich ausgelacht oder für ein wenig verrückt gehalten worden. Ich schreckte sofort vor dem Gedanken zurück, das zu tun & mußte mir gleich sagen, daß ich kein freier Mensch || Mann, sondern ein Sklave bin. Freilich wäre es ‘unvernünftig’ gewesen dem Impuls zu folgen; aber was sagt das?! Ich verstand, was es heißt, daß der Glaube den Menschen selig macht, d.h. von der Furcht vor Menschen frei macht, indem er den Menschen || ihn unmittelbar unter Gott stellt. Er wird sozusagen reichsunmittelbar. Eine Schwäche ist, kein Held zu sein, aber eine noch viel größere || schwächere Schwäche einen solchen || den Helden zu spielen, also nicht einmal die Kraft haben, das Defizit
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klar & ohne Zweideutigkeit in der Bilanz zu bekennen. Und das heißt: bescheiden werden: nicht in ein paar Worten, die man einmal sagt, sondern im Leben.
     Ein Ideal haben ist recht. Aber wie schwer, sein Ideal nicht spielen zu wollen! Sondern es in dem Abstand von sich zu sehen, in dem es ist! Ja, ist das auch nur möglich, – oder müßte man darüber entweder gut oder wahnsinnig werden? Müßte diese Spannung, wenn sie ganz erfaßt würde, den Menschen nicht entweder zu Allem bringen können || , oder ihn zerstören.
     Ist es hier ein Ausweg, sich in die Arme der Gnade zu werfen?
     Heute nacht folgenden Traum: Ich stand mit Paul & Mining, es war, wie auf einer vorderen Plattform eines Wagens der Elektrischen aber daß es das war, war nicht klar. Paul berichtete der Mining davon, wie begeistert mein Schwager Jérome von
meiner unglaublichen musikalischen Begabung gewesen sei; ich hatte am Tag vorher so wunderbar bei einem Werk von Mendelssohn, “die Bachanten” (oder so ähnlich) hieß es), mitgewirkt || mitgesungen; es war als hätten wir dieses || in diesem Werk unter uns zu Hause musiziert & ich hätte außerordentlich ausdrucksvoll mitgesungen auch ausdrucksvolle Gesten dazu gemacht || & auch mit besonders ausdrucksvollen Gesten. Paul & Mining schienen mit dem Lob Jeromes vollkommen übereinzustimmen. Jerome habe ein über das andre Mal gesagt: “Was für ein || Welches Talent!” (oder etwas Ähnliches; ich erinnere mich daran nicht sicher). Ich hielt eine abgeblühte Pflanze in der Hand mit schwärzlichen Samenkörnern die schon aus den Schötchen herausfielen || in den schon offenen Schötchen & dachte, || : wenn sie mir sagen sollten, wie schade es doch um mein ungenutztes musikalisches Talent sei, werde ich ihnen die Pflanze zeigen & sagen, daß die Natur mit ihrem Samen auch nicht sparsam
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ist & daß man nicht ängstlich sein & einen Samen ruhig umkommen lassen soll || wegwerfen || hinwerfen soll. Das Ganze war von Selbstgefälligkeit getragen. – Ich wachte auf & ärgerte, oder schämte, mich wegen meiner Eitelkeit. – Es war das nicht ein Traum der Art wie ich ihn in den letzten 2 Monaten (etwa) sehr oft gehabt habe: wo ich nämlich im Traum verächtlich handle, z.B. lüge, & mit dem Gefühl aufwache: Gott sei Dank, daß es ein Traum war; & den Traum auch als eine Art Warnung nehme. Möge ich nicht ganz gemein und auch nicht wahnsinnig werden! Möge Gott Erbarmen mit mir haben.
   
30.1.
     Fühle mich körperlich krank; ich bin außerordentlich schwach & habe ein gewisses Schwindelgefühl. Wenn ich mich nur richtig zu meinem körperlichen Zustand stellen würde! Ich bin noch heute, wie als kleiner Bub beim Zahnarzt, wo ich auch immer die wirklichen Schmerzen mit der Furcht vor
Schmerzen vermengt habe & nicht eigentlich wußte wo jene aufhörte & diese anfingen || das eine aufhörte & das andere anfing.

     Unser Gegenstand ist doch sublim, – wie kann er dann von gesprochenen oder geschriebenen Zeichen handeln?
     Nun wir reden von dem Gebrauch der Zeichen als Zeichen (& natürlich ist der Gebrauch des Zeichens nicht ein Gegenstand; der als das Eigentliche, Interessante || eigentliche & interessante dem Zeichen als seinem bloßen Vertreter gegenübergestellt || gegenübersteht).
     Aber was ist am Gebrauch der Zeichen Sublimes || Tiefes? Da erinnere ich mich, erstens, daran, daß Namen oft eine magische Rolle zu spielen geschienen haben || zugekommen ist, & zweitens daran, daß die Probleme, die durch ein Mißdenken unserer Sprachformen || der Formen unserer Sprache entstehen, immer den Charakter des Profunden haben.
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Erinnere Dich!
   
31.1.
Denk wie uns das Substantiv “Zeit” ein Medium vorspiegeln kann; … uns in die Irre führen kann, … wir || wie es uns in die Irre führen kann, daß wir einem Phantom (auf & ab) nachjagen.
     Adam benennt die Tiere – – –
      Gott laß mich fromm sein aber nicht überspannt!
     Ich fühle mich als wäre mein Verstand in einem sehr labilen Gleichgewichtszustand; so als würde ein verhältnismäßig geringer Stoß ihn zum Umschnappen bringen. So || Es ist so wie man sich manchmal dem Weinen nahe fühlt, den herannahenden Weinkrampf fühlt. Man soll dann recht ruhig, gleichmäßig & tief zu atmen versuchen, bis der Krampf sich löst. Und so Gott will wird es mir gelingen.
   
2.2.
Erinnere Dich beim Philosophieren zur rechten Zeit daran, mit welcher Befriedigung Kinder (&
auch das Volk/ || einfache Leute) hören das sei die größte Brücke, der höchste Turm, die größte Geschwindigkeit … etc. (Kinder fragen: “was ist die größte Zahl?”) Es ist nicht anders möglich als daß ein solcher Trieb allerlei philosophische Vorurteile & daher philosophische Verwicklungen erzeugen muß.
   
3.2.
     Du sollst die Annehmlichkeiten des Lebens nicht wie ein Dieb davontragen. (Oder wie der Hund der einen Knochen gestohlen hat & mit dem Knochen im Maul || ihm davonrennt.)
     Aber was bedeutet das nicht fürs Leben!!
   
4.2.
     Ich kann wohl die christliche Lösung des Problems des Lebens (Erlösung, Auferstehung, Gericht, Himmel, Hölle) zurückweisen || ablehnen, aber damit habe ich || ist ja das Problem meines Lebens nicht gelöst, denn ich bin nicht gut & nicht glücklich. Ich bin
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nicht erlöst. Und wie kann ich also wissen, was mir, wenn ich anders lebte, ganz anders lebte, als einzig akzeptables Bild der Weltordnung vorschweben würde. Ich kann das nicht beurteilen. Ein anderes Leben rückt ja ganz andere Bilder in den Vordergrund, macht ganz andere Bilder notwendig. Wie Not beten lehrt. Das heißt nicht, daß man durch das andere Leben notwendig seine Meinungen ändert. Aber lebt man anders, so spricht man anders. Mit einem neuen Leben lernt man neue Sprachspiele.
     Denk z.B. mehr an den Tod, – & es wäre doch sonderbar, wenn Du nicht dadurch neue Vorstellungen, neue Gebiete der Sprache, kennen lernen solltest.
   
5.2.
     Kann aus irgend einem Grunde nicht arbeiten. Meine Gedanken kommen nicht
vom Fleck & ich bin ratlos, weiß nicht was ich in dieser Lage anfangen soll. Ich scheine hier die Zeit in unnützer Weise zu vergeuden.
     
6.2.
Im guten Sinne “schwerverständlich” ist ein Künstler, wenn uns das endliche Verständnis Geheimnisse offenbart, nicht, einen Trick, den wir nicht verstanden hatten.
   
7.2.
Es fehlt meinem Schreiben wieder an Frömmigkeit & Ergebenheit. So sorge ich mich darum daß, was ich jetzt hervorbringe Bachtin schlechter erscheinen könnte, als was ich ihm gegeben habe. Wie kann bei solcher Dummheit, Gutes herauskommen. –

   
8.2.
Der ideale Name ist ein Ideal; d.i., ein Bild, eine Form der Darstellung, der wir zuneigen. Wir wollen die Zerstörung & Veränderung darstellen als Trennung &
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Umgruppierung von Elementen. Diese Idee nun könnte man in gewissem Sinne erhaben nennen; sie wird es dadurch, daß wir die ganze Welt durch sie betrachten. Aber es ist nun nichts wichtiger, als daß wir uns klar werden, welche Erscheinungen, welche einfachen, hausbackenen, Fälle das Urbild zu dieser Idee sind. Das heißt: Frage Dich, wenn Du versucht bist, allgemeine metaphysische Aussagen zu machen (immer): An was für || welche Fälle denke ich denn eigentlich? – Was für ein Fall, welche Vorstellung, schwebt mir denn da vor? Dieser Frage widersetzt sich nun etwas in uns, denn wir scheinen damit das Ideal zu gefährden, während || : Während wir doch nichts tun als || es doch nur tun um es an den Ort zu stellen wo es stehen soll || wohin es gehört. Denn es soll das Bild sein womit wir die Wirklichkeit vergleichen, mit dessen Hilfe || Hilfe dessen || wodurch wir darstellen, wie sie ist; nicht || wie es sich verhält. Nicht, ein Bild wonach wir die Wirklichkeit
umfälschen.
     Wir werden daher immer wieder fragen: “Woher nimmt sich, dieses Bild?!” dem wir eine so allgemeine Anwendbarkeit || Bedeutung vindizieren wollen.

   
     Die “sublime Auffassung” zwingt mich von dem konkreten Fall wegzugehen, da, was ich sage, ja auf ihn nicht paßt. Ich begebe mich nun in eine ätherische Region, rede vom eigentlichen Zeichen, von Regeln die es geben muß (obwohl ich nicht sagen kann wo & wie), – & gerate ‘aufs Glatteis’.
   
9.2.
     Ein Traum: Ich sitze || fahre im Eisenbahnzug & sehe durchs Fenster eine Landschaft: Es ist eine Ortschaft & ziemlich im Hintergrund sehe ich || sehe ich etwas, was wie zwei große Montgolfieren aussieht. Ich freue mich über den Anblick. Nun steigen sie auf, || aber es zeigt sich, daß es nur eine Luftballon ist || Ding ist, eine Art Montgolfiere
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|| Montgolfiere ist
mit einem fallschirmartigen Gebilde darüber. Beides braunrot. Wo es sich vom Boden hebt, sieht es || der Boden schwarz aus, vom Feuer offenbar || , wie vom Feuer. Nun aber fliege auch ich in einem Ballon.
     Die Gondel ist wie ein Koupé & ich sehe durchs Fenster, daß die Montgolfiere, wie vom Wind getrieben, sich uns nähert. Es ist gefährlich, denn unser Ballon kann Feuer fangen. Nun ist die Montgolfiere ganz nah. Ich stelle mir vor || nehme an, daß unsere Mannschaft, die ich mir über meinem Koupé annehme || vorstelle, versucht, die Montgolfiere von uns wegzustoßen. Ich glaube aber, sie hat uns vielleicht schon berührt. Ich liege nun auf dem Rücken in dem Koupé; & denke: jeden Moment kann eine furchtbare Explosion erfolgen & alles aus sein.
      Ich denke jetzt oft an den Tod, & daran, wie ich in der Todesnot bestehen werde; & der Traum hängt
damit zusammen.
   
13.2.
     Mein Gewissen plagt mich & läßt mich nicht arbeiten. Ich habe in Schriften Kierkegaards gelesen & das hat mich noch mehr beunruhigt, als ich es schon war. Ich will nicht leiden; das ist es was mich beunruhigt. Ich will nicht auf irgendwelche Bequemlichkeit verzichten, oder auf einen Genuß. (Ich würde z.B. nicht fasten, oder mir auch nur im Essen Abbruch tun.) Aber ich will auch nicht gegen irgend jemand auftreten & mir Unfriede schaffen. Wenigstens nicht, wenn der Fall nicht unmittelbar unter meine Augen gerückt wird. Aber selbst dann fürchte ich, ich möchte mich drücken. Dazu lebt in mir eine unausrottbare Unbescheidenheit. Ich möchte mich bei aller Elendigkeit || Jämmerlichkeit immer mit den Bedeutendsten
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vergleichen. Es ist als könnte ich, nur Trost finden in der Erkenntnis meiner Jämmerlichkeit.
     Laß mich daran festhalten, daß ich mich nicht selbst betrügen will. D.h. ich will eine Forderung, die ich als solche anerkenne, mir selbst immer wieder als Forderung eingestehen. Das verträgt sich völlig mit meinem Glauben. Mit meinem Glauben, wie er ist. Daraus folgt, daß ich entweder die Forderung erfüllen werde, oder darunter leiden werde, sie nicht zu erfüllen, denn ich kann sie mir nicht vorhalten & nicht darunter leiden, daß ich ihr nicht genüge. Ferner aber: die || Die Forderung ist furchtbar || hoch. Das heißt: was immer am Neuen Testament wahr oder falsch sein mag, eines kann nicht bezweifelt werden, || : daß ich, um richtig zu leben, ganz anders leben müßte, als es mir behagt. Daß das Leben viel ernster ist, als es an der Oberfläche ausschaut. Das Leben ist ein furchtbarer Ernst.
     Das Höchste aber, das ich zu erfüllen
bereit bin, ist: “fröhlich zu sein in meiner Arbeit”. D.h.: nicht unbescheiden, gutmütig, nicht direkt lügnerisch, im Unglück nicht ungeduldig. Nicht, daß ich diese Forderungen erfüllte! aber ich kann es anstreben. Was aber höher liegt kann, oder will, ich nicht anstreben, ich kann es nur anerkennen & bitten, daß der Druck dieser Anerkennung nicht zu fürchterlich wird, d.h., daß er mich leben läßt, daß er also meinen Geist nicht verdunkle.
      Es muß dazu, gleichsam, durch die Decke, den Plafond, unter dem ich arbeite, über den ich nicht steigen will, ein Licht durchschimmern.
   
15.2.
     Wie das Insekt das Licht umschwirrt so werde ich jetzt vom Neuen Testament angezogen || ich ums Neue Testament.
     Ich hatte gestern diesen Gedanken: Wenn ich ganz von Strafen im Jenseits
absehe: Finde ich es richtig, daß ein Mensch sein Leben lang für die Gerechtigkeit leidet dann vielleicht einen schrecklichen Tod stirbt, – & nun keinerlei Lohn für dieses Leben erhält || hat? Ich bewundere doch einen solchen, stelle ihn hoch über mich, & warum sage ich nicht, er war ein Esel, daß er sein Leben so benützt hat. Warum ist er nicht dumm? Oder auch: warum ist er nicht der “elendeste Mensch”? Sollte er das nicht sein, wenn nun das alles ist, daß er ein schreckliches Leben hatte bis an sein Ende? Denke nun aber ich antwortete: “Nein er ist nicht dumm gewesen, denn nach seinem Tode geht es ihm dafür || nun gut.” Das ist auch nicht befriedigend. Er scheint mir nicht dumm, ja, im Gegenteil, er scheint mir das Richtige zu tun. Ferner scheine ich sagen zu können: er tut das Rechte, denn er empfängt den rechten Lohn, und doch kann
ich mir den Lohn nicht als Belohnung nach seinem Tode denken. “Dieser Mensch muß heimkommen” möchte ich von einem solchen sagen.
     Man stellt sich die Ewigkeit (des Lohns oder der Strafe) für gewöhnlich als eine endlose Zeitdauer vor. Aber man könnte sie sich geradesogut als einen Augenblick vorstellen. Denn in einem Augenblick kann man alle Schrecken erfahren & alle Glückseligkeit. Wenn Du Dir die Hölle vorstellen willst so brauchst Du nicht an nie endende Qualen zu denken. Vielmehr würde ich sagen: Weißt Du welches unsagbaren Grauens ein Mensch fähig ist? Denk daran & Du weißt was die Hölle ist, obwohl es sich da gar nicht um Dauer handelt.
     Und ferner, wer weiß welches Grauens er fähig ist, der weiß daß das noch immer
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nichts ist gegen etwas noch viel Schrecklicheres, was, solange wir noch von Äußerem abgelenkt werden können, noch gleichsam verdeckt liegt. (Die letzte Rede des Mephisto im Lenauschen Faust.) Der Abgrund der Hoffnungslosigkeit kann sich im Leben nicht zeigen. Wir können nur bis zu gewisser Tiefe in ihn hineinschauen, denn “wo Leben ist, da ist Hoffnung”. Im Peer Gynt heißt es || Peer Gynt sagt: “Zu teuer bezahlt || erkauft man das bißchen Leben mit solch einer Stunde verzehrendem Beben.” – Wenn man Schmerzen hat, so sagt man etwa: “Jetzt dauern diese Schmerzen schon 3 Stunden, wann werden sie denn endlich aufhören”, in der Hoffnungslosigkeit aber denkt man nicht: “es dauert schon so lange!”, denn da vergeht die Zeit in gewissem Sinne gar nicht.
     Kann man nun nicht jemandem, & ich mir, sagen: “Du hast || tust recht Dich vor der Hoffnungslosigkeit zu fürchten!
Du mußt so leben, daß sich Dein Leben nicht am Ende zuspitzen kann zur Hoffnungslosigkeit. Zu dem Gefühl: Nun ist's zu spät.” Und es scheint mir, als könne es sich zu Verschiedenem zuspitzen.
     Aber kannst Du Dir denken, daß das Leben des wahrhaft Gerechten sich auch nur so zuspitzt? Muß er nicht die “Krone des Lebens” erhalten? Fordre ich für ihn nichts Anderes? Fordre ich für ihn nicht Verherrlichung?! Ja! Aber wie kann ich mir die || seine Verherrlichung denken? Ich könnte meinem Gefühle nach sagen: er muß nicht nur das Licht schauen, sondern unmittelbar an das Licht heran, mit ihm nun eines Wesens werden, – und dergleichen. Ich könnte also, scheint es, alle Ausdrücke brauchen, die die Religion hier tatsächlich gebraucht.
     Es drängen sich mir also die Bilder auf. Und doch scheue ich mich diese
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Bilder & Ausdrücke zu gebrauchen. Vor allem sind es natürlich nicht Gleichnisse.
     Denn was sich durch ein Gleichnis sagen läßt, das auch ohne Gleichnis.
     Diese Bilder & Ausdrücke haben ihr Leben vielmehr nur in einer hohen Sphäre des Lebens nur in dieser Sphäre werden sie || können sie mit Recht gebraucht werden. Ich könnte eigentlich nur eine Geste machen, die etwas Ähnliches heißt wie “unsagbar”, & nichts sagen. – Oder ist diese unbedingte Abneigung dagegen hier Worte zu gebrauchen eine Art Flucht? Eine Flucht vor einer Realität? Ich glaube nicht. Aber || ; aber ich weiß es nicht. Laß mich zwar vor keinem Schluß zurückscheuen, aber auch unbedingt nicht abergläubisch sein!! Ich will nicht unreinlich denken!
   
16.2.37
      Gott! laß mich zu dir in ein Verhältnis kommen, in dem ich “fröhlich sein kann in meiner Arbeit!
Glaube daran daß Gott von Dir in jedem Moment alles fordern kann! Sei Dir dessen wirklich bewußt! Dann bitte daß er Dir das Geschenk des Lebens gibt! Denn Du kannst jederzeit in Wahnsinn verfallen oder ganz & gar unglücklich werden, wenn Du etwas nicht tust was von Dir verlangt wird!

     Es ist ein Ding zu Gott zu reden & ein anderes, von Gott zu Anderen zu reden.
      Erhalte mir meinen Verstand rein & unbefleckt! –
     Ich möchte gern tief sein; – & doch scheue ich vor dem Abgrund im Menschenherzen zurück!! –
     Ich winde mich unter der Qual, nicht arbeiten zu können, mich matt zu fühlen, nicht von Anfechtungen ungestört leben zu können. Und wenn ich nun bedenke,
was Andere, – die wirklich etwas waren –, zu leiden hatten, so ist, was ich erlebe, nichts im Vergleich. Und doch winde ich mich unter dem im Vergleich winzigen Druck.
     Meine Erkenntnis ist eigentlich: wie fürchterlich unglücklich der Mensch werden kann. Die Erkenntnis eines Abgrundes; & ich möchte sagen: Gott gebe, daß diese Erkenntnis nicht klarer wird.
      Und ich kann wirklich jetzt nicht arbeiten. Der Quell ist mir versiegt & ich weiß ihn nicht zu finden.
   
17.2.
      Immer wieder ertappe || finde ich mich auf gemeinen Gedanken, ja auf den gemeinsten Gedanken. Heuchelei der lächerlichsten Sorte & wo es das Höchste betrifft.
     Wie man auf dünnem Eis über einem tiefen Wasser aber mit Angst geht, so arbeite ich heute ein wenig, da || soweit es mir gegeben ist.

     Der furchtbare Augenblick im unseligen Sterben muß doch der Gedanke sein: “Oh hätte ich doch nur … Jetzt ist's zu spät.” Oh hätte ich doch nur richtig gelebt! Und der selige Augenblick muß sein: “Jetzt ist's vollbracht!” – Aber wie muß man gelebt haben, um sich das sagen zu können! Ich denke, es muß auch hier Grade geben. Aber ich selbst, wo bin ich? Wie weit vom Guten & wie nah am untern Ende!
     
   
18.2.
Habe große Sehnsucht nach Francis. Fürchte für ihn. Möge ich das Richtige tun.
     Wenig fällt mir so schwer, wie Bescheidenheit. Dies merke ich jetzt wieder, da ich in Kierkegaard lese. Nichts ist mir so schwer als mich unterlegen zu fühlen; obwohl es sich
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nur darum handelt die Wirklichkeit zu sehen, so wie sie ist.
      Wäre ich im Stande meine Schrift Gott zu opfern?
     Es wäre mir viel lieber zu hören: “Wenn Du das nicht tust, wirst Du Dein Leben verspielen.”, als: “Wenn Du das nicht tust, wirst Du bestraft.”
     Das Erste heißt eigentlich: Wenn Du das nicht tust, ist Dein Leben ein Schein, es hat nicht Wahrheit & Tiefe.
   
19.2.
     Heute nacht gegen Morgen fiel mir ein, daß ich heute den alten Sweater herschenken sollte, den ich mir schon lange vorgenommen hatte, zu verschenken. Dabei aber kam mir auch, gleichsam als Befehl, der Gedanke, ich solle zugleich auch den neuen herschenken den ich mir – übrigens ohne großes || eigentliches Bedürfnis – neulich in Bergen gekauft habe (er gefällt mir sehr). Ich war nun über diesen ‘Befehl’
sogleich in einer Art Bestürzung & Empörung, wie so oft in diesen letzten 10 Tagen. Es ist aber nicht, daß ich so sehr an diesem Sweater hänge (obwohl das irgendwie mitspielt), sondern was mich ‘empört’ ist, daß so etwas, & also alles von mir verlangt werden kann; & zwar verlangt, – nicht, daß es als gut oder erstrebenswert empfohlen wird. Die Idee, daß ich verloren sein kann, wenn ich es nicht tue. – Nun könnte man einfach sagen: “Nun, gib ihn nicht her! was weiter?” – Aber wenn ich nun dadurch unglücklich werde? Was heißt denn aber die Empörung? Ist sie nicht eine Empörung gegen Tatsachen? – Du sagst: “Es kann sein, daß von mir das furchtbar Schwerste verlangt wird.” Was heißt das? Es heißt doch: Es kann sein, daß ich morgen fühle, daß ich meine
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Manuskripte (z.B.) verbrennen muß; d.h., daß, wenn ich sie nicht verbrenne, mein Leben (dadurch) zu einer Flucht wird. Daß ich damit von dem Guten, von der Quelle des Lebens abgeschnitten bin. Und mich eventuell durch allerlei Possen über die Erkenntnis betäube, daß ich verdammt || es bin. Und wenn ich sterbe, dann werden || würde diese Selbstbeschwindelung ein Ende nehmen.
     Es ist nun ferners das wahr, daß ich nicht durch Überlegungen etwas zu etwas Rechtem machen kann, was mir in meinem Herzen als Possen erscheint. Keine Gründe der Welt könnten z.B. beweisen, daß meine Arbeit wichtig & etwas ist, was ich tun darf & soll, wenn mein Herz – ohne einen Grund – sagt, ich habe sie zu lassen. Man könnte sagen: “Was Possen sind, entscheidet der liebe Gott.” Aber ich will diesen
Ausdruck jetzt nicht gebrauchen. Vielmehr: Ich kann mich, & soll mich, durch keine Gründe überzeugen, daß die Arbeit, z.B., etwas Rechtes ist. (Die Gründe die Menschen mir angeben || sagen würden, – Nutzen, etc. – sind lächerlich). – Heißt das nun, oder heißt es nicht, daß meine Arbeit & Alles, was ich sonst genieße, ein Geschenk ist? D.h., daß ich nicht darauf ruhen kann, als auf etwas Festem, auch abgesehen davon, daß es mir durch Unfall, Krankheit, etc. genommen werden kann. Oder vielleicht richtiger: Wenn ich nun darauf geruht habe & es für mich etwas Festes war, & es nun nicht mehr fest für mich ist, da ich eine Abhängigkeit fühle, die ich früher nicht gefühlt habe (ich sage nicht einmal: ich erkennte jetzt eine Abhängigkeit, die ich früher nicht erkannt hatte), so
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habe ich das als Tatsache hinzunehmen. Das was mir fest war, scheint jetzt zu schwimmen & untergehen zu können. Wenn ich sage, ich muß es als Tatsache hinnehmen, so meine ich eigentlich: ich muß mich damit auseinandersetzen. Ich soll nicht darauf mit Entsetzen stieren, sondern glücklich sein dennoch. Und was heißt || bedeutet das für mich? – Man könnte ja sagen: “Nimm eine Medizin, damit diese Idee dieser Abhängigkeit vergeht (oder such nach so einer).” Und ich könnte mir natürlich denken, daß sie vorübergehen wird. (Auch etwa durch einen Wechsel der Umgebung.) Und wenn man mir sagte, ich sei jetzt krank, so wäre || ist das vielleicht auch wahr. Aber was sagt das? – Das heißt doch: “Flieh diesen Zustand!” Und angenommen, er hörte jetzt sogleich auf, mein Herz hört auf in den Abgrund zu sehen, es kann seine Aufmerksamkeit
wieder auf die Welt richten, – aber damit ist ja die Frage nicht beantwortet, was ich tun soll, wenn mir das nicht geschieht (denn dadurch, daß ich es wünsche geschieht es nicht). Ich könnte also freilich nach einem Mittel gegen diesen Zustand suchen, aber solange ich das tue, bin ich ja noch in dem Zustand (weiß auch nicht, ob & wann er aufhören wird) & muß || soll also das Rechte, meine Pflicht, tun, wie sie es in meinem gegenwärtigen Zustand ist. (Da ich ja nicht einmal weiß, ob es einen zukünftigen geben wird.) Ich kann also zwar hoffen, daß er sich ändern wird, muß mich aber in ihm jetzt einrichten. Und wie tue ich das? Was habe ich zu tun damit er, so wie er ist, erträglich wird? Welche Stellung || Attitude nehme ich zu ihm ein? Die der Empörung? Das ist der Tod! In der Empörung schlage
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ich nur auf mich selbst los. Das ist ja klar! || ; wen soll ich denn damit schlagen? Ich muß mich also ergeben. Jeder Kampf dabei ist ein Kampf mit mir selbst; & je stärker ich schlage, desto stärker werde ich geschlagen. Ergeben müßte sich aber mein Herz, nicht einfach meine Hand. Hätte ich Glauben, d.h., würde ich unverzagt tun wozu die innere Stimme mich auffordert, so wäre dieses Leiden geendet.
   
      Nicht das Knien hilft beim Beten, aber man kniet.
     Nenn es alles Krankheit! Was hast Du damit gesagt? Nichts.
     Nicht erklären! – Beschreiben! Unterwirf Dein Herz & sei nicht bös, daß Du so leiden mußt! Das ist der Rat, den ich mir geben soll. Wenn Du krank bist, dann richte Dich in dieser Krankheit ein; sei nicht
bös daß Du krank bist.

     Das aber ist wahr, daß, sobald ich auch nur aufatmen kann, sich bei mir die Eitelkeit regt.
      Laß mich dieses gestehen: Nach einem recht || für mich schweren Tag kniete ich heute beim Abendessen & betete & sagte plötzlich kniend & in die Höhe blickend: “Es ist niemand hier.” Dabei wurde mir wohl zu Mute als wäre ich in einem || etwas Wichtigem aufgeklärt worden.
     Was es aber eigentlich bedeutet, das weiß ich noch nicht. Ich fühle mich leichter. Aber das heißt nicht etwa: ich sei früher in einem Irrtum gewesen.
Denn war es ein Irrtum, wer || was beschützt mich davor, daß ich in ihn zurückfalle?! Also kann hier von Irrtum & einem Überwinden des Irrtums nicht die Rede sein. Und nennt man es Krankheit so kann wieder von einem Überwinden nicht die Rede
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sein; denn die Krankheit kann mich ja jederzeit wieder überwinden. Denn ich sagte ja auch dieses Wort nicht als ich gerade wollte, sondern es kam. Und wie es kam so kann etwas anderes kommen. – “Lebe so, daß Du gut sterben kannst!”
   
20.2.
     Du sollst so leben, daß Du vor dem Wahnsinn bestehen kannst, wenn er kommt. Und den Wahnsinn sollst Du nicht fliehen. Es ist ein Glück, wenn er nicht da ist, aber fliehen || fliehen sollst Du ihn nicht, so glaube ich mir sagen zu müssen. Denn er ist der strengste Richter (das strengste Gericht) darüber ob mein Leben recht oder unrecht ist; er ist fürchterlich, aber Du sollst ihn dennoch nicht fliehen. Denn Du weißt ja doch nicht, wie Du ihm entkommen kannst; & während Du vor ihm fliehst, benimmst Du
Dich ja unwürdig.
      Ich lese im Neuen Testament & verstehe Vieles & Wesentliches nicht, aber Vieles doch. Ich fühle mich heute viel wohler als gestern. Möge es bleiben.
     Man könnte mir sagen: “Du sollst Dich nicht so viel mit dem Neuen Testament einlassen, es kann Dich noch verrückt machen.” – Aber warum ‘soll’ ich nicht, – es sei denn, daß ich selbst fühlte, ich soll nicht. Wenn ich glaube, in einem Raum das Wichtige, die Wahrheit, sehen zu können – oder sie finden zu können, dadurch, daß ich hineingehe, so kann ich doch fühlen, ich soll hineingehen, was immer mir drin geschieht & ich soll nicht aus Furcht es vermeiden, hineinzugehen. Drinnen sieht es vielleicht schaurig aus, und man möchte gleich wieder hinauslaufen;
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aber soll ich nicht versuchen standhaft zu bleiben? Ich möchte in so einem Fall, daß mir jemand auf die Schulter klopft & mir sagt: “Fürchte Dich nicht! denn das ist recht.”
     Ich danke Gott, daß ich in die Einsamkeit nach Norwegen gekommen bin!

     Wie kommt es, daß die Psalmen (die Bußpsalmen), die ich heute gelesen habe eine Speise für mich sind & das Neue Testament eigentlich bis jetzt noch keine Speise? Ist es bloß zu ernst für mich?
     Der Unschuldige muß anders sprechen, als der Schuldige, & andere Anforderungen stellen. Bei David kann nicht stehen: “Seid vollkommen”, es heißt nicht, daß man sein Leben zum Opfer bringen soll & es wird nicht eine ewige Seligkeit versprochen. Und das Annehmen dieser Lehre – so scheint es mir – erfordert, daß man sagt:
“Dieses Leben mit allerlei Lust & Schmerz ist doch nichts! Dazu kann es doch nicht da sein! Es muß doch etwas viel Absoluteres sein. Es muß zum Absoluten streben. Und das einzig Absolute ist, wie ein kämpfender, ein stürmender Soldat das Leben zu durchfechten || durchzufechten auf den Tod los. Alles Andere ist Zaudern, Feigheit, Bequemlichkeit, || also Erbärmlichkeit.” Das ist natürlich nicht Christentum, denn hier ist z.B. von ewigem Leben & ewiger Strafe keine Rede. Aber ich verstünde auch, wenn Einer sagte: Das Glück in einem ewigen Verstande ist nur so zu erreichen; & kann nicht erreicht werden, dadurch daß man sich hier bei allerlei kleinem Glück aufhält. Aber hier ist noch immer nicht von einer ewigen Verdammnis die Rede.
     Dieses Streben nach dem Absoluten, welches alles irdische Glück zu
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kleinlich erscheinen läßt, den Blick hinaufwendet & nicht eben, auf die Dinge, sieht, erscheint mir als etwas Herrliches, Erhabenes, aber ich selbst richte meinen Blick auf die irdischen Dinge; es sei denn, daß mich “Gott heimsucht” & der Zustand über mich kommt, in dem das nicht möglich ist. Ich glaube: Ich soll das & das tun, & das & das nicht tun; & das kann ich in jener matteren Beleuchtung von oben tun; das ist nicht jener Zustand. Warum soll ich heute meine Schriften verbrennen?! Ich denke nicht dran! – Aber ich denke schon dran, wenn die Finsternis auf mich herabgestiegen ist & droht auf mir zu bleiben. Es ist dann als hätte ich meine Hand auf einer Herdplatte || einem Gegenstand & sie || er würde heiß & ich hätte die Wahl zwischen Fahrenlassen & Verbrennen. In dieser Lage will man die Worte der Bußpsalmen gebrauchen.

     (Den eigentlichen Christenglauben – nicht den Glauben – verstehe ich noch gar nicht.)
      Laß mich ja nicht vor dem einem ‘Wahnsinn’ fliehen! Aber ihn suchen das wäre Verwegenheit.
     Denk, jemand in einem furchtbaren Schmerz, wenn etwa seine Hand verbrannt wird || etwas Bestimmtes in seinem Körper vorgeht, schriee “Fort, fort!”, obwohl nichts ist, was er fort wünscht, – könnte man nun sagen: “Diese Worte sind falsch angewendet”?? So etwas würde man doch nicht sagen. Ebensowenig, wenn er z.B. in diesem Zustand eine ‘abwehrende’ Geste macht, oder aber auf die Knie fällt & die Hände faltet könnte man das vernünftigerweise als falsche Gebärden erklären. Er tut eben das in so einer Lage. Hier kann von ‘falsch’ nicht die Rede sein. Welche Anwendung sollte richtig sein, wenn eine notwendige falsch ist? Anderseits könnte
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man nicht sagen, es sei eine richtige Anwendung der Gebärde gewesen & deshalb sei hier jemand gewesen, vor dem er gekniet hätte || hat. Es sei denn daß diese beiden Aussagen identischen Sinn haben sollen, & dann ist auch das “daher” falsch. Wende das auf's Gebet an. Wer die Hände ringen & flehen muß, wie könnte man von der im Irrtum sein || man von dem sagen er sei im Irrtum, oder in einer Einbildung.
   
21.2.
     Die Leiden des Geistes loswerden, das heißt die Religion loswerden.
      Hast Du nicht in Deinem ganzen Leben irgendwie gelitten, & (nur nicht auf diese Art), & willst du jetzt lieber zurück zu diesen Leiden?!
     Ich bin gutmütig aber ich bin außerordentlich feige & darum schlecht.
Ich möchte Leuten helfen, wo es keine größere Anstrengung, aber vor allem, keinen Mut kostet.
Komme ich selbst dabei in die geringste Gefahr, so scheue ich zurück. Und unter Gefahr meine ich z.B. die etwas von der guten Meinung der Menschen zu verlieren.
     Ich könnte die feindliche Linie immer nur stürmen, wenn von hinten auf mich geschossen wird.
     Wenn ich Leid haben muß, so ist || wäre es doch besser solches || das, was aus dem Kampf des Guten gegen das Schlechte entsteht, als solches || das, das || was aus dem Kampf des Schlechten mit sich selbst wird. || leiden muß so ist es doch besser durch den Kampf des Guten mit dem Schlechten in mir, als durch den Kampf im Bösen.
     Was ich jetzt glaube: Ich glaube, daß ich mich nicht vor den Menschen oder ihrer Meinung fürchten sollte wenn ich tun will, was ich für recht halte.
     Ich glaube, daß ich nicht lügen soll; daß ich den Menschen gut sein soll; daß ich mich sehen
193
soll wie ich wirklich bin; daß ich meine Bequemlichkeit opfern soll, wenn es etwas Höheres gilt; daß ich in guter Weise fröhlich sein soll, wenn es mir gegeben ist, aber wenn nicht, daß ich dann mit Geduld & Standhaftigkeit die Trübseligkeit ertrage; daß der Zustand welcher alles von mir fordert durch das Wort “Krankheit”, oder “Wahnsinn”, nicht erledigt ist, d.h., || : daß ich in diesem Zustand ebenso verantwortlich bin, wie außerhalb, daß er zu meinem Leben gehört wie jeder andere und ihm die also volle Aufmerksamkeit gebührt. Einen Glauben an eine Erlösung durch den Tod Christi habe ich nicht; oder aber noch nicht. Ich fühle auch nicht etwa, daß ich auf dem Wege zu so einem Glauben sei, aber ich glaube daß es möglich ist || halte es für möglich, daß ich einmal hier etwas verstehen werde, wovon ich jetzt
nichts verstehe, was mir jetzt nichts sagt, & daß ich dann einen Glauben haben werde, den ich jetzt nicht habe. – Ich glaube, daß ich nicht abergläubisch sein darf || soll, d.h., daß ich nicht für mich mit Worten, die ich etwa lese, Magie treiben soll, d.h., mich nicht in eine Art Glauben, eine Art Unvernunft hineinreden soll & darf. Ich soll meine Vernunft nicht verunreinigen. (Der Wahnsinn aber verunreinigt die Vernunft nicht.) Wenn er auch || Auch wenn er nicht ihr Wächter ist.)
     Ich glaube, daß der Mensch sich || sein Leben ganz in allen seinen Handlungen von Eingebungen leiten lassen kann, und ich muß jetzt glauben, daß dies das höchste Leben ist. Ich weiß, daß ich so leben könnte, wenn ich wollte, wenn ich dazu den Mut hätte. Ich habe ihn aber nicht und muß hoffen daß mich
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das nicht zu Tode, das heißt ewig, unglücklich machen wird.
     Möge die Trübsal, das Elendgefühl, während ich das alles schreibe irgendwie reinigen!
     Ich lese immer wieder in den Briefen des Apostel Paulus & ich lese nicht gern in ihnen. Und ich weiß nicht, ob der Widerstand & Widerwille den ich da empfinde, nicht, zum Teil wenigstens, von der Sprache herrührt, nämlich vom Deutschen, Germanischen, also von der Übersetzung. Ich weiß es aber nicht. Es ist mir, als wäre es nicht bloß die Lehre, die mich durch ihre Schwere, Größe, durch ihren Ernst, abstößt, sondern auch (irgendwie) die Persönlichkeit des Vortragenden. || Lehrenden. Es scheint mir, als wäre mir, außer allem jenem, irgend etwas fremd, & dadurch abstoßend, in der Lehre. Wenn er, z.B., sagt “Das sei ferne!”, so ist mir etwas unangenehm
an der bloßen Art des Räsonnements. Aber es ist möglich daß das || dies sich ganz abstoßen würde, wenn ich den || mehr vom Geist des Briefes ergriffen würde. Ich halte es aber für möglich, daß die nicht unwichtig ist.

     Ich hoffe daß die jetzige Traurigkeit & Qual die Eitelkeit in mir verbrennen möchten. Aber wird sie nicht sehr bald wiederkommen wenn die Qual aufhört? Und soll die darum nie aufhören?? Das möge Gott verhüten.
     In meiner Seele ist (jetzt) Winter, wie rings um mich her. Es ist alles verschneit, es grünt & blüht nichts.
     Ich sollte also geduldig warten, ob es mir beschieden ist, einen Frühling zu sehen.
   
22.2.
      Habe Mut & Geduld auch zum Tod, dann wird dir vielleicht das Leben geschenkt! Möchte doch der Schnee
197
um mich beginnen wieder Schönheit zu gewinnen & nicht bloß Traurigkeit zu haben!

     Ich träumte heute morgen: Ich stehe am Klavier (undeutlich gesehen) & sehe auf einen Text eines Schubert-Liedes. Ich weiß, daß er im Ganzen sehr dumm ist, bis auf eine schöne Stelle am Ende, die heißt: “Betrittst Du || “Betrittst Du wissend
meine Vorgebirge,
Ward Dir's in einem Augenblicke
klar,”
3
(Dann weiß ich nicht, was kommt & es schließt:
Wie || Wenn ich vielleicht schon in der Grube
modre.”
Gemeint ist: Wenn Du in Deinen (philosophischen) Gedanken an die Stelle kommst, wo ich war, dann (soll es heißen) hab || fühle Achtung vor || für mein Denken, wenn ich vielleicht etc.
      Gott sei es gedankt, daß ich mich
heute etwas ruhiger & wohler fühle. Wenn immer aber ich mich wohler fühle, ist mir die Eitelkeit sehr nahe.
     Ich sage mir jetzt oft, in zweifelhaften Zeiten: “Es ist niemand hier.” und schaue um mich. Möge aber das in mir nichts Gemeines werden!
     Ich glaube ich soll mir sagen: “Sei nicht knechtisch in Deiner Religion!” Oder, versuche, es nicht zu sein! Denn das ist in der Richtung zum Aberglauben.
     Der Mensch lebt sein gewöhnliches Leben beim || mit dem Scheine eines Lichts dessen er sich nicht bewußt wird, als bis es auslöscht. Löscht es aus so ist das Leben plötzlich alles Wertes, Sinnes, oder wie man sagen will, beraubt. Man wird plötzlich inne, daß die bloße Existenz –
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wie man sagen möchte – an sich noch ganz leer, öde ist. Es ist wie wenn der Glanz von allen Dingen weggewischt wäre, alles ist tot. Das geschieht z.B. manchmal nach einer Krankheit – ist aber darum natürlich nicht unwirklicher oder unwichtiger, d.h. nicht mit einem Achselzucken zu erledigen. Man ist dann lebendig gestorben. Oder vielmehr: das ist der eigentliche Tod, den man fürchten kann, denn das bloße ‘Ende des Lebens’ erlebt man ja nicht (wie ich ganz richtig geschrieben habe). Aber was ich hier jetzt geschrieben habe, ist auch nicht die volle Wahrheit.
     In meinen dummen Gedanken vergleiche ich mich mit den höchsten Menschen!
     Das Fürchterliche was ich beschreiben wollte ist eigentlich, daß man ‘auf nichts mehr ein Recht hat’. Mit
nichts ‘Der Segen ist mit nichts.’ D.h.: Es ist mir als hätte jemand an dessen Anerkennung alles liegt || von dessen Anerkennung alles abhängt || von dessen freundlichem Zusehen alles abhängt, gesagt: “Tu, was Du willst, aber meine Zustimmung hast du nicht!” Warum heißt es: “Der Herr zürnt”. – Er kann dich verderben. Man kann dann sagen man fahre in die || zur Hölle. Aber das ist eigentlich kein ‘Bild’, denn wenn ich wirklich in einen Abgrund fahren würde so müßte das nicht furchtbar sein. Ein Abgrund ist ja nichts Schreckliches; & was ist denn die Hölle): daß man etwas mit ihr vergleichenkönnte || , ich meine, durch dieses Bild erklären könnte? Vielmehr muß man das || diesen Zustand “eine Ahnung von der Hölle” nennen – denn man möchte in ihm auch sagen: Es kann noch furchtbarer werden, || : denn noch ist nicht jede Hoffnung ganz ausgelöscht.
Kann man sagen, daß man deshalb so leben muß, daß,
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wenn man nicht mehr hoffen kann, man etwas hat, um sich daran zu erinnern?
      Lebe so, daß Du vor einem Zustand bestehen kannst: denn all Dein Witz, all Dein Verstand helfen Dir dann nichts. || werden Dir dann nichts helfen. Du bist mit ihnen verloren, als wenn Du sie gar nicht hättest. (Du könntest ebensogut Deine guten Beine brauchen wollen, wenn Du durch die Luft fällst.) Dein ganzes Leben ist (ja) untergraben, also Du mit allem was Du hast. Du hängst zitternd, mit allem was Du hast, über dem Abgrund. Es ist furchtbar, daß es so etwas geben kann, || . Diese Gedanken habe ich vielleicht, weil ich hier jetzt so wenig Licht sehe; aber es ist hier nun so wenig Licht und ich habe sie. Wäre es nicht komisch jemandem
zu sagen: Mach Dir nichts draus, Du stirbst ja jetzt nur, weil Du einige Minuten keine Luft kriegst. Mit allem Stolz, aller Deiner Einbildung auf das & jenes, bist Du dann verloren, sie halten Dich nicht, denn sie sind mit untergraben und alles was Du hast.
Du sollst Dich aber vor diesem Zustand, obwohl er fürchterlich ist, nicht fürchten. Du sollst ihn nicht frivol vergessen & ihn doch nicht fürchten. Er wird Deinem Leben dann Ernst geben & nicht Grauen. (Ich glaube so.)
   
23.2.
     Man kniet & schaut nach oben & faltet die Hände & spricht, & sagt man spricht mit Gott, man sagt Gott sieht alles was ich tue; man sagt Gott spricht zu mir in meinem Herzen; man spricht von den Augen, der Hand, dem Mund Gottes, aber nicht von andern Teilen
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des Körpers: lerne || Lerne daraus die Grammatik des Wortes “Gott”! [Ich habe irgendwo gelesen, Luther hätte geschrieben, die Theologie sei die “Grammatik des Wortes Gottes”, der heiligen Schrift.]       Respekt vor dem Wahnsinn – das ist eigentlich alles, was ich sage.
     Ich bleibe immer wieder in der Komödie sitzen, statt hinaus auf die Straße zu gehen.
     Eine religiöse Frage ist nur entweder Lebensfrage oder sie ist (leeres) Geschwätz. Dieses Sprachspiel, || könnte man sagen – wird nur mit Lebensfragen gespielt. Ähnlich || Ganz ähnlich, wie das Wort “Au-weh” keine Bedeutung hat, || außer als Schmerzensschrei.

     Ich will sagen: Wenn eine ewige Seligkeit nicht für mein Leben, meine Lebensweise, etwas bedeutet, dann habe ich mir über sie nicht den Kopf zu zerbrechen; kann ich
mit Recht darüber denken, so muß, es was ich denke, in genauer Beziehung zu meinem Leben stehen, sonst ist, was ich denke, Quatsch, oder mein Leben in Gefahr. – Eine Obrigkeit, die nicht wirkt, nach der ich mich nicht zu richten brauche || habe, ist keine Obrigkeit. Wenn ich mit Recht von einer Obrigkeit rede, muß ich selbst auch von ihr abhängen.
   
24.2.
      Nur wenn ich kein (gemeiner) Egoist bin, kann ich auf einen sanften Tod hoffen.
     Der Reine hat eine Härte, die schwer zu ertragen ist. Darum nimmt man die Ermahnungen eines Dostojevski leichter an, als eines Kierkegaard. Der eine druckt noch, während der andere schon schneidet.
     Wenn Du nicht bereit bist, Deine Arbeit für etwas noch Höheres zu opfern, so wird kein
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Segen mit ihr sein. Denn ihre Höhe erhält sie, dadurch daß Du sie an die richtige Stelle || in die wahre Höhenlage im Verhältnis zum Ideal setzst. || stellst.
     Darum vernichtet Eitelkeit den Wert der Arbeit. So ist die Arbeit des Kraus, z.B., zur ‘klingenden Schelle’ geworden. (Kraus war ein, außerordentlich begabter, Satzarchitekt.)

     Es scheint, ich erhalte wieder nach & nach Arbeitskraft. Denn in den letzten 2–3 Tagen konnte ich wieder mehr & mehr, obwohl doch noch wenig, über Philosophie denken & Bemerkungen schreiben. Anderseits habe ich in meiner Brust das Gefühl, als ob mir das Arbeiten vielleicht trotzdem nicht erlaubt || gestattet sei. D.h., ich fühle mich nur mäßig, oder nur halb, glücklich in der Arbeit || beim Arbeiten & habe eine gewisse Furcht es möchte mir untersagt werden. D.h., ein Unglücksgefühl möchte über mich
hereinbrechen, welches mir das Weiterarbeiten unmöglich macht || in Sinnlosigkeit verwandelt & mich zwingt, die Arbeit niederzulegen. Möge das aber nicht geschehen!! – Dies aber hängt zusammen, mit dem Gefühl, daß ich zu wenig liebevoll bin, d.h. zu egoistisch. Daß ich zu wenig um das sorge, was Andern wohltut. Und wie kann ich leben ruhig leben, wenn ich nicht dabei hoffen kann, sanft zu sterben. Gott bessere es!!
     “Es ist niemand hier”, – aber ich kann auch allein wahnsinnig werden.

     Es ist merkwürdig, daß man sagt, Gott habe die Welt erschaffen, & nicht: Gott erschaffe, fortwährend, die Welt. Denn warum soll es ein größeres Wunder sein, daß sie zu existieren || sein begonnen hat, als daß sie fortfuhr zu sein.
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Man wird von dem Gleichnis des Handwerkers verleitet. Daß Einer einen Schuh macht, ist eine Leistung, aber einmal || (aus Vorhandenem) || gemacht, bleibt er von selbst einige Zeit bestehen. Denkt man sich aber Gott als Schöpfer, muß die Erhaltung des Universums nicht ein ebensogroßes Wunder sein als seine Schöpfung, – ja, sind die beiden nicht eins? Wozu || Warum soll ich einen einmaligen Akt der Schöpfung annehmen || postulieren & nicht bloß einen dauernden Akt des Erhaltens – der einmal angefangen hat || , der einen zeitlichen Anfang hatte oder, was aufs Gleiche hinausläuft, des Erschaffens || ein dauerndes || fortdauerndes Erschaffen?
   
27.2.
      War 2 Tage weg mit Johannes Bolstad, auf der Suche nach einem Dienstmädchen für Frk. Rebni; ohne Erfolg. (Es war schön & angenehm.) Nun bin ich etwas unernst; aber – Gott sei Dank – nicht unglücklich.
     Das Christentum sagt: Du sollst hier (in dieser Welt), || sozusagen – nicht sitzen, sondern gehen.
Du mußt hier weg; & sollst nicht plötzlich weggerissen werden, sondern tot sein, wenn Dein Körper stirbt.

     Die Frage ist: Wie gehst Du durch diese Welt || dies Leben? – (Oder: Das sei Deine Frage!) – Denn meine Arbeit, z.B., ist ja nur ein Sitzen in der || dieser Welt. Ich aber soll gehen & nicht bloß sitzen.
   
28.2.37
     Es ist doch möglich daß ich nach etlichen zusammenhängenden Kapiteln in meiner Arbeit bloß lose Bemerkungen schreiben kann & soll. Ich bin doch ein Mensch, & abhängig von dem, wie es geht! Aber es ist mir schwer das wirklich einzusehen.
   
1.3.
     Ich möchte immer von der Wahrheit, die ich weiß & wenn sie unangenehm ist, etwas abhandeln &
209
habe immer wieder Gedanken, mit denen ich mich selbst betrügen will.
     Wird es mir gegeben sein, weiter zu arbeiten? Ich arbeite, denke & schreibe, jetzt täglich einiges, das meiste davon nur mäßig gut. Ist das aber nun das Versiegen dieser Arbeit, oder rinnt der Bach weiter & wird wachsen || wird der Bach weiter rinnen, & wachsen? Wird die Arbeit sozusagen ihren Sinn verlieren? Ich wünsche es nicht; aber es ist möglich! – Denn erst muß man leben, – dann kann man auch philosophieren.
     Ich denke die ganze Zeit an's Essen. Da meine Gedanken wie in einer Sackgasse angelangt sind, kommen sie immer wieder auf's Essen zurück als auf das, was die Zeit vertreibt.
      In einem abscheulichen Geisteszustand: Ohne Gedanken, stier, meine Arbeit sagt mir gar nichts, || & ich bin hier in der Öde ohne Sinn & Zweck.
Als hätte sich jemand einen Witz mit mir erlaubt, mich hier her gebracht & hier sitzen lassen.
   
2.3.
     Heute ging es mir besser beim Arbeiten; Gott sei Dank. Es schien wieder etwas Sinn in der Arbeit zu sein.
   
3.3.
     Wieviel leichter ist es doch noch, zu arbeiten, als der Arbeit den rechten Platz anzuweisen!
      Das Knien bedeutet, daß man ein Sklave ist. (Und darin || Darin könnte die Religion bestehen.)
     Herr, wenn ich nur wüßte, daß
4 3.
ich ein Sklave bin!
     Die Sonne kommt jetzt sehr nahe zu meinem Haus, || & ich fühle mich froher! Es geht mir unverdient gut. –
   
6.3
Man || Ich schreibe öfters Philosophische Bemerkungen die
211
ich einst gemacht habe an der unrechten || unrichtigen || falschen Stelle ab: dort arbeiten sie nicht! An der richtigen Stelle nur leisten sie ihre volle Arbeit! || Sie müssen dort stehen, wo sie ihre volle Arbeit leisten!
     Es ist interessant, wie falsch Spengler, der sonst viel Urteil hat, Kierkegaard einschätzt. Hier ist einer der zu groß für ihn ist & zu nahe steht, er sieht nur ‘die Stiefel des Riesen’. –
      Ich weiß, ich bin gemein, & doch fühle ich mich jetzt so viel wohler als vor einigen Tagen & Wochen. Fast fürchte ich mich vor diesem Wohlsein, da es so unverdient ist. Und doch bin ich froh. Möchte ich nicht zu gemein sein!
   
8.3.
     Ich habe jetzt eine große Sehnsucht danach, die Sonne von meinem Haus zu sehen & stelle täglich Schätzungen an wieviele Tage sie noch wegbleiben
wird. Ich glaube sie kann nicht vor 10 Tagen von mir zu sehen sein & vielleicht nicht vor 2 Wochen, obwohl ich mir gesagt habe, ich werde sie schon in 4 Tagen sehen. Aber werde ich noch 2 Wochen leben?? Ich muß mir immer wieder sagen, daß es auch herrlich genug ist, wenn ich den starken Schein sehe, den ich jetzt schon sehe & daß ich damit ganz zufrieden sein kann. Denn auch || Auch das ist unverdient! & ich soll nur dankbar sein!
   
10.3.
     Es geht mir unverdient gut.
   
12.3.
     Ich bin ein Mensch mit || von geringem Talent; möge ich dennoch etwas Rechtes leisten. Denn das ist möglich! glaube ich. – Möchte ich unbestechlich sein! Darin läge || würde das Wertvolle liegen.
   
     Wie schwer ist es sich selbst
13.3
213
zu kennen, sich ehrlich einzugestehen, was man ist!
     Es ist eine ungeheuere Gnade, wenn auch noch so ungeschickt, über die Sätze in meiner Arbeit nachdenken zu dürfen.
   
14.3.
     Ich glaube, daß heute die Sonne in mein Fenster hereinscheinen wird. Bin wieder enttäuscht worden.
   
15.3.
     Sich selbst zu erkennen ist furchtbar, weil man zugleich die wesentliche || lebendige Forderung erkennt, &, daß man ihr nicht genügt. Es gibt aber kein besseres Mittel sich selbst kennen zu lernen, als den Vollkommenen zu sehen. Daher muß der Vollkommene einen Sturm der Empörung in den Menschen wecken; wenn sie sich nicht ganz, & gar demütigen wollen. Ich glaube, die Worte: “Selig, wer sich nicht an mir ärgert”, meinen:
Selig, wer den Anblick des Vollkommenen aushält. Denn Du mußt vor ihm in Staub fallen, & das tust Du nicht gern. Wie willst Du nun den Vollkommenen nennen? Ist er Mensch? – Ja, in einem Sinne ist er natürlich Mensch. Aber in anderem Sinne ist er doch etwas ganz anderes. Wie willst Du ihn nennen? mußt Du ihn nicht “Gott” nennen? Denn was entspräche dieser Idee, wenn nicht das? Aber früher hast Du vielleicht Gott in der Schöpfung gesehen, d.h. in der Welt; & nun siehst Du ihn, in anderem Sinn, in einem Menschen.
     Einmal sagst Du nun: “Gott hat die Welt erschaffen” & einmal: “Dieser Mensch ist – Gott”. Aber Du meinst nicht, daß dieser Mensch die Welt erschaffen hat, & doch ist hier eine Einheit.
     Wir haben zwei verschiedene Vorstellungen von Gott: oder, wir haben zwei
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verschiedene Vorstellungen & gebrauchen für beide das Wort Gott.
     Wenn Du nun aber an eine Vorsehung glaubst: d.h., wenn Du glaubst, daß nichts, ohne Gottes Willen geschieht || was geschieht, anders geschieht, als durch den Willen Gottes; dann mußt Du also auch gewiß glauben, daß dies Größte, daß ein Mensch zur Welt kam, der Gott ist, durch Gottes Willen geschehen ist. Muß dann aber dies Faktum nicht für Dich ‘entscheidende Bedeutung’ haben? Ich meine: muß das dann nicht für Dein Leben Konsequenzen haben, Dich zu etwas verpflichten? Ich meine: mußt Du nicht in ethische Beziehungen zu ihm treten? Denn Du hast doch z.B. dadurch Pflichten, daß Du einen Vater & eine Mutter hast & nicht z.B. ohne sie auf die Welt gesetzt worden bist. Hast Du also
nicht auch Pflichten durch & gegen jenes Faktum?
     Empfinde ich nun aber solche Pflichten? Mein Glaube ist zu schwach.
     Ich meine, mein Glaube an die Vorsehung, mein Gefühl: “es geschieht alles durch Gottes Willen”. Und dies ist nicht eine Meinung – auch nicht eine Überzeugung, sondern eine Attitude den Dingen & dem Geschehen gegenüber. Möge ich nicht frivol werden!
     Hast Du eine wertvolle Bemerkung
16.3.
gefunden; & sei es auch nur ein Halbedelstein, so mußt Du ihn jetzt richtig fassen.
     Ich dachte heute: “Arrangiere ich nicht meine Gedanken, wie meine Schwester Gretl die Möbel in einem Zimmer?” Und dieser Gedanke war mir zuerst nicht angenehm.
     Ich dachte gestern an den Ausdruck: “ein reines Herz”; warum
217
habe ich keines? Das heißt doch: warum sind meine Gedanken so unrein! Eitelkeit, Schwindel, Mißgunst ist immer wieder in meinen Gedanken. Möge Gott mein Leben so lenken, daß es anders wird.
   
17.3.
      Es ist wegen der Wolken unmöglich zu sehen, ob die Sonne schon über dem Berg steht oder noch nicht & ich bin vor Sehnsucht sie endlich zu sehen fast krank. (Ich möchte mit Gott rechten.)
   
18.3.
     Die Sonne dürfte jetzt über dem Berg stehen, aber sie ist des Wetters wegen nicht zu sehen. Wenn Du mit Gott rechten willst, so heißt das, Du hast einen falschen Begriff von Gott, es ist ein Aberglaube || einen Aberglauben || es ist ein Aberglaube || Du bist in einem Aberglauben. Du hast einen unrichtigen Begriff, wenn Du auf das Schicksal erzürnt bist. Du sollst
Deine Begriffe umstellen. Zufriedenheit mit Deinem Schicksal muß || müßte das erste Gebot der Weisheit sein.
     Ich habe heute die Sonne von meinem Fenster gesehen in dem Augenblick, als sie anfing hinter dem westlichen Berg aufzugehen. Gott sei Dank. Aber ich glaube nun, zu meiner Schande, daß mir dieses Wort4 nicht genug vom Herzen gekommen ist. Denn ich war wohl froh, als ich die Sonne nun wirklich erblickte, aber meine Freude war doch zu wenig tief, zu lustig, nicht wahrhaft religiös. Oh, wäre ich doch tiefer!
   
19.3.
Ca. 20 Minuten nach 12 kommt jetzt der Rand der Sonne über den Berg zum Vorschein. Sie bewegt sich an der Bergschneide entlang, so daß sie nur zu einem Teil zu sehen ist, zur Hälfte oder weniger, oder mehr. Nur auf wenige Augenblicke war sie beinahe ganz zu sehen.
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Und das zeigt, daß sie doch nur gestern erst über den Horizont gekommen ist; wenn nicht gar heute zum ersten Mal. Um 1h ist || war sie schon untergegangen. Und sie kommt nun noch einmal gerade vor dem Untergehen.
   
20.3.
     Ich glaube, || : ich verstehe, daß der Geisteszustand des Glaubens den Menschen selig machen kann. Denn wenn der Mensch glaubt, von ganzem Herzen glaubt, daß der Vollkommene sich für ihn hingegeben, sein Leben geopfert, hat, daß er ihn damit – von Anfang – mit Gott ausgesöhnt hat, so daß Du nun nur noch dieses Opfers würdig weiter leben sollst, – so muß dies den ganzen Menschen veredeln, sozusagen, in den Adelstand erheben. Ich verstehe – will ich sagen – daß dies eine Bewegung der Seele zur Seligkeit ist.

     Es heißt – glaube ich –: “Glaubt daran, daß ihr nun ausgesöhnt seid, & sündiget ‘hinfort nicht mehr’!” – Aber es ist auch klar, daß dieser Glauben eine Gnade ist. Und, ich glaube, die Bedingung für ihn ist, daß wir unser Äußerstes tun & sehen, daß es uns zu nichts führt, daß, soviel wir uns auch plagen, wir unversöhnt bleiben. Dann kommt die Versöhnung nach Wunsch || zu Recht.
     Ist nun aber der verloren, der dieses Glaubens nicht ist? Das kann ich nicht glauben; oder aber noch nicht glauben. Denn vielleicht werde ich's glauben. Wenn hier vom ‘Geheimnis’ jenes Opfers gesprochen wird: so müßtest Du die Grammatik dieses || des Wortes “Geheimnis” hier verstehen!
     Es ist niemand hier: & doch spreche ich & danke & bitte. Aber ist darum dies Sprechen
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& Danken & Bitten ein Irrtum?!
     Eher könnte ich sagen: “Das ist das Merkwürdige!”
     Bin im Zweifel, was ich in der nächsten Zukunft tun soll. Eine Stimme in mir sagt mir, daß ich jetzt von hier weg soll, & nach Dublin. Aber anderseits hoffe ich wieder, daß ich das jetzt nicht tun muß. Ich möchte sagen: Möchte es mir vergönnt sein, noch hier einige Zeit zu arbeiten! – Ich bin aber, sozusagen, am Schluß eines Abschnittes meiner Arbeit angelangt.
     Gott, welche Gnade ist es, ohne furchtbare Probleme leben zu können! Möchte sie bei mir bleiben!
   
21.3.
      Bin gemein & niedrig & es geht mir nur zu gut. Und doch bin ich froh daß es mir nicht schlechter geht! Lieben Brief von Max.
   
22.3.
     Heute geht die Sonne hier um 12h auf & erscheint nun ganz. Die Bäume waren heute früh dick mit Schnee beladen, nun schmilzt er aller. – Ich bin immer wieder zur Eitelkeit geneigt auch über meine Eintragungen hier & ihren Stil. Möge Gott es bessern. – Die erste Fliege außen an meinem Fenster, wo es die Sonne bescheint. Um 1h geht die Sonne wieder unter & kommt aber noch einmal zum Vorschein. Vor dem Untergehen ist die Sonne noch einmal für etwa 10 Minuten zu sehen.
      Es ist niemand hier: Aber es ist eine herrliche Sonne hier, & ein schlechter Mensch. –
   
23.3.
     Ich bin wie ein Bettler, der manchmal nicht ohne Widerstreben || reluctantly zugibt, daß er kein König ist.
     Heute kam die Sonne von ca.
3
4
12 bis
223
1
4
2, dann einen Augenblick um
3
4
4 über dem Berg zum Vorschein & ehe sie untergeht scheint sie wieder herein.
      Hilf & erleuchte! Aber wenn ich morgen etwas glauben sollte was ich heute nicht glaube, so war ich darum heute nicht im || in einem Irrtum. Denn dieses ‘glauben’ heißt ja nicht meinen. Aber mein Glaube morgen kann lichter (oder dunkler) sein als mein Glaube heute. Hilf & erleuchte! & möge kein Dunkel über mich kommen!
   
24.3.
     Ich bitte, & ich hab's schon so, wie ich's haben will: nämlich halb Himmel, halb Hölle!
     Die Sonne geht um ca.
1
2
2 unter geht aber dann dem Rand des Berges so entlang daß man noch längere Zeit ihren äußersten Rand wahrnimmt. Es ist herrlich! Sie ist also doch nicht eigentlich untergegangen. –

     Ich hatte heute diesen Gedanken: Als ich meine Beichte seinerzeit niedergeschrieben hatte da dachte ich ein paar Mal auch an meine Mama & dachte ich könne sie in irgend einem Sinne nachträglich durch mein Geständnis erlösen; auch sie nämlich habe, in irgend einem Sinn, ein solches Geständnis auf dem Herzen gehabt & sei es in ihrem Leben nicht losgeworden, denn sie sei verschlossen geblieben. Und mein Geständnis, kam es mir vor, spreche nun endlich auch in ihrem Namen; & sie könne sich nun sozusagen || irgendwie nachträglich damit identifizieren. (Es wäre, als habe ich eine Schuld gezahlt die sie schon gedrückt hat & als könnte sie mir || ihr Geist mir sagen: “Gott sei Dank, daß Du sie jetzt abgetragen hast.”) – Heute nun dachte ich im Freien über den Sinn der Lehre vom Erlösungstod nach & ich dachte: Könnte die Erlösung
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25.3.
durch das Opfer, darin bestehen, daß er das getan hat, was wir Alle zwar wollen, aber nicht können. Im Glauben aber identifiziert man sich mit ihm, d.h. man entrichtet die Schuld nun durch demütige || in der Form von demütiger Anerkennung; man soll also ganz niedrig werden, weil man nicht gut werden kann.
     Mir kam der Gedanke, ich solle morgen (am Karfreitag) fasten & ich dachte, || : das will ich tun. Aber gleich drauf schien es mir wie ein Gebot, ich habe es zu tun & dagegen sträubte ich mich. Ich sagte: “Ich will es tun, wenn es mir von Herzen kommt & nicht weil es mir befohlen wird.” Aber dies ist doch kein Gehorsam! Es ist doch nicht Ertötung zu tun, was einem vom Herzen kommt (auch wenn es gütig, oder freundlich ist) || freundlich oder in gewissem Sinne fromm ist). Dabei
stirbst Du doch nicht. Dagegen stirbst Du gerade beim Gehorsam gegen einen Befehl, aus bloßem Gehorsam. Das ist eine Agonie, kann, soll, aber eine fromme Agonie sein. Wenigstens, so versteh' ich's. Aber ich selbst! – Ich gestehe, daß ich nicht absterben will, obwohl ich verstehe, daß es das Höhere ist. Das ist furchtbar; & möge diese Furchtbarkeit durch einen Lichtschein erleuchtet werden!
     Habe ein paar Nächte ziemlich schlecht geschlafen & fühle mich wie tot, kann nicht arbeiten; meine Gedanken sind trübe & ich bin deprimiert aber in einer finstern Weise. (D.h., ich fürchte mich vor gewissen religiösen Gedanken.)


   
26.3.
     Kritisiere nicht, was Große || Ernste Ernstes geschrieben haben, denn Du weißt nicht, was Du kritisierst. Wozu || Warum sollst Du über Alles
Dir eine Meinung bilden. Aber das heißt nicht: stimme mit allem diesem überein.
     Ich bin so erleuchtet als ich bin; ich meine: meine Religion ist so erleuchtet, als sie ist. Ich habe mich gestern nicht weniger erleuchtet & heute nicht mehr. Denn, hätte ich's gestern so ansehen können, so hätte ich's gewiß getan || bestimmt so angesehen.
     Man verwundert sich darüber, daß eine Zeit nicht an Hexen glaubte & eine spätere an Hexen glaubt & daß dies & Ähnliches geht & wiederkehrt, etc.; aber Du brauchst nur anzusehen, was Dir selbst geschieht um Dich nicht mehr zu verwundern. – An einem Tag kannst Du beten aber an einem andern vielleicht nicht, & an einem mußt Du beten, & an einem andern nicht.
      Es geht mir aus Gnade heute viel besser als gestern.

   
Nun kommt die Sonne kurz nach
27.3.
11h herauf & heute ist sie strahlend. Es fällt mir schwer nicht immer wieder in sie hinein zu sehen, d.h., ich möchte immer wieder in sie schauen obwohl ich weiß daß es für die Augen schlecht ist.
   
30.3.
     Hüte Dich vor einem billigen Pathos wenn Du über Philosophie schreibst! Das ist immer meine Gefahr, wenn mir wenig einfällt. Und so ist es jetzt. Ich bin zu einem seltsamen Stillstand gekommen & weiß nicht recht, was ich machen soll.
     Die Sonne scheint nun von heute an von
1
2
11 bis
1
2
6 ununterbrochen zu mir herein, & es ist herrliches Wetter.
     Ich hatte gehofft meine Arbeitskraft werde sich erholen, wenn ich mehr von der Sonne sehen würde, aber es ist nicht so gekommen.
   
     Mein Gehirn macht
2.4.
229
nur recht träge Bewegungen. Leider.
     Ich bin jetzt leicht durch
4.4.
meine Arbeit ermüdbar; oder bin ich träge? – Manchmal denke ich daran ob ich von hier jetzt schon abreisen sollte. Etwa: zuerst nach Wien für einen Monat, dann nach England für einen Monat – oder länger – dann nach Rußland. Und dann wieder hierher zurück? – Oder nach Irland? Das Klügste scheint mir jetzt daß ich in etwa 3 Wochen hier abreise. –
   
5.4.
     Möge ich doch das Leben sehen, wie es ist, d.h. || . D.h. es mehr als Ganzes sehen, & nicht bloß einen kleinen, winzigen, Ausschnitt, ich meine z.B.: meine Arbeit. Es ist dann als ob alles andere durch eine dunkle Blende abgeblendet wäre & nur dieses Stück sichtbar. Dadurch erscheint alles falsch. Ich
sehe, fühle den Wert der Dinge falsch.
     Ich weiß gar nicht, was ich in Zukunft tun soll. Soll ich hierher, nach Skjolden, zurückkehren? Und was hier, wenn ich hier nicht werde arbeiten können? Soll ich hier auch ohne die Arbeit leben? Und ohne eine geregelte Arbeit, – das kann ich nicht. Oder soll ich unbedingt zu arbeiten versuchen? Wenn das, so muß ich es auch jetzt tun!
     Ich bin überzeugt, ich sehe alles falsch an, wenn ich so spekuliere.
     Hat mein norwegischer Aufenthalt seine Schuldigkeit getan? Denn, daß er in eine Art halb gemütlich, halb ungemütliches Einsiedlerleben ausartet, das kann nicht recht sein. Er muß Frucht bringen! – Es gäbe ja nun die Möglichkeit hier jetzt viel länger zu bleiben, mein Kommen nach
231
Wien & England zu verschieben. Und die Frage ist: Könnte ich mich dazu entschließen, etwa noch zwei Monate hier zu bleiben? Gott, ich glaube ja! Nur sorge ich mich um meinen Freund & ich will nicht meine Leute in Wien enttäuschen. Ich glaube, ich kann es wohl auf mich nehmen, hier zu bleiben, wenn ich mit ganzem Herzen hier sein kann; wenn es einfach meine Aufgabe ist, hier zu bleiben; & zu warten, ob ich werde gut arbeiten können.
     Anderseits ist wahr, daß mich jetzt etwas von hier wegtreibt. Ich fühle mich stumpf, möchte weg & nach einiger Zeit erfrischt || frisch zurückkommen. – Eines ist sicher ich ermüde jetzt sehr rasch durch meine Arbeit, & dies ist nicht meine Schuld. Nach wenigen Stunden nicht sehr intensiver Arbeit kann ich nicht mehr denken. Es ist so, als wäre ich jetzt müde. Fehlt
die richtige Nahrung? Es wäre möglich.
   
6.4.
     Eine Auslegung der christlichen Lehre: Wach vollkommen auf! Wenn Du das tust, erkennst Du, daß Du nicht taugst; & damit hört die Freude an dieser Welt für Dich auf. Und sie kann auch nicht wiederkommen, wenn Du wach bleibst. Du brauchst aber nun Erlösung, – sonst bist Du verloren. Du mußt aber am Leben bleiben (und diese Welt ist für Dich tot) so brauchst Du ein neues Licht anderswoher. In diesem Licht kann keine Klugheit, oder Weisheit, sein; denn für diese Welt bist Du tot. (Denn sie ist das Paradies, in dem Du aber Deiner Sündigkeit wegen nichts anfangen kannst.) Du mußt
Dich also als tot anerkennen, & ein anderes Leben in Empfang nehmen (denn ohne das ist es unmöglich, Dich, ohne Verzweiflung, als tot anzuerkennen). Dieses Leben muß Dich, gleichsam, schwebend über dieser Erde erhalten; d.h., wenn Du nun auf der Erde gehst, so ruhst Du doch nicht mehr auf der Erde, sondern hängst im Himmel; Du wirst von oben gehalten, nicht von unten gestützt. – Dieses Leben aber ist die Liebe, die menschliche Liebe, zum Vollkommenen. Und diese ist der Glaube.
     ‘Alles andere findet sich.’
      Gott sei gelobt daß ich heute klarer bin & mir besser ist.
     Habe heute wieder gemerkt, wie ich gleich deprimiert werde, wenn Leute, aus irgend einem Grund, nicht sehr, nicht besonders freundlich zu mir sind. Ich fragte mich: warum bin ich so mißmutig darüber?
& antwortete mir: “Weil ich ganz ungefestigt bin”. Dann fiel mir der Vergleich ein, daß ich mich ganz so fühle, wie ein schlechter Reiter auf dem Pferd: ist das Pferd gut aufgelegt, so geht es gut, kaum aber wird das Pferd unruhig, so wird er unsicher, so merkt er seine Unsicherheit & daß er ganz vom Pferd abhängig ist. So geht es, glaube ich, auch meiner Schwester Helene mit den Leuten. So Einer ist geneigt, einmal gut, einmal schlecht von den Menschen || Leuten zu denken, jenachdem sie gerade mehr oder weniger freundlich mit ihm sind.
   
9.4.
     “Du mußt den Vollkommenen lieben über alles, so bist Du selig.” Das scheint mir die Summe der christlichen Lehre zu sein.

   
11.4
235
     Das Eis ist nun schon schlecht & ich muß mit dem Boot über den Fluß fahren. Das bringt Unbequemlichkeiten & (geringe) Gefahren mit sich. Ich bin leicht verzagt & geängstet.
     Ich habe jetzt vor in den ersten Tagen des Mai nach Wien zu reisen. Ende Mai nach England.
     Heute gegen Morgen träumte mir, ich hätte eine lange philosophische Diskussion mit mehreren Andern.
     Ich kam dabei zu dem Satz, den ich beim Aufwachen noch ungefähr wußte:
      “Laß uns doch unsre Muttersprache reden, & nicht glauben wir müßten uns an unserm eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen; das war ja, || Gott sei Dank – nur ein Traum. Wir sollen ja nur Mißverständnisse beseitigen.” Ich glaube, das ist ein guter Satz.
      Gott allein sei Lob!



   
     Die Kürze des Ausdrucks: die Kürze des Ausdrucks ist nicht mit der Elle zu messen. Mancher Ausdruck ist kürzer, der auf dem Papier länger ist. Wie es leichter ist, ein ‘f’ so zu schreiben: , als so: . Man fühlt oft, ein Satz sei zu lang & dann will man ihn kürzen, indem man Wörter abstreicht; dadurch kriegt er eine gezwungene & unbefriedigende Kürze. Vielleicht aber fehlen ihm Worte zur richtigen Kürze.
   
16.4.
     Seit gestern haben die Birken kleine grüne Spitzen. – Ich fühle mich schon einige Tage etwas unwohl, auch sehr matt. Ich arbeite schlecht, obwohl ich mir Mühe gebe. Bin nicht klar, wie viel Sinn
237
es hat, noch 14 Tage hier zu bleiben. Eine Stimme sagt mir: ‘reise doch früher!’ & eine sagt: wart & bleib da! – Wenn ich doch wüßte was richtig ist!
     In den letzten Tagen oft in “Kaiser & Galiläer” gelesen, & mit großem Eindruck. –
     Für das Fortreisen spricht manches; aber auch die Feigheit. Und für das Dableiben auch etwas – aber auch Pedanterie, Furcht vor dem Urteil Andrer, & dergl.– Es ist nicht recht davonzulaufen, der Ungeduld & Feigheit nachzugeben, & anderseits erscheint es unvernünftig, & auch wieder feig, hier zu bleiben.
     Wenn ich hier bleibe, so fürchte ich krank zu werden & dann nicht nach Hause & nach England zu kommen: als ob ich nicht auch
in Wien krank werden oder verunglücken könnte etc.? || !
     Schwerer ist es hier zu bleiben, als wegzufahren.
   
17.4.
     Ist das Alleinsein mit sich selbst – oder mit Gott, nicht wie das Alleinsein mit einem Raubtier? Es kann Dich jeden Moment anfallen. – Aber ist es nicht eben darum, daß Du nicht fortlaufen sollst?! Ist dies nicht, sozusagen, das herrliche?! Heißt es nicht: gewinne dieses Raubtier lieb! – Und doch muß man bitten: Führe uns nicht in Versuchung!
   
19.4.
     Ich glaube: es ist durch das Wort “glauben” in der Religion furchtbar viel Unheil angerichtet worden. Alle die verzwickten Gedanken über
239
das ‘Paradox’, die ewige Bedeutung einer historischen Tatsache u. dergl. Sagst Du aber statt “Glaube an Christus”: “Liebe zu Christus”, so verschwindet das Paradox, d.i., die Reizung des Verstandes. Was hat die Religion mit so einem Kitzeln des Verstandes zu tun. (Auch das kann für den oder den zu seiner Religion gehören.)
     Nicht daß man nun sagen könnte: Ja jetzt ist alles einfach – oder verständlich. Es ist gar nichts verständlich, es ist nur nicht unverständlich. –
   
20.4.
     Heute nacht in der Früh wurde beinahe das ganze Eis am See gegen den Fluß hinunter getrieben, so daß der See plötzlich beinahe ganz frei ist.
     Seit ein paar Monaten schon blute ich wieder beim Stuhlgang & habe auch etwas Schmerzen. –
Denke oft daran, daß ich vielleicht an Mastdarmkrebs sterben werde. Wie auch immer – möge ich gut sterben!
     Fühle mich etwas krank & meine Gedanken kommen nicht in Schwung. Trotz Wärme & gutem Wetter.
     Ich tue heute etwas Falsches & Schlechtes: nämlich ich vegetiere. Ich kann, scheint es, nichts Rechtes tun & bin dazu in einer Art dumpfen Angst. – Ich sollte vielleicht unter solchen Umständen fasten & beten; – aber ich bin geneigt zu essen & esse – denn ich fürchte mich an so einem Tage auf mich zu schauen.
     Habe mich bestimmt am 1. Mai hier wegzureisen – so Gott will.
   
     Heute heult der
23.4
241
Wind ums Haus, was mir immer sehr arg ist. Es beängstigt & stört mich.
      Ich bemühe mich gegen meine traurigen & bösen Gefühle zu streiten; aber meine Kraft erlahmt so schnell.
   
26.4
     Herrliches Wetter. Die Birken schon belaubt. Gestern nacht sah ich das erste große Nordlicht. Ich habe es ungefähr 3 Stunden lang angesehen; ein unbeschreibliches Schauspiel.
      Ich ertappe mich oft auf Schäbigkeit & Geiz!!
   
27.4.
      Die Wahrheit solltest du liebhaben: aber Du liebst immer andere Dinge & die Wahrheit nur nebenbei!
   
29.4.
Irgendwie gerinnen mir jetzt
meine Gedanken, wenn ich über Logik || Philosophie denken will. – Ob das das Ende meiner philosophischen Laufbahn ist?
   
30.4.
     Ich bin im höchsten Grade übelnehmerisch. Ein böses Zeichen.
   
24.9.37
     Juden! ihr habt der Welt schon lange nichts mehr gegeben, wofür sie Euch dankt. Und das nicht, weil sie undankbar ist. Denn man fühlt nicht Dank für jede Gabe, bloß weil sie für uns nützlich ist.
     Drum gebt ihr wieder etwas, wofür Euch nicht kalte Anerkennung, sondern warmer Dank gebührt.
     Aber das Einzige, was sie von Euch braucht, ist Eure Unterwerfung
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unter das Schicksal.
     Ihr könnt ihr Rosen geben, die blühen werden, nie verwelken.


   
     Man hat Recht, sich vor den Geistern auch großer Männer zu fürchten. Und auch vor denen guter Menschen. Denn was bei ihm Heil gewirkt hat, kann bei mir Unheil wirken. Denn der Geist ohne den Menschen ist nicht gut, || noch schlecht. In mir aber kann er ein übler Geist sein.


Editorial notes

¤1) See facsimile; wavy diagonal line.

¤2) Wittgenstein probably thinks here of Ms-142 (p. 100), not "Band XI." Ms-115.

¤3) Note right alignment in MS.

¤4) Arrow pointing from "Wort" to "Gott".